Randbemerkungen zum Atheismus Teil II

 

 

Gliederung:

 

1. Zu Beginn ein modernes Märchen

2. Der Sinn dieses Märchens

3. Schöpfung in nur 7 Tagen?

4. Darwin’sche Lehre als Widerlegung des Schöpfungsberichtes?

5. Der Nachweis Stephen Hawkings

6. Die Verwirklichung der Gerechtigkeitsidee

7. Ermittlungsmethoden

8. Die Leitprinzipien der Strafverfolgung

9. Der Vorteil eines religiösen Leitbildes

 

 

6. Die Verwirklichung der Gerechtigkeitsidee

 

Der atheistische Glaube kommt nicht nur in Schwierigkeiten bei dem Versuch, die Nichtexistenz Gottes mit wissenschaftlichen Argumenten zu beweisen. Auch bei dem Versuch, hier auf Erden die Gerechtigkeitsidee zu verwirklichen, entstehen für einen Atheisten erhebliche Schwierigkeiten. Ich möchte aufzeigen, dass es hier auf Erden keine absolute Gerechtigkeit geben kann und dass deshalb ein Atheist, der an keinen allwissenden und gerechten Gott glaubt und für den alles hier auf Erden zu Ende geht, auch niemals davon ausgehen kann, dass eine absolute Gerechtigkeit verwirklicht wird.

 

Von einer gerechten Ordnung können wir nur dann sprechen, wenn die Menschen erstens nur bestraft werden, wenn sie sündig geworden sind, wenn zweitens das Ausmaß der Bestrafung dem Grad des Verbrechens entspricht und wenn drittens alle Menschen – gleich welchen Geschlechts und welcher Herkunft – nach gleichen Kriterien beurteilt werden.

 

Hierbei besteht bei der Verwirklichung dieser Gerechtigkeitsidee vor allem die Schwierigkeit, die Schwere einer Schuld eindeutig nachzuweisen. Ausgangspunkt der Feststellung einer Schuld ist stets der objektive Schaden, der aufgrund eines normwidrigen Verhalten entsteht. Hierbei gilt zunächst, dass der Umfang der Schuld mit dem Schaden, der durch normwidriges Verhalten ausgelöst wird, ansteigt.

 

Trotzdem kann man nicht davon ausgehen, dass der Grad der Schuld einzig und allein von dem Umfang des Schadens abhängt. Für das Entstehen von Schaden sind nämlich in aller Regel mehrere Menschen verantwortlich und diese Feststellung gilt nicht nur in dem Sinne, dass oftmals mehrere Menschen zusammen Verbrechen planen und durchführen.

 

Oftmals tragen auch die Geschädigten durch ihr Verhalten vor der Tat dazu bei, dass es überhaupt zu diesen normwidrigen Handlungen kommt. Dies gilt einmal in dem Sinne, dass die heutigen Geschädigten unter Umständen in der Vergangenheit den heutigen Tätern ebenfalls Schaden zugefügt haben und dass deshalb das heutige normwidrige Verhalten als Reaktion und Gegenwehr verstanden werden kann. Aber eine gewisse Mitschuld des heutigen Opfers kann auf der anderen Seite auch darin liegen, dass der heute Geschädigte keinerlei Vorkehrungen traf, um Schaden abzuwenden.

 

Diese Feststellung bedeutet natürlich nicht, dass der Geschädigte das Recht selbst in die Hand nehmen und den Täter selbst bestrafen darf. Im Allgemeinen müssen wir nämlich befürchten, dass bei jeder Art von Selbstjustiz der Bestrafende auf der einen Seite befangen ist und gerade aufgrund dieser Befangenheit die Schwere der Tat falsch einschätzt und darüber hinaus auch gar nicht über die Fähigkeit verfügt, den wahren Täter zu eruieren.

 

Trotzdem ist der Grad der Schuld natürlich sehr viel größer, wenn jemand von sich aus einem anderen Menschen Schaden zugefügt, der sich bisher gegenüber dem Täter freundlich verhalten hat oder überhaupt nicht in Kontakt kam, während auf der anderen Seite jemand, der bisher von dem heutigen Opfer gequält wurde und dann nur unerlaubt zurückschlägt, immerhin ein gewisses Verständnis verdient, nicht in dem Sinne, dass er deshalb keine Schuld auf sich geladen hat, aber doch im dem Sinne, dass die Schwere der Schuld bedeutend geringer ist.

 

Der Anteil der Schuld an einer Tat hängt jedoch nicht nur davon ab, inwieweit andere Personen mitgewirkt haben, sondern darüber hinaus auch davon, inwieweit der entstandene Schaden aufgrund sachlicher Prozesse zustande kam und in wieweit der Täter den Schaden selbst bewirkt hat.

 

Bringen wir zwei Beispiele. Nehmen wir an, dass der Besitzer eines Ladens eine Vielzahl von Konservendosen zu einer gewaltigen Pyramide aufgebaut hat. Diese Pyramide sei sehr unstabil, es reiche, dass ein Kunde (oder auch ein Angestellter) unachtsam eine der Dosen mitten in der Pyramide streift, dass dieses Gebilde zusammenbricht und dass die Dosen auf den Boden fallen und aufgrund ihres Gewichtes sogar einen Dritten, der sich zufälliger Weise in der Nähe dieser Pyramide aufgehalten hat, verletzen können.

 

Es leuchtet ohne weiteres ein, dass der Anteil der Schuld desjenigen, der diese Pyramide gestreift hat, äußerst gering ist. Vielleicht kann man ihm vorwerfen, dass er die notwendige Sorgfalt nicht aufgebracht hat und deshalb schuldhaft fahrlässig gehandelt hat. Aber es ist ganz klar, dass es die Konstruktion dieser Pyramide ist, die äußerst instabil aufgebaut wurde, sodass ein Zusammenbruch mit hoher Wahrscheinlichkeit erwartet werden konnte.

 

Wenn jemand in diesem Falle Schuld trägt, dann ist es in erster Linie der Ladenbesitzer, der eine solche Situation ausgelöst hat oder vielleicht auch der Angestellte, der die Konserven zu einer Pyramide aufbauen musste und hierbei die Sorgfalt vermissen ließ, die notwendig ist, damit die Pyramide nicht bei der geringsten Berührung zusammenbricht.

 

Nehmen wir als Gegenbeispiel einen Fall, bei dem ein Verbrecher einen Mord sorgfältig plant, dass er eine Situation herbeiführt, bei der er denjenigen, den er zu  ermorden plant, zu einer Zeit und an einer Stelle überrascht, bei der er ganz allein mit dem Opfer ist und deshalb keine Zeugen zu befürchten hat und der darüber hinaus z. B. dadurch, dass er eine Uhr verstellt hat, selbst einen Zeugen scheinbar dafür hat, dass er sich zur Tatzeit an einem anderen Ort aufgehalten hat.

 

Hier sind es nicht die äußeren Umstände und Sachgesetzmäßigkeiten, welche die Schwere der Tat bedingen. Ohne die minutiöse Planung des Verbrechers wäre er unter Umständen dem Opfer gar nicht begegnet oder es wären Zeugen vorhanden gewesen, welche die Tat vor Gericht hätten bezeugen können oder vielleicht hätten einige mutige Anwesende durch tatkräftiges Eingreifen die Tat sogar verhindert. Hier waren es also nicht die sachlichen Gesetzmäßigkeiten, sondern der Plan des Täters, welcher schließlich die Tat begehen ließ und die Schwere der Tat bestimmt.

 

 

7. Ermittlungsmethoden

 

Wenden wir uns nun den üblichen Ermittlungsmethoden der Strafverfolgung zu. Bei der Ermittlung der Täter geht man im Allgemeinen so vor, dass man zunächst einen sehr großen Bereich von Personen im Umkreis der Tat zur Gruppe der möglich Verdächtigen zählt, wobei jeder, der ein Motiv und eine Gelegenheit zur Tat hatte, unter diese Gruppe fällt. Der Täter wird dann dadurch ermittelt, dass schrittweise gefragt wird, welche Personen aus dem Kreis der Verdächtigen ausgeschlossen werden können, wobei hier vor allem überprüft wird, ob der Verdächtigte ein Alibi nachweisen kann, das ihn entlastet. Hierbei kann ein Alibi derjenige nachweisen, für den andere Personen glaubhaft bezeugen können, dass er zur Tatzeit an einem anderen Ort gesehen wurde und deshalb die Tat gar nicht begehen konnte..

 

Nun ist - wie allgemein bekannt – gerade die Suche nach einem Alibi eine sehr ungeeignete Methode zur Ermittlung der Täter. Gerade der Unbeteiligte, der zur Zeit der Tat von der Tat nichts weiß und vor allem die genaue Tatzeit nicht kennt, hat auch zunächst kein unmittelbares Interesse daran, sich genau zu merken, wo er sich zur Tatzeit aufgehalten hatte und darüber hinaus dafür zu sorgen, dass andere Personen ihn wahrnehmen.

 

Ein lückenloses Alibi für alle möglichen Taten könnte jemand nur dann aufbringen, wenn er sich Tag und Nacht mit anderen Personen aufhalten würde; dies ist für die meisten Menschen nicht möglich; vor allem widerspricht es auch den Zielvorstellungen einer freiheitlichen Gesellschaft, zu fordern, jeder Bürger solle sich darum kümmern, sich möglichst immer zusammen mit anderen Personen aufzuhalten.

 

Auch dann, wenn sich eine Person lückenlos zu allen Zeiten zusammen mit anderen Personen aufgehalten hätte, ist es ganz unmöglich zu verlangen, dass er Buch darüber führt, mit welchen anderen Personen er zu den verschiedensten Zeiten zusammen war. Selbst dann, wenn eine solche lückenlose Buchführung vorliegen würde, wäre immer noch nicht sichergestellt, dass die fraglichen Personen, mit denen der Verdächtigte zu bestimmten Zeiten in der Vergangenheit zusammen war, im Bedarfsfalle auffindbar sind.

 

Schon zur Entwicklung einer normalen Persönlichkeit bedarf das Individuum auch bestimmter Zeiten des Alleinseins. Es widerspricht auch in elementarer Weise den Zielen eines freiheitlichen und demokratischen Staates, denjenigen, der aus Gründen, für die er oftmals noch gar nicht selbst verantwortlich ist, bei der Strafverfolgung schlechter zu stellen als denjenigen, der sich während einer Tat zufällig an einem Ort zusammen mit anderen Personen aufhält und somit über ein Alibi verfügt.

 

Auf der anderen Seite sprechen erfahrene Ermittler sogar davon, dass es verdächtig sei, wenn jemand über ein Alibi verfüge und dieses Alibi unmittelbar – ohne zusätzliche eigene Nachforschungen – aufweisen kann. Denn gerade der Täter, der - zumindest bei geplanten Straftaten – den Ort und die genaue Uhrzeit kennt – hat die Möglichkeit, sich um ein Alibi zu kümmern.

 

Hierbei gilt es weiterhin zu bedenken, dass Verbrechen auch in Auftrag gegeben werden können und deshalb bei Vorliegen eines Alibis die Schuld eines Verdächtigen noch lange nicht widerlegt ist; weiterhin muss mit der Möglichkeit gerechnet werden, dass gerade der Täter unter Umständen die Möglichkeit hat, andere Personen zu einem falschen Alibi zu verleiten. Diese Gefahr ist vor allem bei organisierten Banden besonders groß, weil Bandenchefs auf der einen Seite in ausreichendem Maße abhängige Personen kennen und diese zu einem falschen Alibi zwingen können, auf der anderen Seite auch zumeist über ausreichend finanzielle Mittel verfügen, um abhängige Personen zu einem falschen Alibi zu verleiten.

 

Kommen wir zu den zwei weiteren Merkmalen der Strafermittlung. Als verdächtigt gilt jeder, der ein Motiv zur Tat besitzt. Daran ist zwar richtig, dass der größte Teil der Straftaten aufgrund eines Motivs begangen wird: Rache, Vorteilsnahme bei Raub dürften die wichtigsten Motive für Straftaten sein. Es gibt jedoch auch Fälle, in denen der Täter kein eigentliches Motiv zur Tat besitzt, in denen er aus Freude am Verbrechen oder aus abartigen Trieben heraus die Tat vollbringt.

 

Es ist weiterhin unannehmbar zu unterstellen, dass ein Motiv für die Auslösung einer Straftat ausreiche und dass die Wahrscheinlichkeit einer Straftat um so größer sei, je stärker das Motiv sei. Wir haben vielmehr davon auszugehen, dass Individuen auf Motive zu einer Straftat sehr unterschiedlich reagieren, dass es weitgehend von dem vorausgegangenen Erziehungsprozess und vom moralischen Niveau der Betroffenen abhängt, wie eine Person auf Frustrationen und Beschädigungen seitens Dritter reagiert. Auch wird man davon ausgehen müssen, dass die moralische Qualität eines Individuums unterschiedlich hoch ist. Man wird erwarten können, dass bei befriedigender Erziehung in der Jugend und bei durchschnittlich moralischem Niveau auch starke Frustrationen nicht dazu führen, dass die Betroffenen mit einer Straftat reagieren.

 

Das Rechtswesen steht hier vor einem Dilemma. Entweder ist es richtig, dass der Druck einer Frustration so stark ist, dass die Betroffenen in der Regel gar nicht anders können als mit einer Straftat zu reagieren, dann wären konsequenterweise die Umstände, die zu dieser Tat geführt haben und nicht die Personen, die diese Tat dann begangen haben, anzuklagen. Eine Schuld im eigentlichen Sinne gäbe es dann gar nicht. Die Bestrafung der Täter wäre dann auch gar nicht gerechtfertigt. Oder aber die Mehrheit der Bürger ist in der Regel durchaus in der Lage, auch auf hohe Frustrationen hin nicht mit einer Straftat zu reagieren, dann dürfte auch konsequenterweise das Motiv nicht ausreichen, um einen Anfangsverdacht aufzustellen, der Beeinträchtigungen der persönlichen Freiheit seitens der Ermittlungsbehörden rechtfertigt.

 

Gegen diese Argumentation könnte eingewandt werden, dass der Verdächtigte ja noch nicht als Täter gilt, dass erst ein ordentliches Gerichtsverfahren, in dem die Schuld des Angeklagten einwandfrei nachgewiesen werde, dazu führe, den Angeklagten als Verbrecher einzustufen.

 

Diese Argumentation würde jedoch zu kurz greifen. Wir werden weiter unten noch zeigen, dass es auch bei nichtverurteilten Angeklagten und zwar dadurch dass sie zunächst von der Polizei verhört und später von der Staatsanwaltschaft angeklagt wurden, zu starken Beeinträchtigungen der Betroffenen kommt, deren Schaden oftmals bei weitem den möglichen Nutzen der Strafverfolgung dieser Art überwiegt. Wir werden weiter unten noch auf den Fall eingehen, dass Personen von ihren Mitmenschen systematisch und permanent gequält, misshandelt und beeinträchtigt werden und dass ein Teil dieser Personen sich in einer Art Kurzschlusshandlung zu einer Straftat hinreißen lässt.

 

Auf jeden Fall kann nicht hingenommen werden, dass gerade die Personen, die in der Vergangenheit von Mitmenschen gequält, misshandelt und schikaniert wurden, nur deshalb automatisch als besonders verdächtigt gelten und den Beeinträchtigungen der Verhöre etc. ausgesetzt werden. Es müssen schon weitere, gravierende Verdachtsmerkmale hinzukommen, um sie den Beeinträchtigungen eines Verhörs auszusetzen.

 

Betrachten wir schließlich das dritte Merkmal der Strafverfolgung: die Gelegenheit. Richtig ist sicherlich, dass eine Person, die keine Gelegenheit zur Tat hatte, die Tat nicht – oder zumindest nicht unmittelbar – begangen haben konnte. Die Gelegenheit ist – allerdings mit einer wichtigen Ausnahme – eine notwendige Voraussetzung dafür, dass eine Tat begangen wurde. Jedoch gilt es daran zu erinnern, dass für fast alle Straftaten sehr viele Personen Gelegenheit zu dieser Straftat hatten, obwohl nur einer oder ganz wenige zu unmittelbaren Straftätern geworden sind. Die Gelegenheit zur Straftat ist darüber hinaus keine ausreichende, nur eine notwendige Bedingung. Aber nur bei einer ausreichenden Bedingung könnte man eindeutig auf die Täterschaft schließen. Weiterhin gilt es als wichtige Ausnahme von dieser Regel nochmals daran zu erinnern, dass auch derjenige als mittelbarer Straftäter in Frage kommt, der keine unmittelbare Gelegenheit zur Tat hatte, diese jedoch dadurch ausgelöst hat, dass er einen Dritten zur Tat beauftragte oder zumindest anstachelte.

 

 

8. Die Leitprinzipien der Strafverfolgung

 

Die modernen Rechtsstaaten gehen von folgenden drei Leitprinzipien aus: Solange ein Angeklagter noch nicht rechtskräftig verurteilt ist, gilt erstens die Unschuldsvermutung, eine Vorverurteilung ist nicht erlaubt. Zweitens hat nicht der Angeklagte seine Unschuld zu beweisen, vielmehr ist es alleinige Aufgabe der Gerichte, die Schuld des Angeklagten nachzuweisen. Der Angeklagte ist deshalb auch berechtigt, eine Mitwirkung bei der Aufklärung der Tat zu verweigern. Drittens schließlich muss die Tat lückenlos ohne jede Zweifel nachgewiesen werden. Gelingt dies nicht, ist der Angeklagte mangels Beweisen freizusprechen, mag es noch so sehr wahrscheinlich sein, dass der Angeklagte die Tat dennoch verübt hat.

 

Nun müssen wir davon ausgehen, dass zwischen den Idealen und der praktischen Realisierung dieser Prinzipien Unterschiede bestehen, wir können nicht erwarten, dass Ideale stets hundertprozentig umgesetzt werden. Dies gilt für alle Lebensbereiche, also auch für die Rechtsordnung und für die Staatsorgane, welche für die Aufrechterhaltung der Rechtsordnung verantwortlich sind. Man kann allerdings auch feststellen, dass wegen dieser Mängel allein noch kein reales Gesellschaftssystem ernsthaft bedroht war.

 

Wenn wir im Weiteren von Unterschieden zwischen den rechtsstaatlichen Idealen und deren Verwirklichung sprechen, so sind auch nicht diese generellen Abweichungen von den Prinzipien angesprochen. Es handelt sich vielmehr darum, dass die realen Ordnungen oftmals Anreize enthalten, welche systematisch auf eine Verhinderung der Rechtsprinzipien hinarbeiten. Diese allein gilt es offenzulegen und zu überprüfen, wie solche Anreizsysteme verhindert werden können.

 

Als Nachweis einer Schuld werden drei Arten angesehen. Entweder erklärt sich der Angeklagte für schuldig, die ihm vorgeworfene Tat begangen zu haben. Oder aber es finden sich glaubhafte Zeugen, welche die Tat selbst beobachtet haben. Oder schließlich können Indizien nachgewiesen werden, welche mit hoher Wahrscheinlichkeit beweisen, dass der Angeklagte die Tat begangen hat.

 

Keiner dieser drei Nachweisverfahren führt in jedem Falle zu einer eindeutigen Schuldzuweisung. Die Tatsache, dass der Angeklagte sich als schuldig bekennt, reicht  nicht aus, um den Angeklagten eindeutig als der Tat überführt anzusehen. Es sind in der langen Geschichte der Strafverfolgung genügend Beispiele aufgetaucht, in denen nachgewiesene Unschuldige sich zu Unrecht der Tat beschuldigt haben.

 

Als erstes wäre hier der Fall zu erwähnen, bei dem sich der Angeklagte an die Geschehnisse während der Tatzeit nicht mehr erinnern kann. Unterstellen wir, dass der Angeklagte mit anderen zusammen eine Nacht lang durchgezecht habe, also unter Rausch stand. Er sei dann morgens in einem Hotelzimmer im Bett aufgewacht, neben sich eine Frauenleiche und ein Revolver, aus dem – wie die Ermittler beweisen konnten – der tödliche Schuss abgegeben wurde und unterstellen wir zusätzlich, dass an der fraglichen Waffe Fingerabdrücke des Angeklagten gefunden wurden. Wir gehen nun davon aus, dass bei dieser scheinbar eindeutigen Beweislage der Angeklagte sich für den Täter hält. Da er während der Tat unter Alkoholeinfluss stand, kann er sich an die Tatzeit überhaupt nicht erinnern, er glaubt, die Tat begangen zu haben und ist deshalb geständig.

 

In Wirklichkeit könnte jedoch ein Dritter den Mord vollbracht und anschließend die Frauenleiche neben dem Angeklagten abgelegt und zusätzlich die Waffe, mit welcher die Tat begangen wurde, dem Angeklagten in die Hände gelegt haben und – damit dessen Fingerspuren an die Waffe gelangen – nochmals einen Schuss abgegeben haben, damit sich an den Händen des vermeintlichen Täters Schmauchspuren feststellen lassen. Und dann schließlich habe der wirkliche Mörder die Mordwaffe neben den Angeklagten abgelegt.

 

Nehmen wir als zweites Beispiel einen Fall, bei welcher der Angeklagte zwar ursächlich dazu beigetragen hat, dass der Totschlag erfolgte, ohne dass er aber diesen Mord begangen oder verschuldet hat. Er habe z. B. den Ermordeten eindringlich gebeten, bei ihm vorbeizukommen und der Angesprochene sei auf dem Wege zum Angeklagten von einem Dritten erschossen worden, ohne dass der Angeklagte diesen Dritten zu dieser Straftat angestiftet hatte oder auch nur von dessen Absicht Kenntnis hatte.

 

Der Angeklagte macht sich nun klar, dass der Ermordete noch leben würde, wenn er ihn nicht zu sich gebeten hätte und fühlt sich deshalb für seinen Tod schuldig und hat vielleicht sogar das Bedürfnis, dafür zur Verantwortung gezogen zu werden. Weder im Sinne unserer Rechtsordnung noch im moralischen Sinne kommt in diesem Falle jedoch dem Angeklagten eine Schuld zu. Von Schuld könnten wir nur dann sprechen, wenn er davon gewusst hätte, dass der Ermordete bei dem Gang zu ihm ermordet würde und wenn er deshalb trotzdem den Ahnungslosen veranlasst hätte, zu ihm zu kommen und damit die Tötung bewusst in Kauf genommen hätte.

 

Ein dritter möglicher Fall dafür, dass jemand ohne Schuld eine Tat eingesteht, ist ähnlich gelagert. Unterstellen wir, dass das Opfer dem Angeklagten das Leben zur Hölle machte, vielleicht für zahlreiche Straftaten an ihm verantwortlich war und dass der Angeklagte deshalb wiederholt das Bedürfnis hatte, diesen Straftäter zu ermorden. Er habe sich jedoch niemals zur Tat hinreißen lassen.

 

Er fühlt sich jedoch trotzdem für die Tat schuldig; und wenn er die feste Absicht gehabt hatte, den Ermordeten zu töten, eben bisher nur nicht die Möglichkeit gehabt hatte, diesen Mord auch auszuführen, mag er ja in der Tat im moralischen Sinne eine gewisse Schuld auf sich geladen haben. Im christlichen Schuldbekenntnis bekennen sich die Gläubigen dafür schuldig, dass sie gesündigt haben, in Gedanken, Worten und Taten. Im juristischen Sinne ist jedoch der Angeklagte nach wie vor unschuldig, solange er die Tat nicht ausgeführt bzw. versucht hat.

 

Eine vierte Möglichkeit, dass sich ein Unschuldiger zu einer Tat bekennt, besteht darin, dass er die Tat eines Dritten auf sich nimmt, um diesen zu schützen. So könnte eine Mutter oder ein Vater die vermutete Tat ihres (seines) Kindes auf sich nehmen. Sie oder er fühlen sich für ihr Kind verantwortlich, sie befürchten, dass dann, wenn das eigene Kind für seine Taten bestraft werde, es für immer, auch nach Verbüßung der Strafe unfähig sei, ein menschenwürdiges Leben zu führen und für immer auf die schiefe Bahn gelangen würde.

 

Vielleicht wird diese Übernahme der Schuld eines anderen zusätzlich dadurch begleitet, dass sich die Eltern ebenfalls für schuldig halten, da sie offensichtlich in der Erziehung ihres Kindes kläglich versagt haben. Es interessiert dann weniger die Frage, ob die Eltern in der Erziehung eindeutige Fehler begangen hatten und das Kind unter Umständen für Verfehlungen in der Vergangenheit nicht ausreichend zur Verantwortung gezogen haben, es zählt in diesem Falle allein die Vermutung, dass – vielleicht auch nur vermeintlich – das eigene Kind eine so schreckliche Tat begangen hatte.

 

Wir wollen also festhalten, dass zwar in der Mehrzahl der Fälle das Schuldeingeständnis dann erfolgt, wenn der Angeklagte tatsächlich die Tat begangen hat, wir haben aber genügend Beispiele aufgezeigt, dass eben nicht in jedem Falle das Schuldeingeständnis belegt, dass der Angeklagte auch tatsächlich die Tat begangen hatte. Und dies bedeutet, dass der Grundsatz: ‚im Zweifel für den Angeklagten‘ schon im Ansatz jeder Strafverfolgung verletzt wird.

 

Der Hinweis, dass in der Realität nur in einigen wenigen Fällen das Geständnis nicht der Wahrheit entspricht, reicht jedoch nicht aus, dieses Verfahren zu rechtfertigen. Denn der Grundsatz, nur der dürfte verurteilt werden, dem die Schuld einwandfrei nachgewiesen wurde, wird bereits dann verletzt, wenn nur wenige zu Unrecht verurteilt werden. Was nützt es einem zu Unrecht Angeklagten, wenn eine solche falsche Anklage nur in den seltensten Fällen vorkommt.

 

Wie steht es nun mit dem zweitmöglichen Beweisverfahren, wonach ein Zeuge oder mehrere Zeugen angeben, sie hätten selbst beobachtet, dass der Angeklagte die Tat begangen hat. Auch hier gibt es eine Vielzahl von Möglichkeiten, dass das Bezeugen einer Tat durch Dritte die Tat des Angeklagten nicht eindeutig belegt.

 

Als erstes besteht die Möglichkeit, dass sich der Zeuge täuscht, er meint den Angeklagten bei der Tat gesehen zu haben, er verwechselt ihn jedoch mit jemand anderem, der dem Angeklagten ähnlich sieht. Vielleicht hat er ihn zur Zeit der Tat gar nicht genau beobachtet und hat dann in den öffentlichen Medien ein Bild des Angeklagten gesehen und meint nun deshalb den Angeklagten im Gerichtssaal wiederzuerkennen. Oftmals sind es auch bestimmte Kleidungsstücke oder andere Gegenstände, aufgrund derer der Zeuge den Angeklagten vermeint wiederzuerkennen, obwohl diese Kleidungsstücke aber nicht einmalig sind.

 

Überhaupt müssen wir uns darüber klar werden, dass das menschliche Gehirn nicht so arbeitet, dass im Gehirn ein photographisches Abbild des Vorfalls abgespeichert wird. Zu groß ist die Anzahl einzelner Sinnesreize, als dass sämtliche Reize abgespeichert werden können. Das menschliche Gehirn selektiert also und keinesfalls nach den Kriterien, welche für die Beweisführung vor Gericht von Bedeutung sind. Es sind vielmehr teilweise biographische Daten, welche für jedes beobachtende Individuum unterschiedlich sind, teilweise hängt der Selektionsprozess aber auch von der augenblicklichen Stimmung und natürlich auch von dem ab, was der Betreffende gerade sehen möchte.

 

Wenn zwischen der Tatzeit und der Zeugenaussage vor Gericht eine größere Zeitspanne liegt, muss zweitens auch immer damit gerechnet werden, dass das Erinnerungsvermögen fast aller Menschen mit der Zeit verblasst. Das menschliche Gehirn hat nun einmal die Eigenschaft, wichtige Details der in der Vergangenheit beobachtenden Vorfälle schnell zu vergessen, diese Lücken werden dann in aller Regel nachträglich vervollständigt, wobei es hier nicht darauf ankommt, was sich tatsächlich ereignet hat, sondern wie es sich nach Meinung des Zeugen hätte ergeben können.

 

Als drittes muss damit gerechnet werden, dass der Zeuge ganz allgemein die Bevölkerungsgruppe, welcher der Angeklagte angehört, als verbrecherisch ansieht und von der Meinung ausgeht, dass diese Gruppe von Menschen ohnehin bestraft gehört. Er gibt hier zwar nur vor, den Zeugen gesehen zu haben, meint aber das Recht zu haben, eine Straftat des Angeklagten vortäuschen zu dürfen, da es überhaupt nicht darauf ankomme, welche Straftat der Angeklagte hier begangen hatte, strafwürdig sei er in jedem Falle.

 

Viertens schließlich können Zeugen auch von dem wahren Schuldigen gekauft sein, der auf diese Weise vielleicht sicherstellen will, dass das Augenmerk der Ermittler von ihm abgelenkt wird oder der aus anderen Gründen ein Rachefeldzug gegen den Angeklagten führt.

 

Wenden wir uns nun dem dritten möglichen Beweisverfahren vor Gericht zu: dem Indizienbeweis. Hier wird die Beweisführung an ganz bestimmten, weitgehend exakt feststellbaren Einzelheiten festgemacht, so etwa wenn sich Schmauchspuren vom Abschießen einer Revolverkugel an den Händen des Angeklagten nachweisen ließen oder wenn der genetische Fingerabdruck des Angeklagten an der Leiche des ermordeten Opfers festgestellt wurde. Zwar ist hier die Wahrscheinlichkeit, dass der Beweis sicher ist, sehr hoch, etwa 99,9%, trotzdem nicht 100%ig, sodass im Einzelfall doch ein falscher Schluss gezogen werden kann.

 

Schmauchspuren z. B. könnte auch der Mörder nachträglich am Angeklagten angebracht haben, indem er den Revolver in die Hand des Angeklagten gedrückt und hierbei einen Schuss abgefeuert hatte. Oder aber der genetische Fingerabdruck stammt von einem eineiigen Zwilling oder aber die Stäbchen, welche bei der Abnahme des genetischen Materials verwendet wurden, waren bereits durch genetisches Material bei der Anfertigung dieser Stäbchen verunreinigt worden, was in den letzten Jahren tatsächlich vorgekommen war. Die polizeilichen Ermittler gingen damals von einem Serienmörder aus, in Wirklichkeit waren jedoch die genetischen Fingerabdrucke nur deshalb in einer Vielzahl von Fällen identisch, da das Material, mit dessen Hilfe die Speichelprobe abgenommen wurde, von ein- und derselben Arbeitnehmerin bei der Anfertigung dieser Stäbchen aus Versehen verunreinigt worden war.

 

Die Gerichte stehen nun vor folgendem Dilemma: Wenn man den Grundsatz ‚Im Zweifel für den Angeklagten‘ strikt auslegen würde und wenn wirklich nur dann eine Verurteilung stattfinden würde, wenn die Tat 100%ig nachgewiesen wurde, dann käme es nur in den seltensten Fällen zu einer Verurteilung. Der größte Teil der Straftaten bliebe ungesühnt und ein Großteil der Verbrecher würde nicht zur Rechenschaft gezogen.

 

Ein solches Vorgehen ließe sich jedoch kaum verwirklichen. Wir müssen uns darüber klar werden, dass sowohl die Angehörigen der Opfer, denen ja durch die Tat großes Leid zugefügt wurde, aber auch weite Teile der Öffentlichkeit – repräsentiert durch die öffentlichen Medien – eine Bestrafung der Übeltäter fordern und auch massiven Druck auf die Rechtsprechung ausüben, damit Verbrecher ihrer gerechten Strafe zugeführt werden.

 

Die heute geltenden Prinzipien eines freiheitlichen Rechtsstaates und die hiermit verbundene Abschaffung der Lynchjustiz sowie der Blutrache wurden im Verlaufe der Geschichte hart erkämpft. Die Bereitschaft der Öffentlichkeit, die Aburteilung der Verdächtigten aus der Hand zu geben und sie einem ordentlichen Gericht zu übertragen, konnte nur dadurch gewonnen werden, dass auch sichergestellt wurde, dass der überaus größte Teil der bekannt gewordenen Verbrechen mit Erfolg geahndet wird.

 

Auch müssen wir uns darüber klar werden, dass die tatsächlich wirkenden Anreizsysteme darauf hinzielen, dass es in aller Regel zu einer Aburteilung der Angeklagten kommt. In Staaten wie z. B. in den USA werden die Staatsanwälte unmittelbar vom Volke gewählt, sie erlangen nur dann ihr Amt, wenn sie hart zugreifen und die meisten Prozesse zur Aburteilung führen. Aber auch in den anderen Staaten, in denen wie in der BRD Staatsanwälte und polizeiliche Ermittler als Beamte tätig sind, hängt das berufliche Fortkommen ganz entscheidend davon ab, wie viele der untersuchten Fälle schließlich zu einer Verurteilung führen.

 

Der berufliche Erfolg misst sich hierbei weniger – was eigentlich notwendig, aber zumeist gar nicht möglich ist – daran, wie oft ein tatsächlicher Verbrecher überführt wurde und auch wie weit Unschuldige unbehelligt bleiben, sondern daran, wie viel Verfahren mit einer Verurteilung abgeschlossen werden konnten und vor allem Sexualverbrechen lückenlos aufgeklärt werden. In den Augen der Öffentlichkeit werden Personen, welche angeklagt wurden, bei denen jedoch mangels Beweises ein Freispruch notwendig wurde, oftmals trotzdem als Täter angesehen, welche nun ungestraft weiter ihr Verbrechen begehen könnten. Diese Beurteilung wird vor allem dadurch ausgelöst, dass in den öffentlichen Medien oftmals eine Vorverurteilung stattfindet, also so getan wird, als ob schon der Umstand, dass die Staatsanwaltschaft Klage erhebt, bedeuten würde, dass der  Angeklagte bereits überführt sei.

 

Gerade weil der berufliche Aufstieg der Ermittlungsbeamten danach bemessen wird, wie viele Verfahren zur Anklage vor Gericht führen, sind diese auch bemüht, alles mögliche für einen solchen Erfolg zu tun. Hierbei gibt es zwar eindeutige Regeln, die von den Ermittlungsbeamten einzuhalten sind, so darf wie bereits erwähnt, ein Angeklagter nicht als ein bereits überführter Täter behandelt werden, vor allem müssen Foltermaßnahmen und andere Formen der Nötigung, auch die Androhung solcher Maßnahmen, unterbleiben.

 

Gerade weil die Verhöre ja nicht in aller Öffentlichkeit stattfinden und die der Tat Verdächtigten auch nicht immer – vielleicht aus Unwissenheit – bei den Verhören die Anwesenheit eines Rechtsanwaltes verlangen und von ihrem Recht Gebrauch machen, zu den Vorwürfen zu schweigen und Aussagen zu verweigern, ist es schwer festzustellen, inwieweit die tatsächlichen Verhöre von diesen Vorschriften abweichen. Gerade dann, wenn die Ermittlungsbeamten davon fest überzeugt sind, dass der Verdächtigte die Tat begangen hat, wird sicherlich der eine oder andere Beamte versuchen, diese Regeln möglichst großzügig auszulegen.

 

Wenn dann noch unter Umständen durch massiven Druck auf die Verdächtigten weiterer Schaden verhindert werden kann, so etwa wenn es darum geht, den Standort einer entführten Geißel zu erfahren und wenn das Leben dieser Geisel bei Nichtauffindung dieses Standorts bedroht ist, mag mancher Ermittlungsbeamte ehrlich davon überzeugt sein, dass z. B. selbst eine Androhung von Foltermethoden – nicht unbedingt auch ihre Ausführung – gerechtfertigt erscheint.

 

 

9. Der Vorteil eines religiösen Leitbildes

 

Dass also die Rechtsprechung – wie gezeigt – aus den verschiedensten Gründen recht unvollkommen ist und infolgedessen eine vollständige Gerechtigkeit hier auf Erden niemals erreicht werden kann, diese Aussage gilt zunächst unabhängig davon, von welchem Weltbild – von einem religiösen Weltbild oder vom Atheismus – man ausgeht.

 

Trotzdem stellt sich die Forderung nach möglichst großer Gerechtigkeit für einen Atheisten sehr viel schwieriger dar als für einen gläubigen Menschen. Wenn man nämlich mit dem Atheismus der Meinung ist, dass es weder einen Gott noch ein wie auch immer geartetes Leben nach dem Tode gibt, dann kann eben auch Gerechtigkeit immer nur hier auf Erden realisiert werden. Wenn eine einigermaßen gerechte Lösung hier auf Erden aus den oben genannten Gründen nicht erreicht werden kann, dann gibt es auch endgültig keine Gerechtigkeit.

 

In dieser Frage sind für einen gläubigen Menschen die Aussichten auf Gerechtigkeit sehr viel größer. Für ihn endet das Leben eben nicht mit dem Tode und für ihn gibt es auch dann eine Möglichkeit, letztendlich Gerechtigkeit zu erreichen, wenn jeder Versuch hier auf Erden scheitern muss.

 

Gläubige sind nämlich davon überzeugt, dass Gott im Gegensatz zu den Menschen in jeder Hinsicht vollkommen ist, dass deshalb vor Gott nichts verborgen bleibt, dass Gott auch genau erkennen kann, wie viel Schuld jeweils bei den einzelnen Sündern liegt und der Gläubige geht auch davon aus, dass Gott gerecht, barmherzig und gütig ist. Und sofern diese Überzeugungen richtig sind, bedeutet dies eben, dass letztendlich – zwar erst im Jenseits beim Weltgericht – absolute Gerechtigkeit verwirklicht werden kann.

 

Und es ist ganz klar, dass es in diesem Falle einem Gläubigen sehr viel leichter fällt, sich selbst entsprechend den Geboten zu verhalten, wenn er fest davon überzeugt ist, dass nicht nur ihm, sondern allen anderen Sündern ausnahmslos eines Tages Gerechtigkeit widerfahren wird.

 

Auch wird man davon ausgehen können, dass angesichts dieses Glaubens die Bereitschaft, Gebote zu übertreten, insgesamt geringer wird. So ging man in früheren Zeiten, in denen es mehr oder weniger selbstverständlich war, dass es einen Gott und mit ihm im Jenseits eine absolute Gerechtigkeit gibt, davon aus, dass ein Sterbender auf jeden Fall seine Untaten wahrgemäß mitteilt, da er eben in einigen Minuten oder Stunden vor Gott stehen wird, dem alle Übertretungen dieses Sterbenden bekannt sind.

 

Wohlbemerkt heißt dies nicht, dass alle Gläubigen deshalb wie Heilige leben und auch nicht, dass es keine Ungläubigen gibt, die stets bemüht sind, die Gesetze zu achten. Auch Gläubige können ihren Trieben nachgehen und auf diese Weise sündigen, auch Ungläubige können trotzdem willens sein, sich immer gegen ihre Mitmenschen korrekt zu verhalten. Es wird lediglich festgestellt, dass die Wahrscheinlichkeit, dass ein gläubiger Mensch sich normengerecht verhält, größer ist, die bestehenden Normen einzuhalten als dass sich ein Mensch, der eben nicht davon ausgeht, dass es ein allwissendes Wesen gibt, trotzdem an die Gebote hält.

 

Dahinter steht die Annahme – welche zunächst gar nichts mit der Religion zu tun hat – dass der Anreiz, Gesetze zu übertreten, dann geringer ist, wenn man fest davon überzeugt ist, dass diese Untaten bekannt und eines Tages mit absoluter Sicherheit gerächt werden. Man kann davon ausgehen, dass ein Großteil – natürlich keinesfalls alle – der Gesetzesübertretungen deshalb erfolgt, weil der Verbrecher davon überzeugt ist, dass seine Tat im Dunkeln bleibt und dass er deshalb ungeschoren bleibt. Und in der Tat geht ja die herrschende Lehre davon aus, dass Strafen nicht nur der Sühne dienen, sondern dass sie gleichzeitig eine Abschreckung darstellen, in Zukunft Verbrechen zu begehen, dass sie also die Wahrscheinlichkeit, dass Verbrechen geschehen, tastsächlich verringern.

 

Nun könnte man einwenden, dass es auch ohne religiöse Bindung für die Menschen vorteilhaft ist, sich an den Sittenkodex zu halten. Und an dieser Annahme ist sicherlich so viel richtig, dass es für den Einzelnen in der Tat vorteilhaft ist, wenn sich alle anderen Menschen, die es irgendwie mit ihm zu tun haben, ihm gegenüber sittlich verhalten, denn in diesem Falle erfährt der Einzelne ja zumindest von seinen Mitmenschen keinen zusätzlichen Schaden.

 

Diese Wirkungen treten jedoch nur unter der stillschweigenden, zusätzlichen Annahme ein, dass Untaten einzelner Menschen stets den anderen Individuen bekannt werden. Wenn jedoch derjenige, der sich dadurch einen Vorteil verschaffen will, dass er dem Andern schadet, davon ausgehen kann, dass diese Untaten vor der Öffentlichkeit geheim gehalten werden können, gelten diese Überlegungen nicht mehr. Wenn ich in der Lage bin, meine Untaten gegenüber meinen Mitmenschen zu verheimlichen, stelle ich mich durch eigene Untaten noch besser, da ich in diesem Falle von dem sittlichen Verhalten der jeweils Anderen profitiere und zusätzlich meinen Nutzen dadurch mehren kann, dass ich mich auf Kosten der Anderen bereichere, ohne dass diese Untaten bekannt werden.

 

Nun hängt jedoch die Möglichkeit, seine eigenen Untaten geheim zu halten, entscheidend von der Machtposition des Einzelnen ab. Je mächtiger Jemand ist, um so eher ist er in der Lage, seine sittenwidrigen Handlungen vor der Öffentlichkeit zu verheimlichen. Und gerade deshalb, weil die einzelnen Menschen in unterschiedlichen Maße mächtig sind, besteht die Möglichkeit, sich über Geheimhaltung der eigenen Untaten zu bereichern.

 

Macht ist jedoch sehr ungleich verteilt und der Mächtige hat zumeist gerade deshalb, weil er mächtiger als ein Anderer ist, auch die Möglichkeit, seine Macht zu vergrößern. Und die Geschichte lehrt uns, dass Macht im Allgemeinen zu Machtmissbrauch verleitet und diese historische Erfahrung galt und gilt für alle Zeiten und dieses Verhalten lässt sich in allen Subsystemen der Gesellschaft beobachten.

 

Wenn hingegen alle Menschen gleich mächtig wären und wenn deshalb jeder Einzelne seine Untaten vor der Öffentlichkeit geheim halten könnte, würde der Sittenkodex gar nicht mehr allgemein eingehalten werden und gerade deshalb würde der Einzelne vom Aufstellen eines Sittenkodexes auch nicht profitieren.

 

Wer besonders mächtig ist, kann jedoch von der Tugend der Anderen sogar auch dann profitieren, wenn seine eigenen Untaten in aller Öffentlichkeit geschehen; auch dann nämlich, wenn die jeweils anderen aufgrund der Kenntnis meines eigenen unsittlichen Verhalten eigentlich gerne zurückschlagen würden, meine Untaten also durch eigene Untaten vergelten würden. Gerade weil die Opfer ohnmächtig sind, kann der Mächtige verhindern, dass diese Absichten verwirklicht werden. So schämte sich ein Großteil der Adligen im Mittelalter nicht, den Nichtadligen ganz öffentlich Schaden zuzufügen.

 

Voltaire soll einmal gesagt haben, dass man dann, wenn es keinen Gott gäbe (Irrealis!), das Vorhandensein eines Gottes erfinden müsse. An dieser Aussage ist viel Richtiges. Diese Feststellung entspricht unseren Thesen, dass das Ausmaß der Untaten insgesamt kleiner ist, wenn ganz generell davon ausgegangen wird, dass es einen Gott gibt, der in unsere Herzen schauen kann und vor dem deshalb keine Untaten verborgen bleiben und der darüber hinaus gerecht ist, also im Jenseits jede gute Tat belohnt und jede böse Tat angemessen bestraft.