Randbemerkungen zum Atheismus

 

 

Gliederung:

 

1. Zu Beginn ein modernes Märchen

2. Der Sinn dieses Märchens

3. Schöpfung in nur 7 Tagen?

4. Darwin’sche Lehre als Widerlegung des Schöpfungsberichtes?

5. Der Nachweis Stephen Hawkings

6. Die Verwirklichung der Gerechtigkeitsidee

7. Ermittlungsmethoden

8. Die Leitprinzipien der Strafverfolgung

9. Der Vorteil eines religiösen Leitbildes

 

 

 

1. Zu Beginn ein modernes Märchen

 

Es war einmal…. Zwei befreundete Männer wandern in einer Wüste, tagelang, wochenlang. Sie begegneten keinem Menschen, sie hatten dies auch nicht erwartet, weil man ja wusste, dass diese Wüste menschenleer war. Wiederholt waren in der Vergangenheit Expeditionen gestartet, um zu erkunden, ob es nicht doch in dieser weiten Wüste Lebewesen gäbe, bisher immer wieder ohne Erfolg. Für die Menschen galt es deshalb auch als sicher und erwiesen, dass diese Wüste menschenlehr sei.

 

Als sie schon so weit in die Wüste eingedrungen waren, dass es nun Zeit wurde, allmählich umzukehren, erblickten sie zunächst in der Ferne, aber dann immer näher kommend einen weißen Gegenstand, der in der sengenden Sonne schon von Weitem leuchtete. Sie überwanden ihre Müdigkeit und schleppten sich zu diesem merkwürdigen Gegenstand, der sich – als sie nah genug waren  – als ein Automobil entpuppte. An der Frontscheibe dieses Autos befand sich ein Stück Papier, auf dem in klaren Lettern die einfachen Worte standen: dem ehrlichen Finder zur Erleichterung seiner Rückkehr.

 

Zunächst fanden sie aufgrund dieses doch so unwahrscheinlichen Ereignisses keine Worte, sie staunten einfach, lange Zeit wortlos. Als sie sich jedoch von diesem Schrecken, natürlich einem sehr erfreulichen Erschrecken, erholt hatten und sich freuten, dass sie nun nicht – wie anfänglich befürchtet – die weite zurückgelegte Strecke mit wunden Füßen zurücklegen mussten, wich dieser anfänglichen Ratlosigkeit die Neugier, wie so etwas – nach menschlichem Ermessen Unmögliches – doch passieren konnte.

 

Obwohl sie im normalen Leben wie man so sagt ein Herz und eine Seele und in allen wichtigen Fragen einer Meinung waren, entwickelte sich allmählich aus diesem zunächst noch friedlichen Gedankenaustausch ein erbittertes Streitgespräch, je mehr sie diskutierten, um so heftiger und unerbittlicher.

 

Für den einen – nennen wir ihn Person A – war es selbstverständlich, dass dieses Geschenk von einem überaus freundlichen Wesen stammen musste, für ihn war es ganz unmöglich, dass ein so hochentwickeltes Fahrzeug nur per Zufall entstanden sein konnte. Er war sich darüber im Klaren, dass alles Wirkliche eine Ursache haben musste, eine Weisheit übrigens, von der bisher beide fest überzeugt waren, gewissermaßen als eine Grundannahme menschlichen Nachdenkens.

 

Für den Anderen hingegen – wir nennen ihn der Einfachheit halber Person B – stand es unerschütterlich fest, dass in dieser Wüste kein Mensch oder ein anderes vernunftbegabtes Wesen existieren konnte, schließlich war dies ja ihn mehreren Untersuchungen eindeutig und unwiderlegbar erwiesen worden. Es gab in dieser Wüste keinen Menschen oder auch kein anderes Fabelwesen und deshalb konnte dieses Fahrzeug auch nicht von einem Menschen oder einem anderen Wesen geschaffen und für einen ehrlichen Finder in die Wüste gestellt worden sein.

 

Sein fester Glaube an die Wahrheit der bisherigen Erkundigungen über die Wüste ließen nur zwei Möglichkeiten zu: Entweder unterlagen sie beide – vielleicht aufgrund der bisherigen Entbehrungen, die sie in dieser Wüste erfahren mussten – einfach einer Sinnestäuschung: Aufgrund der zahlreichen Entbehrungen, welche sie während ihres Ausfluges in die Wüste erleiden mussten, vermeinten sie nun ein Fahrzeug zu sehen, in Wirklichkeit waren es nur Sinnestäuschungen, welche sich aufgrund ihres ramponierten Zustandes einstellten, aber der Wirklichkeit nicht entsprachen. Dass solche Sinnestäuschungen möglich sind, war ja in der Vergangenheit vielfach bewiesen.

 

Oder aber man musste davon ausgehen, dass es dieses Fahrzeug tatsächlich gab, dass dieses Vehikel jedoch keineswegs von einem Menschen oder aber einem anderen vernunftbegabten Lebewesen stamme, sondern allein durch das Wirken zufälliger – wohlbemerkt unpersönlicher – Kräfte entstanden sei.

 

Die erste in Erwägung gezogene Alternative einer Sinnestäuschung konnten sie relativ schnell ad Acta legen. Schließlich konnten sie das besagte Fahrzeug auch mit ihren anderen Sinnen wahrnehmen: Sie konnten es befühlen; wenn sie an die Stelle treten wollten, an der sie das Fahrzeug mit ihren Augen sahen, leistete das Fahrzeug Widerstand und ließ sie nicht an seine Stelle treten. Auch bei der Beobachtung anderer, natürlicher und auch zu erwartender Gegenstände hatte es den Anschein, dass alles mit ihren Sinnen in Ordnung sei, dass sie genauso wie bisher widerspruchsfreie Wahrnehmungen hatten.

 

Und nun schieden sich die Geister. A hielt es nach wie vor für ganz unmöglich, dass ein so komplexes Gebilde wie das  beobachtete Fahrzeug aus dem Nichts – aufgrund des Wirkens rein zufälliger Kräfte – entstanden sein konnte,  schließlich galt es bisher als eine allgemein akzeptierte Grundannahme, dass alles irdische eine Ursache haben müsse, dass mit absoluter Sicherheit davon ausgegangen werden könne, dass aus Nichts auch nichts entstehen könne. Es blieb deshalb für A nur als einzige Erklärung des plötzlichen Vorhandenseins eines Fahrzeuges in der Wüste die Überzeugung, dass die bisherige Annahme, die Wüste sei unbewohnt, falsch sei, dass sich in Wirklichkeit irgendein Wesen in dieser Wüste aufhalten müsse, das dieses Fahrzeug für den ehrlichen Finder zum Geschenk gemacht habe.

 

B hingegen hielt an der bisher allgemein gültigen Annahme fest, dass es in dieser Wüste keinen Menschen oder auch kein anderes Lebewesen gäbe, schließlich seien ja mehrere empirische Überprüfungen in der Vergangenheit unternommen worden und in keinem dieser Experimente konnte ein Lebewesen in dieser Wüste nachgewiesen werden. Da nun bei all diesen Experimenten die Spielregeln minutiös eingehalten wurden, welche für den Wahrheitsanspruch wissenschaftlicher Untersuchungen notwendig seien, müsse man auch an diesem Ergebnis festhalten. Ein einzelner Wissenschaftler könne irren, es sei aber undenkbar, dass bei allen bisher erfolgten Untersuchungen Fehler gemacht wurden. Nicht die bisher gültige These (es gäbe in der Wüste keine Lebewesen), sondern die Meinung, dieses Fahrzeug sei durch Menschenhand in die Wüste gelangt, sei zu verwerfen.

 

 

2. Der Sinn dieses Märchens

 

Soweit die Erzählung dieses Märchens. Mit dem inweis, dass es sich H

Hinweis, dass es sich bei dieser Erzählung nur um ein Märchen handelt, soll zum Ausdruck gebracht werden, dass nicht der Anspruch erhoben wird, diese Geschichte sei tatsächlich oder auch nur annähernd so geschehen wie sie dargestellt wird. Es handelt sich ja wie bereits festgestellt um eine Fiktion und nicht um einen Tatsachenbericht, eben in dem Sinne wie üblicher Weise das Wort Märchen gebraucht wird, also bloß um ein Märchen.

 

Damit wird jedoch keineswegs auch zum Ausdruck gebracht, die in diesem Märchen erzählte Geschichte sei belanglos und nichtssagend. Sehr wohl soll mit dieser Geschichte eine sogar wichtige und wesentliche Aussage gemacht werden, es geht – wie übrigens bei fast allen Märchen – um einen tieferen Sinn und damit um weit mehr, als normaler Weise mit einem Tatsachenbericht beabsichtigt wird.

 

In Wirklichkeit geht es mir mit der Erzählung dieses Märchens um nicht weniger als um die zentrale Frage nach dem Ursprung alles Seins hier auf Erden und im Weltall. Es ist dies die Frage, welche in der Bibel mit dem Schöpfungsbericht angesprochen wurde und welche von der modernen Naturwissenschaft seit längerer Zeit mit der These vom Urknall zu Beginn allen Geschehens beantwortet wird.

 

Entsprechend der Theorie vom Urknall wird davon ausgegangen, dass zu Urzeiten alles Kosmische und damit auch Irdische damit begonnen hatte, dass aus Nichts bzw. einer unendlich kleinen und unstrukturierten Masse ein geordneter Kosmos mit den uns bekannten und für das gesamte Weltall geltenden Naturgesetzen entstanden ist, welcher von einfachsten Bausteinen ausgehend schließlich sehr komplexe organische Verbindungen hervorgebracht hat, wobei Leben entstanden ist, zunächst als ganz einfache primitive Einzeller bis schließlich am Ende dieser Entwicklung gewissermaßen als Krönung menschliche Lebewesen geboren wurden.

 

Natürlich hat kein Sterblicher diesen Urknall miterlebt und deshalb mit eigenen Augen wahrgenommen, es waren vielmehr indirekte Beobachtungen, welche zu diesen Schlussfolgerungen führten. Man beobachtete, dass sich der Abstand der Sterne mit der Zeit immer vergrößert hatte und man stellte fest, dass trotz zahlreicher Beobachtungen in keinem einzigen Fall der Abstand der Gestirne sich verminderte und diese Beobachtungen führten dann zu der These, dass sich das Weltall permanent und damit auch zu allen Zeiten ausgedehnt hat.

 

Wenn man nun diesen Prozess gedanklich zurückverfolgt, lässt sich aber auch die Vermutung rechtfertigen, dass dann, wenn wir das Geschehen zeitlich rückwärts laufen lassen, irgendwann einmal der Beginn des Weltalls liegen muss, dass also am Beginn aller Entwicklung aus einer unendlich kleinen, aber besonders dichten Masse durch Ausdehnung das gesamte All entstanden ist. Und die Wissenschaft benennt diesen Zeitpunkt als Urknall.

 

Diese Theorie wird nun von einigen atheistischen Wissenschaftlern als Gegenentwurf zum Schöpfungsbericht der Bibel angesehen und es wird oftmals diese empirisch belegte Theorie als Beweis für die Ungültigkeit dieses Schöpfungsberichtes und vor allem auch für die Nichtexistenz eines göttlichen Wesens angesehen.

 

 

3. Schöpfung in nur 7 Tagen?

 

Hierfür gibt es verschiedene Ansatzpunkte der Kritik. Bisweilen meinen Atheisten bereits mit der Erkenntnis der Naturwissenschaften, dass die Entstehung der Erde und des Weltalls mehrere Milliarden Jahre gedauert hat, dass aber im Schöpfungsbericht der Bibel von gerade sieben Tagen gesprochen wird, nachgewiesen zu haben, dass die Bibel Falsches behaupte und dass damit auch der Glaube daran, dass es einen Gott gibt und dass dieser Gott diese Welt erschaffen habe, bereits widerlegt sei.

 

Diese Art von Beweisführung ist natürlich allzu plump und nicht überzeugend. Schon seit jeher gehen die Kirchen davon aus, dass es sich bei der Darstellung der Erschaffung der Erde in nur sieben Tagen um ein Bild handelt und dass mit diesem Bericht keineswegs zum Ausdruck gebracht werden soll, dass die Erde tatsächlich in nur 7 Tagen erschaffen wurde.

 

So wird bereits in der Bibel davon gesprochen, dass für Gott ein Tag wie 1000 Jahre zu gelten habe. Im 2. Petrusbrief Kapitel 3,8 heißt es: ‚Eins aber sei euch nicht verborgen, ihr Lieben, daß ein Tag vor dem Herrn wie tausend Jahre ist und tausend Jahre wie ein Tag.‘

 

Und auch hier steht das Wort ‚tausend‘ natürlich nicht für genau tausend Jahre und nicht mehr, vielmehr wird dieses Wort dazu benutzt, um anzudeuten, dass für Gott unsere Zeitdimensionen nicht gelten und dass auch ein in unserem Sinne enorm großer Zeitraum für Gott ohne Ausdehnung ist oder auch einem einzigen Ort entspricht.

 

Der Schöpfungsbericht will vielmehr das Bild einer Woche für die Schöpfung des Weltalls dazu benutzen, um den gläubigen Juden die Abhängigkeit des Menschen aufzuzeigen, die Frage, in welchem Zeitraum sich die Entstehung des Weltalls vollzogen hat, steht hier überhaupt nicht zur Diskussion.

 

Uns Laien versuchen atheistische Forscher bisweilen nahe zu bringen, dass der Mensch im Verlaufe der Entstehung des Weltalls überhaupt erst sehr spät aufgetaucht ist und diese Forscher versuchen diese Erkenntnis dadurch zu vermitteln, dass sie den gesamten Zeitraum des Entstehens des Weltalls oder auch nur der Erde auf eine einzige Stunde reduzieren. Sie weisen dann darauf hin, dass der Mensch erst in den letzten Minuten dieser einen Stunde auf der Bildfläche erschienen ist.

 

Man  wird  dieses Bild der einen Stunde auch nicht als Beleg dafür ansehen können, dass diese Forscher damit zum Ausdruck bringen wollten, die Entstehung der Erde habe sich in einer einzigen Stunde vollzogen.

 

Oder um ein zweites Beispiel zu wählen: Wenn sich in den berühmten Fabeln von La Fontaine die einzelnen Tiere unterhalten, so will der Verfasser damit ja auch nicht zum Ausdruck bringen, dass Tiere der menschlichen Sprache mächtig seien. Vielmehr werden in diesen Fabeln den Tieren bestimmte Wahrheiten in den Mund gelegt, um auf eine Weise Kritik an den politischen Zuständen zu üben, ohne dass die Herrschenden diese Reden als gegen sich gerichtet verbieten können, es wird ja scheinbar nur über Vorkommnisse im Tierreich argumentiert.

 

Man kann noch einen Schritt weiter gehen. Es ist heutzutage unter Theologen unbestritten, dass mit der Bibel keineswegs die Absicht verfolgt wird, irgendwie etwas Verbindliches über historische Wahrheiten oder naturwissenschaftliche Gesetzmäßigkeiten auszusagen.

 

Der Hinweis auf solche Fakten in der Bibel dient immer nur dazu, den Gläubigen anhand von ihnen vertrauten Fakten Glaubenswahrheiten und die Ordnung der Werte näherzubringen. Diejenigen, welche im babylonischen Exil oder auch unmittelbar nach der Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft anfingen, die biblischen Texte – welche zuvor nur mündlich von Generation zu Generation weitergegeben wurden – nieder zu schreiben, verfolgten mit dem Hinweis auf historische oder naturwissenschaftliche Tatbestände allein die Absicht, den Leser der Heiligen Schrift an die Glaubenswahrheiten und Grundwerte des jüdischen Glaubens heranzuführen, indem sie von Fakten ausgingen, welche dem Leser damals als bekannt vorausgesetzt werden konnten.

 

Glaubenswahrheiten beziehen sich gerade nicht auf Fragen, welche mit wissenschaftlichen Methoden geklärt werden können, sie beschränken sich vielmehr auf Wahrheiten, welche metaphysischer Natur sind, welche mit unseren Sinnen überhaupt nicht wahrgenommen werden können. Wir Menschen haben keinerlei Sinnesorgane, mit deren Hilfe wir ein göttliches Wesen, wenn es eines gibt, wahrnehmen können oder die uns unmittelbar sehen lassen, ob etwas, was wir Seele nennen, nach unserem Tode weiter lebt. Auch hatte schon Bentham richtig erkannt, dass normative Aussagen wissenschaftlich nie ohne Hinzunahme normativer Prämissen wissenschaftlich bewiesen werden können.

 

Wissenschaftliche, empirische Erkenntnisse fußen immer auf einem zweifachen Schritt: In einem ersten Schritt machen wir mit Hilfe unserer Sinne Beobachtungen über Gesetzmäßigkeiten, also dass etwa ein Ereignis X begleitet wird von einem anderen Ereignis Y. In einem zweiten Schritt ziehen wir aus diesen Beobachtungen mit Hilfe unseres Verstandes logische Schlussfolgerungen.

 

Dies bedeutet, dass es auch keine wissenschaftlich gesicherten Erkenntnisse über Dinge geben kann, welche wir gar nicht mit unseren Sinnen wahrnehmen können. Wir sind deshalb mangels geeigneter Sinne gar nicht in der Lage, metaphysische Fragen wissenschaftlich eindeutig zu klären.

 

Deshalb ist es auch nicht möglich, mit Hilfe unserer empirischen Wissenschaften die Existenz Gottes eindeutig nachzuweisen. Aber aus den selben Gründen können wir auch nicht den wissenschaftlichen Beweis antreten, dass es keinen Gott gibt. Denn ein solcher Beweis würde genauso wie der Versuch, Gottes Existenz wissenschaftlich zu beweisen, voraussetzen, dass wir von unseren Sinnen her in der Lage wären, Gott nachzuweisen, sofern es einen gebe. Wir müssten also in der Lage sein, auch göttliche Wesen mit unseren Sinnen zu erkennen und nur die Tatsache, dass es uns trotz der prinzipiellen Möglichkeit, einen Gott zu erkennen und trotz wiederholter Versuche, ein göttliches Wesen wahrzunehmen, dieser Nachweis nicht erbracht werden konnte, wäre ein Beweis – allerdings immer nur ein vorläufiger Beweis – dafür, dass es keinen Gott gebe. 

 

In Wirklichkeit müssen wir auch zugeben, dass die Existenz eines Objektes unabhängig von der Frage ist, ob wir dieses Objekt erkennen können. Wenn jemand erblindet und deshalb die Personen nicht mehr mit seinen Augen wahrnehmen kann, die sich in seinem Blickfeld bisher aufgehalten haben, hören diese Personen nicht auf zu existieren. Die Existenz von Objekten jeder Art ist unabhängig davon, ob es Wesen gibt, welche diese Objekte mit ihren Sinnen erkennen können.

 

Dies bedeutet jedoch auch, dass Wissenschaften und Glauben gar nicht in einen Konflikt zueinander geraten können. Beide befassen sich mit unterschiedlichen Erkenntnisgegenständen. Die Wissenschaft beschränkt sich auf die Erforschung empirischer Tatbestände, also historischer Wahrheiten sowie naturwissenschaftlicher Gesetzmäßigkeiten, während sich der Glaube allein auf metaphysische und moralische Fragen beschränkt.

 

Mir scheint aus diesen Gründen zweierlei ein Irrweg zu sein: Erstens das Bemühen einiger Atheisten, zu beweisen, dass einige historische oder auch naturwissenschaftliche Aussagen der Bibel falsch sind – und dies mag ja durchaus zutreffen – und daraus den Schluss ziehen, dass aus diesen Gründen auch der Glaube als solcher falsch sein müsse.

 

Die Aussagen der Bibel erheben gar nicht in diesem Sinne den Anspruch, wahr zu sein, sie dienen lediglich dazu, den Gläubigen Glaubenswahrheiten dadurch näher zu bringen, dass auf – den Gläubigen – Bekanntes hingewiesen wird. Und damit dieses gelingt, kommt es nicht darauf an, ob sich diese Geschehnisse tatsächlich ereignet haben, sondern dass die Leser der Bibel im Zeitpunkt, als diese Schriften entstanden, von der (vielleicht irrigen) Annahme ausgingen, diese Ereignisse hätten sich so zugetragen.

 

Nehmen wir als Beispiel, dass Jesus seinen Zuhörern gesagt hätte, dass das damals weithin als wahr geltende geozentrische Weltbild, wonach sich die Sonne um die Erde drehe, falsch sei und dass sich in Wirklichkeit die Erde um die Sonne drehe. Hätte Jesus diese Meinung vertreten, so wäre er auch im Hinblick auf die Glaubenswahrheiten unglaubhaft geworden.

 

Konnte nicht jeder nahezu jeden Tag sehen, dass die Sonne morgens im Osten aufgeht, dass die Sonne den Himmel über uns tagsüber durchstreicht, um dann am Abend im Westen unterzugehen? Wenn sich nach Meinung seiner Zuhörer Jesus in einer so offensichtlichen Weise scheinbar irre, bestünde dann nicht die Gefahr, dass die Gläubigen auch die von Jesus geoffenbarten Glaubenswahrheiten für irrig gehalten hätten?

 

Aber auch das Bemühen vieler Wissenschaftler, nachzuweisen, dass die Bibel doch recht habe, scheint mir zweitens für eine objektive Betrachtungsweise nicht gerade hilfreich. Es ist eben gerade nicht die Aufgabe der Bibel, historische Wahrheiten zu eruieren, der Nachweis, dass zahlreiche historische Berichte sich tatsächlich so ereignet haben oder zumindest ereignet haben könnten, wie sie in der Bibel geschildert werden, verleitet zu leicht zu der Annahme, der Nachweis, dass bestimmte historische Aussagen der Bibel falsch sind, könne bereits als Nachweis angesehen werden, dass auch die Glaubenswahrheiten der Bibel als falsch angesehen werden müssen.

 

Dass sich die Bibel auf die Glaubenswahrheiten und moralischen Maximen beschränkt und es den Menschen überlässt, die Erde zu erforschen, geht selbst auf bestimmte Bibelstellen zurück. Danach hat Gott zweimal, einmal unmittelbar nach Erschaffung der Welt, ein zweites Mal nach Beendigung der Sintflut den Menschen den Auftrag gegeben, ‚machet euch die Erde untertan‘. Dieser Auftrag besagt, dass es Aufgabe der Menschen ist, sich hier auf Erden zurechtzufinden und dies geschieht eben dadurch, dass die Menschen die Naturgesetze studieren und diese Erkenntnisse dazu einsetzen, um der Natur die Nahrungsmittel abzutrotzen, welche für ein Überleben  notwendig sind.

 

Den Menschen wurden hierzu die Sinne und der Verstand gegeben. Danach ist es Gottes Wille, dass wir Menschen die irdischen Probleme und ihre Lösungen selbst erkunden, es bedarf deshalb auch keiner Hinweise in der Bibel, wie diese irdischen Probleme gelöst werden können. Und Gott gab uns keinesfalls einen Verstand um an ihm irre zu werden, sondern um ihn zu gebrauchen. Es gilt keinesfalls der Satz: ‚credo, quia absurdum.‘

 

 

4. Darwin’sche Lehre als Widerlegung des Schöpfungsberichtes?

 

In der Öffentlichkeit wird nicht nur der Schöpfungsbericht als Beleg der Leugnung Gottes angesehen, oftmals wird die Darwinsche Lehre von der Abstammung der Menschen in gleicher Weise als Widerlegung des Glaubens, dass Gott den Menschen erschaffen habe, angesehen.

 

Im Schöpfungsbericht heißt es, dass Gott am 7. Tag den Menschen erschuf. Auch diese Aussage will keineswegs dazu Stellung nehmen, wann und auf welche Weise und vor allem auch nicht in welchem Zeitraum Gott den Menschen erschaffen hat. Wichtig ist hier allein die Aussage, dass die Erschaffung des gesamten Universums von einem göttlichen Wesen ausging und dass der Mensch als Krönung der Schöpfung zu gelten hat. Damit wird zu der Frage, in welchem Verhältnis der Mensch zum Tier entstehungsgeschichtlich steht in keinster Weise festgelegt. Es widerspricht nicht der vor allem von Darwin entwickelten Lehre, dass aus einfachsten Lebewesen (Einzellern) in einem langwierigen Entwicklungsprozess schließlich der Mensch hervorgegangen ist.

 

Auch ist die Vorstellung, dass unsere Urahnen hochentwickelte Tiere waren, keinesfalls entwürdigend. Von Affen stammen wir Menschen allerdings nicht unmittelbar ab, sie waren nicht unsere Großeltern, sondern gewissermaßen Vettern und Basen, also entfernte Verwandte. Wenn ein Sohn (oder auch eine Tochter) es weitergebracht hat als seine (ihre) Eltern, so sind Eltern wie Kinder im Allgemeinen sehr stolz darauf. Die Eltern sind stolz, weil es ihnen gelungen ist, für ihre Kinder die Voraussetzung zu schaffen, weniger Mühen als sie selbst ausgesetzt zu sein und die Kinder sind stolz, dass sie über ihre Eltern hinausgewachsen sind. Warum also sollten wir Menschen uns schämen, dass wir in einer langen Entwicklungskette letztendlich Tieren entstammen?

 

Diese wissenschaftliche Erkenntnis widerspricht auch nicht dem jüdischen und christlichen Glauben, wonach es Gott war, der den Menschen erschaffen hat und dem Menschen im Gegensatz zu den Tieren bildlich gesprochen eine Seele eingehaucht hat. Der Schöpfungsbericht der Bibel will ja nicht sagen, dass Gott die Tiere in Wirklichkeit dadurch geschaffen hat, dass er diese aus dem Lehm mit bloßen Händen gebildet hat, dass er dann nach Erschaffung der Tiere diesen Eimer Lehm weggestellt hat und einen anderen Eimer Lehm hervorgeholt hat, um aus diesem anderen Material den Menschen zu bilden. Die Aussage der Bibel besteht vielmehr darin, dass Gott den Anbeginn des Weltalls dadurch ausgelöst hat, dass er diese Welt Naturgesetzen unterwarf, aufgrund derer alles Irdische, die Natur, die Tiere und schließlich auch der Mensch hervorgegangen ist.

 

Wir müssen also feststellen, dass auch die Darwinsche Lehre vom Entstehen aller Lebewesen keinesfalls dem biblischen Glauben widerspricht, nochmals sei betont, dass wissenschaftliche Erkenntnisse niemals in Widerspruch geraten können mit dem Inhalt des religiösen Glaubens. Wenn solche Widersprüche scheinbar auftreten, dann liegt es immer daran, dass entweder die Wissenschaft oder die Glaubensgemeinschaften ihre Grenzen der Möglichkeiten überschritten haben. Wenn sich beide Gruppen auf das beschränken, wozu sie befähigt sind, kann es auch keine echten Widersprüche zwischen den Aussagen beider Gruppen geben.

 

 

5. Der Nachweis Stephen Hawkings

 

Einen viel anspruchsvolleren Versuch eines Nachweises, dass kein Gott existiert und dass die Welt und damit der Mensch nicht von einem göttlichen Wesen erschaffen wurde, finden wir bei Stephen Hawkings.

 

Stephen Hawkings hat den Versuch unternommen, aufzuzeigen, wie es denn vorstellbar sei, dass sich der Urknall ohne Mitwirkungen eines ewig lebenden Gottes ereignet habe und dass das Universum aus dem Nichts entstanden sei. (siehe z. B. die DVD: Stephen Hawkings, Großer Entwurf, eine neue Erklärung des Universums.) 

 

Er bringt das Beispiel, dass ein Loch gegraben wird und dass die zu Tage geförderte Erde dann zu einem Hügel aufgeschichtet wird. Ausgangspunkt sei hier ein Zustand, in dem die Oberfläche vollkommen eben war, also der Grad der Unebenheit null war, es gab keine Unebenheiten in der Verteilung der Materie im Raum. Dadurch, dass nun ein Loch gegraben wurde, entstanden Unebenheiten und zwar auf der einen Seite ein großes Loch, das als eine Art negative Unebenheit gedeutet werden kann und auf der anderen Seite ein Hügel, eine Art positive Unebenheit. Beide Unebenheiten, das Loch wie der Hügel entsprechen sich im Umfang und die eine Unebenheit (der Hügel, die positive Unebenheit) ist zusammen mit der anderen Unebenheit (dem Loch, der negativen Unebenheit) entstanden. Übertragen auf die Entstehung des Weltalls zur Zeit des Urknalls bedeutet dies, dass aus dem Nichts auf der einen Seite positive Materie und auf der anderen Seite schwarze (also negative) Löcher entstanden sind.

 

Kritisch ist als erstes zu vermerken, dass hier nur von Möglichkeiten gesprochen wird, wie aus dem Nichts etwas Positives zugleich zusammen mit etwas Negativem entstanden sein kann. Es geht aber bei der Frage nach der Existenz eines Gottes eben nicht darum, ob eine Entstehung von Materie aus dem nichts ohne Eingreifen eines Gottes möglich ist. Die Denkmöglichkeit einer rein zufälligen Entstehung strukturierter Materie als solcher wird ja auch von den Gläubigen nicht geleugnet. Es wird vielmehr davon ausgegangen, dass die Sinne und der menschliche Verstand nicht ausreichen, um die Frage nach der Existenz Gottes eindeutig zu klären.

 

Dies bedeutet, dass weder der Beweis, dass es einen Gott gibt noch der Nachweis, dass es keinen Gott gibt, mit wissenschaftlich exakten Mitteln geführt werden kann und dass gerade deshalb eine Glaubensentscheidung notwendig wird. So ist die Annahme, dass es keinen Gott gibt, genau so ein Glaubensakt wie die Annahme, dass es einen Gott gibt. Die Denkmöglichkeit, dass aus dem Nichts ein Etwas entstanden sein kann, schließt nicht aus, dass es auch eine andere Denkmöglichkeit gibt, nämlich dass das Weltall durch einen Schöpfungsakt eines persönlichen Gottes entstanden ist. Um nachzuweisen, dass es keinen Gott gibt, reicht es nicht aus, dass man die Nichtexistenz Gottes als denkmöglich ansieht, es bedürfte dann vielmehr des Nachweises, dass eine Existenz Gottes als nicht denkmöglich angesehen werden muss.

 

Zweitens wird in dem Gedankenexperiment vom Ausheben eines Erdloches gar nicht aufgezeigt, dass aus einem Nichts ohne weiteres Zutun, also rein zufällig ein Etwas entstanden ist. In dem gezeigten Bild ist es ein Mensch, welcher das Loch gräbt und dadurch einen Hügel erzeugt. Dass also in diesem Beispiel eine positive Unebenheit aus dem Zustand einer nicht vorhandenen Unebenheit entstanden ist, war nur möglich, weil Arbeit geleistet wurde, also ist die Entstehung der Unebenheit nur durch das Wirken einer äußeren Energie entstanden. Und wenn wir das Beispiel nun auf das Ereignis des Urknalls beziehen, heißt dies, dass auch hier vorausgesetzt werden muss, dass Energie aufgewandt wurde, um aus dem Nichts an Materie schließlich eine positive Materie zu schaffen. Woher diese Energie stammt, ob es nicht ein persönlicher Gott war, der im Schöpfungsakt diese notwendige Energie aufgebracht hat, bleibt weiterhin ein ungelöstes Rätsel.

 

Drittens bleibt auch im Hinblick auf die Entstehung einer (positiven) Materie eine weitere Frage offen. In dem gewählten Beispiel kann ja der ein Loch buddelnde Mensch den Hügel nicht aus dem Nichts nur mit reiner Energie erzeugen. Wir müssen vielmehr unterstellen, dass die Materie, aus welcher der neu zu bildende Hügel besteht, bereits als Erde oder Sand vorhanden war, ohne diese schon existierende Materie hätte ja weder das Loch noch ein Hügel herbeigezaubert werden können.

 

Das Nichts, von dem das Beispiel ausgeht, bezieht sich ja nicht auf die Materie in ihrer Gesamtheit, sondern allein auf eine spezielle Eigenschaft der Materie, nämlich im Ausgangszustand vollkommen eben über den Raum verteilt zu sein und es ist nur diese Eigenschaft, dass die Materie bisher vollkommen eben oder anders ausgedrückt mit einem nichtvorhandenen Unebenheitsgrad über den Raum verteilt war, was durch dieses Experiment verändert und eine positive (wie auch eine negative) Unebenheit geschaffen wird. Nur dadurch, dass wir in diesem Gedankenexperiment Raum, Materie und Energie bereits als existent ansehen, konnten wir aufzeigen, dass aus einem Zustand des Fehlens einer Unebenheit ein anderer Zustand entstehen konnte, welcher positive wie negative Unebenheiten aufweist.

 

Hierbei kann man durchaus mit Einstein annehmen, dass Energie in Materie umgewandelt werden kann. Es kann dann eben die göttliche Energie gewesen sein, welche zum Teil durch ein göttliches Wesen in Materie umgewandelt wurde.

 

Es widerspricht auch der lange Zeit gültigen Auffassung, dass aus einem ‚Nichts‘ ein ‚Etwas‘ geschaffen werden kann, wenn man auf diese Weise die Entstehung des Weltalls als rein zufällig erklären will. Aus einem Nichts kann ja – nach bisheriger fester Überzeugung – auch nicht durch Aufwendung von Energie etwas Positives und Negatives geschaffen werden. Ein Zustand, der vielleicht bisher nicht wahrgenommen wurde, aber dann in einen positiven und negativen Zustand überführt werden kann, ist schwerlich als Nichts zu interpretieren, er war eben zunächst nur nicht wahrnehmbar, aber doch vielleicht existent.

 

Stephen Hawkings spricht davon, dass die Zeit im Augenblick des Urknalls stillsteht und noch gar nicht vorhanden ist. Dann könne es aber auch keinen Schöpfergott geben, der den Urknall ausgelöst hat. Diese Argumentation scheint mir nicht schlüssig. Die Zeit ist eine Dimension, welche allein für unseren Kosmos gilt, es ist die Überzeugung der christlichen Lehre, dass deshalb der Begriff der Zeit auch nicht auf Gott angewandt werden kann, für Gott fallen Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft genauso zusammen wie Gottes Existenz auch nicht auf einen bestimmten Raum begrenzt ist. Die räumliche und zeitliche Dimension gilt nur hier in unserem Kosmos, nicht aber für Gott. Die Tatsache, dass in unserem Kosmos stets Zeit und Raum bestehen, sagt nichts darüber aus, dass diese beiden Dimensionen auch außerhalb unseres Kosmos bestehen oder auch verschwinden und dass die Existenz eines überirdischen Wesens außerhalb unseres Kosmos von der Existenz der Zeit abhängt.

 

Stephen Hawkings geht davon aus, dass die Naturgesetze es möglich machen, aus dem Nichts durch Trennung von Positivem und Negativem Materie entstehen zu lassen. Es bleibt aber die Frage, woher denn diese Naturgesetze stammen, welche eine so gewaltige und komplizierte Maschinerie darstellen, dass nach Meinung vieler Naturwissenschaftler eine mehrere Jahrtausende währende Untersuchung abertausender Wissenschaftler nur dazu geführt hat, dass wir heute immer noch nur einen kleinen Bruchteil dieser Gesetze erklären und verstehen können.

 

Warum soll es überzeugender sein, dass solche Naturgesetze schon immer gegeben waren als die andere Denkmöglichkeit, dass eben ein vernunftbegabtes Wesen, das wir Gott nennen, mit dem Urknall auch diese Naturgesetze geschaffen hat. Es übersteigt den menschlichen Verstand, die letztliche Ursache allen Seins wissenschaftlich eindeutig zu klären.

 

Der Hinweis, dass angeblich aus dem Nichts unser Kosmos allein durch das Wirken der Naturgesetze entstanden ist, löst sofort die weitere Frage aus, was denn das Vorhandensein dieser Naturgesetze verursacht hat. Da aber diese Frage nach der Verursachung gegenüber jeder möglichen Antwort immer wieder von Neuem gestellt werden kann, gibt es niemals auf wissenschaftlichem Boden ein Ende, welches eine restlose Aufklärung des Bestehenden bringt.

 

Es ist dann mehr oder weniger willkürlich, ob man diesen Endpunkt der wissenschaftlichen Erforschung dadurch setzt, dass man postuliert, die Naturgesetze habe es immer gegeben, sie würden also nicht durch irgendetwas oder irgendwen verursacht oder ob man die letztliche Kraft, die alles bewirkt hat, aber selbst nicht verursacht wurde, bei einem vernunftbegabten Wesen sieht, das wir Gott nennen.

 

Mir scheint, dass Stephen Hawkings auch von einer allzu optimistischen Sicht über den wissenschaftlichen Fortschritt überzeugt ist. Er geht offensichtlich davon aus, dass der wissenschaftliche Fortschritt kumulativ erfolgt. Wenn wir ein Bild gebrauchen, können wir von einem Gebirgszug ausgehen, der zu Anbeginn eine schwarze Oberfläche aufweist. Die Farbe schwarz steht dafür, dass diese Flächen bisher noch nicht erforscht sind. Und der wissenschaftliche Fortschritt besteht dann bei dieser Betrachtungsweise darin, dass Schritt für Schritt die einzelnen Abschnitte dieser Landschaft erforscht werden und wir machen diesen Fortschritt dadurch kenntlich, dass die bereits erforschten Bereiche weiß eingezeichnet werden.

 

Maßgeblich ist hierbei die Überzeugung, dass ein Landstrich, der einmal erforscht ist, dies für alle Zeiten bleibt, also die weiße Farbe nicht eines Tages wiederum schwarz werden kann. Aber gerade diese Hilfshypothese über das Fortschreiten der wissenschaftlichen Erkenntnis entspricht keineswegs dem tatsächlichen Verlauf wissenschaftlichen Fortschritts. In Wirklichkeit entwickelte sich die Wissenschaft der Vergangenheit gerade dadurch, dass immer wieder ganze Teile unseres Wissensgebäudes aufgegeben werden mussten, da sie mit neueren Erkenntnissen in einen Widerspruch gerieten. So mussten z. B. wichtige bisher als unumstößlich bezeichnete Lehrsätze aufgrund der Relativitätstheorie Albert Einsteins oder der Quantenphysik Werner Heisenbergs aufgegeben werden.

 

Wenn man sich darüber klar wird, auf welchem Wege wissenschaftliche Erkenntnis entsteht, kann wissenschaftlicher Fortschritt in der Tat nur auf dem Wege entstehen, dass immer wieder ganze Teile unseres Wissensgebäudes eingerissen werden müssen. Wissenschaftliche Erkenntnis entsteht dadurch: Wir beobachten, dass ein bestimmtes Ereignis Y wiederholt bei Vorliegen eines anderen Ereignisses X auftritt. Wir stellen deshalb die Hypothese auf, dass immer dann, wenn das Ereignis X vorliegt, auch mit dem Ereignis Y zu rechnen ist.

 

Dies ist im ersten Schritt der wissenschaftlichen Erkenntnis zunächst nur eine Hilfshypothese. Wissen entsteht nun dadurch, dass wir in mehreren empirischen Untersuchungen diese These zu widerlegen versuchen, wir suchen also Beispiele, bei denen dieses gleichzeitige Auftreten beider Phänomene nicht beobachtet werden kann. Und  nur dann, wenn es uns in mehreren unabhängig voneinander geführten empirischen Untersuchungen nicht gelungen ist, diese Hypothese zu widerlegen, sprechen wir davon, dass sich diese Hypothese bewahrheitet habe, allerdings mit der wichtigen Einschränkung, dass es sich hierbei immer nur um eine vorläufige Theorie handelt, welche in Zukunft aufgrund neuerer Erkenntnisse wiederum unter Umständen aufgegeben werden muss.

 

Halten wir also fest, wissenschaftlicher Fortschritt findet weniger dadurch statt, dass die Anzahl der wissenschaftlich erwiesenen Aussagen stetig ansteigt, sondern sehr viel häufiger dadurch, dass falsche Aussagen über die Wirklichkeit ausgemerzt werden und damit der Wahrheitsgehalt der Aussagen insgesamt ansteigt.

 

Es ist auch leicht zu erklären, warum sich wissenschaftlicher Fortschritt auf diese Weise entwickelt. Wir leben in einer offenen Welt, in welcher sich die Umweltbedingungen immer wieder verändern. Wir müssen also immer damit rechnen, dass ein empirisch nachgewiesener Zusammenhang zwischen zwei Größen bisher nur deshalb nicht widerlegt werden konnte, weil bestimmte Faktoren, welche eigentlich diesen Zusammenhang verhindern, nur deshalb nicht erkannt wurden, weil sie bisher noch gar nicht aufgetreten sind und gerade deshalb in unseren Untersuchungen keine Berücksichtigung finden konnten. Wenn nun aufgrund der Dynamik unseres offenen Weltkosmos in Zukunft einmal diese Faktoren auftreten, muss die bisher als gültige und empirisch bestätigte Theorie wiederum aufgegeben werden.

 

Wenn aber dieser Vorbehalt gegenüber allen bisher als gültig geltenden Lehrsätzen der Wissenschaft gilt, dann sollte man auch etwas vorsichtiger sein  mit der Überzeugung, dass nun aufgrund einiger moderner Erkenntnisse es den Anschein hat, dass z. B. aus dem Nichts allein aufgrund des Wirkens der Naturgesetze Materie entstehen könne. Wir müssen immer mit der Möglichkeit rechnen, dass genauso wie Einstein oder Heisenberg die bisherigen Erkenntnisse der Wissenschaft in Frage gestellt hatten, eines Tages aufgrund neuerer Erkenntnisse auch diese Feststellungen wiederum aufgegeben werden müssen.

 

Im Übrigen wird ja wohl bei der Aussage, dass aus dem Nichts etwas Positives und Negatives entstehen kann, der Sinn des Begriffes ‚Nichts‘ vollkommen in sein Gegenteil umgekehrt. Nach üblichem Sprachgebrauch wird nur dann von einem Nichts gesprochen, wenn aus diesem ‚Nichts‘ auch wirklich nichts hervorgebracht werden kann.

 

Mit einigem Recht könnte man zwar vielleicht erwarten, dass bei einem Zusammenstoß zweier Dinge (einem positiven und einem negativen Teil) beide vernichtet werden und somit ein Nichts entsteht. Zwei Menschen bekämpfen sich und töten sich dabei beide. Das Ende dieses Kampfes besteht also in der Auslöschung beider Leben. Aber selbst hier ist am Ende nicht etwa ein totales Nichts entstanden, die lebende Materie wurde vielmehr lediglich in nichtlebendige Materie umgewandelt. Gläubige Menschen würden in diesem Falle auch davon sprechen, dass die Seelen dieser beiden kämpfenden Menschen weiter bestünden.

 

Aber etwas Greifbares kann eben nur dann aus einem Etwas entstehen, wenn dieses Etwas bereits in seiner Anlage die Fähigkeit besitzt, etwas Anderes hervorzubringen, in diesem Falle können wir aber nicht mehr davon sprechen, dass dieses Etwas in Wirklichkeit ein Nichts gewesen sei. Es war vielleicht ein Etwas, das zunächst gar nicht wahrgenommen werden konnte, also scheinbar nicht existierte, aber die Existenz eines Etwas hängt nicht unbedingt davon ab, dass es auch wahrgenommen werden kann. Es hat hier also nur den Anschein, dass ein Nichts vorliegt.

 

 

Fortsetzung folgt!