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Anpassen statt bewahren, das Dilemma des Christentums?

 

 

 

Gliederung:

 

1. Das Problem

2. Die Aussagen der Bibel

3. Unterscheidung Anpassen und Bewahren

4. Unterscheidung Demokratie und Glaubensgemeinschaft

5. Das Beispiel der Abtreibung

6. Das Beispiel der Flüchtlingskrise

7. Das Beispiel der Rolle der Frauen in der Kirche

8. Das Beispiel der Ehelosigkeit der katholischen Priester

 

 

 

1. Das Problem

 

Folgt man der in den öffentlichen Medien – keinesfalls nur vereinzelt, sondern als allgemeine Überzeugung – vorgetragenen  Meinung, dann sind die christlichen Kirchen, in besonderem Maße die katholische Kirche, ausgesprochen rückständig, sie folgen nach wie vor gewissen Prinzipien, die sich im Altertum und im Mittelalter gebildet haben, aber längst nicht mehr der modernen Zeit entsprechen.

 

Und obwohl gerade in den letzten Jahren, ja sogar Jahrzehnten, gravierende Fehler offensichtlich geworden seien, hielten die geistlichen Führer der christlichen Religion an diesen überkommenen Ideen fest.

 

Dieser Vorwurf geht jedoch wesentlich weiter und tiefer. Altmodisch zu sein, mag zwar ein Mangel sein, ist jedoch keineswegs in jedem Falle verwerflich. Altmodisch zu sein bedeutet in erster Linie sich selbst zu schaden. So wird darauf hingewiesen, dass es gerade diesem Umstand zu verdanken sei, wenn die Gläubigen scharenweise der Kirche den Rücken kehren und aus der Kirche austreten oder wenn nicht genügend junge Menschen gefunden werden, welche noch bereit sind, den Beruf eines Geistlichen zu ergreifen.

 

In Wirklichkeit wird den Kirchen vorgeworfen, dass sie Grundrechte der Menschen verletzen. So würden sie nicht anerkennen, dass Frauen das Recht hätten, selbst darüber zu bestimmen, ob sie die Frucht ihres Leibes austragen oder nach dem Spruch „der eigene Leib gehört der einzelnen Frau“  beseitigen  lassen.

 

Oder aber sie würden Menschen, welche in geschlechtlicher Hinsicht – wohlbemerkt auf Grund genetischer Gegebenheiten und nicht aufgrund einer freien Entscheidung – andere Neigungen aufweisen als der Durchschnitt der Menschen, das Recht verwehren, genauso wie die anderen Menschen sich zu einer Familiengemeinschaft zusammen zuschließen.

 

In diesem Zusammenhang ist es dann nur logisch, dass gerade zahlreichen Führern der katholischen Kirche der Vorwurf gemacht wird, dass sie in großem Umfang jugendliche Mädchen vergewaltigt und männliche Jungen geschlagen haben.

 

Aber stimmen diese Anschuldigungen in dieser Breite mit der Wirklichkeit überein? Der Umstand allein, dass bestimmte Vorschriften bereits im Altertum oder im Mittelalter gegolten haben, sagt nichts, überhaupt nichts, über die Berechtigung eines Grundsatzes aus.

 

Das Verbot, Menschen vorsätzlich und ohne zwingenden Grund zu töten, gilt seit eh und je und auch jemand zu bestehlen oder ihn zu betrügen, sind Verfehlungen, welche schon sehr früh als Grundsätze formuliert wurden und bis heute eingehalten werden, übrigens gleichermaßen von den unterschiedlichsten Weltanschauungen. Es reicht deshalb in keinem Falle aus, einen Grundsatz nur deshalb zu verwerfen, weil er schon längere Zeit gültig sei.

 

Aber dieser Vorwurf des Altmodischseins passt sehr gut in die heute in den öffentlichen Medien immer wieder zu beobachtende Tatsache, dass bestimmte Handlungen und Zustände als altmodisch gekennzeichnet werden, unabhängig davon, ob diese Zustände das allgemeine Wohl unserer Bürger belasten oder begünstigen.

 

So scheint auch für viele Journalisten das öffentliche Leben eine Art Spektakel zu sein, das danach beurteilt wird, ob es etwas Neues und Abwechslung bringt. So wird bei der Beurteilung der augenblicklichen deutschen Regierung und insbesondere der Bundeskanzlerin gar nicht mehr die Frage gestellt, wie sich die allgemeinen und wirtschaftlichen Verhältnisse während dieser Regierungszeit entwickelt haben, das vernichtende Urteil, das diese Regierung in der Öffentlichkeit erfährt, gründet sich vor allem darauf, dass diese Regierung nichts Neues durchgesetzt habe.

 

Es fällt weiterhin auf, dass die obengenannten Vorwürfe ganz gezielt gegen die christlichen Kirchen erhoben werden, obwohl man davon ausgehen muss, dass zumindest ein Teil dieser Vorwürfe gegen viele anderen Einrichtungen erhoben werden muss. Misshandlungen einzelner Menschen findet überall dort statt, wo Abhängigkeiten gebildet werden, bei den evangelischen Geistlichen genauso wie bei ihren katholischen Kollegen, aber auch in den unterschiedlichsten Sport- und anderen Vereinen.

 

Mit diesem Hinweis werden natürlich diese Verfehlungen keinen Deut besser, eine Vergewaltigung ist stets ein großes Verbrechen und sollte in jedem Einzelfall geahndet werden.

 

Trotzdem muss dieser Vorgehensweise vorgeworfen werden, dass die sonst bei Verfahren beachteten Grundsätze vernachlässigt werden. Auf der einen Seite wird hier einseitig ermittelt und damit der Gleichheitsgrundsatz verletzt. Auf der anderen Seite müssen Verfehlungen stets danach beurteilt werden, inwieweit sie damals gültiges Recht verletzt haben, in keinem Falle darf der Einzelne nach Gesetzen be- und verurteilt werden, welche erst später eingeführt wurden.

 

So war man bis vor wenigen Jahrzehnten generell der Überzeugung, dass Erziehung nur dann Erfolg aufweise, wenn derjenige Jugendliche, der die Regeln missachtet, bestraft und durchaus auch körperlich bestraft wird. Man war gleichzeitig der Meinung, dass körperliche Züchtigung am Gezüchteten keinen Schaden verursache.

 

In beiden Fällen wissen wir es heutzutage besser. Körperliche Züchtigung führt keinesfalls immer zum Erfolg, Ganz im Gegenteil kann diese Strafe sogar dazu führen, dass der gezüchtete Jugendliche aus einer Trotzhaltung heraus die unerwünschten Handlungen erst recht durchführt. Weiterhin müssen wir heutzutage davon ausgehen, dass körperliche Züchtigung im Einzelfall beim Gezüchteten zu erheblichen, auf Dauer anhaltenden Fehlentwicklungen führen kann.

 

 

2. Die Aussagen der Bibel

 

Bevor wir mit der Analyse unseres Problems beginnen, wollen wir uns zunächst fragen, welche Antwort denn Jesus selbst, der Begründer des christlichen Glaubens sowie seine Apostel, allen voran Paulus, gegeben hatten.

 

Zunächst hat es den Anschein, als ob Jesus in der Tat sehr wohl die Vorstellung hatte, dass man Werte, welche man bisher eingehalten hatte, zugunsten anderer Werte aufgeben sollte.

 

So sprechen die Kirchen vom Neuen Bund, den Christus mit den Jüngern geschlossen hatte und diese Wortwahl lässt vermuten, dass man damit den Alten Bund aufgeben sollte.

 

So lesen wir bei Lukas, Kapitel 22 Vers 20: ‘Ebenso nahm er nach dem Mahl den Kelch und sagte: Dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem Blut, das für euch vergossen wird‘.

 

Und Paulus bestätigt diese Sicht, indem er im Hebräer-Brief Kapitel 8, Vers 7 schreibt: ‚Wäre nämlich jener erste Bund ohne Tadel, so würde man nicht einen zweiten an seine Stelle zu setzen suchen.‘

 

Und er fährt in Vers 13 fort:  ‚Indem er (Jesus) von einem neuen Bund spricht, hat er den ersten für veraltet erklärt. Was aber veraltet und überlebt ist, das ist dem Untergang nahe.‘

 

Und im Johannes-Evangelium spricht Jesus in Kapitel 13, Vers 34-35: ‚34 Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben. Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt.‘ 

 

Aber so einfach sind die Zusammenhänge nicht. Bereits Johannes hat in seinem ersten Brief Kapitel 2,7 festgestellt: ‚Liebe Brüder, ich schreibe euch kein neues Gebot, sondern ein altes Gebot, das ihr von Anfang an hattet. Das alte Gebot ist das Wort, das ihr gehört habt.‘

 

Was Jesus tatsächlich von der Frage hielt, inwieweit der Alte Bund, den Gott mit Abraham geschlossen hatte, auch damals und damit auch heute noch gilt, geht eindeutig aus seinen Worten in seiner Bergpredigt hervor. Im Matthäus-Evangelium Kapitel 5,17-19 spricht Jesus:

 

‚17 Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben. Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen.

18 Amen, das sage ich euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird auch nicht der kleinste Buchstabe des Gesetzes vergehen, bevor nicht alles geschehen ist.

19 Wer auch nur eines von den kleinsten Geboten aufhebt und die Menschen entsprechend lehrt, der wird im Himmelreich der Kleinste sein. Wer sie aber hält und halten lehrt, der wird groß sein im Himmelreich.‘

 

Wir müssen auch bedenken, dass der sogenannte Alte Bund von dem selben Gott mit Abraham geschlossen wurde wie der sogenannte Neue Bund, wir können aber von einem Gott, der allwissend und gerecht ist, nicht erwarten, dass letzte Werte, welche in der ersten Phase der Menschheit gegolten haben, in Zukunft einmal nicht mehr gelten werden. Werte, welche Gott den ersten Menschen gegeben haben, sind immer gültige Werte, welche sich nicht mit der Zeit verbrauchen.

 

Trotz allem müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass Jesus nach Überzeugung der Kirchen nur deshalb auf die Welt gekommen ist, weil sich das jüdische Volk, vor allem auch seine religiösen Führer, nicht so verhielten, wie es Gott erwartet hatte. Und dass deshalb in der Tat der Neue Bund gegenüber dem Alten Bund wesentliche Veränderungen bringen musste.

 

Welchen Auftrag Jesus nach seiner eigenen Überzeugung in diesem Zusammenhang hatte, erfahren wir aus dem Gleichnis von den bösen Winzern, im Matthäusevangelium Kapitel 21,33-46. Dort heißt es:

 

33 ‚Hört noch ein anderes Gleichnis: Es war ein Gutsbesitzer, der legte einen Weinberg an, zog ringsherum einen Zaun, hob eine Kelter aus und baute einen Turm. Dann verpachtete er den Weinberg an Winzer und reiste in ein anderes Land.

 

34 Als nun die Erntezeit kam, schickte er seine Knechte zu den Winzern, um seinen Anteil an den Früchten holen zu lassen.

 

35 Die Winzer aber packten seine Knechte; den einen prügelten sie, den andern brachten sie um, einen dritten steinigten sie.

 

36  Darauf schickte er andere Knechte, mehr als das erste Mal; mit ihnen machten sie es genauso.

 

37 Zuletzt sandte er seinen Sohn zu ihnen; denn er dachte: Vor meinem Sohn werden sie Achtung haben.

 

38 Als die Winzer den Sohn sahen, sagten sie zueinander: Das ist der Erbe. Auf, wir wollen ihn töten, damit wir seinen Besitz erben.

 

39 Und sie packten ihn, warfen ihn aus dem Weinberg hinaus und brachten ihn um.

40 Wenn nun der Besitzer des Weinbergs kommt: Was wird er mit solchen Winzern tun?

 

41 Sie sagten zu ihm: Er wird diesen bösen Menschen ein böses Ende bereiten und den Weinberg an andere Winzer verpachten, die ihm die Früchte abliefern, wenn es Zeit dafür ist….

 

43 Darum sage ich euch: Das Reich Gottes wird euch weggenommen und einem Volk gegeben werden, das die erwarteten Früchte bringt.‘

 

Es ist klar: Der Weingutbesitzer ist Gott selbst, die Winzer sind die Menschen, vor allem die Juden. Die Knechte, welche der Weinbergbesitzer den Winzern sendet, sind die Propheten und der geliebte Sohn, den der Weinbergbesitzer schließlich zu den Winzern entsendet, ist Jesus selbst.

 

Wenn der Weinbergbesitzer die Knechte zu den Winzern schickt, damit diese den Anteil an den Früchten des Weinbergs holen, so bedeutet dies nichts anderes, als dass Gott die Menschen an die Gebote erinnern will, die er durch Moses den Menschen auferlegt hat und dass diese Entsendung notwendig wurde, da die Menschen diese Gebote immer wieder verletzt haben. Die Propheten und schließlich auch Jesus sollen den Anteil des Weinbergbesitzers an den Früchten holen und diese Früchte äußern sich darin, dass das Reich Gottes anbrechen kann.

 

Jesus wollte die überlieferten Werte nicht nur bewahren, er sah seine Aufgabe hier auf Erden sogar darin, dass er diese Grundsätze verschärfte. So klärt Jesus seine Haltung gegenüber diesen Werten  im Matthäus-Evangelium Kapitel 5,21-26 mit folgenden Worten:

 

‚Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst nicht töten; wer aber jemand tötet, soll dem Gericht verfallen sein.

 

Ich aber sage euch: Jeder, der seinem Bruder auch nur zürnt, soll dem Gericht verfallen sein; und wer zu seinem Bruder sagt: Du Dummkopf!, soll dem Spruch des Hohen Rates verfallen sein; wer aber zu ihm sagt: Du (gottloser) Narr!, soll dem Feuer der Hölle verfallen sein.

 

Aber im Grunde genommen sollen hier nicht neue Werte eingeführt werden oder die bestehenden wesentlich verschärft werden. Vielmehr geht es Jesus hierbei darum, dass die Juden zu seiner Zeit die überkommenden Gesetze nur noch nach außen hin, hier sogar bis ins Kleinste erfüllt haben, sich aber in ihrem Herzen von diesen Gesetzen abgewandt haben.

 

So heißt es bei Matthäus Kapitel 6,16-18:

 

‚Wenn ihr fastet, macht kein finsteres Gesicht wie die Heuchler. Sie geben sich ein trübseliges Aussehen, damit die Leute merken, dass sie fasten.

 

Amen, das sage ich euch: Sie haben ihren Lohn bereits erhalten. Du aber salbe dein Haar, wenn du fastest, und wasche dein Gesicht, damit die Leute nicht merken, dass du fastest, sondern nur dein Vater, der auch das Verborgene sieht; und dein Vater, der das Verborgene sieht, wird es dir vergelten.‘ 

 

Gleichzeitig erfahren wir aus den Evangelien, dass Jesus dem äußeren Anschein nach Grundsätze aufzugeben oder zumindest zu lockern scheint. Dies gilt z. B. für die Frage, wie ernst man die Fastengebote beachten solle.

 

Bei Lukas Kapitel 5,33-39 heißt es z. B.:

 

‚Sie sagten zu ihm: Die Jünger des Johannes fasten und beten viel, ebenso die Jünger der Pharisäer; deine Jünger aber essen und trinken. Jesus erwiderte ihnen: Könnt ihr denn die Hochzeitsgäste fasten lassen, solange der Bräutigam bei ihnen ist?

 

Es werden aber Tage kommen, da wird ihnen der Bräutigam genommen sein; in jenen Tagen werden sie fasten.

 

Und er erzählte ihnen auch noch ein Gleichnis: Niemand schneidet ein Stück von einem neuen Kleid ab und setzt es auf ein altes Kleid; denn das neue Kleid wäre zerschnitten und zu dem alten Kleid würde das Stück von dem neuen nicht passen.

 

Auch füllt niemand neuen Wein in alte Schläuche. Denn der neue Wein zerreißt die Schläuche; er läuft aus und die Schläuche sind unbrauchbar. Neuen Wein muss man in neue Schläuche füllen. Und niemand, der alten Wein getrunken hat, will neuen; denn er sagt: Der alte Wein ist besser.‘ 

 

Und ähnlich heißt es bei Matthäus Kapitel 12,1-8:

 

‚In jener Zeit ging Jesus an einem Sabbat durch die Kornfelder. Seine Jünger hatten Hunger; sie rissen deshalb Ähren ab und aßen davon. Die Pharisäer sahen es und sagten zu ihm: Sieh her, deine Jünger tun etwas, das am Sabbat verboten ist.

 

Da sagte er zu ihnen: Habt ihr nicht gelesen, was David getan hat, als er und seine Begleiter hungrig waren.. wie er in das Haus Gottes ging und wie sie die heiligen Brote aßen, die weder er noch seine Begleiter, sondern nur die Priester essen durften? Oder habt ihr nicht im Gesetz gelesen, dass am Sabbat die Priester im Tempel den Sabbat entweihen, ohne sich schuldig zu machen?

 

Nun mag man in der Nichtbeachtung ritueller Vorschriften etwas äußerliches sehen, das nicht den Kern des Glaubens berührt. Deutlicher lässt sich das scheinbare Abrücken gegenüber bestimmten überlieferten Gesetzen in jenem Kapitel erkennen, als die Schriftgelehrten und die Pharisäer Jesus eine Frau brachten, welche bei Ehebruch auf frischer Tat ertappt worden war. Im Johannes-Evangelium im Kapitel 8,2 - 8,11 heißt es:

 

‚Am frühen Morgen begab er sich wieder in den Tempel. Alles Volk kam zu ihm. Er setzte sich und lehrte es. Da brachten die Schriftgelehrten und die Pharisäer eine Frau, die beim Ehebruch ertappt worden war. Sie stellten sie in die Mitte und sagten zu ihm: Meister, diese Frau wurde beim Ehebruch auf frischer Tat ertappt. Mose hat uns im Gesetz vorgeschrieben, solche Frauen zu steinigen. Nun, was sagst du?

 

Mit dieser Frage wollten sie ihn auf die Probe stellen, um einen Grund zu haben, ihn zu verklagen. Jesus aber bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde. Als sie hartnäckig weiterfragten, richtete er sich auf und sagte zu ihnen: Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie.

 

Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde. Als sie seine Antwort gehört hatten, ging einer nach dem anderen fort, zuerst die Ältesten. Jesus blieb allein zurück mit der Frau, die noch in der Mitte stand.

 

Er richtete sich auf und sagte zu ihr: Frau, wo sind sie geblieben? Hat dich keiner verurteilt? Sie antwortete: Keiner, Herr. Da sagte Jesus zu ihr: Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!‘

 

Die Steinigung einer auf frischer Tat ertappten Ehebrecherin wurde ausdrücklich im Mosaischen Gesetz vorgeschrieben, sodass Jesus hier dem Augenschein nach gegen das Gesetz verstoßen hatte. Er hätte danach niemals sagen dürfen, dass auch er sie nicht verurteile.

 

Eine genauere Analyse dieser Textstelle lässt jedoch erkennen, dass auch in diesem Beispiel Jesus den hinter dieser Bestimmung stehenden Grundsatz keineswegs aufgibt, dass er sich auch hier nur gegen die Auslegung dieses Gesetzes gewandt hat.

 

Er sagte ja der Frau nicht etwa, dass ihr Ehebruch keine Sünde darstelle, nach wie vor ist für Jesus ein Ehebruch eine schwere Sünde, er sagt ja zur Ehebrecher: ‚Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!‘

 

Er macht mit seiner Haltung lediglich deutlich, dass es nach jüdisch-christlichem Glauben weniger darauf ankommt, sündiges Verhalten hier auf Erden zu bestrafen, eine gerechte Bestrafung hat jeder beim jüngsten Gericht zu erwarten. Hier auf Erden ist von größerer Bedeutung, dass einem Sünder – mag die Sünde noch so schwer gewesen sein – verziehen werden kann, sofern der Sünder nur bereit ist, die Sünde zu bereuen und in Zukunft stets bemüht ist, nicht mehr zu sündigen.

 

Genau dieser – über der Bestrafung eines Sünders bestehende – Grundsatz kommt in dem oben beschriebenen Verhalten Jesu zum Ausdruck.

 

Diese Grundhaltung und Ablehnung jeglicher oberflächlicher und heuchlerischer Gesinnung kommt auch in der Passage des Matthäus-Evangeliums zum Ausdruck, als wir in Kapitel     22,34-40 lesen:

 

‚Als die Pharisäer hörten, dass Jesus die Sadduzäer zum Schweigen gebracht hatte, kamen sie (bei ihm) zusammen.  Einer von ihnen, ein Gesetzeslehrer, wollte ihn auf die Probe stellen und fragte ihn: Meister, welches Gebot im Gesetz ist das wichtigste?

 

Er antwortete ihm: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken. Das ist das wichtigste und erste Gebot. Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz samt den Propheten.

 

Hier versucht Jesus die Vielzahl der jüdischen Vorschriften auf einen einzigen Grundsatz zurückzuführen, dass alle gesetzlichen Vorschriften letzten Endes dazu dienen, den Willen Gottes zu erfüllen und dieser besteht eben darin, dem Mitmenschen nicht zu schaden und ihm nach besten Kräften zu helfen, wenn dieser in Not geraten ist.

 

Die Auslegung der einzelnen mosaischen Gesetze besteht dann immer darin, zu fragen, bei welchem Verhalten diesem Grundsatz der Nächstenliebe am besten entsprochen wird. Wer in Not am Sabbath arbeitet, verstößt gegen diesen letztlichen Grundsatz keineswegs und der sündigen, aber reumütigen Ehebrecherin wird besser entsprochen, wenn man ihr die Möglichkeit lässt, in Zukunft nicht mehr zu sündigen. Wird sie sofort gesteinigt, hat sie diese Möglichkeit nicht mehr.

 

Dass es stets notwendig ist zu überprüfen, wie bestimmte Grundsätze im konkreten Einzelfall auszulegen sind und dass es unter Umständen genau zu dem Gegenteil des eigentlichen Sinnes  eines Grundwertes bei einer  wortwörtlichen Auslegung dieser Grundsätze führen kann, zeigt auch das Beispiel das uns Matthäus in Kapitel 19,2-12 vor Augen führt. Darin heißt es:

 

‚Da kamen Pharisäer zu ihm, die ihm eine Falle stellen wollten, und fragten: Darf man seine Frau aus jedem beliebigen Grund aus der Ehe entlassen? Er antwortete: Habt ihr nicht gelesen, dass der Schöpfer die Menschen am Anfang als Mann und Frau geschaffen hat und dass er gesagt hat: Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen und sich an seine Frau binden und die zwei werden ein Fleisch sein? Sie sind also nicht mehr zwei, sondern eins. Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen.

 

Da sagten sie zu ihm: Wozu hat dann Mose vorgeschrieben, dass man (der Frau) eine Scheidungsurkunde geben muss, wenn man sich trennen will? Er antwortete: Nur weil ihr so hartherzig seid, hat Mose euch erlaubt, eure Frauen aus der Ehe zu entlassen. Am Anfang war das nicht so.

 

Ich sage euch: Wer seine Frau entlässt, obwohl kein Fall von Unzucht vorliegt, und eine andere heiratet, der begeht Ehebruch. Da sagten die Jünger zu ihm: Wenn das die Stellung des Mannes in der Ehe ist, dann ist es nicht gut zu heiraten. Jesus sagte zu ihnen: Nicht alle können dieses Wort erfassen, sondern nur die, denen es gegeben ist.

 

Denn es ist so: Manche sind von Geburt an zur Ehe unfähig, manche sind von den Menschen dazu gemacht und manche haben sich selbst dazu gemacht – um des Himmelreiches willen. Wer das erfassen kann, der erfasse es.‘

 

Auch hier handelt es sich um eine Stelle aus dem jüdischen Gesetzgebungswerk, das eben gerade nicht immer buchstäblich angewandt werden darf. Wir erfahren hier, dass einige von Moses und anderen jüdischen Propheten und Königen erlassene Bestimmungen gerade nicht deshalb erlassen wurden, weil sie aus übergeordneten Grundsätzen heraus notwendig sind, sondern dass diese Gesetze nur deshalb, weil die letztlichen Grundwerte wegen der Unvollkommenheit der Menschen nicht durchgesetzt werden konnten, sozusagen als Ersatzlösung zugelassen wurden.

 

Viele Bestimmungen des überlieferten Kodex galten in früheren Zeiten lediglich zur Überwindung einer Notlage und es wäre nicht gerechtfertigt, diese Bestimmungen auch dann noch anzuwenden, wenn die heute vorliegenden Gegebenheiten gar nicht mehr der Ausgangssituation entsprechen.

 

In diesem Zusammenhang gilt es auch dann zu erinnern, dass Moses und die meisten Führer im altjüdischen Reich nicht nur geistliche Führer waren, sondern als Leiter der weltlichen Institutionen Gesetze erlassen haben, welche nichts mit den religiösen Grundlagen des jüdischen Glaubens zu tun haben und lediglich die Aufgabe erfüllten, konkrete politische Schwierigkeiten zu überwinden.

 

So sind insbesondere die Vorschriften zur Einschränkung von Essensgewohnheiten damit zu erklären, dass die Juden in der Wüste lebten, vor allem Schweinefleisch aßen und noch nicht die modernen Möglichkeiten der Konservierung gekannt haben. Mit den eigentlichen religiösen Grundwerten haben diese Vorschriften nichts zu tun.

 

 

3. Unterscheidung: Anpassen und Bewahrung

 

Die im vorhergehenden Abschnitt behandelten Bibeltexte zeigen uns, dass wir im Hinblick auf die Grundwerte des Christentums stets zwischen dem letztlichen Sinn eines Grundwertes und seiner Anwendung in einem konkreten Einzelfall zu unterscheiden haben.

 

Hierbei hat Jesus eindeutig klargemacht, dass die letztlichen Grundwerte des Christentums für alle Zeiten ausgesprochen wurden und dass deshalb auch nicht an ihnen gerüttelt werden darf. Die Grundsätze, welche der Gott der Juden Abraham und den Propheten auferlegt hatte, gelten deshalb auch für das Christentum. Was Gott in seiner Vollkommenheit vor vielen Jahren den Menschen auferlegt hat, ist wahr und braucht auch deshalb weder heute noch in Zukunft zugunsten anderer Werte aufgegeben werden.

 

Trotz dieser eindeutigen Haltung hat Jesus sehr wohl bei der Anwendung dieser Grundsätze deutlich gemacht, dass trotz der immer währenden Gültigkeit der letztlichen Werte bei ihrer Anwendung auf konkrete Gegebenheiten sehr wohl Änderungen gegenüber früherer Anwendungen und Auslegungen möglich, ja sogar unerlässlich sind.

 

Nur deshalb, weil die Juden lange Zeit vor Jesus Erscheinen die Sonntagsruhe in einer bestimmten Weise anders praktiziert haben, bedeutet nicht, dass diese Art Auslegung der Schrift für alle Zeiten gültig ist. Sehr wohl kann es notwendig sein, aufgrund einer veränderten Situation den immer gültigen Grundsatz heute anders als bisher auszulegen.

 

Und damit ist nicht nur darauf hingewiesen, dass die Möglichkeit und das Recht besteht, zu einer geänderten Auslegung zu kommen. Vielmehr besteht hierzu zumeist eine Notwendigkeit und wenn die Verantwortlichen dieser Notwendigkeit nicht gerecht werden und an der bisherigen, überholten Anwendung gegen besseres Wissen festhalten, versündigen sie sich gegen diese Grundsätze.

 

Vielleicht versündigen sie sich nicht in gleichem Umfang wie dann, wenn sie die Grundwerte aufgeben, aber trotzdem in erheblichem Maße, da gerade ein solches Festhalten an der konkreten der Auslegung dazu führt, dass die Gläubigen sich vom Glauben abwenden.

 

Diese strikte Unterscheidung zwischen den letztlichen Grundwerten und ihrer konkreten Anwendung im Einzelfall ist bei den christlichen oder ganz allgemein religiösen Weltanschauungen deshalb von besonderer Bedeutung, weil Christus und Gott die letztlichen Grundwerte stets in Form konkreter Anwendungen verkündet.

 

Bringen wir ein Beispiel. Im ersten Schöpfungsbericht der Genesis, Kapitel 1,28 nach der Vertreibung der ersten Menschen aus dem Paradies erfahren wir:

 

‚Gott segnete sie und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und vermehrt euch, bevölkert die Erde, unterwerft sie euch und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf dem Land regen.‘

 

Es wäre geradezu fatal, wollte man diesen Grundsatz wortwörtlich nehmen und die Menschen zu allen Zeiten dazu auffordern, sich soviel wie möglich zu vermehren, gleichgültig, ob die Vorräte dieser Welt ausreichen, diese Menschen auch zu ernähren. Ein solches Vorgehen würde zu einem Massensterben der Menschen führen, verursacht dadurch, dass sehr viele Menschen an Hunger umkämen.

 

Aber das wäre auch eine nicht berechtigte Interpretation dieser Aufforderung Gottes. Wir haben vielmehr davon auszugehen, dass Gott stets – wenn er zu den Menschen spricht – nicht als erstes, wie dies Philosophen tun würden, die obersten Wertprämissen verkündet, um dann in einem zweiten Schritt aufzuzeigen, wie dieser Grundsatz unter veränderten Bedingungen angewandt werden muss.

 

Gott spricht nicht zu Wissenschaftlern und verkündet uns auch nicht in einem ersten Schritt die obersten Grundsätze. Er nimmt vielmehr stets zu einer konkreten Situation Stellung und zeigt, was unter diesen speziellen Bedingungen geboten erscheint. Es ist dann Aufgabe der Menschen, diese Weisungen daraufhin zu überprüfen, was im konkreten Einzelfall oberster Grundsatz und was Auslegung ist. Und diese Aufgabe gilt es bei jeder erneuten Anwendung zu beherzigen.

 

Als Gott die Menschen aufforderte, sich zu vermehren, war die Erde nur von ganz wenigen Menschen bevölkert. Dies galt für den Fall, als Adam und Eva (also die ersten Menschen) aus dem Paradies vertrieben wurden. Es galt in gleicher Weise auch, als nach der Sündflut außer Noah und seinen Getreuen keine Menschen mehr auf Erden waren.

 

Und dies bedeutet, dass zu dem Zeitpunkt, als Gott diese Sätze zu den Menschen sprach, die Zahl der Menschen im Vergleich zu den möglichen Erträgen dieser Erde gering war. Also war auch nicht zu befürchten, dass eine starke Vermehrung der Menschen zu Hunger und zu Massensterben führen müsste.

 

Ganz im Gegenteil. Die Menschen bedürfen der Nachkommen, da jeder Mensch eines Tages aufgrund zunehmender Gebrechlichkeit von einem bestimmten Alter ab nicht mehr in der Lage ist, die benötigten Nahrungsmittel und andere Mittel selbst zu produzieren. Sie sind darauf angewiesen, dass diese Aufgabe ihre Nachkommen erfüllen. Ein Teil der augenblicklichen Schwierigkeiten unserer Alterssicherungssysteme beruht gerade darauf, dass auf der einen Seite die Menschen generell länger leben als in der Vergangenheit und dass auf der anderen Seite die Geburtenrate zurück gegangen ist.

 

Richtig verstanden steht hier  in der Aufforderung ‚wachset und vermehret Euch‘ das Gebot, ein akzeptables Verhältnis zwischen den vorgegebenen natürlichen Ressourcen und der Anzahl der Menschen, welche von diesen Ressourcen leben müssen, einzuhalten. Die Menschen dürfen sich nur in einem Umfang vermehren, dass auch alle Menschen von den vorhandenen natürlichen Ressourcen ernährt werden können. Und dies bedeutet, dass gegebenenfalls entweder Bemühungen notwendig sind, die natürlichen Vorräte zu vermehren oder aber Zurückhaltung bei der Vermehrung der Menschen zu üben.

 

Nur am Rande soll hier vermerkt werden, dass aufgrund dieser Erkenntnis keineswegs bereits alle Mittel gebilligt werden, um entweder die natürlichen Ressourcen zu vermehren oder die Zahl der Geburten zu reduzieren.

 

Auch bei diesen beiden Aufgaben muss stets sichergestellt werden, dass nicht andere Grundwerte verletzt werden. Bei dem ersuch, die Nahrungsmittelproduktion auszuweiten, muss stets vermieden werden, dass dieses Ziel nicht auf Kosten der zukünftigen Generationen erreicht wird. Die natürlichen Ressourcen müssen auch den zukünftigen Generationen zur Verfügung stehen. In gleichem Maße können die Bemühungen, die Geburtenrate zu senken, unter Umständen andere Grundwerte verletzen.

 

 

4. Unterscheidung Demokratie und Glaubensgemeinschaft

 

Eine weitere Unterscheidung ist in unserem Zusammenhang von Bedeutung. Vergleichen wir hierzu ein demokratisch geführtes Gemeinwesen mit einer Religionsgemeinschaft.

 

In einer Demokratie gilt der Wille des Volkes. Der Wille des Volkes kann sich jedoch mit der Zeit verändern. Es gibt keinen Grund, einen bestimmten Wandel im Willen des Volkes als solchen zu verurteilen.

 

Natürlich sind auch in einer Demokratie der Bevölkerung Grenzen gesetzt. Diese Grenzen schreibt die Verfassung der demokratischen Staaten vor. So müssen auf der einen Seite bestimmte Spielregeln eingehalten werden, die auch dann nicht aufgehoben werden dürfen, wenn eine überwältigende Mehrheit der Wähler dies gern tun würde.

 

Hierzu zählt auch die Bestimmung, dass die Wahlen zum Parlament frei und geheim zu erfolgen haben, dass zur Vermeidung von Machtmissbrauch die Gewaltenteilung zwischen Exekutive, Legislative und Rechtsprechung eingehalten werden muss, dass alle Bürger vor dem Gesetz gleich behandelt werden müssen.

 

Auf der anderen Seite werden im Rahmen der Menschenrechte jedem Mitglied der Gemeinschaft bestimmte Mindestrechte zugesprochen, welche auch nicht mit einer überwältigenden Mehrheit verletzt werden dürfen. Hierzu zählt insbesondere die Wahrung der Menschenwürde, das Verbot, ein Mitglied der Gemeinschaft wegen seines Glaubens, seines Geschlechts seiner Herkunft zu diskriminieren.

 

Trotz dieser Beschränkungen bleibt in einer Demokratie der Spielraum für Veränderungen auch in der Gültigkeit der Grundwerte ein beachtlicher Spielraum.

 

Ganz anderes gilt für eine Religionsgemeinschaft, insbesondere für das Christentum. Hier definiert sich die Religionsgemeinschaft durch seine Grundwerte, welche für alle Zeiten gültig sind.

 

Wir haben gesehen, dass die Auskunft, welche uns Christus selbst gegeben hat, in dieser Frage eindeutig ist. Sinngemäß steht in der Bibel: Ich bin nicht gekommen, den Alten Bund, den Gott mit Abraham geschlossen hatte, zu beenden und einen neuen Bund zu schließen. Jeder einzelne Grundsatz bleibt in alle Ewigkeit bestehen und verdammt ist derjenige, welcher solche Änderungen an diesen Grundwerten vorzunehmen versucht.

 

Wir haben aber auch gesehen, dass dieses unbedingte Festhalten an den Grundwerten keineswegs bedeutet, dass keinerlei Änderungen in den Bestimmungen einer Glaubensgemeinschaft beschlossen werden dürfen.

 

Jesus selbst hat wiederholt –  z. B. bei der Frage der Einhaltung der Sabbatruhe  oder bei der Frage der Steinigung einer beim Ehebruch ertappten Frau – gezeigt, dass es gerade nicht darauf ankommt, die Gesetze, welche zumeist bereits die Anwendung eines übergeordneten Grundwertes darstellen, buchstabengetreu zu befolgen, sondern dem Sinn dieses Gebotes – und dies bedeutet dem letztlichen, immer gültigen Grundsatz entsprechend – zu handeln.

 

Wir haben gesehen, dass diese Unterscheidung im Christentum – aber nicht nur dort – deshalb von besonderer Bedeutung ist, weil Gott nicht wie ein Wissenschaftler an den Anfang seiner Verkündung die obersten Grundsätze stellt, um dann von ihnen die jeweiligen Anwendungen abzuleiten.

 

Vielmehr offenbart sich Gott in aller Regel in der Weise den Menschen, dass er zu ganz konkreten Situationen spricht, also bereits die Anwendung eines Grundwertes in einer konkreten Situation vornimmt. Und aus diesem Umstand ergibt sich die Notwendigkeit stets zu überprüfen, auf welchem Wege diese Grundsätze angewandt werden können. Es reicht nicht die Worte Gottes – in einer konkreten Situation ausgesprochen – wortwörtlich zu erfüllen.

 

Und wenn man dann trotzdem im Einzelfall keinerlei Anpassung an die konkrete Situation vornimmt, versündigt man sich in zweierlei Weise gegen Gottes Gebot. Auf der einen Seite erreicht man nicht das Ziel, um dessen Willen der oberste Grundsatz aufgestellt wurde, man entfernt sich von dem Ziel.

 

Auf der anderen Seite trägt man durch dieses Festhalten an der überkommenen Anwendung dazu bei, dass sich immer mehr Menschen vom Glauben abwenden, nicht weil sie nicht mehr willens sind, Gottes Gebote zu erfüllen, sondern weil sie zweifeln, ob die Kirchenbehörden immer noch den wahren Glauben verkünden.

 

Halten wir fest: Eine Religionsgemeinschaft definiert sich stets durch seine obersten Grundwerte. Wer nur eine dieser Grundwerte aufgibt, gibt damit den christlichen Glauben auf, er ist eben dann kein wahrer Christ mehr.

 

Dies bedeutet allerdings nicht, dass wir diesen abtrünnigen Menschen verfolgen, auch noch nicht einmal verabscheuen müssen. Auch hier hat uns Jesus gezeigt, dass diese Menschen der Beachtung und Zuwendung bedürfen, schließlich ist Gott in Jesu Gestalt auf die Erde gekommen, nicht um die verirrten Juden zu bestrafen, sondern um ihnen die Möglichkeit zu geben, zur Wahrheit zurückzufinden.

 

In diesem Sinne hat der Papst Franziskus auch angemahnt, Menschen, welche den Glauben oder auch nur Teile des Glaubens aufgegeben haben, trotzdem als Brüder zu behandeln.

 

 

5. Das Beispiel der Abtreibung

 

Wenden wir uns nun einem ersten Beispiel zu, um die theoretischen Schlussfolgerungen des ersten Teils dieses Artikels anzuwenden.

 

In der öffentlichen Diskussion wird das Recht auf Abtreibung als Teil der Emanzipation der Frauen verstanden, es ist sozusagen der Schlussstrich der allgemeinen Forderung, dass Frauen selbst bestimmen dürfen, wie sie ihr Leben einrichten, hierzu zähle auch das Recht, dass die Frau und allein sie und nicht etwa auch der Mann darüber befinde dürfe, was mit ihrer Leibesfrucht zu geschehen habe.

 

In Wirklichkeit geht es aber bei der Abtreibung überhaupt nicht um die Forderung, dass Frauen das gleiche Recht wie Männern eingeräumt wird. Wenn die christlichen Kirchen eine Abtreibung generell ablehnen, dann gilt diese Ablehnung gleichermaßen für alle Bürger. Auch der Mann, der ja am Zustandekommen eines Kindes beteiligt war, darf sich nach Meinung der christlichen Kirchen keinesfalls für eine Abtreibung aussprechen.

 

Bei der Abtreibungsdebatte geht es vielmehr allein um die Frage, ob die Abtötung der Leibesfrucht als Mord zu verstehen ist, wer für die Abtreibung ist, geht von der Überzeugung aus, dass ein essentieller Unterschied besteht, ob das allgemein anerkannte Tötungsverbot nur für bereits geborene Lebewesen gilt oder auch bereits für das heranwachsende Lebewesen im Mutterleib.

 

Für die Befürworter einer Abtreibung beginnt sozusagen das menschliche Leben erst mit der Geburt, während die Abtreibungsgegner die Abtreibung nur deshalb ablehnen, weil sie davon überzeugt sind, dass das menschliche Leben sehr viel früher, eben nicht erst mit der Geburt, beginnt.

 

Es ist klar, dass diese unterschiedlichen Auffassungen über den Beginn menschlichen Lebens zu großen Unterschieden in der Beantwortung der Frage führen, ob eine Abtreibung erlaubt ist oder nicht.

 

Wer davon überzeugt ist, dass das menschliche Leben eben nicht erst mit der Geburt beginnt, muss notwendiger Weise die Abtreibung für eine bewusst herbeigeführte Tötung eines Menschen halten und diese konsequenter Weise entschieden ablehnen.

 

Nach allgemeinem Verständnis ist eine beabsichtigte Tötung im Allgemeinen nicht erlaubt, eine Berechtigung für eine bewusst herbeigeführte Tötung gibt es nur in wenigen Ausnahmefällen, dann nämlich, wenn eine Person erstens von einer anderen Person angegriffen wird, wenn zweitens dieser Angriff das Leben des Angegriffenen ernsthaft bedroht und wenn schließlich drittens eine Abwehr nur dadurch möglich ist, dass der Angreifer getötet wird.

 

Keine dieser drei Voraussetzungen sind bei der Abtreibung gegeben. Das ungeborene Kind greift die Mutter nicht an, das Leben der Mutter ist nur in sehr seltenen Fällen bei der Geburt bedroht und es gibt sehr wohl Möglichkeiten, diese Bedrohungen auf anderem Wege als über eine Abtreibung zu verhindern.

 

Wer allerdings davon überzeugt ist, dass das menschliche Leben erst mit der Geburt beginnt, kommt zu einer ganz anderen Beurteilung der Abtreibung. Es geht hier ja annahmegemäß nicht um eine bewusst herbeigeführte Tötung von Leben, das Leben beginnt bei dieser Interpretation erst nach der Geburt.

 

In diesem Falle hängt die Beantwortung der hier zu erörternden Frage von ganz anderen Überlegungen ab. Sicherlich ist dann, wenn ein Kind von den Eltern gar nicht gewollt wurde, für beide Teile, sowohl für die Eltern wie auch für das Kind, das Leben nach der Geburt mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden.

 

Die Pflege eines Kindes vor allem in den ersten Jahren nach der Geburt ist mit ganz erheblichen Einschränkungen der Eltern verbunden, welche oftmals auch die berufliche Weiterbildung verhindert oder zumindest erschwert.

 

Aber auch für das Kind ist in diesem Falle die Situation mit negativen Folgen verbunden, es kann sehr wohl bezweifelt werden, ob in diesem Falle eine befriedigende Erziehung überhaupt möglich ist. Gerade in den beiden ersten Jahren besteht die wichtigste Aufgabe der Erziehung darin, beim Kind ein Urvertrauen zu schaffen, ohne das der Heranwachsende sich später nur sehr schwer in die allgemeine Gesellschaft eingliedern kann.

 

Diese Aufgabe erfordert von den Eltern einen sehr hohen Einsatz, der ernsthaft in Frage gestellt ist, wenn das Kind von den Eltern gar nicht gewollt ist. Dies bedeutet also, dass immer dann, wenn man in der Abtreibung keine bewusste Tötung eines menschlichen Lebens sieht, dann sehr wohl die Abtreibung in den Fällen, in denen die Eltern das Kind gar nicht wünschen, eine verständliche Lösung darstellt.

 

Wie man also eine Abtreibung beurteilt, hängt entscheidend von der Beantwortung der Frage ab, von welchem Augenblick an das menschliche Leben beginnt.

 

Die Beantwortung dieser Frage ist vor allem deshalb so schwierig, da sich der Entwicklungsprozess eines Menschen, aber auch jedes anderen Lebewesens, über eine lange Zeitperiode hinzieht. Man kann nicht davon sprechen, dass dieser Prozess in einem ganz bestimmten Zeitpunkt, etwa der Geburt, abgeschlossen ist.

 

Ein neugeborenes Kind ist für sich allein gelassen noch lebensunfähig, es würde ohne Hilfe der Erwachsenen mit Sicherheit umkommen. In diesem Punkt unterscheidet sich das neugeborene Kind in keinster Weise von dem Kind im Mutterleib unmittelbar vor der Geburt. Die Geburt als solche ist ungeeignet, etwas über die Lebensfähigkeit eines Menschen auszusagen.

 

Natürlich mag es richtig sein, dass die Leibesfrucht unmittelbar nach der Zeugung nur wenige Merkmale eines späteren Menschen aufweist. Da aber der Prozess der Menschwerdung eines einzelnen Menschen kontinuierlich ist, wäre es willkürlich, wollte man einen bestimmten Zeitpunkt nach der Zeugung als Beginn menschlichen Lebens bezeichnen.

 

Es ist deshalb konsequent, dass man den Beginn menschlichen Lebens dort ansetzt, wo alles beginnt, dann nämlich, wenn eine männliche Samenzelle und eine weibliche Eizelle zusammen geführt werden.

 

Dieses neue Leben unterscheidet sich eindeutig von den Erzeugern, da das neue Leben Gene sowohl von der Mutter wie auch vom Vater enthält. Und da sich die Gene mit wenigen Ausnahmen bei jedem Menschen unterscheiden, ist auch das Neugeborene Lebewesen von den Eltern unterschieden. Es kommt noch hinzu, dass bei der Vereinigung von Samen- und Eizellen willkürliche Veränderungen, sogenannte Mutationen auftreten, welche zusätzlich dazu beitragen, dass sich das neu entstandene Lebewesen von seinen Eltern unterscheidet.

 

Aber auch dann, wenn man den Beginn eines neuen Lebens von dem Zeitpunkt der Vereinigung von Samen- und Eizellen festlegt  und deshalb notwendiger Weise eine Abtreibung als nicht erwünscht ansehen muss, bleibt natürlich bestehen, dass die Geburt ungewollter Kinder erhebliche Probleme mit sich bringt, wenn die ungewollten Kinder von ihren leiblichen Eltern erzogen werden müssen.

 

Aber auch dann, wenn man eine Abtreibung für unerwünscht hält, bedeutet dies keinesfalls, dass die Kindererziehung in allen Fällen bei den leiblichen Eltern erfolgen muss. Da wie oben erwähnt der Erziehungserfolg davon abhängt, ob die Eltern auch bereit sind, die zahlreichen mit der Erziehung verbundenen Strapazen und Unannehmlichkeiten auf sich zu nehmen, wäre es sinnvoll, in diesen Ausnahmefällen (dass also Kinder von ihren leiblichen Eltern nicht gewollt sind) die Erziehung der Kinder Pflegeeltern zu übertragen.

 

Es ist zwar richtig, dass der Umstand, dass ein Kind von den leiblichen Eltern erzogen wird, im Allgemeinen bei den Eltern, insbesondere bei der Mutter eine hohe Bereitschaft erzeugt, Mühen und Unannehmlichkeiten zu ertragen. Aber auf der anderen Seite sind auch viele Pflegeeltern zu ähnlichen Anstrengungen bereit, da sie oftmals wegen Geburtsunfähigkeit der Frau oder der Zeugungsunfähigkeit des Mannes keine eigenen Kinder zur Welt bringen können, aber trotzdem von dem Wunsch beseelt sind, Kinder zu haben und zu erziehen.

 

 

6. Das Beispiel der Flüchtlingskrise

 

Wenden wir uns einem zweiten Beispiel zu: der Flüchtlingskrise. Hier entspricht es einer in den öffentlichen Medien verbreiteten Meinung, dass es ein eindeutiger Rechtsbruch war, als die Bundeskanzlerin 2015 bereit war, eine größere Zahl von Flüchtlingen, welche an der Grenze zu Österreich standen, mit Absprache der österreichischen Regierung ins Land zu lassen und dass sie dann diese rechtswidrige Handlung auch noch dadurch zu verteidigen suchte, dass sie öffentlich bekannt gab, dass wir diesen Schritt auch schaffen könnten.

 

Die Behauptung, dass sie damit einen Rechtsbruch begangen habe, entspricht nicht der Wirklichkeit, auch wenn diese Behauptung in der Öffentlichkeit immer wieder behauptet wird. Entsprechend dem Schengener Abkommen wurden nämlich die Binnengrenzen innerhalb der Europäischen Gemeinschaft aufgehoben. Deutschland hat aber gegenüber Österreich keine Außengrenzen.

 

Hierbei handelte es sich keineswegs um ein wenig bedeutungsvolles Gesetz, das jederzeit wieder zurückgenommen werden kann, es war vielmehr wichtigster Teil der in der Europäischen Gemeinschaft gültigen vier Freiheiten (Handelsfreiheit, Reisefreiheit, Freizügigkeit sowie freier Kapitalverkehr).

 

Wenn also vor einigen Jahren dieses Abkommen teilweise und vorübergehend suspendiert wurde, dann waren eigentlich eher diese Schritte der zeitweisen Suspendierung regelwidrig, als die Tatsache, dass den Flüchtlingen damals eine Einreise gewährt wurde.

 

Darüber hinaus werden in der Öffentlichkeit immer wieder zwei recht unterschiedliche Problemgruppen miteinander vermengt: Ein Problem besteht darin, ob man Flüchtlingen, welche in ihrer Heimat verfolgt wurden und unter schweren Strapazen nach Europa gewandert sind, Asyl gewähren soll, ein vollkommen anderes Problem besteht in der Frage, welche Vorkehrungen notwendig sind, um zu verhindern, dass die Europäischen Staaten auf Dauer Flüchtlinge in einem solchen Umfang aufnehmen müssen, welcher die europäischen Staaten überfordern würde.

 

Bei der umstrittenen Handlung der Bundeskanzlerin ging es allein um das erstgenannte Problem. Eigentlich ist auch hier die Sachlage eindeutig: Das Grundgesetz sowie die Ordnung der Europäischen Gemeinschaft und der Menschenrechtskonvention verlangen eindeutig, dass politisch Verfolgten Asyl gewährt werden muss.

 

Hier in diesem Artikel geht es in erster Linie um die Frage, welche Antwort von Seiten der christlichen Religion zu geben ist. Auch hier müsste eigentlich die Antwort klar ausfallen.

 

Für Christen gilt das Gebot der Nächstenliebe, nachdem jeder Christ verpflichtet ist, anderen Menschen, welche in Not geraten sind, mit allen Kräften zu helfen, auch dann, wenn diese Hilfe eine vorübergehende Einschränkung unseres eigenen Lebens bedeuten würde.

 

Hierbei handelt es sich jedoch keineswegs um ein unbedeutendes Gebot, das man auch ohne Bedenken einmal übertreten kann. Als Jesus das Gleichnis vom barmherzigen Samariter vortrug und die Verpflichtung zur Nächstenliebe erklärte, wurde er immerhin nach dem wichtigsten Gebot des Christentums überhaupt gefragt, er sprach davon, dass alle Vorschriften des Christentums letzten Endes auf die Gottesliebe sowie auf die Nächstenliebe zurückgeführt werden könnten. Er fügte hinzu, dass das Gebot der Nächstenliebe genauso bedeutungsvoll wie das Gebot der Gottesliebe sei.

 

Wie gerade dieser letzte Satz zu verstehen ist, geht aus dem Gleichnis vom Weltgericht hervor (Matthäus 25,34-45):

 

‚Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid, nehmt das Reich in Besitz, das seit der Erschaffung der Welt für euch bestimmt ist. Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen;

ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen.

 

Dann werden ihm die Gerechten antworten: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und dir zu essen gegeben, oder durstig und dir zu trinken gegeben? Und wann haben wir dich fremd und obdachlos gesehen und aufgenommen, oder nackt und dir Kleidung gegeben? Und wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen?

 

Darauf wird der König ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.

 

Dann wird er sich auch an die auf der linken Seite wenden und zu ihnen sagen: Weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel bestimmt ist! Denn ich war hungrig und ihr habt mir nichts zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir nichts zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich nicht aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir keine Kleidung gegeben; ich war krank und im Gefängnis und ihr habt mich nicht besucht.

 

Dann werden auch sie antworten: Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig oder obdachlos oder nackt oder krank oder im Gefängnis gesehen und haben dir nicht geholfen?

 

Darauf wird er ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan.‘

 

Wer es also ablehnt, den hilflosen Flüchtlingen zu helfen und fordert, dass sie notfalls mit Waffengewalt an der Einreise in die Europäische Gemeinschaft gehindert werden müssen, verletzt damit das wichtigste christliche Gebot. Mit Recht haben die beiden Vorsitzenden der katholischen und protestantischen Kirchen Deutschlands darauf hingewiesen.

 

Auch die Kritik an der damals geäußerten Meinung der Bundeskanzlerin, wir schaffen das, hat sich nicht bewahrheitet. Wir haben es ohne größere Beeinträchtigung der wirtschaftlichen Wohlfahrt geschafft, weder die Zahl der Beschäftigten noch das Pro-Kopf-Einkommen der Bevölkerung ist in diesen Jahren zurückgegangen.

 

Es ist weiterhin unbestritten, dass Deutschland genauso wie die anderen Länder der Europäischen Gemeinschaft überfordert wäre, wenn auch in Zukunft Jahr für Jahr Millionen von Flüchtlingen in die Europäische Gemeinschaft einwandern würden. Und hieraus folgt, dass selbstverständlich alle Anstrengungen vorgenommen werden müssen, um zu verhindern, dass dieser Zuzug auch in den folgenden Jahren anhält.

 

De facto hat die Regierung auch solche Anstrengungen sofort eingeleitet, so etwa in dem Abkommen mit der Türkei, das unbestritten zu einer beachtlichen Reduzierung des Flüchtlings-stroms geführt hat. Merkwürdiger Weise wurden gerade diese Bemühungen kritisiert.

 

Natürlich muss man auch bedenken, dass die vollkommen unvorbereitete Aufnahme eines so großen Flüchtlingsstroms notwendiger Weise mit zahlreichen Pannen verbunden ist. Natürlich ist es bedauerlich, dass sich in den Flüchtlingsstrom auch Menschen wie Terroristen eingeschlichen haben, natürlich haben Terroristen die Gelegenheit benutzt, als Flüchtlinge getarnt in die Europäische Gemeinschaft einzudringen, ohne die bisher strengen Grenzkontrollen über sich ergehen zu lassen.

 

Auch ist es durchaus verständlich, dass den Behörden bei der Überprüfung der Berechtigung zu einem Asyl zahlreiche Fehler unterliefen, schließlich stand die Anzahl zur Verfügung stehenden Beamten und Angestellten der zuständigen Behören in keinem Verhältnis zu der großen Anzahl der Antragsteller und selbstverständlich war bei dem Versuch, die Zahl der Angestellten dieser Behörden möglichst schnell aufzustocken, der eine oder andere der Neueingestellten der Aufgabe nicht gewachsen.

 

Man kann der Bundesregierung in diesem Zusammenhang vielleicht den Vorwurf machen, dass sie in diese Richtung zu wenig unternommen hat oder unter Umständen weniger geeignete Maßnahmen ergriffen hat. Trotzdem muss anerkannt werden, dass die Bundesregierung zu keiner Zeit die Absicht hatte, auch für die weitere Zukunft die Grenzen für Flüchtlinge unbegrenzt offen zu halten und dass sie nicht sofort darum bemüht war, die Ursachen für diesen Flüchtlingsstrom zu bekämpfen.

 

Auch für einen Christen bedeutet das Gebot der Nächstenliebe keineswegs, dass er darauf verzichten müsse, geeignete Maßnahmen zu ergreifen, um in Zukunft die Zahl der Asylanten drastisch zu verringern. Wer die Ursachen dafür, dass Menschen verfolgt werden oder aus Gründen der Armut nach Europa fliehen, bekämpft, verbessert auch die Lage der Menschen, welche heute noch der Flucht bedürfen und entspricht auf diese Weise ebenfalls dem Gebot der Nächstenliebe.

 

 

7. Das Beispiel der Rolle der Frauen in der Kirche

 

Als drittes Beispiel wollen wir uns nun mit dem Vorwurf befassen – und er gilt im Gegensatz zu den beiden ersten Beispielen allein für die katholische Kirche –, dass die Kirche in der Frage, ob auch Frauen Geistliche werden können, als besonders rückständig angesehen wird.

 

Dieser Vorwurf wird als besonders gravierend angesehen, weil auf der einen Seite auch hier angeblich die Kirche die Emanzipation der Frauen verneine, weil aber auch auf der anderen Seite die protestantische Kirche in dieser Frage weniger rückständig sei und Frauen sehr wohl bis in die höchsten Ämter Zutritt gestatte.

 

Da gerade die Protestanten  – welche ja auch als evangelisch bezeichnet werden – besonderen Wert darauf legen, ihre Wahrheiten auf das Evangelium zurückzuführen, müsste es doch eigentlich auch der katholischen Kirche möglich sein, anzuerkennen, dass die geistlichen Ämter allen  Gläubigen offenstehen sollten, also auch den Frauen. Auch für das katholische Glaubensbekenntnis gelte schließlich, dass vor Gott alle Menschen gleich seien.

 

Im Allgemeinen wird diese Haltung der katholischen Kirche damit begründet, dass auch sämtliche Apostel, welche Jesus selbst ausgewählt habe, Männer waren und dass deshalb Jesus selbst durch seine Wahl der Apostel zum Ausdruck gebracht habe, dass die Ämter der Geistlichen nur den Männern vorbehalten seien. Nirgends sei im Neuen Testament die Rede, dass auch Frauen die Nachfolge der Apostel übernehmen sollten.

 

Bei der Interpretation dieser Frage gilt es allerdings zweierlei  zu berücksichtigen. Jesus lebte in einer patriarchal bestimmten Gesellschaft und die uns überlieferten vier Evangelien sind erst Generationen nach Jesu Tod entstanden.

 

Zunächst einige Worte zu der patriarchal gestalteten Gesellschaft zur Zeit Jesu. Unter Patriarchalismus versteht man eine Gesellschaftsordnung, bei welcher eine klare geschlechtsbezogene Arbeitsteilung besteht. Die Frau übernimmt die im Haushalt anfallenden Aufgaben, insbesondere auch die Erziehung der heranwachsenden Kinder, während der Mann für den Lebensunterhalt und damit für die außer Haus anstehenden Aufgaben verantwortlich ist.

 

Nun hatte diese ursprüngliche Arbeitsteilung nichts mit einer Diskriminierung von Frauen zu tun. Wir müssen uns vergegenwärtigen, dass der Patriarchalismus in der Heimat Jesu wie der Name bereits andeutet, zur Zeit der Patriarchen Abraham, Isaak und Jakob entstanden ist.

 

Im Hinblick darauf, dass in der damaligen Zeit die Frau in der Regel allein für den Haushalt zuständig war, sollten wir uns vergegenwärtigen, dass nach der Überlieferung des Alten Testamentes Gott Abraham eine Nachkommenschaft zahlreich wie die Sterne am Himmel oder die Sandkörner in der Wüste versprochen hatte, Abraham aber auch im Alter von etwa 70 Jahren, also in einen Zeitpunkt, indem üblicher Weise ein Mann gar nicht mehr zeugungsfähig war, keinen einzigen Nachkommen gezeugt hatte.

 

In einer solchen Zeit waren die im Haushalt anfallenden Aufgaben viel wichtiger als die vom Mann zu verrichtenden Arbeiten außerhalb des Hauses. Noch war die Ernährungsgrundlage wegen Knappheit nicht ernsthaft gefährdet und der Besitz der einzelnen Familien wurde auch noch nicht allgemein von Fremden streitig gemacht.

 

Dies bedeutet, dass in den Anfängen der jüdischen Gesellschaft trotz oder vielleicht sogar wegen der geschlechtlichen Arbeitsteilung die Frau eher die für das Überleben der Gemeinschaft wichtigere und wertvollere Arbeit zu erledigen hatte, von einer allgemeinen Diskriminierung der Frau konnte zu dieser Zeit also nicht geredet werden.

 

Anzeichen einer verbreiteten Diskriminierung stellten sich erst viel später ein, als auf der einen Seite die jüdische Bevölkerung schnell anstieg und auf der anderen Seite der Boden immer weniger Früchte hergab und eben aus diesen Gründen gleichzeitig

die Bedrohung durch äußere Feinde immer größer wurde. Diese Entwicklung wertete automatisch die Rolle des Mannes auf, die der Frau hingegen ab. Trotzdem wurde bis zur Neuzeit die patriarchale Ordnung weitgehend beibehalten.

 

Nun einige Worte zu der Tatsache, dass die uns überlieferten vier Evangelien erst etwa zwei Generationen nach Jesu Leben aufgeschrieben wurden. Dies bedeutet, dass die Worte Jesu zu-nächst mündlich weitergegeben wurden. Es gab keinen Mitschnitt der Predigten Jesu noch beglaubigte, wortwörtliche Protokolle.

 

Nun wissen wir, dass sich immer dann, wenn bestimmte Informationen allein mündlich weitergegeben werden, der Inhalt dieser Mitteilungen mit der Zeit verändert. Es werden Passagen ausgelassen, ohnehin ist es nicht möglich, alle Äußerungen Jesu weiterzugeben, man hat auszuwählen und bei dieser Auswahl besteht durchaus die Gefahr, dass der eine oder andere auch Reden und Ereignisse verschweigt, weil er sie für weniger wichtig ansieht, dass sich jedoch später herausstellt, dass gerade diese Ereignisse von Bedeutung waren.

 

Gleichzeitig sehen sich die einzelnen Informanten auch immer wieder veranlasst, die Ereignisse auszuschmücken und auf diese Weise Passagen zu erfinden, die in dieser Art gar nicht stattgefunden haben, nicht unbedingt aus boshafter Absicht, sondern in dem festen Glauben, auf diese Weise die Verbreitung des christlichen Glaubens zu stärken.

 

In Anbetracht dieser Sachlage wäre es nur verständlich, wenn die Ereignisse um Jesu unter der patriarchalen Brille weitergegeben wurden und vor allem die Rolle der Männer bei der Verkündigung des Glaubens unterstrichen wurde und dass umgekehrt die Rolle, welche Frauen um Jesu herum tatsächlich gespielt hatten, als weniger bedeutungsvoll weggelassen wurde.

 

Auch muss man sich darüber im Klaren sein, dass es in einer patriarchal geführten Gesellschaft den Männern viel leichter als den Frauen fällt, ihren Beruf vorübergehend aufzugeben und als Jünger Jesu zu folgen, während die Frauen nach wie vor zuhause benötigt werden, um die Kinder zu erziehen und die älteren nicht mehr berufsfähigen Eltern und Verwandten mit zu betreuen. Dies gilt vor allem für die Familien, welche bereits einen gewissen Reichtum erzielt haben und es verschmerzen konnten, wenn die Erwerbstätigkeit des Mannes vorübergehend ausfällt.

 

Untersucht man die vier Evangelien etwas genauer, so fällt sogar auf, dass trotz der patriarchalen Ordnung der damaligen Zeit besonders häufig, vor allem im Lukas-Evangelium, über die Rolle einzelner Frauen berichtet wird.

 

So wird Judas, der für die Kasse der Jünger verantwortlich war, von Jesus zurecht gewiesen, als er die Salbung der Martha damit kritisierte, dass man das Geld für die teueren Salben besser für Arme hätte verwenden können.

 

Vor allem aber ist es höchst verwunderlich, dass sich Jesus nach seiner Auferstehung als erstes drei Frauen, nämlich Maria Magdalene, Johanna und Maria, der Mutter des Jakobus  zu erkennen gab, man hätte eigentlich erwarten müssen, dass sich Jesus nach seiner Auferstehung zunächst Petrus offenbart, dem Jesus doch nach der Überlieferung die ‘Schlüssel zur Leitung der Gläubigen‘ übergeben hatte.

 

In Anbetracht der damals noch gültigen patriarchalen Ordnung wird also in den Evangelien der Frau sogar eine beachtlich große Bedeutung zugewiesen. Und dies bedeutet, dass man die Frage, inwieweit auch Frauen in der katholischen Kirche geistliche Ämter übernehmen können, nochmals überdenken sollte, dass eigentlich aus dem Text der Evangelien nicht eindeutig gefolgert werden kann, dass Frauen der Beruf eines Geistlichen verwehrt werden muss.

 

Wenn nämlich gerade nicht aus den Bibelstellen geschlossen werden kann, dass Frauen diese Ämter verwehrt werden müssen, dann kommt ein anderer, genauso wichtiger oder sogar wichtigerer Grundsatz des Christentums zum Tragen, dass nämlich vor Gott alle Menschen gleich sind. Und dann muss eine Entscheidung hinterfragt werden, welche einen Teil der Menschen – die Frauen – von bestimmten Ämtern ausschließt, und diese Entscheidung damit begründet, dass Frauen ganz allgemein für dieses Amt nicht geeignet seien.

 

Aber gerade eine solche Begründung ist nur schwer denkbar, warum sollten Frauen für einen Beruf als geistlicher Führer des Christentums weniger geeignet sein als Männer? Eine sachgerechte Lösung wird eher dadurch erzielt, dass das Geschlecht eines Menschen bei der Übertragung von Ämtern keine Rolle spielt.

 

 

8. Das Beispiel der Ehelosigkeit der katholischen Priester

 

Als letztes Beispiel möchten wir die Frage untersuchen, inwieweit es notwendig oder auch erwünscht ist, dass Geistliche nicht heiraten dürfen. Wie wir bereits oben erwähnt haben, gilt dieses Verbot nur für die katholische Kirche, nicht für die Protestanten, bei den Protestanten können Geistliche sehr wohl heiraten und sie tun die auch in starkem Maße.

 

Bei den bisher behandelten Beispielen hatten wir stets Probleme angesprochen, bei denen es um die Verteidigung von Grundwerten ging, entweder ging es um Grundwerte des Christentums wie beim Verbot einer Abtreibung oder bei der Verpflichtung eines jeden Christen zur Nächstenliebe oder um die angeblichen Rechte der Frauen.

 

Der hier angesprochene Grundsatz der Ehelosigkeit der katholischen Geistlichen ist demgegenüber sehr viel weniger anspruchsvoll, es geht hier nicht um letztliche Grundwerte, bei deren Aufgabe das Christsein selbst in Frage gestellt wird, sondern um Vorschriften, welche eher aus Gründen der Zweckmäßigkeit gewählt wurden.

 

Hierbei muss man sich daran erinnern, dass dieses Verbot nicht seit Anbeginn des Christentums gegolten hatte. Petrus und die anderen Apostel und Jünger waren zum größten Teil verheiratet. Die Geistlichen im römischen Reich durften sehr wohl heiraten, auch machten viele von diesem Recht Gebrauch.

 

Die Forderung, dass Geistliche ehelos bleiben sollen, entstand erst im Laufe der Jahrhunderte. Und der Anlass zu dieser Forderung war die Tatsache, dass in der damaligen Zeit viele Geist-liche nicht nur verheiratet waren, vielmehr in Völlerei und Hurerei lebten. Gegen dieses Verhalten richtete sich zunächst die Forderung nach Ehelosigkeit der Priester.

 

Diese Reformbewegungen gingen zunächst von der burgundischen Abtei Cluny aus. Diese Reform wollte zunächst das Klosterleben reformieren, erfasste jedoch später die gesamte Kirche.

 

Ausgelöst wurde diese Reform wegen der moralische Verfehlungen seitens vieler Geistliche und Mönche, als nach dem Ende des Karolingerreiches das Verhalten der Geistlichen auf einen moralischen Tiefpunkt gesunken war und sich hieraus schwere Missstände ergaben. Der Grundsatz der drei Tugenden: Armut, Keuschheit und Arbeit (ora et labora) wurde wiederum in den Mittelpunkt der Klöster gestellt.

 

Erst später wurde dieser Grundsatz auch auf die weltlichen Geistlichen angewandt und bis heute in der katholischen Kirche praktiziert, obwohl bekannt ist, dass trotz dieses Grundsatzes ein Teil der Geistlichen dieses Gelöbnis der Keuschheit nicht immer eingehalten haben und obwohl die Kirchenbehörden ein solches Verhalten im Allgemeinen nicht zum Anlass nahmen, diesen Männern die Ausübung des geistlichen Berufes zu verbieten.

 

Während bei den bisher behandelten Beispielen im Vordergrund der Vorwurf stand, dass die auf diese Weise tätigen Personen anderen Menschen und damit der Allgemeinheit Schaden zufügen, geht es bei diesem letzten Beispiel viel stärker um die Frage, bei welchem Verhalten der Geistlichen ihre Aufgabe besser erfüllt werden kann.

 

Natürlich bedeutet die Forderung, ehelos zu bleiben, für die betroffenen Geistlichen eine Einschränkung. Doch wird man diese tolerieren können, wenn diese Ehelosigkeit zur Ausübung des Priesteramtes notwendig erscheint. Schließlich wird heutzutage  niemand gezwungen, Priester zu werden.

 

Somit geht es bei der Beantwortung der Frage, ob katholische Geistliche auch heute noch ehelos bleiben sollten, allein um eine Frage der Zweckmäßigkeit.

 

Können wir davon ausgehen, dass ein unverheirateter Geistlicher seine Aufgaben in der Kirche besser erfüllen kann als dann, wenn er verheiratet ist? Oder handelt es sich bei der Forderung nach Ehelosigkeit der Geistlichen um eine Regel, die im Mittelalter entstanden und deshalb den heutigen Gepflogenheiten nicht mehr entspricht?

 

Die Befürworter der Ehelosigkeit argumentieren zumeist damit, dass ein verheirateter Priester immer wieder vor die Entscheidung gestellt ist, die Interessen der Familie und der Kirchengemeinde abzuwägen und dass damit zu rechnen sei, dass diese Entscheidung sehr oft zugunsten der eigenen Familie und damit zuungunsten der Gläubigen gefällt wird.

 

In diesem Falle entspricht jedoch der Priester nicht mehr der eigentlichen Aufgabe eines Geistlichen, der im Grunde vorrangig sein ganzes Leben dem Dienst der Gläubigen widmen und damit seine eigenen Belange zurückstellen sollte. Er ist sozusa-gen mit der Kirche oder mit Christus verheiratet. Wer eben zu diesem Kompromiss nicht bereit wäre, dürfe dieses Amt nicht ergreifen.

 

An diesen Überlegungen ist sicherlich soviel richtig, dass ganz allgemein Familienmitglieder dann, wenn sie zwischen dem Wohl der eigenen Familie und der Gesamtheit zu entscheiden haben, in der Regel diese Entscheidung zugunsten der eigenen Familie fällen. ‚Das Hemd ist uns näher als der Rock‘ heißt es in einem gebräuchlichen Sprichwort.

 

Zwar rangiert im Rahmen der formellen Gesellschaftsordnungen stets das Wohl der gesamten Gesellschaft vor dem Wohl der einzelnen Bürger, aber auch der untergeordneten Gemeinschaften wie Familie und Betrieb. Aber wir müssen berücksichtigen, dass in der Realität neben den formellen Ordnungen immer auch informelle Ordnungen bestehen, welche in beachtlichen Maße andere Verhaltensregeln erzwingen als diejenigen, welche von Seiten der formellen Ordnung gelten.

 

Steht der Einzelne vor der Entscheidung, zugunsten der eigenen Familie oder der Allgemeinheit zu handeln, wird in aller Regel oder doch zumindest in starken Maße zugunsten der eigenen Familie entschieden. Man kann sich ja hierbei auch damit vor seinem eigenen Gewissen rechtfertigen, dass man nicht primär zu seinem höchstpersönlichen Wohl, sondern zum Wohl der anvertrauten Frau und Kinder entschieden habe.

 

Diesem Umstand (im Zweifel für die eigene Familie zu entscheiden) entsprach sogar die öffentliche Rechtsordnung, als z. B. vor Gericht die Eltern nicht gezwungen werden können, zu Lasten der eigenen Kinder oder des anderen Ehepartners auszusagen.

 

Dieser Überlegung, welche zugunsten einer Ehelosigkeit spricht, stehen jedoch andere Überlegungen gegenüber. Damit der Priester auch seine Aufgabe gegenüber seiner Gemeinde bestmöglich erfüllen kann, muss er auch seine Gemeindemitglieder verstehen.

 

Nun kann man davon ausgehen, dass Männer besser die Befindlichkeiten der Männer und Frauen die Befindlichkeiten der Frauen verstehen. Es besteht somit stets die Gefahr, dass ein eheloser Priester gerade deshalb Schwierigkeiten hat, weil er als Mann die Frauen seiner Gemeinde nicht richtig versteht und gerade deshalb unter Umständen Wege wählt, die dazu führen, dass sich Frauen missverstanden fühlen und von der Kirche abwenden.

 

Vor dieser Gefahr war selbst Papst Franziskus nicht gefeit, als er die Abtreibung der Frauen als Auftragsmord gegeißelt hatte. Festzustellen, dass nach katholischer Auffassung die absichtliche Tötung eines Menschen, auch des noch nicht geborenen Menschen, nicht erlaubt ist, ist die eine Sache. Eine ganz andere Frage ist, wie man diesen Grundsatz den Frauen kundtut, welche oftmals aus Verzweiflung den Weg der Abtreibung wählen.

 

Viel wichtiger ist in diesem Zusammenhang, den Frauen, welche eine Abtreibung erwägen, ratend zu Hilfe zu stehen und sie nicht kategorisch zu verurteilen, indem man sie mit gemeinen Auftragskillern gleichsetzt.

 

An anderer Stelle hatte Papst Franziskus dafür geworben, auch Gläubige, welche Grundwerte christlichen Glaubens verletzt haben, nicht zu verurteilen, sondern sie wie Brüder und Schwestern zu behandeln, denen man üblicher Weise auch dann freundlich verbunden bleibt, wenn sie eine schwere Straftat begangen haben.

 

In solchen Fällen wird ein verheirateter Priester sehr viel besser als ein nichtverheirateter Geistliche auf die Frauen zugehen können, da seine Frau ihm helfen wird, die Gemütslage der Frauen besser zu verstehen.

 

Da also bei der Frage, inwieweit ein Priester auch seiner Aufgabe gerecht werden kann, mehrere Ziele zu berücksichtigen sind, wäre es erwägenswert, sowohl ehelose als auch verheiratete Priester zuzulassen.

 

Auf diesem Wege könnte die Erfüllung der Aufgaben eines Geistlichen erleichtert werden und auf diese Weise könnte auch der Grad der Erfüllung dieser Aufgaben erhöht werden.