Amoral im öffentlichen Leben

Teil I

 

Gliederung:

I. Allgemeine Theorie der Amoral

   1. Einführung in die Problematik

   2. Amoral und private Haushalte

  3. Amoral und Unternehmungen

  4. Amoral und Wählerverhalten 

  5. Amoral der Politiker

  6. Die Amoral der Verbandsfunktionäre

II. Amoral auf einzelnen Märkten

  1. Amoral im Versicherungsbereich

  2. Amoral in der Werbung 

  3. Die  Amoral der Steuerzahler

 

I. Allgemeine Theorie der Amoral

   1. Einführung in die Problematik

In den letzten Jahren nahmen die Klagen über die Amoral der Führungskräfte in Politik und Wirtschaft immer mehr zu. Hierbei gilt es zu bedenken, dass fast zu allen Zeiten amoralisches Verhalten zu beobachten war und gebrandmarkt wurde. Schon sehr früh in der Geschichte der Bundesrepublik ist amoralisches Verhalten festzustellen, vor allem in dem Versuch einzelner Politiker, größere Parteispenden an der Steuerbehörde vorbei im Ausland, in den sogenannten Steueroasen anzulegen, wenn auch die volle Breite dieses Geschehens erst in den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts voll bekannt wurde und zum politischen Skandal anwuchs, der die traditionellen Parteien vor allem die CDU, aber auch die SPD und die FDP in eine schwere Krise stürzte.

Im Jahre 2008 geriet das Thema der Amoral erneut in die Schlagzeilen der öffentlichen Medien im Zusammenhang mit der Verhaftung des damaligen Vorstandsvorsitzenden der deutschen  Post-AG   Klaus Zumwinkel. Es wurde die Vorstellung entwickelt, dass ein Großteil der deutschen Führungskräfte Steuern im großen Stil hinterziehen würde.

Schließlich kam das Thema der Amoral während der jüngsten Banken- und Wirtschaftskrise auf, in der Öffentlichkeit wurde es als Skandal empfunden, dass einzelne Manager von Großkonzernen Millionen hohe Boni-Zahlungen einkassierten, während die gleichen Unternehmungen in Millionen- zum Teil sogar Milliardenhöhe vom Staat finanziell unterstützt werden mussten und zahlreiche Arbeitnehmer entweder arbeitslos wurden oder zumindest wegen der Krise größere Kürzungen ihres Einkommens hinnehmen mussten. In den Medien wurde die Forderung erhoben, Boni-Zahlungen zumindest dann zu verbieten, wenn Unternehmungen staatliche Finanzhilfen in Anspruch nehmen.

 

Ich habe mich in der jüngsten Vergangenheit wiederholt mit dem Thema der Moral in Wirtschaft und Politik beschäftigt. So hatte ich mich im Jahre 2007 in einem grundsätzlichen Artikel mit der Frage der Moral in einer Marktwirtschaft auseinandergesetzt. Ich hatte darauf hingewiesen, dass der Markt an und für sich eine in moralischer Hinsicht neutrale Institution darstellt, die sowohl für verbrecherische Handlungen wie z. B. bei der Mafia eingesetzt werden kann, aber grundsätzlich auch dafür verwandt werden kann, moralisch sehr hoch einzuschätzende Zielsetzungen wie zum Beispiel das Gemeinschaftsleben in einem Kloster mit möglichst effizientem Einsatz knapper Ressourcen zu verwirklichen. In diesem Sinne konnte ich davon sprechen, dass der Markt in moralischer Hinsicht so gut oder auch so schlecht ist, wie die Personen, welche am Marktgeschehen teilnehmen.

In einer etwas tieferen Sichtweise konnte ich jedoch darauf hinweisen, dass dem Markt durchaus auch eine besondere moralische Qualität zukommt. Der Markt stellt nämlich – genauso wie eine repräsentative Demokratie – eine gesellschaftliche Einrichtung dar, welche die Realisierung des Gemeinwohles von den moralischen Qualitäten ihrer Führungskräfte weitgehend abkoppelt. In einer Diktatur hängt es davon ab, ob der Diktator willens und in der Lage ist, für das Gemeinwohl tätig zu werden. Es ist die Moral des Diktators, die auch über die Moral des Gemeinwesens entscheidet.

Ein moralisch hochstehender Diktator kann sehr wohl das Gemeinwohl fördern. Er kann es, muss es aber nicht. Die geschichtliche Erfahrung zeigt vielmehr, dass Macht korrumpiert und Machtmissbrauch hervorruft. Verhält sich jedoch der Diktator amoralisch, dann gerät das Gemeinwohl in Gefahr. Die Frage, inwieweit das Gemeinwohl tatsächlich realisiert wird, hängt dann entscheidend davon ab, wie die moralischen Qualitäten des Diktators und seiner Führungselite sind und die Erfahrungen zeigen, dass die gesellschaftlichen Kräfte darauf hinwirken, dass amoralisches Verhalten sehr wahrscheinlich wird.

Demgegenüber ist es das Verdienst des Liberalismus, aufgezeigt zu haben, dass die Realisierung des Gemeinwohls nicht in jedem Falle davon abhängt, welche moralischen Qualitäten die Führungskräfte in der Wirtschaft im Einzelnen aufweisen. Lassen sich die einzelnen Führungskräfte primär von ihren einzelnen Interessen leiten, so ist die Chance, dass jeweils die effizientesten Wege zur Realisierung bestimmter Aufgaben angegangen wird, sehr viel größer als dann, wenn die Führungskräfte gehalten sind, ihre Entscheidungen allein am Gemeinwohl zu orientieren. Altliberale Denker haben darauf aufmerksam gemacht, dass in Extremfällen selbst Laster dazu beitragen können, das Gemeinwohl voranzutreiben.

Nicht das Motiv, von dem sich die Einzelnen leiten lassen, ist maßgebend dafür, in welchem Maße die Gemeinwohlaufgaben realisiert werden, sondern die Frage, inwieweit eine Ordnung besteht, welche die Einzelinteressen so kanalisieren, dass die Einzelnen genau dann ihren Gewinn oder ihre Macht maximieren, wenn ihre Leistungen bestmöglich den Wünschen der Konsumenten (oder im politischen Bereich der Wähler) entsprechen.

In einer funktionierenden Marktwirtschaft ist es vor allem der Wettbewerb zwischen den Unternehmungen, der eine solche Kanalisation der Interessen herbeiführt. Nur wenn ein intensiver Wettbewerb zwischen den Unternehmungen besteht, ist die Gewähr gegeben, dass sich die Unternehmer stets darum bemühen, durch Innovationen die Kosten zu senken und die Güterqualitäten zu verbessern und nur unter Wettbewerb sind die Unternehmer gezwungen, Kostensenkungen in Form von Preissenkungen an die Verbraucher weiter­zugeben.

Erfolgt die Auswahl der Führungskräfte allein an den moralischen Qualitäten der Auszuwählenden und wird der Anspruch erhoben, dass die einzelnen Handlungen der Führungskräfte allein am Gemeinwohl orientiert werden, besteht eine dreifache Gefahr, dass das Gemeinwohl verfehlt wird. Erstens muss damit gerechnet werden, dass der einzelne sein Gemeinwohlverhalten nur vortäuscht, dass er in Wirklichkeit seine Eigeninteressen genauso verfolgt, wie wenn das Verfolgen von Eigeninteressen nicht verpönt wäre. Im Gegensatz zu einer freien Marktwirtschaft erfolgt hier jedoch das Streben nach eigenen Interessen im Geheimen und kann gerade deshalb auch dann nicht verfolgt werden, wenn gemeinwohlwidrige Verhaltensweisen vorliegen.

Zweitens können wir in hoch komplexen Gesellschaften – vor allem im wirtschaftlichen Bereich – nicht davon ausgehen, dass von vorn herein klar ist, welche Aktivitäten dem Gemeinwohl entsprechen. Es gibt hier recht unterschiedliche Vorstellungen darüber, welche Verhaltensweisen am besten dem Gemeinwohl dienen und nur ein Willensbildungsprozess, an dem die gesamte Bevölkerung beteiligt ist, kann klären, welche Ziele dem Wohl der Mehrheit am meisten entsprechen.

Auch wenn der Diktator oder Monopolist in meritorischer Absicht das Ziel verfolgt, das Wohl der Untergebenen zu fördern, sind es zunächst einmal nur die eigenen Vorstellungen der jeweiligen Führungskraft und es ist keinesfalls sicher, dass diejenigen, für welche diese Aktivitäten entfaltet werden, ebenfalls akzeptieren, dass durch diese Aktivitäten ihr Wohl gesteigert wurde.

Die Selbstbestimmung des Einzelnen zählt zu den wichtig­sten Zielen einer Demokratie und die Fürsorge der Mächtigen zugunsten der ihnen Anvertrauten kann für die Begünstigten als äußerst lästig empfunden werden. So kann es durchaus sogar erwünscht sein, dass der einzelne bisweilen auch Fehler macht und nicht in jedem Einzelfalle die jeweils beste Methode wählt; diese Fehler werden dadurch kompensiert und überkompensiert, dass der einzelne das Recht erhält, über seine Belange selbst zu entscheiden.

Drittens schließlich reicht es in den hochkomplexen Gesellschaften nicht aus, guten Willens zu sein, man braucht auch die Fähigkeiten, die notwendigen Maßnahmen zu erkennen und politisch durchzusetzen. So erfolgt in unseren sekundären Gesellschaftsformen die Auswahl der Führungskräfte vorwiegend nach der Eignung der Eliten für die jeweils anstehende Aufgabe und weniger nach moralischen Qualitäten.

Es ist deshalb auch nicht zu verwundern, dass amoralisches Verhalten auch unter den Führungskräften zu beobachten ist. Natürlich wäre es erwünscht, wenn die moralischen Qualitäten der Führungskräfte denen der Untergebenen überlegen wäre. Da aber die Auswahl der Führungskräfte nach sachlichen Eignungskriterien erfolgt und auch erfolgen muss, wird man auch erwarten müssen, dass der Prozentsatz amoralischen Verhaltens in etwa dem der gesamten Bevölkerung entspricht. Wir werden weiter unten auf dieses Problem nochmals zurückkommen und feststellen, dass es sogar einzelne Umstände gibt,  die dafür sprechen, dass der Umfang der Verfehlungen bei den Führungskräften eher größer ist als in der gesamten Bevölkerung.

Dieser Vorrang des Eigennutzverhaltens im Markt und in der Demokratie bedeutet allerdings nicht, dass amoralisches Verhalten erlaubt oder sogar erwünscht sei. Es ist gerade das Verdienst des Ordoliberalismus gewesen darauf aufmerksam gemacht zu haben, dass nur dann mit einem befriedigenden Ergebnis wirtschaftlicher und politischer Aktivitäten gerechnet werden kann, wenn für die Märkte und für den Staat eine Ordnung besteht, welche die Kanalisierung der Interessen garantiert.

Jede Ordnung besteht aus zahlreichen Spielregeln, die eingehalten werden müssen. Es ist selbstverständlich, dass ein verbrecherisches Verhalten wie Betrug, Korruption und Totschlag verboten sein muss und auch verfolgt werden muss. Die Freiheit des Einzelnen wird primär nicht dadurch gefährdet, dass einzelne mögliche Alternativen des Verhaltens verboten werden, sondern dadurch, dass genau vorgeschrieben wird, welche der möglichen Alternativen ergriffen werden müssen. Auch dann, wenn aus der Vielzahl der möglichen Alternativen einzelne als unerwünscht ausgeschieden werden, verbleibt zumeist eine Vielzahl von Alternativen, zwischen denen der einzelne Akteur wählen kann.

Verbieten kann der Staat immer nur die Alternativen, die bekannt sind. In einer freiheitlichen Ordnung, welche nur einzelne mögliche Alternativen ausschließt, verbleibt immer noch die Möglichkeit, nach neuen innovativen Möglichkeiten Ausschau zu halten, welche das Gesamtergebnis verbessern helfen.

Wenn also dem Markt auf diese Weise durchaus eine moralische Qualität zukommt, (dass nämlich auch dann mit der Realisierung des Gemeinwohls gerechnet werden kann, wenn sich die Führungskräfte an der Spitze der Gesellschaft amoralisch verhalten), muss trotzdem anerkannt werden, dass im Markt durchaus auch Tendenzen bestehen, welche amoralisches Verhalten begünstigen. So hatte schon sehr früh Götz Briefs von der Grenzmoral in Märkten gesprochen. Er verstand hierunter die Tatsache, dass sich auf freien Märkten die Moral derjenigen durchsetze, welche die geringsten Ansprüche an die Moral besäßen. Die Moral, welche letztendlich auf freien Märkten zum Zuge käme, werde keinesfalls von denjenigen bestimmt, welche die höchsten moralischen Vorstellungen hätten, auch nicht etwa vom Durchschnitt der moralischen Neigungen, sondern eben von demjenigen, der im Hinblick auf Moral die geringsten Anforderungen stellt, also sozusagen an der Grenze moralischer Neigungen stehe.

Den Grund für diese Tendenz sah Götz Briefs im gegenseitigen Wettbewerb der Unternehmungen. Wer nämlich geringere moralische Ansprüche beachte, könne sich Kostenvorteile verschaffen und sei gerade auf diese Weise in der Lage, die anderen, welche die moralischen Grundsätze einhalten, aus dem Markt zu drängen. Am Ende dieses Prozesses hätten sich dann die Vorstellungen des Grenzmoralisten durchgesetzt, sei es, dass ein Teil der moralisch höher stehenden Unternehmer aus dem Markt ausgeschieden sind, sei es, dass andere die moralischen Vorstellungen des Grenzmoralisten übernommen haben, um sich eben auf den Märkten halten zu können.

Machen wir uns diesen Gedankengang anhand des Beispiels der Forderung nach einem Familienlohn klar. Wir wollen unterstellen, dass die Mehrheit der Unternehmer durchaus von der Vorstellung ausgehe, ein gerechter Lohn müsse immer auch den Familienstand der Beschäftigten berücksichtigen, einem Familienvater (bzw. einer beschäftigten Mutter) mit Kindern müsse ein höherer Lohn gewährt werden als einem ledigen Arbeitnehmer. Und wir wollen weiter unterstellen, dass diese Mehrheit der Unternehmer anfangs auch den Beschäftigten mit Kindern tatsächlich einen höheren Lohn ausgezahlt habe.

Allerdings gäbe es eine zunächst kleine Gruppe von Unternehmungen, welche den Familien­stand bei der Bezahlung der Löhne nicht berücksichtigte und dadurch gegenüber den anderen Unternehmungen Kosten einspare und auf diese Weise Wettbewerbsvorteile erlange. Mit der Zeit würden sich immer mehr Unternehmungen diesem Verhalten anschließen, vielleicht mit schlechtem Gewissen, aber mit der Überzeugung, dass sie nur auf diese Weise einem Konkurs entgehen könnten. Die moralischen Vorstellungen werden gewissermaßen umgebogen, man rechtfertigt sein Verhalten nun damit, dass ja der Familienstand nichts mit der Beschäftigung und damit auch nichts mit der Lohnbezahlung zu tun habe.

Man hat in der unmittelbaren Zeit nach dem zweiten Weltkrieg in der Politik aus diesen Zusammenhängen den Schluss gezogen, dass nur auf politischem Wege und zwar durch Gewährung von Kindergeld, das von Seiten des Staates auszuzahlen sei, die Forderung nach einem familienbezogenen Arbeitnehmereinkommen durchgesetzt werden könne.

Man hat erkannt, dass es auch nicht ausreicht, den Unternehmungen per Gesetz vorzuschreiben, den Familienstand bei der Entlohnung zu berücksichtigen. Zwar erhielten die jeweils beschäftigten Arbeitnehmer mit Kindern auf diese Weise einen familienbezogenen Lohn, ihre Position auf dem Arbeitsmarkt würde jedoch auf diese Weise verschlechtert. Müsste eine Unternehmung aufgrund von Absatzrückgängen Arbeitnehmer entlassen, so bestünde eine Tendenz, zunächst Arbeitnehmer mit Kindern zu entlassen, da auf diese Weise mehr Kosten eingespart werden könnten und die Unternehmungen die Möglichkeit erhielten, auf diese Weise ihre Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern. Gleichermaßen hätten arbeitslose Arbeitnehmer bei ihrer Arbeitsplatzsuche aufgrund der höheren Lohnkosten schlechtere Startbedingungen.

Nur dann, wenn der Staat selbst das Kindergeld auszahlt, ist es somit möglich, die Startchancengleichheit zwischen kinderlosen Arbeitnehmern und Beschäftigten mit Kindern zu gewähren und gleichzeitig nicht die Unternehmungen im Wettbewerb zu benachteiligen, welche aufgrund überdurchschnittlicher moralischer Anforderungen im Zusammenhang mit der Gewährung familiengerechter Einkommen überdurchschnittlich hohe Kosten aufweisen, wenn die Aufgabe einer familiengerechten Entlohnung allein dem Markt verbliebe.

Dieses Beispiel macht zweierlei deutlich: Auch dann, wenn man von der Auffassung ausgeht, dass der Markt bei der Lösung wirtschaftlicher Probleme weit effizienter arbeitet als staatlich planwirtschaftliche Institutionen, wird man zugeben müssen, dass nicht alle wirtschaftlichen Aufgaben dem Markt überlassen werden können, dass es Zielsetzungen gibt, welche allein vom Staat befriedigend gelöst werden können. Das Problem des Familienlastenausgleichs zählt zu diesen Aufgaben.

Gleichzeitig zeigt dieses Beispiel auch, dass jeder Markt eine Ordnung benötigt, ohne die keine befriedigende Lösung wirtschaftlicher Probleme erreicht werden kann. So hat der Staat in unserem Beispiel dafür Sorge zu tragen, dass jede Art von Diskriminierung in Abhängigkeit vom Familienstand verboten wird und Übertretungen dieses Verbotes vom Staat geahndet werden. Dies bedeutet jedoch andererseits keinesfalls, dass die Produktions- und Verteilungsfragen in ihrer Gesamtheit vom Staat zu übernehmen seien.

Nach wie vor gilt, dass freie Unternehmungen auf freien Märkten insgesamt besser als staatliche Behörden in der Lage sind, die anstehenden wirtschaftlichen Probleme effizient zu lösen und dass die Probleme, welche allein durch den Markt nicht befriedigend gelöst werden können, dadurch realisiert werden können und müssen, dass über Marktordnungen unerwünschte, amoralische Verhaltensweisen verboten werden.

Hans-Werner Sinn hat auf eine ähnliche Problematik im Zusammenhang mit der Globalisierung hingewiesen. Auf weltweit globalisierten Märkten besteht nicht nur ein Wettbewerb zwischen Unternehmungen, sondern es entwickelt sich auch ein Wettbewerb zwischen den Staaten, möglichst viele rentable Unternehmungen ins Land zu ziehen und auf diese Weise die eigenen Steuereinnahmen zu erhöhen.

Es wäre jedoch falsch, wenn man unterstellen würde, dass dieses Ziel der Maximierung der eigenen Steuereinnahmen nur auf dem Wege einer möglichst hohen Besteuerung erreicht werden könnte. Freie Unternehmungen werden sich für die kostengünstigsten Standorte entscheiden. Zu den Standortvorteilen- oder –Standortnachteilen zählen jedoch  nicht nur geringere Lohnkosten, sondern eben auch Steuervorteile. Ein Staat kann sich im Endergebnis dadurch sogar höhere Steuereinnahmen sichern, dass er die Steuersätze verringert, dadurch erreicht, dass besonders profitable Unternehmungen ins Land gezogen werden und dass schließlich das Steuerauf­kommen trotz Verringerung der Steuersätze – allein aufgrund des höheren Umsatzes – gesteigert wird.

Auch hier besteht die Gefahr, dass sich die Staaten in der Reduzierung der Steuersätze gegenseitig überbieten und aufgrund kurzfristiger Steuervorteile langfristig nicht mehr in der Lage sind, die notwendigen kollektiven Infrastrukturmaßnahmen zu garantieren. Das Beispiel Irlands zeigt, dass ein Land zwar durch Herabsetzung der Steuersätze zunächst während der einsetzenden Wachstumsperiode die Steuererträge kurzfristig erhöhen kann, dass aber von dem Augenblick an, indem der anfängliche Wachstumsboom beendet ist und sich die jährlichen Wachstumsraten auf das durchschnittliche Niveau der anderen Länder reduzieren, diese Staaten nicht mehr in der Lage sind, die notwendigen Infrastrukturen zu finanzieren und eben gerade deshalb in ernste finanzielle Schwierigkeiten geraten. Auch hier bedarf es einer – hier - die nationalen Grenzen übersteigenden internationalen – Ordnung, um diesen Wettbewerb nach unten zu begrenzen.

In einem weiteren Artikel über die Schattenwirtschaft hatte ich vor etwa einem Jahr das Thema amoralischen Verhaltens erneut aufgegriffen und mich vor allem mit der Steuerhinterziehung und ihren Gefahren auseinandergesetzt. Wir hatten dort gesehen, dass Steuerhinterziehung keinesfalls auf einige wenige Führungskräfte beschränkt ist, dass im Hinblick auf die Moralvorstellungen fast in allen Bevölkerungskreisen Anzeichen für Steuerhinterziehungen vorliegen, dass sich nur in der Art und Weise der Steuerhinterziehung zwischen den einzelnen Bevölkerungsgruppen Unterschiede ergeben.

Natürlich wird den Tatbestand der Steuerflucht nur jemand erfüllen, der auch so hohe Gewinne erzielt, dass es sich lohnt, einen Teil dieser Gewinne unter Umgehung der Besteuerung im eigenen Land in den Ländern anzulegen, in denen besonders geringe Steuersätze erhoben werden und in denen die Bereitschaft gering ist, sich an der Aufdeckung der Steuerhinterziehung zu beteiligen. Arbeitnehmer mit geringerem Einkommen werden hingegen z. B. durch Schwarzarbeit Steuer zu hinterziehen versuchen, bei Handwerkern und Händlern begegnet man oftmals  dem Versuch, geringere Preise dann zu verlangen, wenn keine Rechnung ausgestellt werden muss und wenn auf diese Weise die Möglichkeit besteht, diese Einkünfte bei der Steuererklärung zu verbergen.

Wir hatten in diesem Artikel gesehen, dass in einer Gesellschaft, in der die Führungseliten vorwiegend nach ihrer Sachkompetenz und weniger nach ihrem moralischen Verhalten ausgewählt werden, auch nicht erwartet werden kann, dass die Führungskräfte im Durchschnitt höhere moralische Qualitäten als der Durchschnitt der Bevölkerung aufweisen, mag eine überdurchschnittlich hohe moralische Qualität bei den Führungskräften noch so sehr erwünscht sein. Ganz im Gegenteil ist zu befürchten, dass – wie wir weiter unten noch sehen werden – die Gelegenheit und der Anreiz zu amoralischem Verhalten bei den Führungskräften insgesamt höher ausfallen als beim Durchschnitt der Bürger.

Wir wollen in diesem Artikel die Problematik amoralischen Verhaltens aufgreifen und vertiefen. Hierbei gilt es als erstes festzustellen, dass Fragen nach der Amoral bestimmter Personen in erster Linie ein normatives Problem darstellt. Normative Probleme lassen sich jedoch nie mit wissenschaftlichen Mitteln endgültig klären. Entsprechend dem von Max Weber ent­wickelten Prinzip der Werturteilsfreiheit lassen sich letztliche Werte (die Wertprämissen) wissenschaftlich weder verifizieren noch falsifizieren.

Man könnte  natürlich dieses Problem einfach dadurch umgehen, dass man sich auf einen legalistischen Standpunkt zurückzieht und jedes Verhalten, das den Gesetzen des Staates zuwiderläuft, als amoralisch bezeichnet. Eine solche Vorgehensweise wäre jedoch aus mehreren Gründen unbefriedigend. Als erstes muss festgestellt werden, dass nicht alle Bereiche mensch­lichen Lebens per Gesetz geordnet werden können.

Menschliches Leben erfüllt sich gerade darin, dass dem Einzelnen ein Minimum an Freiheitsräumen belassen wird, innerhalb dessen sich der Einzelne frei entscheiden kann und nur seinem Gewissen verantwortlich ist. Wollte der Staat restlos jedes Verhalten regeln, erhielten wir einen Überwachungsstaat im Sinne Orwells Roman 1984. Es reicht ja auch nicht, dass der Staat vorschreibt, wie sich der einzelne zu verhalten hat, er muss dieses Verhalten auch kon­trollieren und bei Übertretungen Strafen verhängen, sollen die Gesetze überhaupt beachtet werden.

Aber selbst dann, wenn man eine solche durchgehende Überwachung für erwünscht und notwendig ansehen würde, gilt es zu bedenken, dass Menschen, die gemaßregelt werden, nach Wegen suchen, um diese Maßregelungen zu umgehen. Menschen sind durchaus in der Lage, ihr Verhalten zu verändern, sich an die ihnen aufgezwungenen Gesetze anzupassen und auch Verhaltensweisen zu entwickeln, die es ihnen gestatten, Gesetze zu missachten, ohne dass diese Verhaltensweisen dem Wortlaut des Gesetztes widersprechen und gerade deshalb nicht oder nur sehr schwierig geahndet werden können.

Der Staat wird sich ebenfalls an diese Verhaltensänderungen anpassen und seine Gesetze überholen. Dies braucht jedoch Zeit, sodass in jedem Augenblick ein vom Staat nicht gemaßregelter Freiheitsraum entsteht. Dies gilt zumindest dann, wenn man von dem Grundsatz ausgeht, dass alles erlaubt ist, was nicht zuvor verboten wurde. Dieses Nachhinken hinter der Entwicklung könnte nur dann vermieden werden, wenn der Grundsatz gelten würde, dass alles verboten sei, was nicht eigens vom Staat erlaubt worden sei. Die Durchsetzung eines solchen rigorosen Grundsatzes kann jedoch auf lange Sicht nicht erzwungen werden, da die permanent stattfindenden Umweltsänderungen immer wieder neue Verhaltensformen notwendig machen.

Weiterhin gilt es zu bedenken, dass auch der Sinn und die Berechtigung von Gesetzen hinterfragt und begründet werden muss, dass also auch überprüft werden muss, inwieweit die Gesetze mit der Moral der Bürger übereinstimmen. Zu allen Zeiten gab es Menschen, die bewusst Gesetze übertreten haben, nicht deshalb, weil sie sich an keine moralischen Bindungen halten wollen, sondern gerade deshalb, weil bestimmte Gesetze ihren moralischen Grundsätzen widersprechen und weil sie aus religiöser oder anderer grundsätzlicher Haltung heraus sich gezwungen oder zumindest berechtigt sehen, gegen das  gel­tende Recht zu handeln.

Diese Feststellung gilt natürlich in erster Linie für Unrechtsstaaten und Diktaturen. Aber auch in den modernen Rechtsstaaten, welche grundsätzlich die Wertvorstellungen ihrer Bürger respektieren und ihnen die Ausübung ihrer Weltanschauung per Verfassung garantieren, muss mit der Möglichkeit gerechnet werden, dass immer wieder Gesetze erlassen werden, die den Grundvorstellungen der Bürger widersprechen. Die modernen Rechtsstaaten entsprechen dieser Möglichkeit dadurch, dass Gesetze von  einem Verfassungsgericht darauf überprüft werden können, inwieweit sie mit der Verfassung des Staates übereinstimmen.

In diesem Artikel wollen wir uns deshalb nicht darauf beschränken zu überprüfen, ob bestimmte zu beobachtende Verhaltensweisen zu den geltenden Gesetzen in Widerspruch geraten, sondern nach der Übereinstimmung mit übergeordneten Werten fragen und auch die Möglichkeit berücksichtigen, dass auch Teile der geltenden Gesetze mit Grundüberzeugungen der Bevölkerung in Widerspruch geraten können. Da ich jedoch das Prinzip der Werturteilsfreiheit akzeptiere, entsteht bei der Überprüfung dieser Frage ein Problem, das ich dadurch zu lösen versuche, dass ich der Vorgehensweise der traditionellen paretianischen Wohlfahrtstheorie folge und lediglich überprüfe, inwieweit bestimmte Verhaltensweisen und auch Gesetze den Grundüberzeugungen der Mehrheit der Bevölkerung entsprechen oder mit diesen in Widerspruch geraten.

Der Schwerpunkt der folgenden Abhandlung soll jedoch nicht in der Frage liegen, inwieweit bestimmte Verhaltensweisen als amoralisch zu bezeichnen sind, sondern worin die Ursachen für ein solches Verhalten liegen und auf welchem Wege das Auftreten amoralischen Verhaltens bekämpft werden kann. Hierbei gilt es zwischen der Gelegenheit zu amoralischem Verhalten und Anreizen zu einem solchen Verhalten zu unterscheiden.

Wir hatten weiter oben darauf hingewiesen, dass die Auswahl der Führungskräfte in modernen Gesellschaften nicht primär nach der moralischen Qualität, sondern nach der Sachkompetenz der Auszuwählenden erfolgt und dass man deshalb vermuten könne, dass die Moral der Führungskräfte im Durchschnitt auch nicht besser sein könne als die Moral der Bevölkerung. Wir fügten noch hinzu, dass es Gründe gibt, die dafür sprechen, dass die Moral der Führungskräfte sogar etwas schlechter sein dürfte als die der Allgemeinheit. Diese Vermu­tung hängt damit zusammen, dass im Allgemeinen davon ausgegangen werden muss, dass sowohl die Gelegenheiten wie auch die Anreize zu amoralischem Verhalten bei den Führungskräften höher sind als beim Durchschnitt der Bevölkerung. Es gilt also zu überprüfen, worin die Gelegenheiten und Anreize zum amoralischen Verhalten bestehen und auf welchem Wege sie verringert werden können.

Der folgende Artikel ist in zwei Teile gegliedert. In einem ersten Teil soll eine allgemeine Theorie des moralischen Verhaltens entwickelt werden. Es gilt zu überprüfen, welches grundsätzliche Verhalten für Haushalte und Unternehmungen, für Politiker und Wähler und auch für Verbandsfunktionäre als erwünscht und unerwünscht anzusehen ist. Hierbei soll nicht nur aufgezeigt werden, welches Verhalten als amoralisch zu kennzeichnen ist, es soll vielmehr vor allem auch aufgezeigt werden, dass bestimmte Verhaltensweisen in der öffentlichen Diskussion zu Unrecht als amoralisch bezeichnet werden.

In einem zweiten Teil werden wir uns dann einzelnen Bereichen (Einzelmärkten wie Teilbereichen der Politik) zuwenden, die vor allem in der jüngsten Vergangenheit Aufsehen erregten und in der öffentlichen Diskussion als besonders amoralisches Verhalten verurteilt wurden. Ich werden mich allerdings in dieser Artikelserie auf einige wenige Märkte und öffentliche Bereiche beschränken und lediglich amoralisches Verhalten auf den Versicherungsmärkten, in der Werbewirtschaft und im Zusammenhang mit der Steuerzahlungen hier untersuchen. In späteren Artikeln werde ich im Zusammenhang mit dem Problem der Pressefreiheit auf amoralische Verhaltensweisen in den öffentlichen Medien einschließlich eingehen und die moralische Qualität von Verhaltensweisen auf den Arbeitsmärkten (wie Schwarzarbeit, unberechtigte Kündigungen und Mobbing am Arbeitsplatz diskutieren.

 

2. Amoral und private Haushalte

Wir beginnen unsere Untersuchung mit dem Verhalten der privaten Haushalte. Im Allgemeinen unterstellen wir in der Wirtschaftstheorie, dass die privaten Haushalte bei ihren wirtschaftlichen Entscheidungen einem Nutzenmaximierungskalkül folgen. Sie versuchen ihr Einkommen bzw. ihre Ressourcen so einzusetzen, dass unter den gegebenen Möglichkeiten ein Maximum an Nutzen erzielt werden kann.

Bisweilen wird ein solches Verhalten bereits als amoralisch eingestuft. Demgegenüber möchte ich darauf hinweisen, dass nutzenmaximierendes Verhalten als solches im Hin­blick auf moralische Grundsätze weitgehend neutral ist. Für die Beurteilung eines Verhaltens hängt es nämlich entscheidend davon ab, welche Ziele denn im Einzelnen verfolgt werden und welcher Nutzen denn maximiert werden soll. Nutzenmaximierung kann zwar im Sinne eines Hedonismus verstanden werden und meint dann, dass der einzelne in seinem Verhalten bestrebt ist, seine Lust zu maximieren. In diesem Sinne widerspricht natürlich diese Verhaltensregel den Grundüberzeugungen vieler vor allem religiös oder auch anders motivierter Menschen.

Im Rahmen der Diskussion um die Lehren der Wiener Grenznutzenschule wurde jedoch  darauf hingewiesen, dass das Prinzip der Nutzenmaximierung keinesfalls mit einem Hedonismus gleichgesetzt werden muss, dass dieses Prinzip vielmehr auch einfach so verstanden werden kann, dass man bemüht ist, eine vorgegebene, beliebige Zielsetzung mit möglichst geringem Einsatz knapper Ressourcen zu realisieren. In diesem Sinne liegt Nutzenmaximierung sowohl dann vor, wenn ein Verbrecher ohne Rücksicht auf die Belange der anderen Menschen seine verbrecherischen Ziele verfolgt als auch dann, wenn ein Heiliger seine begrenzten Mittel effizient einsetzt, um seinen Mitmenschen zu helfen.

Nutzenmaximierung bedeutet in diesem Falle nur noch, dass man sich darum bemüht, seine Ziele so effizient wie möglich zu erreichen, es geht dann nur noch um einen möglichst effizienten Einsatz der zur Verfügung stehenden Mittel und die Berechtigung und Notwendigkeit eines solchen Verhaltens wird dann ausschließlich mit der Knappheit der zur Verfügung stehenden Mittel begründet.

Ob dieses Verhalten im Einzelfall als moralisch oder amoralisch einzustufen ist, hängt dann allein von den Zielsetzungen ab, welche eine Person verfolgt. Diese Feststellung scheint auf den ersten Blick der Vorstellung zu widersprechen, dass der Grundsatz, ein Ziel rechtfertige jedes Mittel, im Allgemeinen als amoralisch verurteilt wird. Kein noch so moralisch hoch einzustufendes Ziel rechtfertige jeden Mitteleinsatz. Totschlag, Betrug, Diebstahl, Freiheitsberaubung seien niemals gerechtfertigt, mag das angestrebte Ziel noch so hoch sein.

Diesem Grundsatz ist natürlich an und für sich zuzustimmen. Der Widerspruch zu der Behauptung, dass Mittel als solche grundsätzlich wertneutral seien, ergibt sich jedoch aus einer falschen Per­spektive. Bei nahezu allen anstehenden Entscheidungen ist davon auszugehen, dass nicht nur ein einziges Ziel, sondern eine Vielzahl von Zielen und Grundwerten zur Diskussion steht. Wenn man die Forderung aufstellt, dass Totschlag kein erlaubtes Mittel sein darf, dann bringt man eben damit zum Ausdruck, dass menschliches Leben immer einen Eigenwert besitzt und dass die Realisierung bestimmter Ziele mit diesen Grundwerten in Wiederspruch geraten kann.

Korrekter Weise müsste man darauf hinweisen, dass Totschlag auch dann nicht als ein geeignetes Mittel anzusehen sei, wenn ein einzelnes Ziel auf diese Weise realisiert werden könnte, wenn aber zur gleichen Zeit andere ebenfalls gültige, zumeist sogar höher einge­stufte Ziele und Werte hierdurch beeinträchtigt werden. Wir kommen also zu dem Ergebnis, dass das Verfolgen des Prinzips Nutzenmaximierung als solches noch kein amoralisches Verhalten darstellt, dass Nutzenmaximierung nur dann zu einem amoralischen Verhalten führt, wenn die Zielsetzungen als amoralisch einzu­stufen sind, wobei nicht nur das jeweils konkret verfolgte Einzelziel, sondern das gesamte gültige Wertsystem zur Beurteilung heranzuziehen ist.

Zu den Grundsätzen eines ordentlichen Haushaltes wird oftmals die Forderung gezählt, dass sich ein privater Haushalt nicht verschulden dürfe. Ein Haushalt, der sich verschulde, lebe auf Kosten Dritter und dies sei auf jeden Fall unmoralisch. Man wird dieser Forderung insoweit zustimmen können, als man diese Forderung auf die gesamte Lebenszeit der in einem Haushalt lebenden Personen bezieht. Selbst dann, wenn man einräumt, dass jeder Mensch ein natürliches Recht auf ein Existenzminimum hat und dass die Einkünfte bestimmter Haushalte unter dieses Existenzminimum fallen können, ist es die Aufgabe der Gesellschaft, sicherzustellen, dass die Einkünfte eines jeden mindestens diesem Existenzmini­mum entsprechen. Man wird dem Einzelnen sicherlich nicht freistellen können, dieses Existenzminimum notfalls über Schulden zu realisieren.

Es wäre jedoch falsch, wenn man die Forderung, dass ein privater Haushalt sich nicht verschulden dürfe, auf jede einzelne Periode beziehen würde. Wir haben davon auszugehen, dass während der Lebenszeit eines Individuums Bedarf und Einkünfte keinesfalls synchron verlaufen. Es gibt Lebensphasen, in denen ein einzelner keine Erwerbseinkünfte bezieht, so etwa in der Zeit der Kindheit, aber auch nach dem Ausscheiden aus dem Erwerbsleben oder bei Krankheit und Arbeitslosigkeit.

Es gibt auf der anderen Seite Lebensphasen, in denen der Bedarf überdurchschnittlich hoch ist und die augenblicklichen regulären Einkünfte übersteigt. Es ist in hohem Maße erwünscht, dass die Entwicklung von Bedarf und Einkünften synchronisiert wird und dies gelingt eben nur dadurch, dass man in den Zeiten, in denen die Einkünfte den Bedarf übersteigen, einen Teil der Einkünfte für zukünftige Perioden spart und darüber hinaus dadurch, dass man sich in den Zeiten, in denen der Bedarf die Einkünfte übersteigt und in der Vergangenheit noch keine ausreichenden Ersparnisse gebildet werden konnten, verschuldet.

Sofern sichergestellt ist, dass – bezogen auf den gesamten Lebenszyklus einer Person –Einnahmen und Ausgaben übereinstimmen, wird durch eine solche partielle Verschuldung in einzelnen Perioden die Gesamtheit keinesfalls belastet; und nur in diesem Falle gäbe es eine Recht­fertigung, die Verschuldung eines Haushaltes generell als amoralisch zu bezeichnen.

Mit Hilfe der Genznutzengesetze lässt sich aufzeigen, dass eine zeitweise Verschuldung bei asynchronem Verlauf von Einkünften und Bedarf durchaus den zu erzielenden Gesamtnutzen vergrößern kann, auch ohne dass die Gemeinschaft hierdurch belastet wird. Bekanntlich besagt das erste Gossen’sche Gesetz, dass der Grenznutzen (der Nutzenzuwachs bei Erhöhung der Konsummenge um eine Einheit) mit wachsendem Konsum zurückgeht. Der Gesamtnutzen steigt zwar an, aber der Zuwachs des Nutzens wird mit jeder weiteren Konsummenge verringert. Man hat nun diese Gesetzmäßigkeit, die ur­sprünglich auf den Konsum einzelner Güter beschränkt war, auch auf das gesamte Einkommen bezogen. Dies heißt: Auch dann, wenn unser Einkommen um eine Geldeinheit erhöht wird, steigt zwar der Gesamtnutzen des Einkommens, der Nutzenzu­wachs jedoch verringert sich mit jeder zusätzlichen Einkommenseinheit.

Betrachten wir nun zwei Perioden. In Periode 1 seien die Einkünfte geringer als in Periode 2. Der Bedarf werde jedoch für beide Perioden gleich hoch eingeschätzt. Werden wir nun in Periode 1 mehr Güter konsumieren, als mit dem laufenden Einkommen erworben werden können, werden wir uns mit anderen Worten verschulden, dann steigt mit dem Mehrkonsum der Gesamtnutzen in Periode 1 an. Wir wollen nun unterstellen, dass wir den in Periode 1 aufgenommenen Kredit in Periode 2 wieder zurückzahlen. Hierdurch verringert sich das zur Verfügung stehende Einkommen in Periode 2. Auf diese Weise kann in Periode 2 weniger konsumiert werden, der Gesamtnutzen sinkt also in dieser Periode.

Dem Nutzenzuwachs in Periode 1 entspricht also ein Nutzenentgang in Periode 2. Wir haben nun Nutzenzuwachs und Nutzenminderung miteinander zu vergleichen und die Frage zu beantworten, ob der Nutzenzuwachs in Periode 1 den Nutzenentgang in Periode 2 übersteigt. Nur in diesem Falle hat sich ja der Gesamtnutzen beider Perioden gesteigert.

Wir haben unterstellt, dass das Einkommen der Periode 2 das der Periode 1 übersteigt. Dies bedeutet, dass bei Gültigkeit des Gesetzes vom abnehmenden Grenznutzen des Einkommens der Nutzenentgang in Periode 2 geringer ausfällt als der Nutzenzuwachs in Periode 1. Die Verschuldung hat also zu einer Vergrößerung des Gesamtnutzens beider Perioden geführt. Der Haushalt hat in diesem Fall die Effizienz seiner Ressourcen erhöht, ohne dass hierdurch die allgemeine Wohlfahrt der anderen beeinträchtigt wurde. Gegen eine solche Art der Verschuldung ist deshalb auch nichts einzuwenden.

Nun hatten wir bei unseren bisherigen Überlegungen stillschweigend unterstellt, dass in einem temporären Nutzenvergleich eine Nutzeneinheit jeweils den gleichen Nutzenwert erhält, gleichgültig, in welcher Periode dieser Nutzen anfällt, in der Gegenwart oder erst in der Zukunft. Genau diese Annahme wurde jedoch von Vertretern der Grenznutzenschule in Frage gestellt. Gustav von Böhm-Bawerk – einer der Begründer der Wiener Schule – war der Auffassung, dass die Individuen ganz allgemein zukünftige Bedürfnisse minder schätzen. Auch wenn in der zukünftigen Periode ein Individuum einer Grenznutzeneinheit den gleichen Nutzenwert zuerkennt, wird er heute diesen zukünftigen Nutzen dennoch geringer einschätzen.

Wenn man auch bezweifeln kann, dass es sich bei diesem Gesetz um eine allgemeine, für alle Individuen gleichartige Gesetzmäßigkeit handelt, wird man doch zugeben müssen, dass Nutzeneinheiten in verschiedenen Perioden unterschiedlich eingeschätzt werden, dass der zeitliche Horizont wirtschaftlicher Planungen unterschiedlich groß ist, wobei durch Bildung im Allgemeinen der zeitliche Horizont ausgeweitet wird.

Wenn wir diese Gesetzmäßigkeit unterstellen und auch moralisch akzeptieren, müssen wir unsere obigen Schlussfolgerungen korrigieren, wir müssen gewissermaßen den Nutzenzuwachs der Periode 2 um diese Rate der Minderschätzung ab diskontieren, der Nutzenzuwachs per Saldo über die Perioden hinweg fällt somit auch geringer aus. Aber grundsätzlich bleibt die Aussage bestehen, dass eine Vorverlagerung des Konsums auf dem Wege der Verschuldung den Gesamtnutzen eines Haushaltes über die Zeit hinweg – ohne die Beeinträchtigung der Wohlfahrt der anderen – vergrößern kann, er ist nur geringer, als ursprünglich angenommen.

Wir müssen an unseren obigen Schlussfolgerungen noch eine zweite entscheidende Korrektur anbringen. Der Umfang des Nutzenzuwachses in  der heutigen Periode 1 ist im heutigen Zeitpunkt bekannt, nicht aber der Nutzenentgang in den zukünftigen Perioden. Um nämlich den Nutzenentgang in zukünftigen Perioden bereits heute bestimmen zu können, bedarf es nicht nur eines zeitlichen Horizontes, der die zukünftigen Perioden mit umfasst. Es muss gleichermaßen bekannt sein, über welche Einkommenshöhe der einzelne in den zukünftigen Perioden verfügen wird.

Aber genau diese Frage kann niemals eindeutig bestimmt werden. Aus den verschieden­sten Gründen heraus muss befürchtet werden, dass die in normalen Zeiten zu erwartende Einkommenssteigerung bisweilen ausbleibt. Es muss mit der Möglichkeit gerechnet werden, dass der Einzelne aufgrund von Krankheit oder Arbeitslosigkeit vorübergehend ein geringeres Einkommen erzielt, wobei nicht nur persönliche Schicksalsschläge für diesen Einkommensausfall verantwortlich sein können. Wir haben davon auszugehen, dass sich die wirtschaftliche Entwicklung in konjunkturellen Schwankungen vollzieht und dass in Zeiten des Konjunkturrückschlages die Einkommen geringer ausfallen als erwartet.

Nun wissen wir, dass sich die wirtschaftliche Entwicklung in konjunkturellen Schwankungen vollzieht und dass die Aufschwungsphasen immer wieder von Abschwüngen in der wirtschaftlichen Aktivität abgelöst werden. Juglar hat sogar nachgewiesen, dass diese Schwankungen in etwa 8 bis 9 Jahre dauern und Kondratief hat darüber hinaus gezeigt, dass neben den von Juglar aufgezeigten mittelfristigen Konjunkturwellen auch langfristige, etwa 40 bis 50 Jahre dauernde Konjunkturzyklen nachgewiesen werden konnten.

Natürlich hat man auch aufzeigen können, dass Zeitdauer und Umfang dieser Konjunkturwellen im Zeitablauf schwanken, dass also der Zeitpunkt und der Umfang eines Abschwungs in den wirtschaftlichen Aktivitäten nie 100% genau vorausbestimmt werden können. Trotzdem wird man nicht davon sprechen können, dass z. B. die augenblickliche Krise vollkommen überraschend eingetreten ist, vielleicht war die Schwere des Einbruchs größer als erwartet, obwohl aufgrund der Untersuchungen von Kondratief gerade auch in den jüngsten Jahren mit einem größeren Abschwung durchaus gerechnet werden musste und dass schon seit einigen Jahren die wirtschaftlichen Daten (z. B. die zunehmende Verknappung der Energierohstoffe) einen überdurchschnittlich großen Abschwung angekündigt haben.

Wenn also nun ein Großteil der privaten Haushalte aufgrund dieses Konjunktureinbruchs in ernste finanzielle Schwierigkeiten geraten ist, so muss festgestellt werden, dass offensichtlich in Zeiten des Konjunkturaufschwungs die notwendige Sorgfalt vernachlässigt wurde, dass in den guten Zeiten in zu geringem Maße durch Ersparnisse Rücklagen gebildet wurden und dass auch dort Schulden aufgenommen wurden, wo die Entwicklung der Einkommensverhältnisse mehr Vorsicht geboten hätte. Diese Vorsicht wurde hierbei nicht nur von vielen Haushalten vernachlässigt. Viel wichtiger scheint der Umstand, dass auch die Banken und andere Kreditgeber bei der Vergabe von Konsu­mentenkrediten die notwendige Sorgfalt vermissen ließen und auch dort großzügig Kredite gewährten, wo keinerlei Sicherheiten gegeben waren.

Bekanntlich wurde die jüngste Bankenkrise unter anderem dadurch ausgelöst, dass in den USA die Hypothekenbanken in sehr großzügiger Weise an private Haushalte Kredite für Wohnungsbau gaben,  entgegen den allgemeinen Regeln eine Kreditsumme in voller Höhe des Wohnungswertes gewährten und sich auch um keinerlei Sicherheiten kümmerten, z. B. Personen ohne gesicherte Arbeit gleichermaßen solche Kredite auszahlten. Es war vorauszusehen, dass hier Haushalte wie auch Hypothekenbanken in große finanzielle Schwierigkeiten geraten mussten, sobald das Zinsniveau anzog und später dann die Konjunktur einbrach.

Auf jeden Fall ist in dem oben gezeigten zeitlichen Nutzenvergleich nicht von dem tatsächlich erwarteten Nutzenentgang in der Periode 2 auszugehen, sondern dieser erwartete Einkommensanstieg muss stets mit der Wahrscheinlichkeit gewichtet werden, mit der realistischer Weise gerechnet werden kann. Dies bedeutet natürlich, dass das Ausmaß der berechtigten Verschuldung wesentlich geringer ausfällt als dann, wenn man diese Korrektur nicht vornimmt, also stillschweigend davon ausgeht, dass die Wachstumsraten der vergangenen Perioden eintreten werden.

Gerade aus dieser Sicht gewinnt die konservative Maxime, nach der sich Haushalte möglichst überhaupt nicht verschulden sollten, eine gewisse Berechtigung. Zwar wird eine Verschuldung bei sorgfältiger Vorgehensweise durchaus oftmals berechtigt sein. Die konservative Maxime ist jedoch immer noch besser als eine sorglose Verschuldungsmentalität, welche sich in der jüngsten Vergangenheit insbesondere in den USA bei Haushalten wie bei Banken einge­spielt hatte.

Aber auch dann, wenn die traditionellen Spielregeln einer Kreditvergabe an private Haushalte in ausreichendem Maße beachtet würden, wird man immer damit rechnen müssen, dass in Zeiten größerer Konjunktureinbrüche und bei besonders harten persönlichen Schicksalsfällen einige Haushalte aufgrund ihrer Verschuldung in den vergangenen Perioden in so starke finanzielle Schwierigkeiten geraten, dass sie schwerlich aus eigenen Kräften aus dieser finanziellen Krise herausfinden. Gerade aus diesen Gründen wurde in jüngster Zeit die Möglichkeit geschaffen, dass auch private Haushalte Insolvenz anmelden können. Auf diese Weise ist die Möglichkeit eröffnet, dass Haushalte, welche in Zahlungsschwierigkeiten geraten sind, mit öffentlicher Hilfe nach Ablauf einiger Jahre aus diesen Schwierigkeiten heraus­finden.

 

Fortsetzung!