Die schönsten Erzählungen der Bibel

 

 

 

Gliederung:

 

  1. Einführung

  2. Schöpfungsbericht

  3. Sündenfall

  4. Kain und Abel

  5. Noah im Rausch

  6. Abraham hadert mit Gott

  7. Isaaks Opferung

  8. Der Segen für Jakob, dem Jüngeren

  9. Josef und seine Brüder

10. Moses vor dem Pharao

11. Ruth die moabitische Frau und Ahnfrau Davids

12. David gegen Goliath

13. David und die Frau des Hethiters

14. Esthers Rettung der Juden

15.  Hiobs Leid und Gottvertrauen

16. Die Verleugnung Petrus

17. Der Verrat Judas 

18. Der barmherzige Samariter

19. Die Hochzeit zu Kanaan

20. Die Tempelreinigung

21. Das Gleichnis vom verlorenen Sohn

22. Jesus und die Ehebrecherin

23. Jesus am Ölberg

24. Der ungläubige Thomas

 

 

Kapitel 6. Abraham hadert mit Gott

 

 

Gliederung:

 

1. Text

2. Interpretation

3. Worin bestand die Sünde der Bewohner von Sodom und Gomorra?

4. Bestrafung auch der Unschuldigen?

5. Die Frau Lots

6. Gelten die Verbote auch für Gott?

7. Gottes Allwissenheit

 

 

1. Text

 

In diesem Kapitel wollen wir uns mit dem Zwiegespräch befassen, das Abraham mit Gott über die Frage führte, ob es gerecht sei, dass Gott im Zusammenhang mit der Vernichtung der Städte Sodom und Gomorra auch die Unschuldigen mit vernichte. Beginnen wir wiederum mit dem Text der Erzählung. In dem Buch Genesis Kapitel 18,20-33 lesen wir:

 

20 ‚Der Herr sprach also: Das Klagegeschrei über Sodom und Gomorra, ja, das ist laut geworden, und ihre Sünde, ja, die ist schwer.

21  Ich will hinabgehen und sehen, ob ihr Tun wirklich dem Klagegeschrei entspricht, das zu mir gedrungen ist. Ich will es wissen.

22  Die Männer wandten sich von dort ab und gingen auf Sodom zu. Abraham aber stand noch immer vor dem Herrn.

23  Er trat näher und sagte: Willst du auch den Gerechten mit den Ruchlosen wegraffen?

24  Vielleicht gibt es fünfzig Gerechte in der Stadt: Willst du auch sie wegraffen und nicht doch dem Ort vergeben wegen der fünfzig Gerechten dort?

25  Das kannst du doch nicht tun, die Gerechten zusammen mit den Ruchlosen umbringen. Dann ginge es ja dem Gerechten genauso wie dem Ruchlosen. Das kannst du doch nicht tun. Sollte sich der Richter über die ganze Erde nicht an das Recht halten?

26  Da sprach der Herr: Wenn ich in Sodom, in der Stadt, fünfzig Gerechte finde, werde ich ihretwegen dem ganzen Ort vergeben.

27  Abraham antwortete und sprach: Ich habe es nun einmal unternommen, mit meinem Herrn zu reden, obwohl ich Staub und Asche bin.

28  Vielleicht fehlen an den fünfzig Gerechten fünf. Wirst du wegen der fünf die ganze Stadt vernichten? Nein, sagte er, ich werde sie nicht vernichten, wenn ich dort fünfundvierzig finde.

29  Er fuhr fort, zu ihm zu reden: Vielleicht finden sich dort nur vierzig. Da sprach er: Ich werde es der vierzig wegen nicht tun.

30  Und weiter sagte er: Mein Herr zürne nicht, wenn ich weiterrede. Vielleicht finden sich dort nur dreißig. Er entgegnete: Ich werde es nicht tun, wenn ich dort dreißig finde.

31  Darauf sagte er: Ich habe es nun einmal unternommen, mit meinem Herrn zu reden. Vielleicht finden sich dort nur zwanzig. Er antwortete: Ich werde sie um der zwanzig willen nicht vernichten.

32  Und nochmals sagte er: Mein Herr zürne nicht, wenn ich nur noch einmal das Wort ergreife. Vielleicht finden sich dort nur zehn. Und wiederum sprach er: Ich werde sie um der zehn willen nicht vernichten.

33  Nachdem der Herr das Gespräch mit Abraham beendet hatte, ging er weg und Abraham kehrte heim.‘

 

 

2. Interpretation

 

Verfolgen wir nun die einzelnen Abläufe dieser Erzählung. Gott kommt zu Abraham, um ihm zu verkünden, dass er den Bund, den er mit Abraham geschlossen hatte und aufgrund dessen Abraham zum Stammvater eines großen Volkes aufsteigen sollte, nun erfüllen wolle.

 

‚Da sprach der Herr: In einem Jahr komme ich wieder zu dir, dann wird deine Frau Sara einen Sohn haben‘. (Gen 18,10)

 

Und die Erzählung fährt fort:

 

‚Da sagte sich der Herr: Soll ich Abraham verheimlichen, was ich vorhabe? Abraham soll doch zu einem großen, mächtigen Volk werden, durch ihn sollen alle Völker der Erde Segen erlangen.  (Gen 18,17-18).

 

Also teilt Gott Abraham mit, dass er beschlossen habe, die Städte Sodom und Gomorra wegen ihrer Sünden zu vernichten.

 

Abraham beginnt nun mit Gott zu hadern und um die Frage zu feilschen, ob es denn richtig sei, wenn gleichzeitig mit den Sündern auch die Unschuldigen vernichtet werden. Er beginnt damit, dass er unterstellt, in Sodom und Gomorra lebten 50 Gerechte. Und er fragt Gott, ob er nicht dieser 50 Gerechten willen die Städte verschonen sollte.

 

Dieses Verhalten Abrahams ist unerhört und dreist. Dies lässt sich leicht dadurch erkennen, wenn wir dieses Verhalten vergleichen mit der Vorgehensweise, welche von den damaligen heidnischen Religionen um den Wohnort Abrahams verlangt worden wären.

 

Die damaligen heidnischen Religionen forderten eine totale Unterwerfung der Menschen unter den Willen der Götter. Von den heidnischen Göttern wurde unterstellt, dass sie menschliches Fehlverhalten dadurch ahnen, dass sie Naturkatastrophen auslösen und hierbei keinesfalls zimperlich vorgehen. Wenn eine Stadt wegen Ungehorsams etwa durch ein Erdbeben bestraft werden soll, werden notgedrungen alle Bewohner bestraft, unabhängig davon, wer schuldig geworden war und wer die Gebote der Götter befolgt hatte.

 

Von den Menschen wurde erwartet, dass sie die Gebote der Götter widerspruchslos entgegennehmen und befolgen, sie hatten sich vor den Göttern auf den Boden zu werfen und mit verhülltem Angesicht die Weisungen der Götter zu empfangen.

 

Ganz anderes erfahren wir hier in der Geschichte der Heiligen Schrift der Juden und Christen. Abraham unterhält sich mit Gott wie mit Gleichgestellten. Er wagt es, den Plänen Gottes, die Städte Sodom und Gomorra auszulöschen, ernsthaft zu widersprechen, wobei er nicht etwa in einer Demutshaltung Gott darum bittet, gnädig und barmherzig zu sein und auf die an und für sich gerechtfertigte Strafe zu verzichten. Er weist auch Gott keinesfalls daraufhin, dass sich die Stadtbewohner bei einem Aussetzen dieser Strafe dankbar erweisen würden und in Zukunft die Weisungen Gottes befolgen würden. Nichts wird von all dem erwähnt.

 

Ganz im Gegenteil spielt sich – welche Anmaßung! – Abraham gegenüber Gott als Richter auf, der darauf aufmerksam macht, dass ein solches Vorgehen der Gerechtigkeit widersprechen würde. Gott dürfe auf keinen Fall die Gerechten für die Sünden der anderen mitbestrafen, dies sei ausgesprochen ungerecht.

 

Ja, Abraham wagt es sogar, Gott Vorhaltungen zu machen, dass er sich gefälligst an die Gesetze, die er den Menschen gegeben habe, auch selbst zu halten habe:

 

‚Das kannst du doch nicht tun, die Gerechten zusammen mit den Ruchlosen umbringen. Dann ginge es ja dem Gerechten genauso wie dem Ruchlosen. Das kannst du doch nicht tun. Sollte sich der Richter über die ganze Erde nicht an das Recht halten?‘

 

Und genauso unerhört ist es, dass Jahwe in der Tat auf die Einwände Abrahams eingeht, als hätte der Mensch Abraham das Recht, Gott Vorhaltungen zu machen. Es widerspricht allem, was wir von den heidnischen Religionen zur Zeit Abrahams wissen, dass sich ein Gott ein solches Verhalten eines Menschen gefallen lässt. Jahwe hingegen rügt Abraham mit keinem Wort wegen seines dreisten Verhaltens. Nein, er geht sogar auf die von Abraham vorgebrachten Vorwürfe ein und ist bereit, dann auf die Zerstörung beider Städte zu verzichten, wenn sich 50 Gerechte – und dies wären sicherlich nur wenige Prozent der Gesamtbevölkerung gewesen  – finden ließen.

 

Und nun kommt es noch schlimmer. Anstatt dass Abraham wegen dieses Entgegenkommens Gottes dankbar sich zufrieden gibt, legt er noch eines darauf und beginnt wie um den Preis einer Ware mit Gott zu schachern. Wenn ich schon einmal dabei bin –  sagt er – erfordere nicht eigentlich die Gerechtigkeit, dass Gott auch dann auf seine Rache verzichte, wenn sich nur 45 Gerechte finden ließen?

 

Damit wendet Abraham einen ausgesprochen findigen Trick an. Er verweist nicht nur auf 45 Gerechte, um derentwillen Gott auf die Bestrafung verzichten solle, sondern macht darauf aufmerksam, dass ja dann gegenüber dem ersten Zugeständnis nur 5 weitere Gerechte fehlen und er sagt:

 

‚Vielleicht fehlen an den fünfzig Gerechten fünf. Wirst du wegen der fünf die ganze Stadt vernichten?

 

Mit einer solchen Taktik kann man natürlich jede noch so gerechtfertigte Bestrafung ad absurdum führen. Dies wird klar, wenn wir einmal unterstellen, Abraham hätte gefragt, ob Gott auch dann auf die Strafe verzichte, wenn nicht fünfzig, sondern neunundvierzig, also gerade ein einzelner Gerechter weniger gefunden werden könnte. Sollte Gott seine Entscheidung wirklich wegen eines einzigen fehlenden Gerechten ändern, wäre das gerecht? Es ist klar, dass bei einer solchen Taktik am Ende jede Bestrafung der Städte als ungerechtfertigt hingestellt werden kann, sofern nur ein einziger Gerechter gefunden werden könnte.

 

Und Gott scheint sich diese Dreistheit offensichtlich noch gefallen zu lassen. Kein Tadel, nein, er zeigt sich bereit auch bei 45, dann bei 40, 30, 20 schließlich bei 10 Gerechten auf die Bestrafung zu verzichten. Bei einem menschlichen Herrscher hätte man erwarten können, dass dieser spätestens bei dem dritten Anlauf (die Zahl der notwendigen Gerechten schrittweise zu reduzieren) seine Geduld verloren hätte und sich jeden weiteren Versuch, die Zahl der notwendigen Gerechten zu verringern, verbeten hätte. Ein menschlicher Herrscher hätte dieses Gespräch abrupt abgebrochen und befunden, dass sich der Untergebene in Acht nehmen solle und seine Geduld und Nachsicht nicht überschätzen solle.

 

Gott war also diesem Bericht zu Folge bereit, auf die Klagen und Vorhaltungen Abrahams einzugehen. Aber wir erfahren dann, dass trotzdem die Städte vernichtet wurden, da sich offensichtlich noch nicht einmal zehn Gerechte gefunden hatten. In Wirklichkeit gab es nämlich nur Lot, der als Gerechter angesehen werden konnte. Natürlich war es in diesem Fall nicht nur eine einzige Person, Lot selbst, der als Gott gefällig eingestuft werden konnte. Es war vielmehr die Familie des Lots, die hier Gottes Gebote befolgte und zu der Familie zählten die Ehefrau und die Kinder, vermutlich weitere Verwandte und die Diener und Mägde, also sicherlich etwa 100 Personen.

 

Obwohl also Gott Sodom und Gomorra vernichtete, wurde diese eine Person bzw. Personengruppe (die Familie Lot) trotzdem nicht mit den anderen ausgelöscht. Ein Bote Gottes hatte vor der Vernichtung der beiden Städte die Familie des Lots aus der Stadt geführt. Und dies bedeutet, dass dann im Endergebnis wirklich nur die sündigen Menschen vernichtet wurden, dass aber die wenigen Gerechten allesamt gerettet wurden.

 

Dies bedeutet, dass in der Tat der Gerechtigkeit entsprochen wurde, und zwar genau so, wie es Abraham in dem Zwiegespräch mit Gott angemahnt hatte. Zunächst hatte es den Anschein, als ob Jahwe alle Bewohner von Sodom und Gomorra vernichten möchte, unabhängig davon, ob es sich um Unschuldige oder um Schuldige handelt. In Wirklichkeit will diese Erzählung ganz im Gegensatz hierzu feststellen, dass Jahwe im Gegensatz zu den heidnischen Götter der damaligen Zeit immer nur die Ungerechten bestraft.

 

 

3. Worin bestand die Sünde der Bewohner von Sodom und Gomorra?

 

Fragen wir uns nun, wegen welcher Vergehen denn die Bewohner von Sodom und Gomorra bestraft und ausgelöscht wurden?

 

Gehen wir von dem Text der ersten Erwähnung dieses Planes aus, finden wir keinen Hinweis darauf, worin denn die Sünde der Bewohner von Sodom und Gomorra zu sehen sind:

 

‚Der Herr sprach also: Das Klagegeschrei über Sodom und Gomorra, ja, das ist laut geworden, und ihre Sünde, ja, die ist schwer. Ich will hinabgehen und sehen, ob ihr Tun wirklich dem Klagegeschrei entspricht, das zu mir gedrungen ist. Ich will es wissen.‘

 

Wir können also nur davon ausgehen, dass es sich um sehr schwerwiegende Verfehlungen handelt. Nur sehr schwere Sünden rechtfertigen den Plan Gottes, die Städte vollkommen zu vernichten.

 

Dass es sich um sehr schwerwiegende Verfehlungen handelte, geht schon daraus hervor, dass Abraham, der ja offensichtlich in Kritiklaune war, sicher es Gott auch vorgeworfen hätte, wenn Gott wegen geringfügiger Sünden die Bewohner auszulöschen beabsichtigte. Dass Abraham andererseits auch nicht die Frage stellte, weshalb denn Gott diese Bestrafung plane, dürfte darin liegen, dass die Verfehlungen der Bewohner von Sodom und Gomorra offenkundig waren und gerade deshalb auch nicht eigens charakterisiert werden mussten. Der Herr sprach ja davon, dass dass das Klageschrei über Sodom und Gomorra laut geworden sei und dass die Sünde, ja, schwer wiege.

 

Im weiteren Verlauf der Erzählung erfahren wir dann, worin denn offensichtlich die Verfehlungen der Bewohner von Sodom und Gomorra bestanden. Das Kapitel 19 der Genesis beginnt nämlich mit folgendem Bericht:

 

1  ‚Die beiden Engel kamen am Abend nach Sodom. Lot saß im Stadttor von Sodom. Als er sie sah, erhob er sich, trat auf sie zu, warf sich mit dem Gesicht zur Erde nieder

2  und sagte: Meine Herren, kehrt doch im Haus eures Knechtes ein, bleibt über Nacht und wascht euch die Füße! Am Morgen könnt ihr euren Weg fortsetzen. Nein, sagten sie, wir wollen im Freien übernachten.

3  Er redete ihnen aber so lange zu, bis sie mitgingen und bei ihm einkehrten. Er bereitete ihnen ein Mahl, ließ ungesäuerte Brote backen und sie aßen.

 

4  Sie waren noch nicht schlafen gegangen, da umstellten die Einwohner der Stadt das Haus, die Männer von Sodom, Jung und Alt, alles Volk von weit und breit.

5  Sie riefen nach Lot und fragten ihn: Wo sind die Männer, die heute Abend zu dir gekommen sind? Heraus mit ihnen, wir wollen mit ihnen verkehren.

6  Da ging Lot zu ihnen hinaus vor die Tür, schloss sie hinter sich zu

7  und sagte: Aber meine Brüder, begeht doch nicht ein solches Verbrechen!

8  Seht, ich habe zwei Töchter, die noch keinen Mann erkannt haben. Ich will sie euch herausbringen. Dann tut mit ihnen, was euch gefällt. Nur jenen Männern tut nichts an; denn deshalb sind sie ja unter den Schutz meines Daches getreten.

 

9  Sie aber schrien: Mach dich fort!, und sagten: Kommt da so ein einzelner Fremder daher und will sich als Richter aufspielen! Nun wollen wir es mit dir noch schlimmer treiben als mit ihnen. Sie setzten dem Mann, nämlich Lot, arg zu und waren schon dabei, die Tür aufzubrechen.

 

10  Da streckten jene Männer die Hand aus, zogen Lot zu sich ins Haus und sperrten die Tür zu.

11  Dann schlugen sie die Leute draußen vor dem Haus, Groß und Klein, mit Blindheit, sodass sie sich vergebens bemühten, den Eingang zu finden.‘

 

Hier erfahren wir also, worin der Frevel der Bewohner von Sodom und Gomorra bestanden hatte. Die Männer pflegten offensichtlich gleichgeschlechtlichen Verkehr und waren auch willens, Fremde gegen ihren Willen zu diesen Spielchen zu zwingen und sie somit zu vergewaltigen. Sie forderten ja die Fremden nicht auf, bei ihren Spielen mitzumachen, sondern verlangten, dass Lot sie ihnen herausgebe:

 

‚Heraus mit ihnen, wir wollen mit ihnen verkehren.‘

 

Und als Lot zu schlichten versuchte und anbot, ihnen seine beiden noch unberührten Töchter zu übergeben, wiesen diese Lot mit den Worten zurück:

 

‚Mach dich fort! Kommt da so ein einzelner Fremder daher und will sich als Richter aufspielen! Nun wollen wir es mit dir noch schlimmer treiben als mit ihnen. Sie setzten dem Mann, nämlich Lot, arg zu und waren schon dabei, die Tür aufzubrechen.‘

 

Auch hier wiederum erfahren wir von dem Versuch einer Vergewaltigung. Dass Lot bei diesem Versuch, seine beiden Töchter hinausschicken wollte, bedeutet allerdings nicht, dass er diese den Lüstlingen anheim geben wollte und damit seine Vaterpflichten verletzt hatte. Gerade weil diese Männer aus Sodom und Gomorra offensichtlich nur an gleichgeschlechtlichem Verkehr überhaupt interessiert waren, bestand auch für die Töchter keine Gefahr, geschlechtlich missbraucht zu werden.

 

Gerade aus diesen Gründen wird heute auch ganz allgemein von Sodomie gesprochen, wenn Menschen entweder gleichgeschlechtlichen Verkehr pflegen oder geschlechtlich mit Tieren verkehren.

 

 

4. Bestrafung auch der Unschuldigen?

 

Zu Beginn der Erzählung über das Gespräch, das Abraham mit Gott geführt hatte, hat es den Anschein, als wolle der Herr die Städte Sodom und Gomorra wegen ihrer Vergehen mit Haut und Haar auslöschen, unabhängig davon, wer überhaupt gesündigt hatte und wie schwer die Schuld der Einzelnen sein möge. Diese Auffassung entsprach ja offensichtlich auch dem common sense der heidnischen Religionen zur Zeit Abrahams.

 

Im Verlaufe des Gesprächs ergibt sich jedoch ein ganz anderes Bild von der Gerechtigkeit Gottes. Er lässt nicht nur mit sich reden, er ist offensichtlich zur Milde bereit, sofern nur einige wenige Gerechte in dieser Stadt leben. Auch hier entspricht jedoch die Art und Weise, wie der Herr auf die Vorhaltungen Abrahams reagiert, nicht unbedingt dem, was man sich allgemein unter Gerechtigkeit vorstellt. Gerecht kann nur sein, wenn kein Gerechter, der nicht gesündigt hat, bestraft wird, und mag die Zahl der Gerechten noch so klein sein. Auch dann, wenn nur ein einziger Mensch nach den Weisungen Gottes gelebt hat, wäre es nicht gerecht, wenn auch dieser mit den Schuldigen zusammen vernichtet würde, ja man wird sogar sagen müssen, dass ein Mensch, der auch dann standhaft bleibt und nach den Weisungen Gottes lebt, wenn alle Menschen um ihn herum die Gebote Gottes missachten, sich als besonders tugendhaft erweist, da er den Versuchungen der anderen widerstanden hat.

 

Wenn wir jedoch die Frage nach der Gerechtigkeit Gottes stellen, nachdem Gott seine Strafe verhängt hat, müssen wir feststellen, dass sich nun ein ganz anderes Bild von der Gerechtigkeit Gottes aufdrängt. De facto erfahren wir ja, dass in Sodom und Gomorra offensichtlich nur ein Mensch, bzw. eine Familie, die des Lots, gelebt hat, die sich an die Gebote Gottes gehalten hat. Und genau diese wenigen Menschen werden gerettet, ein Bote Gottes (ein Engel) führte diese Gruppe aus den Städten heraus, bevor die Vernichtung begann. Nach vollzogener Bestrafung hat sich somit ergeben, dass nur die Schuldigen ausgelöscht wurden, dass aber kein Gerechter diese Strafe erleiden musste. Und dieses Ergebnis entspricht genau dem, was man sich idealiter unter vollkommener Gerechtigkeit vorstellt. Die Erzählung der Bibel fährt in Kapitel 19 der Genesis fort:

 

12  ‚Die Männer sagten dann zu Lot: Hast du hier noch einen Schwiegersohn, Söhne, Töchter oder sonst jemand in der Stadt? Bring sie weg von diesem Ort!

13  Wir wollen nämlich diesen Ort vernichten; denn schwer ist die Klage, die über die Leute zum Herrn gedrungen ist. Der Herr hat uns geschickt, die Stadt zu vernichten.

14  Da ging Lot hinaus, redete auf seine Schwiegersöhne ein, die seine Töchter heiraten wollten, und sagte: Macht euch auf und verlasst diesen Ort; denn der Herr will die Stadt vernichten. Aber seine Schwiegersöhne meinten, er mache nur Spaß.

15  Als die Morgenröte aufstieg, drängten die Engel Lot zur Eile: Auf, nimm deine Frau und deine beiden Töchter, die hier sind, damit du nicht wegen der Schuld der Stadt hinweggerafft wirst.

16  Da er noch zögerte, fassten die Männer ihn, seine Frau und seine beiden Töchter an der Hand, weil der Herr mit ihm Mitleid hatte, führten ihn hinaus und ließen ihn erst draußen vor der Stadt los.

17  Während er sie hinaus ins Freie führte, sagte er: Bring dich in Sicherheit, es geht um dein Leben. Sieh dich nicht um und bleib in der ganzen Gegend nicht stehen! Rette dich ins Gebirge, sonst wirst du auch weggerafft.

18  Lot aber sagte zu ihnen: Nein, mein Herr,

19  dein Knecht hat doch dein Wohlwollen gefunden. Du hast mir große Gunst erwiesen und mich am Leben gelassen. Ich kann aber nicht ins Gebirge fliehen, sonst lässt mich das Unglück nicht mehr los und ich muss sterben.

20  Da, die Stadt in der Nähe, dorthin könnte man fliehen. Sie ist doch klein; dorthin will ich mich retten. Ist sie nicht klein? So könnte ich am Leben bleiben.

21  Er antwortete ihm: Gut, auch das will ich dir gewähren und die Stadt, von der du sprichst, nicht zerstören.

22  Schnell flieh dorthin; denn ich kann nichts unternehmen, bevor du dort angekommen bist. Deshalb nannte er die Stadt Zoar (Kleine).

 

23  Als die Sonne über dem Land aufgegangen und Lot in Zoar angekommen war,

24  ließ der Herr auf Sodom und Gomorra Schwefel und Feuer regnen, vom Herrn, vom Himmel herab.‘

 

Berücksichtigen wir also den Ausgang dieser Begebenheit, so kehrt sich der Sinn dieser Erzählung vollkommen um. Es wird dann eben gerade nicht davon erzählt, dass der Gott der Juden genauso handelt wie alle anderen Götter und sich im Ausleben der Rache nicht darum kümmert, wie viel Gerechte bei einer solchen Strafaktion in Mitleidenschaft gezogen werden, nein Jahwe, der Gott Abrahams, unterscheidet sich ganz entscheidend von all den anderen heidnischen Göttern, er lässt diejenigen, die ihm die Treue gehalten haben, nicht im Stich und löscht nur diejenigen aus, welche sich versündigt hatten.

 

Und gerade aus diesen Gründen will dieser Bericht darauf hinweisen, dass Gott auch im Hinblick auf die Bestrafung sündiger Menschen anders ist als die Götter, denen die Heiden zur Zeit Abrahams ihre Opfer bringen.

 

Allerdings kann offensichtlich diese Erzählung auch wiederum nicht so verstanden werden, dass Gott jeden Menschen vor ungerechten Behandlungen in diesem Leben schützt. Die hier zur Diskussion stehende Erzählung berichtet allein von Katastrophen, welche von Gott hervorgerufen werden und die als eine Art Bestrafung für vorheriges sündhaftes Handeln angesehen werden müssen. Der größte Teil des Leides, das Menschen hier auf Erden erdulden müssen, geht nicht von Gott, sondern von den Mitmenschen aus.

 

Natürlich muss auch hier festgestellt werden, dass Gott offensichtlich diese menschlichen Vergehen zulässt. Diese Vergehen ergeben sich jedoch zwangsweise aus der Tatsache, dass Gott den Menschen als freies Lebewesen erschaffen hat und dies bedeutet, dass die Menschen frei darüber entscheiden können, ob sie Gottes Weisungen folgen wollen oder nicht. Gott hat die Menschen erschaffen in der Erwartung, dass sie sich aus freien Stücken zu ihm bekennen. Es entspricht nicht dem Willen Gottes, dass die Menschen unter Androhung schärfster Strafen zum Glauben gezwungen werden, wie dies im Mittealter im Namen Gottes fälschlicher Weise wiederholt getan wurde.

 

Wenn man aber zugesteht, dass Gott dem Menschen diese Freiheit gegeben hat, dann folgt hieraus aus logischen Gründen zwingend, dass es durchaus Menschen geben kann, die entgegen dem Gebot Gottes ihren Mitmenschen großen Schaden zufügen und diese in ihr Unglück stürzen.

 

Mit diesem Hinweis lässt sich allerdings nur ein Teil der auf Erden auftretenden Nöten erklären. Zumindest auf den ersten Blick hat es den Anschein, dass die Vielzahl der Naturkatastrophen und das hierdurch hervorgerufene Leid eben gerade nicht aufgrund menschlichen Verhaltens eingetreten sind.

 

Aber auch in dieser Frage müssen wir aufgrund unserer heutigen Kenntnisse etwas vorsichtiger urteilen. Denn zumindest ein Teil der heute zu beobachtenden Naturkatastrophen ist genau dadurch hervorgerufen worden, weil der Mensch in der Vergangenheit Raubbau mit den natürlichen Ressourcen getrieben hat. Gott hat am Ende der Schöpfung den Menschen den Auftrag gegeben: ‚Wachset und mehret euch und macht euch die Erde untertan‘.

 

Dieser Auftrag ist keinesfalls so zu verstehen, dass es den Menschen anheim gestellt ist, was sie mit den ihnen zur Verfügung gestellten materiellen Ressourcen anstellen. Vielmehr besagt dieser Auftrag, dass die Menschen aufgefordert wurden, die von Gott bei der Erschaffung der Welt festgelegten Naturgesetze zu studieren und ihr Handeln nach diesen Erkenntnissen auszurichten, um zwar auf der einen Seite bei der Erzeugung der einzelnen Güter eine möglichst hohe Effizienz zu erreichen, aber auf der anderen Seite auch nachhaltig zu produzieren und dafür Sorge zu tragen, dass die knappen Ressourcen auch für die nachfolgenden Generationen zur Verfügung stehen. Das Ausmaß der Naturkatastrophen wäre sicherlich bedeutend geringer, wenn die Menschen stets nach dieser Maxime gehandelt hätten.

 

Aber auch unter der Berücksichtigung dieser Zusammenhänge muss sicherlich immer noch davon gesprochen werden, dass auf diese Weise nicht alles Leid hier auf Erden erklärt werden kann. Die Erde besteht schon mehrere Millionen Jahre und Naturkatastrophen größten Ausmaßes gab es auch schon vor dem Auftreten der ersten Menschen. Also ist es sicherlich nicht möglich, jedes Leid und alle hier auf Erden feststellbaren Ungerechtigkeiten letztlich auf sündhaftes oder zumindest fehlerhaftes Verhalten des Menschen zurückzuführen.

 

Und im Hinblick auf diese Frage muss zugestanden werden, dass eine vollständige und befriedigende Antwort einfach nicht gefunden werden kann, dass stets ein Schleier der Unwissenheit bestehen bleibt. Hierbei hilft es vielleicht, wenn man sich klar macht, dass sich die Gerechtigkeit Gottes in allererster Linie darauf bezieht, dass erst am Ende der Zeiten, auf dem Weltgericht die Menschen nach ihrem Tun und Lassen beurteilt werden, dass sich also die eigentliche Gerechtigkeit auch erst am Ende der Zeiten einstellt. Und alles noch so großes Leid hier auf Erden mag im Vergleich zu der Belohnung, welche die Gerechten im Jenseits während eines ewigen Lebens zu erwarten haben, gering erscheinen.

 

Vor allem das Alte Testament belehrt uns, dass Gott sehr wohl immer wieder in die Geschicke der Menschen eingegriffen hat, dass er sich also keineswegs – wie der Deismus unterstellt – nach der Schöpfung zurückgezogen hat und das Geschehen hier auf Erden allein den Menschen überlässt. Diese Berichte und vor allem auch der Verlauf der Geschichte machen aber auch deutlich, dass dieses Eingreifen Gottes in erster Linie sicher stellen soll, dass die Glaubenswahrheiten erhalten bleiben und dass jedem willigen Menschen auch somit diese Glaubenswahrheiten offenstehen, dass aber diese Eingriffe weniger den Zweck verfolgten, das individuelle Leid der Menschen zu vermindern.

 

So werden auch die zahlreichen durch Jesus durchgeführten Heilungen in erster Linie damit begründet, dass sie als Beweis dafür gelten, dass Jesus tatsächlich der von den Propheten prophezeite Messias ist. Immer wieder folgt in den Evangelien nach einem Bericht über Jesu Heilungen und Wundertaten der Hinweis: ‚Dies geschah, damit die Schrift erfüllt werde.‘ Den Evangelisten ging es also bei der Berichterstattung über die Wundertaten Jesu in erster Linie darum, den feindlich gesinnten Juden zu beweisen, dass Jesus tatsächlich der in den Schriften der Thora prophezeite Messias und Gottessohn sei.

 

 

5. Die Frau Lots

 

Befassen wir uns kurz mit dem Hinweis, dass Lots Gemahlin zur Salzsäule erstarrte. Im Buch Genesis Kapitel 19, 26  heißt es:

 

‚Als Lots Frau zurückblickte, wurde sie zu einer Salzsäule.‘

 

Diese Stelle ist sicherlich nicht wortwörtlich zu nehmen. Es geht nicht darum festzustellen, dass die Frau von Lot tatsächlich auf der Flucht aus Sodom und Gomorra nochmals zurückblickte und deshalb zu einer Salzsäule erstarrte. In Wirklichkeit verlief vermutlich die Geschichte gerade umgekehrt. Zunächst einmal stand in der Nähe dieser Städte eine Salzsäule, deren Aussehen der Gestalt einer Frau glich und im Nachhinein hat man dann diese Naturerscheinung zum Anlass genommen, bildlich zu zeigen, was mit Menschen geschehen war, welche offensichtlich zum Verlassen dieses unheiligen Ortes und damit zur Aufgabe des sündigen Lebens nicht bereit waren.

 

Auch hier gilt wiederum, dass die Heilige Schrift an keiner Stelle die empirischen Sachverhalte möglichst exakt wiedergeben möchte, sondern dass es immer bei allen Texten der Heiligen Schrift darum geht, Glaubenswahrheiten zu verkünden und diese anhand gewisser vielleicht erfundener Begebenheiten erläutern möchte. Es geht hier nicht darum, festzustellen, was geschehen ist, sondern darzulegen, wie bestimmte Ereignisse zu bewerten sind und welche Folgen für das Seelenheil der einzelnen Menschen bestimmte Verhaltensweisen nach sich ziehen.

 

Wenn in dieser Erzählung davon gesprochen wird, dass die Frau Lots unterwegs zurückblickte, so soll vermutlich damit angedeutet werden, dass sie innerlich nicht los kam und nicht bereit war, ein neues Leben ohne Sünde zu beginnen. Sie blickt somit zurück, da sie sich nach wie vor der Stadt Sodom und Gomorra verbunden fühlte und von dem sündigen Handeln, aufgrund dessen Gott diese Städte der Vernichtung preisgab, nicht lassen konnte. Sie war zwar als Ehefrau von Lot ein Mitglied der Familie des Lot und bekam die Möglichkeit, mit Lot aus der Stadt vor ihrer Vernichtung zu fliehen, aber innerlich gehörte sie offensichtlich sehr viel eher zu den Menschen, welche Sodomie betrieben und gerade deshalb von Gott vernichtet wurden.

 

In diesem Beispiel wird deutlich, dass Gott zwar die Schuldigen bestraft, aber jedem die Möglichkeit der Umkehr gibt, sofern er seine Taten bereut. Vielleicht hatte die Frau des Lot auch sich der Sodomie schuldig gemacht. Ihr stand es aber offen, umzukehren, also mit ihrem Gemahl der Stadt und damit dem sündigen Verhalten zu entfliehen und damit zu dokumentieren, dass sie ihre bisherigen Taten bereut.

 

Da sich jedoch offensichtlich die Frau des Lot dennoch nicht von dem in der Vergangenheit gezeigten Verhalten trennen konnte – sie hatte es versucht, ging also zunächst mit Lot –, aber sie konnte sich nicht von dem Geschehen dieser Städte trennen und wandte sich deshalb wiederum der Stadt zu. Und da sie eben nicht wirklich zur Umkehr bereit war, traf sie das Schicksal all derjenigen Bewohner, welche in ihrem Verhalten beharrten, bildlich gesprochen also in der Stadt verblieben bzw. zur Stadt zurückblickten.

 

 

6. Gelten die Verbote auch für Gott?

 

Wir wollen uns weiterhin mit der Frage befassen, ob die Gebote, welche Gott für die Menschen erlassen hatte, auch für Gott selbst gelten, sodass sich Gott genauso wie die Menschen an diese Gebote zu halten habe.

 

In der Tat war es ja Abraham, der in dem Gespräch, das diesem Kapitel zugrunde liegt, genau dies monierte:

 

‚Er (Abraham) trat näher und sagte: Willst du auch den Gerechten mit den Ruchlosen wegraffen? Vielleicht gibt es fünfzig Gerechte in der Stadt: Willst du auch sie wegraffen und nicht doch dem Ort vergeben wegen der fünfzig Gerechten dort? Das kannst du doch nicht tun, die Gerechten zusammen mit den Ruchlosen umbringen. Dann ginge es ja dem Gerechten genauso wie dem Ruchlosen. Das kannst du doch nicht tun. Sollte sich der Richter über die ganze Erde nicht an das Recht halten?‘

 

Auch hier gilt natürlich als erstes, dass eine solche Forderung diametral dem gegenüber steht, was in den heidnischen Religionen in der Zeit und in der Umgebung Abrahams geglaubt wurde. Danach können sich die heidnischen Götter alles erlauben, ihre Gesetze gelten nur für die Menschen, sie sind erlassen worden allein zum Nutzen der Götter.

 

Dass sich die Religion Abrahams von der Weltanschauung der heidnischen Religionen zur Zeit Abrahams massiv unterscheidet, hatten wir bereits festgestellt. Der Gott der Juden hat nicht nur die Menschen und die Erde mit ihr erschaffen, die von ihm aufgestellten Anweisungen dienen immer dem Wohl der Menschen. Gott hat sich danach das Wohl der Menschen zu seinem eigenen Wohl gemacht. Jesus lässt Gott am Ende der Zeiten sprechen, ‚was ihr den Geringsten unter euch getan habt, das habt ihr mir getan.‘

 

Trotzdem folgt der Anspruch Abrahams, dass das, was Gott den Menschen befiehlt, auch von Gott selbst eingehalten werden müsse, nicht unbedingt aus dieser grundsätzlichen Kehrtwendung im Hinblick auf den Glauben Abrahams, der Juden und schließlich der Christen. Betrachten wir hierzu den christlichen Ständestaat im Mittelalter.

 

Auch hier hätten es sich die Herrscher verbeten, dass die den Untergebenen erlassenen Gesetze auch für den Herrscher zu gelten hätten. Selbst die Adligen hielten sich immer für etwas Besseres und waren überzeugt, dass sie sich selbst nicht an Gesetze zu halten hätten. Sie hatten die Gesetze erlassen, an ihnen liege es, für wen diese Gesetze gelten und inwieweit diese Gesetze von jedem eingehalten werden sollten. Wenn somit Adel und Herrscher schon diese Unterscheidung zwischen Adel und gemeinem Volk für selbstverständlich und Gott gewollt hielten, galt dieses Verhältnis und dieser Abstand a fortiori für das Verhältnis Gott als Schöpfer und die Menschen als Geschöpfe.

 

Aber sicherlich geht eine solche im Mittelalter praktizierte Weltanschauung mit den wahren Lehren Jesu nicht konform. Nochmals: Der Gott der Juden und Christen macht sich das Wohl seiner Geschöpfe zu eigen, die von Gott erlassenen Weisungen dienen in erster Linie dem Wohl der Menschen, Gott will nicht, dass die Liebe, die wir Gott erweisen, vollkommen getrennt ist von der Zuwendung, welche wir unseren Mitmenschen gegenüber, die in Not geraten sind, entfalten sollten. Auf die Frage eines Schriftgelehrten an Jesus, was denn das wichtigste Gebot sei, antwortete Jesus: ‚liebe Gott mit deinem ganzen Herzen und liebe und achte deinen Nächsten, denn er ist wie du‘. Und er fügte noch hinzu, dass die Forderung nach Nächstenliebe der Forderung nach Achtung gegenüber Gott gleichkomme.

 

Diese Feststellung kann natürlich nicht so verstanden werden, dass immer dann, wenn beide Forderungen (nach Gottes- und nach Nächstenliebe) in einen Konflikt geraten, ein Kompromiss gesucht werden sollte, indem von beiden Forderungen Abstriche gemacht werden. In diesem Sinne geht die Forderung nach Liebe Gott gegenüber der Forderung nach Liebe gegenüber dem Menschen immer vor.

 

Vielmehr versteht sich diese jesuanische Aussage in dem Sinne, dass eben die Achtung, welche die Menschen Gott schulden, nicht primär darin besteht, dass die Menschen Gott zahlreiche Brandopfer bringen, sondern darin, dass sie den Mitmenschen Hilfe gewähren, wenn diese Hilfe benötigen. ‚Und den Nächsten zu lieben wie sich selbst, ist weit mehr als alle Brandopfer und anderen Opfer‘. (Markus 12,33)

 

Angewandt auf die in diesem Kapitel zu besprechende Frage, ob die von Gott erlassenen Gesetze auch für Gott selbst gelten, bedeutet diese Erkenntnis, dass Gott die Menschen erschaffen hat, nicht dass sie sich gegenseitig umbringen, sondern dass sie sich als gleichberechtigte Wesen verstehen, welche mit Gott zusammen das Himmelreich bewohnen.

 

Geht man von dieser göttlichen Absicht aus, so entspricht es diesem Willen Gottes, dass er die Menschen, soweit sie sich seinen Weisungen fügen, auch leben lässt. Gott wird sich danach an diese von ihm selbst erlassenen Gebote halten, nicht deshalb, weil sich der Schöpfer ebenfalls an die von ihm erlassenen Gesetze zu halten hat, sondern einfach deshalb, weil nur dann, wenn Gott das Leben der Gerechten schützt und wahrt, die Absicht Gottes verwirklicht wird. Nur in diesem Sinne kann also die von Abraham gegenüber Gott geäußerte Forderung (auch er müsse sich an die von ihm erlassenen Gesetze halten) verstanden werden.

 

 

7. Gottes Allwissenheit

 

Noch in einem weiteren Punkt widerspricht der Bibeltext in dieser Erzählung unseren allgemeinen Überzeugungen. Nach allgemeiner Überzeugung gilt Gott als allwissend, er kann in die Seelen der Menschen blicken, niemand kann seine Sünden vor Gott verbergen.

 

Wenn wir aber Gott diese Allwissenheit zuerkennen, warum lesen wir dann an dieser Stelle:  ‚Der Herr sprach also: Das Klagegeschrei über Sodom und Gomorra, ja, das ist laut geworden, und ihre Sünde, ja, die ist schwer. Ich will hinabgehen und sehen, ob ihr Tun wirklich dem Klagegeschrei entspricht, das zu mir gedrungen ist. Ich will es wissen.‘

 

Hier entsteht der Eindruck, dass Gott eben nicht über das Geschehen in Sodom von sich aus Bescheid weiß. Er erfährt von den Mitmenschen über das sündige Verhalten in Sodom und Gomorra und er muss erst vom Himmel hinabsteigen, um sich selbst ein Bild davon zu machen, ob die Klagen der Anderen berechtigt sind.

 

Zur Aufklärung dieses Widerspruches müssen wir uns auch hier klar machen, es geht auch in dieser Erzählung nicht primär darum, ein Ereignis tatsachengetreu zu schildern, sondern mit Hilfe einer fiktiven Erzählung dem Leser eine ganz bestimmte Glaubenswahrheit näher zu bringen.

 

Wichtig an dieser Erzählung ist dann nur der Hinweis, dass Gott die Menschen immer erst dann bestraft, wenn ihre Verfehlung eindeutig ist. Es reicht nicht aus, dass Menschen über die Verfehlungen der anderen Menschen klagen, nur dann, wenn Gott selbst die Verfehlungen wahrgenommen hat, werden sie auch geahndet.

 

Vielleicht hilft auch folgende Überlegung, den scheinbaren Widerspruch aufzulösen. Wir erfahren in der Genesis in erster Linie, wie zu Zeiten Abrahams allmählich der Begriff eines monotheistischen Gottes entstanden ist und in welchen Punkten sich der Glaube an Jahwe von den damals üblichen heidnischen Göttern unterschied.

 

Dieser Übergang erfolgte schrittweise und auch in der Darstellung dieser Unterschiede erfahren wir immer nur bruchstückweise über die Unterschiede zu den heidnischen Religionen. In der Erzählung über die Vernichtung von Sodom und Gomorra wird uns berichtet, dass der Gott Abrahams im Gegensatz zu den heidnischen Göttern bei seiner Bestrafung nur die Sünder und nicht gleichzeitig auch die Gerechten bestraft, in der darauf folgenden Erzählung über die Opferung Isaaks erfahren wir hingegen, dass Jahwe sich auch insoweit von den heidnischen Göttern unterscheidet, dass er Menschenopfer stets ablehnt.