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Wissen und Glauben

 

 

Gliederung:

 

1. Einführung in die Problematik

2. Glauben und Glaubwürdigkeit in der Wissenschaft

3. Glauben und Glaubwürdigkeit in der Religion

4. Verifikation und Falsifikation von Wissen

5. Warum überhaupt ist eine Beschäftigung mit Glaubenswahrheiten erwünscht?

6. Bibel und Tatsachenbehauptungen

7. Schlussbemerkungen

 

 

 

 

1. Einführung in die Problematik

 

Es entspricht einer weitverbreiteten Ansicht, dass sich Wissen und Glauben einander ausschließen, dass ein ernstzunehmender Wissenschaftler nicht zur gleichen Zeit ein Gläubiger, also z. B. ein überzeugter und praktizierender Christ sein könne. Schließlich sei der Versuch einiger Philosophen und Kirchenväter im Altertum, die Existenz Gottes mit Mitteln der Wissenschaft exakt nachzuweisen, eindeutig gescheitert. Auch enthalte die Bibel – vor allem das Alte Testament –  zahlreiche Faktenbehauptungen, die sich in der Zwischenzeit als falsch erwiesen hätten. Worüber man jedoch nicht reden könne, darüber müsse man – einer Auffassung von Ludwig Joseph Johann Wittgenstein folgend – schweigen.

 

Mich hat diese Auffassung nie überzeugt, sie beruht meines Erachtens auf falschen Vorstellungen sowohl über die Möglichkeiten der empirischen Wissenschaften als auch über den Anspruch der – zumindest christlichen – Religionen.

 

Wir wollen im folgenden zunächst der Frage nachgehen, welche Bedeutung dem Glauben und der Glaubwürdigkeit innerhalb der Religionen zukommt und aufzeigen, dass auch die Wissenschaft ohne ein Mindestmaß an Glauben nicht auskommt.

 

In einem zweiten Schritt werden wir der Frage nachgehen, inwieweit im Rahmen der empirischen Wissenschaften Aussagen verifiziert werden können. Wir werden zeigen, dass auch hier im Hinblick auf generelle Aussagen zu faktischen Zusammenhängen gar keine eindeutige und endgültige Verifikation möglich ist, sodass die Unmöglichkeit, Wahrheiten zu verifizieren nicht nur im Bereich der Religionen, sondern auch bei den sogenannten exakten Wissenschaften – zumindest im Zusammenhang mit empirischen Faktenzusammenhängen – auftritt.

 

In einem dritten Schritt wollen wir der Frage nachgehen, ob das Diktat von Wittgenstein, dass man dort schweigen solle, wo man keine eindeutigen Antworten wissenschaftlich geben könne, auch für den Bereich der Glaubenswahrheiten gilt. Wir werden zeigen, dass es im Hinblick auf den Glauben sehr wohl sinnvoll und notwendig sein kann, Antworten zu formulieren, auch wenn diese Antworten nicht eindeutig nachgewiesen werden können.

 

In einem vierten Schritt schließlich wollen wir uns mit der oft geäußerten Kritik auseinandersetzen, dass die Bibel der Christen eine Vielzahl von Tatsachenbehauptungen enthalte, die eindeutig als falsch entlarvt worden seien und dass schon aus diesen Gründen zumindest die christliche Religion unglaubwürdig sei. Wir werden zeigen, dass hier ein Verständnis der Bedeutung der Bibel zugrunde gelegt wird, das von der christlichen Religion – zumindest von der ernsthaften Bibelforschung – selbst gar nicht geteilt wird. Der Wahrheitsanspruch der christlichen Bibel bezieht sich eben gerade nicht auf die Vielzahl von Tatsachenbehauptungen, sondern allein auf Aussagen über den Glauben und die christliche Moral.

 

 

2. Glauben und Glaubwürdigkeit in der Wissenschaft

 

Auch die Wissenschaft kann ohne Glauben nicht auskommen, der enorme wissen-schaftliche Fortschritt in der Vergangenheit war überhaupt nur dadurch möglich, dass sich der einzelne Wissenschaftler auf die Aussagen bisheriger Wissenschaftler – ohne eigene Überprüfung dieser Aussagen – verlassen hat. Wissen entsteht immer durch Kumulation, also dadurch, dass man zu den bereits bekannten und als erwiesen betrachteten Aussagen weitere hinzufügt. Die Fähigkeit des einzelnen, Wissen zu überprüfen, ist begrenzt, nie ist es möglich, die Gesamtheit des bisher entdeckten Wissens selbst zu überprüfen, ein Fortschreiten und Hinzufügen neuen Wissens ist überhaupt nur dadurch möglich, dass man das bisher aufgedeckte Wissen ohne eigene Überprüfung übernimmt und darauf aufbauend weiter forscht, also das glaubt und als bewiesen übernimmt, was andere Wissenschaftler vor ihm entdeckt haben bzw. behaupten, entdeckt zu haben.

 

Natürlich ist ein solches Vorgehen nur möglich, wenn man bestimmte Spielregeln über den Wissenserwerb anerkennt. Es muss Übereinstimmung darüber bestehen, mit welchen Methoden im Rahmen der Wissenschaft neues Wissen kreiert wird, wann man davon sprechen kann, dass bestimmte Aussagen als bewiesen und andere als widerlegt angesehen werden können. Die anderen Wissenschaftler, deren Wissen man übernimmt, müssen als ‚glaubwürdig’ angesehen werden.

 

Zu diesen Spielregeln zählt vor allem auch, dass die einzelnen Schritte, aufgrund derer ein Wissenschaftler zu neuen Erkenntnissen gelangt ist, ganz bestimmten, allgemein akzeptierten Spielregeln folgen müssen und dass die Ergebnisse offen gelegt werden, sodass diese Erkenntnisse jederzeit von einem anderen Wissenschaftler überprüft werden können. Von neuem gesichertem Wissen wird deshalb auch nicht bereits dann gesprochen, wenn ein einzelner Wissenschaftler bestimmte wissenschaftliche Ergebnisse veröffentlicht.

 

Mit der Veröffentlichung dieser Ergebnisse beginnt überhaupt erst der Entdeckungsprozess der Wissenschaft. Neues Wissen wird in einem vielschichtigen arbeitsteiligen Prozess kreiert, an dem viele Wissenschaftler beteiligt sind. Und eine neue Erkenntnis wird im Rahmen der Wissenschaft erst dann als erwiesen und als allgemeines Wissen angesehen, wenn neue Entdeckungen von anderen Wissenschaftlern überprüft wurden und deshalb als allgemeines Wissen akzeptiert werden können.

 

Trotzdem muss man gewissermaßen blind den Kollegen darauf vertrauen, dass sie sich auch immer an diese Spielregeln halten. Nun sind die Wissenschaftler auch nur Menschen mit menschlichen Schwächen; auch dann, wenn man überzeugt sein kann, dass die überwiegende Mehrheit der Wissenschaftler bereit ist, sich an diese Spielregeln zu halten, wird man trotzdem damit rechnen müssen, dass diese Spielregeln vereinzelt verletzt werden, dass Wissenschaftler im Einzelfall durchaus mit unsauberen Methoden arbeiten und Ergebnisse schönen, also fälschen.

 

Zu diesem unerwünschten Verhalten kommt es einerseits immer wieder dadurch, dass die Überprüfung der Untersuchungen oftmals sehr erschwert ist und auch nicht immer vorgenommen werden kann. Andererseits ist das Bestreben eines Wissenschaftlers nach wissenschaftlichem Ruhm und Anerkennung so groß, dass man durchaus damit rechnen muss, dass in dem einen oder anderen Fall gepfuscht wird.

 

Natürlich handelt es sich hierbei sicherlich um Einzelfälle. Man kann durchaus davon ausgehen, dass sich die überwiegende Mehrheit der Forscher korrekt verhält und nur tatsächlich bewiesene Aussagen veröffentlicht. Das Problem liegt nur darin, dass man eben im Einzelfall nicht weiß und auch nicht wissen kann, ob die Aussagen einzelner Forscher korrekt gewonnen wurden oder auch nicht. Wie gerade Beispiele der jüngsten Vergangenheit zeigen, können solche Unkorrektheiten durchaus auch bei sogenannten Koryphäen auftreten.

 

So musste vor kurzer Zeit eine Koryphäe in der Embryonenforschung aus Südkorea einräumen, dass bei der Präsentation der Daten das Material teilweise gefälscht wurde. Vor einigen Jahren hatte – um ein zweites Beispiel zu nennen – ein führender Vertreter der Forstwissenschaft aus Deutschland eingeräumt, dass die bisher gemachten Feststellungen, der deutsche Wald sei in einem verheerenden Zustand, die meisten Bäume seien krank, weniger der tatsächlichen Entwicklung entsprochen hätten als eher dem Zustand, der auf der Grundlage der bisherigen Theorien hätte eigentlich erwartet werden müssen; in Wirklichkeit hätten die Bäume in der Vergangenheit den auftretenden Gefahren besser getrotzt als vermutet wurde und neue, bisher unbekannte Anpassungsmechanismen entwickelt.

 

 

3. Glauben und Glaubwürdigkeit in der Religion

 

Ein ähnliches Muster im Hinblick auf die Anstrengungen um eine Glaubwürdigkeit können nun auch im Bereich der Religionen, vor allem der katholischen Kirche festgestellt werden. Auch hier geht es in erster Linie darum, Spielregeln zu entwickeln, um die Glaubwürdigkeit der Kirche zu aufrecht zu erhalten. Auch hier ist die offizielle Kirche bemüht, sicherzustellen, dass die religiösen Wahrheiten auch als glaubwürdig angesehen werden können.

 

In einem Punkte unterscheiden sich jedoch die Verfahren, welche von Seiten der Wissenschaft zur Erhaltung der Glaubwürdigkeit beschritten werden von den Methoden der Kirchen. Zumindest in der katholischen Kirche werden diese Bemühungen zentral von oben gesteuert. Es gibt eine eigene Institution, die Glaubenskongregation, welche über die Bewahrung der religiösen Wahrheiten wacht.

 

Im Gegensatz zu einigen anderen christlichen Konfessionen geht die katholische Kirche davon aus, dass die eigentlichen Quellen des Glaubens nicht nur im Alten und vor allem Neuen Testament, sondern darüber hinaus auch in einer mündlichen Überlieferungen der Kirche bestünden; schließlich seien die vier Evangelien erst circa 30 Jahre nach dem Tode Jesu aufgezeichnet worden, also wurde der Inhalt dieser Evangelien zunächst 30 Jahre lang von den Jüngern und Aposteln der Kirche mündlich weitergegeben. Auch das Testament beruhe also selbst zum großen Teil auf mündlicher Überlieferung.

 

Die Verkündung neuer Wahrheiten darf weiterhin in der katholischen Kirche nur auf ganz bestimmten Wegen erfolgen, entweder in einem Konzil, das eigens vor allem vom Papst zur Klärung vorwiegend von Glaubensfragen einberufen wurde und in der die wichtigsten Führer der Kirche (Bischöfe und Kardinäle) versammelt sind. Seit dem ersten Vatikanischen Konzil im Jahre 1870 gilt auch der Papst in der Verkündung und Auslegung religiöser Wahrheiten als unfehlbar, wenn er diese Wahrheiten ex Cathedra verkündet. Allerdings wurde von dieser Möglichkeit des Papstes bisher nur einmal Gebrauch gemacht, als 1950 Papst Pius XII. die Aufnahme Mariens mit Leib und Seele in den Himmel als Dogma verkündet hatte.

 

Ganz anders ist der Versuch innerhalb der Wissenschaften, die Glaubwürdigkeit wissenschaftlicher Wahrheiten zu erhalten. Hier gibt es keine zentrale Instanz, die darüber entscheidet, welche Aussagen als wahr zu gelten haben, die Feststellung der Wahrheiten erfolgt hier in Konkurrenz der Wissenschaftler untereinander.

 

Auch dann, wenn ein Wissenschaftler lange Zeit in informeller Hinsicht ein päpstliches Ansehen genossen hat, kann er jederzeit diese Stellung verlieren, wenn wissenschaftliche Ergebnisse veröffentlicht werden, welche den bisherigen ‚Wahrheiten’ widersprechen. Es ist hier eher die sachliche Diskussion und die Tatsache, dass alle Behauptungen eines Wissenschaftlers der permanenten Kritik ausgesetzt sind, welche schließlich den Aussagen im Bereich der Wissenschaft Glaubwürdigkeit verschaffen.

 

 

3. Verifikation und Falsifikation von Wissen

 

Ich habe eingangs davon gesprochen, dass die These von der Unvereinbarkeit von Glauben und Wissenschaft auf der Überschätzung dessen beruht, was mit Hilfe wissenschaftlicher Methoden an gesicherten’ Erkenntnissen gewonnen werden kann. Wir wollen uns mit diesen Begrenzungen der Wissenschaft im Folgenden etwas ausführlicher befassen.

 

Hierzu ist es zweckmäßig von zwei Begriffspaaren auszugehen. Wir unterscheiden erstens zwischen singulären und zwischen generellen Aussagen. Eine singuläre Aussage bezieht sich allein auf eine einzelne Tatsache in einer bestimmten Zeit und an einem bestimmten Ort. So könnte man die These aufstellen, dass der Unternehmer Andreas Frohwein, welcher im 19. Jahrhundert in Deutschland gelebt habe, unter allen möglichen Alternativen jene gewählt habe, die ihm einen maximalen Gewinn verschafft habe.

 

Diese Aussage bezieht sich nicht nur auf ein bestimmtes einzelnes Individuum, sondern auf eine Verhaltensweise an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit. Auch wenn man diese Aussage für wahr hält, kann nicht hieraus allein der Schluss gezogen werden, dass dieses Individuum zu anderen Zeiten oder an anderen Orten das gleiche Verhalten an den Tag gelegt hat, noch kann daraus zwingend abgeleitet werden, dass andere Unternehmer ein gleiches oder ähnliches Verhalten zeigen.

 

Eine generelle Aussage würde hingegen mit dem Satz vorliegen, ‚alle Unternehmer maximieren ihren Gewinn’. Diese Aussage würde sich nicht nur auf einige wenige Unternehmer, sondern auf alle Unternehmer beziehen, welche bisher gelebt haben und streng genommen auch in Zukunft noch leben werden. Wir werden weiter unten sehen, dass zur Feststellung genereller Aussagen andere Überprüfungsmethoden angewandt werden müssen als zur Überprüfung individueller Aussagen.

 

Wir unterscheiden im Allgemeinen zweitens zwischen Wahrheiten, welche auf logischen Zusammenhängen beruhen und solchen Wahrheiten, welche sich aufgrund von faktischen Zusammenhängen ergeben. Logische Wahrheiten lassen sich eindeutig allein dadurch beweisen, dass man überprüft, ob bestimmte Aussagen mit anderen Aussagen in einem logischen Widerspruch stehen. Widersprechen sich zwei Aussagen, so muss mindestens eine dieser Aussagen verworfen werden.

 

Logische Wahrheiten ergeben sich allein aus definitorischen Festlegungen. Der Satz: ‚alle Menschen müssen sterben’ ist genau dann aus logischen Gründen wahr, wenn wir zuvor in einer Definition festgelegt haben, dass zu den essentiellen Merkmalen eines Menschen auch die Eigenschaft besteht, sterblich zu sein. Die Aussage: ‚alle Menschen müssen eines Tages sterben’ stellt somit auch keine neue Erkenntnis dar, sie wurde bereits in der Definition des Menschen festgelegt. Natürlich wäre es möglich, dass sich ein Teil der Individuen bisher dieser Wahrheit nicht gegenwärtig war und dass deshalb diese Aussage für diese Individuen eine Erkenntnisbereicherung bringt.

 

Für die Menschheit insgesamt ist jedoch der Erkenntnisstand durch diese Aussage nicht gesteigert worden, die Eigenschaft der Sterblichkeit ist nicht nur bereits im Begriff des Menschen enthalten, diese Wahrheit ist auch durch eine mehr oder weniger willkürliche Entscheidung festgelegt worden. Es bestand keine unausweichliche Notwendigkeit, mit dem Begriff des Menschen die Sterblichkeit als essentiellen Teil des Menschen zu verbinden.

 

Nebenbei bemerkt könnte man natürlich die Aussage: ‚alle Menschen sterben’ auch als faktische Aussage verstehen, wenn man die Eigenschaft der Sterblichkeit dem Menschen nicht aufgrund einer Definition zusprechen würde, sondern mit diesem Satz zum Ausdruck bringen möchte, dass Lebewesen, die aufgrund anderer essentieller Merkmale als Menschen bezeichnet werden, aber an und für sich nur aufgrund der definitorischen Festlegungen auch unsterblich sein könnten, de facto doch immer gestorben sind.

 

Die Feststellung, ob eine Aussage aufgrund faktischer Zusammenhänge als wahr zu gelten hat, erfolgt durch andere Überprüfungsmethoden. Hier reicht es nicht aus, diese Aussage mit anderen Aussagen auf ihre logische Verträglichkeit hin zu überprüfen. Die oben erwähnte Aussage ‚alle Unternehmer maximieren ihren Gewinn’ stehen sicherlich in keinem logischen Widerspruch zu anderen Aussagen, etwa der definitorischen Festlegung des Begriffes eines Unternehmers. Mit der Feststellung jedoch, dass diese Aussage nicht in Widerspruch zur Definition eines Unternehmers steht, ist jedoch diese Aussage noch lange nicht bewiesen. Auch dann, wenn es logisch möglich wäre, dass alle Unternehmer ihren Gewinn maximieren, könnte diese Aussage trotzdem falsch sein.

 

Wir wollen uns im Folgenden auf empirische Wissenschaften beschränken. Empirische Wissenschaften verfolgen den Zweck, zu generellen, also allgemeingültigen Aussagen über faktische Zusammenhänge zu gelangen, welche sich nicht bereits aufgrund logischer Zusammenhänge ergeben.

 

Zu den Grundaussagen der neopositivistischen Philosophie zählt die These, dass generelle Aussagen zu Faktenzusammenhängen niemals eindeutig bewiesen werden können, dass lediglich die Möglichkeit bestehe, generelle Aussagen dieser Art zu wiederlegen. Der wissenschaftliche Fortschritt bestehe also weniger darin, dass im Sinne eines Kumulationsprozesses immer wieder neues Wissen kreiert werde, sondern darin, dass aus der Vielzahl der bisher aufgestellten Thesen über die Wirklichkeit diejenigen ausgeschieden werden, die sich als falsch erwiesen haben. Die Gesamtheit der Aussagen über die Wirklichkeit steigt somit mit zunehmender Forschung nicht an, sondern vermindert sich sogar, der wissenschaftliche Fortschritt äußert sich dann darin, dass der Wahrheitsgehalt einzelner Aussagen immer größer wird und dass immer weniger falsche Aussagen aufrechterhalten werden können.

 

Wissenschaftliche Forschung besteht dann in folgenden Schritten: Als erstes wird eine Hypothese aufgestellt. Wichtigste Voraussetzung ist hierbei, dass diese Aussage falsifizierbar erscheint, dass sie sich also nicht aus logischen Zusammenhängen von selbst ergibt. Man will ja neue Wahrheiten erkunden, logische Zusammenhänge ergeben sich hingegen aus den definitorischen Festlegungen, stellen also für die Gesamtheit der Wissenschaftler kein neues Wissen dar.

 

Diese Hypothesen sollten natürlich durchaus sinnvoll sein und aufgrund der bisherigen Forschung als plausibel und wahrscheinlich gelten. Natürlich würde es dem Wahrheitsanspruch auch genügen, wenn man in einem ersten Schritt von vollkommen willkürlich aufgestellten Hypothesen ausginge. Dies wäre jedoch ein recht ineffizientes Verfahren. Forschung benötigt stets sachliche und menschliche Ressourcen, diese sind knapp. Es ist also zweckmäßig, diese knappen Mittel für die Überprüfung solcher Hypothesen einzusetzen, welche aufgrund der bisherigen Erkenntnisse als recht wahrscheinlich anzusehen sind.

 

So wird man etwa von bisher bestätigten Aussagen ausgehen und den Versuch unternehmen, diese Aussagen zu verallgemeinern, also auf einen größeren Geltungsbereich zu beziehen. Die Aussage: ‚Unternehmer maximieren ihren Gewinn’ könnte man z. B. dadurch verallgemeinern, dass man die These untersucht: ‚alle wirtschaftenden Personen maximieren ihren Nutzen. Die Gewinnmaximierungsthese wäre dann ein Unterfall der allgemeineren These von der Nutzenmaximierung.

 

Man könnte auch von einer bisher nicht eindeutig bestätigten Hypothese ausgehen und nun den Versuch unternehmen, durch Präzisierung der näheren Merkmale und Umstände zu Ergebnissen zu gelangen, welche der Wirklichkeit besser entsprechen.

 

Das Aufstellen einer Hypothese ist immer nur der erste Schritt im Prozess der Entstehung neuen Wissens. In einem zweiten Schritt muss diese Hypothese getestet werden. Dieser Test besteht darin, dass man nach Beispielen sucht, welche dieser Hypothese widersprechen. Der empirische Test besteht also darin, dass man die Hypothese bewusst zu widerlegen versucht. Nur dann, wenn dieser Versuch misslingt, kann man davon sprechen, dass die untersuchte Hypothese (vermutlich) wahr ist, dass sich der Wahrheitsgehalt dieser Hypothese erhöht hat.

 

Allerdings kann man nicht davon ausgehen, dass bereits dann, wenn man in einem Testverfahren keine Fälle entdecken konnte, welche dieser Hypothese widersprechen, diese Aussage als endgültig bestätigt angesehen werden kann. Es besteht immer die Gefahr, dass aus Zufall heraus nicht die Fälle gefunden wurden, welche der aufgestellten Hypothese widersprechen. Also erst dann, wenn es in einer Vielzahl von Fällen nicht gelungen ist, die These zu falsifizieren, kann man davon sprechen, dass diese Aussage einen hohen Wahrheitsgehalt aufweist.

 

Aber auch dann ist eine endgültige Klärung nicht erreicht. Es muss immer mit der Möglichkeit gerechnet werden, dass in Zukunft neue Fälle bekannt werden, welche mit der untersuchten Hypothese in Widerspruch geraten. Es ist ja denkbar, dass in der Vergangenheit und Gegenwart ganz bestimmte zunächst nicht erkannte Bedingungen vorlagen und dass nur aufgrund dieser speziellen Bedingungen die Hypothese bestätigt wurde. Fallen nun in der Zukunft diese Bedingungen weg, so wäre es durchaus denkbar, dass neue Fälle gefunden werden, welche in Widerspruch zu der bisher allgemein formulierten Hypothese stehen.

 

Allerdings zeigt gerade dieses zuletzt genannte Beispiel auch, dass es im allgemeinen nicht ausreicht, ein einziges Beispiel oder auch einige wenige Beispiele zu finden, welche eine Hypothese zu widerlegen scheinen, um eine Hypothese, welche sich in der Praxis viel tausendfach bewährt hatte, endgültig aufzugeben. Man wird vielmehr davon sprechen müssen, dass die bisher bestätigten Fälle auf bisher nicht bekannte zusätzliche Merkmale zurückzuführen seien, dass man den Geltungsbereich dieser Hypothese ein-engen müsse, dass man aber bei Vorliegen etwas anderer Bedingungen immer noch an dieser These – nur eben in eingeschränkter Form – festhalten könne.

 

Wenn wir also nun davon ausgehen müssen, dass in dem Bereich empirischer Wissenschaften allgemeine Aussagen überhaupt nicht endgültig bestätigt werden können, dass es nur möglich ist, falsche Hypothesen zu falsifizieren, so ergibt sich hieraus auch eine ganz andere Beurteilung der Glaubenswahrheiten. Noch nicht einmal in dem Bereich der empirischen Wissenschaften ist es also möglich, Aussagen endgültig zu verifizieren. Der Nachweis, dass empirische Aussagen nicht verifiziert werden konnten, lässt keinesfalls bereits den Schluss zu, dass aus diesen Gründen die untersuchten, aber nicht endgültig bestätigten Hypothesen wiederlegt sind. Wenn dies schon für den Bereich der exakten Wissenschaften gilt, gilt a fortiori für Glaubenswahrheiten, dass ein Scheitern des Versuches, bestimmte Glaubenswahrheiten wie z. B. die Frage nach einem Leben nach dem Tode zu beweisen, nicht gleichbedeutend ist mit dem Nachweis, dass diese Hypothesen widerlegt sind.

 

Wäre der Glaube an ein Leben nach dem Tode eine empirische Hypothese, so könnte diese Aussage nur dadurch widerlegt werden, dass man im Rahmen empirischer Tests nach Fällen sucht, in denen diese Hypothese nicht eingetreten ist, also falsch war. Aber genau dieses Verfahren ist im Bereich metaphysischer Aussagen, zu denen auch die religiösen Glaubenswahrheiten zählen, nicht möglich. Wir haben keine Möglichkeit, mit empirischen Mitteln zu überprüfen, was sich nach dem Tode eines Menschen ereignet, ob der Mensch nach seinem Tode seine vollständige Existenz verliert oder ob – wie die meisten Religionen behaupten – der Mensch lediglich seine Zustandsform verändert, also zumindest ein Teil des Menschen – Seele genannt – in einem gewissen Sinne weiter existiert.

 

Metaphysische Wahrheiten lassen sich somit weder verifizieren noch falsifizieren – zumindest nicht mit Hilfe der in den empirischen Wissenschaften üblichen Methoden. Die fehlende Verifikationsmöglichkeit haben Glaubenswahrheiten mit den generellen Aussagen der empirischen Wissenschaften gemeinsam. Immerhin gibt es im Bereich der empirischen Wissenschaften die Möglichkeit der Falsifikation. Diese Möglichkeit besteht jedoch nicht für Glaubenswahrheiten.

 

 

4. Warum überhaupt ist eine Beschäftigung mit Glaubenswahrheiten erwünscht?

 

Wir haben oben gesehen, dass Wittgenstein die Meinung geäußert hatte, dass man darüber, worüber man nicht reden könne, schweigen solle. Übertragen auf unser hier zu behandelndes Problem hieße dies, dass man über metaphysische Probleme keine Aussagen machen sollte, dass vor allem der Wissenschaftler darauf verzichten sollte, sich mit metaphysischen Problemen zu befassen und Aussagen zu formulieren und hiermit einen Wahrheitsanspruch zu verbinden, welcher mit wissenschaftlichen Methoden weder verifiziert noch falsifiziert werden kann.

 

Nun mag dieser Grundsatz für allgemeine Situationen durchaus plausibel erscheinen, es ist jedoch fragwürdig, ob er auch dann berechtigt erscheint, wenn es sich um metaphysische und religiöse Glaubenswahrheiten handelt. Hier scheint mir ein anderer Grundsatz notwendig zu sein.

 

Bei religiösen Problemen handelt es sich letztlich um die zentrale Frage eines jeden Menschen, worin der Sinn seines Lebens besteht, warum er hier auf Erden ist und was sein Hauptanliegen sein sollte. Ob jemand als gläubiger Christ, Jude oder Moslem an das Vorhandensein eines Gottes glaubt, ob er davon überzeugt ist, dass es ein Leben nach dem Tode gibt und dass der einzelne nach seinem Tode danach beurteilt wird, wie er sich in seinem Leben seinen Mitmenschen gegenüber verhalten hat oder ob er vielmehr als überzeugter Atheist an alle diese metaphysischen Überzeugungen nicht glauben kann, da sie mit den Mitteln der Vernunft allein nicht endgültig nachgewiesen werden können, hat ganz entscheidenden Einfluss darauf, welche Ziele der einzelne Mensch in seinem Leben tatsächlich verfolgt und verfolgen sollte und wie er sich gegenüber den Wechselfällen des Lebens tatsächlich verhält.

 

Ein Atheist geht im Allgemeinen von der Überzeugung aus, dass der Mensch das Maß aller Dinge ist und dass er sein Leben so einrichten sollte und darf, dass er selbst in diesem irdischen Leben ein Maximum an sinnlicher und materieller Wohlfahrt erfährt.

 

Dies bedeutet natürlich nicht, dass ein überzeugter Atheist keinerlei Rücksichtnahme auf die Mitmenschen nimmt und nur seinem eigenen Nutzen nachgeht. Natürlich kann man aufzeigen, dass Rücksichtnahme gegenüber den Mitmenschen und Beachtung von Menschenrechten und daraus abgeleitet das Einhalten von Gesetzen letztendlich auch dem einzelnen selbst wiederum zu Gute kommt.

 

In einer Gesellschaft, in der jeder einzelne nur sich und nur seinem eigenen Wohl verpflichtet fühlt, und deshalb keine Rücksicht gegenüber dem Nächsten nimmt und nur Dinge tut, die vordergründig und kurzfristig sein eigenes Wohl mehren, unabhängig davon, wie das Wohl der Mitmenschen dadurch beeinträchtigt wird, herrscht Chaos, es gilt das Recht des Stärkeren und fast jedes Individuum muss damit rechnen, dass es durch Aktivitäten seiner Mitmenschen in vielfältiger Weise beeinträchtigt wird und deshalb letztlich mehr Schaden erleidet, als wenn er gewisse Rücksichtnahme gegenüber seinen Mitmenschen zeigt.

 

Aus der Sicht des einzelnen erfährt ein Individuum – unabhängig davon, wie es sich selbst verhält – genau dann ein maximal mögliches Eigenwohl, wenn sich alle Mitmenschen an allgemeine Gesetze halten, wenn alle anderen darauf verzichten, ihr eigenes Wohl durch Raub und Totschlag und durch Hintergehen des anderen durchzusetzen.

 

Wie steht es aber mit der Frage, inwieweit der einzelne dadurch sein Nutzen vergrößert oder zumindest keinen Schaden erleidet, dass er selbst die Gesetze beachtet, auch dann, wenn er vordergründig sein eigenes Wohl dadurch einschränken muss? In gewisser Hinsicht mag durchaus auch eine Unterordnung unter gesellschaftliche Belange in langfristiger Hinsicht dem einzelnen durchaus Nutzen bringen. Denn nur dann, wenn der einzelne davon ausgehen kann, dass sich jeder im Grundsatz an diese allgemeinen Regeln hält, wird auch er bereit sein, sein Eigenwohl unter das Allgemeinwohl unterzuordnen.

 

Zumindest wird man davon ausgehen können, dass die Bereitschaft der jeweils anderen, sich unter die gemeinschaftlichen Gesetze unterzuordnen, um so unwahrscheinlicher wird, je mehr der einzelne befürchten muss, dass andere sich nicht dem allgemeinen Gesetz unterwerfen. Handeln also einzelne nur nach Eigenwohl ohne Beachtung der Interessen der andern, dann besteht die Gefahr, dass die Bereitschaft zur Unterordnung generell zurückgeht und in diesem Sinne liegt es durchaus auch im langfristig verstandenen eigenen Interesse, die Gesetze auch dann zu beachten, wenn sie kurzfristig mit einer Verminderung der eigenen Wohlfahrt verbunden sind.

 

Dieser Zusammenhang gilt jedoch offensichtlich nur unter bestimmten Voraussetzungen. Die Beachtung des Gemeinwohls liegt nämlich nur dann im Interesse des einzelnen, wenn auf der einen Seite Übertretungen der Gesetze einzelner auch der Öffentlichkeit bekannt werden und wenn auf der anderen Seite diese Straftaten verfolgt werden und die Gesetzesbrecher bestraft werden.

 

Hier beginnen jedoch die Schwierigkeiten. Ein Großteil von Gesetzesübertretungen kommen eben nicht ans Licht der Öffentlichkeit; und je größer der gesellschaftliche Einfluss eines Individuums ist, um so größer sind auch die Möglichkeiten, dafür zu sorgen, dass seine eigenen Straftaten nicht bekannt werden und deshalb auch nicht verfolgt werden können. Selbst dann, wenn Verdachtsmomente auftreten, dass bestimmte Individuen Straftaten begangen haben, können Personen, welche über Reichtum und Macht verfügen, verhindern, dass sie einer gerechten Strafe zugeführt werden, sie sind vielleicht in der Lage, sich Zeugen und damit falsche Alibis zu besorgen oder es gelingt ihnen, Polizei und Gerichtsbarkeit zu bestechen.

 

Dass mit einem solchen Verhalten der Mächtigen durchaus gerechnet werden muss, zeigt die weitverbreitete Auffassung unter Führungskräften in Wirtschaft, Politik und Kultur, dass die Straftat als solche das geringere Verbrechen darstelle, dass der größere Fehler darin bestehe, dass sich der einzelne erwischen ließ; es komme nämlich nur darauf an, sich nicht erwischen zu lassen.

 

Wenn man also von der Überzeugung ausgeht, dass der einzelne auf lange Sicht nur seinem  eigenen Interesse verpflichtet ist, dann ist die Bereitschaft, sich dem Gemeinwohl auch dort unterzuordnen, wo kurzfristig die eigenen Interessen zurückgestellt werden, nur dort gegeben, wo dieses Verhalten zwar das kurzfristige, nicht aber das langfristige Eigeninteresse verletzt. Wenn es möglich ist, Straftaten zu begehen und die Täterschaft geheim zu halten und damit auch eine Bestrafung zu umgehen, gibt es keinen Grund, weshalb der einzelne, der nur seinem Eigenwohl verpflichtet ist, auf solche Straftaten  verzichtet.

 

Ganz anderes gilt für einen gläubigen Menschen. Er geht davon aus, dass der eigentliche Sinn des Menschen nicht darin liegt, hier auf Erden ein Maximum an Reichtum und Macht zu erreichen, dass das irdische Leben nur eine Art Bewährungsprobe darstellt, nach der er nach seinem Tode beurteilt wird, wobei davon ausgegangen wird, dass Gott gegenüber eben keine Möglichkeit besteht, Straftaten zu verheimlichen und somit einer gerechten Strafe ausweichen zu können.

 

Aufgrund dieser veränderten Ausgangssituation wird ein Gläubiger eben nicht nur deshalb bereit sein, Gesetze einzuhalten, weil er befürchten muss, dass eine Straftat hier auf Erden bestraft wird oder dass die Nichtbeachtung des Gemeinwohls letztendlich auch die eigene irdische Wohlfahrt beeinträchtigt. Der Gläubige wird bereit sein, aufgrund seines Glaubens die Rechte und Belange der Mitmenschen zu berücksichtigen, er wird auch dort dem Mitmenschen Zuwendungen zukommen lassen, wo diese nicht eigens per Gesetz verlangt wird oder wo Wohlverhalten nicht bereits zu einer Belohnung hier im irdischen Zeitraum führt.

 

Natürlich bedeutet dies nicht, dass der bloße Umstand, dass sich ein Mensch als Gläubiger ausgibt, bereits ausreicht, damit Gesetze und Sitten stärker beachtet werden als wenn der einzelne ungläubig wäre. Sich z. B. Christ zu nennen, kann viele Gründe haben, vielleicht ist er in diesen Glauben hineingeboren und ist nur zu bequem, aus der Kirche auszutreten, vielleicht nennt er sich nur deshalb Christ, weil er der Meinung ist, dass er seine Interessen besser verfolgen kann, wenn er von seinen Mitmenschen als Christ angesehen wird.

 

Nur ein Individuum, das sich aufgrund innerer Überzeugung als Gläubiger bekennt, wird auch bestrebt sein, unabhängig von den gültigen Gesetzen und der Wahrscheinlichkeit der Bestrafung, nach Sitte und Gesetz zu handeln. In diesem Sinne hängt das Verhalten des einzelnen weniger davon ab, ob er in formaler Hinsicht einer Religionsgemeinschaft zugehört, sondern ob er innerlich bereit und bemüht  ist, sich entsprechend der religiösen Gebote zu verhalten.

 

Auch wird man durchaus einräumen müssen, dass auch das Verhalten eines Gläubigen nicht nur durch sein Glauben bestimmt wird, dass vielmehr die vom Staat ausgehenden Zwänge sehr wohl den einzelnen mitprägen. Umgekehrt kann natürlich auch nicht davon ausgegangen werden, dass ein überzeugter Atheist per se das Gemeinwohl nur dann beachtet, wenn er damit rechnen muss, dass Straftaten auch mit Erfolg geahndet werden. Es gibt durchaus Individuen, welche aus Veranlagung oder Erziehung heraus durchaus mildtätig sind und bestrebt sind, das Wohl der Mitmenschen zu berücksichtigen. Es bleibt jedoch die Feststellung, dass die Grundentscheidung eines Menschen, die Frage also, wie die Frage nach dem Sinn des Lebens beantwortet wird, wesentlich darüber entscheidet, wie der einzelne sein Leben einrichtet.

 

Angesichts dieser Überlegungen ist jedoch die Beantwortung metaphysischer Fragen ein Problem, das man nicht einfach beiseiteschieben und unbeantwortet lassen kann, weil Menschen nicht in der Lage sind, diese Fragen mit den Methoden einer empirischen Wissenschaft eindeutig zu beantworten. Wenn es richtig ist, dass ein Mensch sein Leben entscheidend anders gestalten wird, wenn er an ein jenseitiges Leben glaubt als dann, wenn er von der Auffassung ausgeht, dass jedes Leben mit dem Tode endet, ist es durchaus erwünscht und notwendig, über diese Fragen nachzudenken, auch dann, wenn die dann gefundenen Antworten nicht mit den Mitteln der exakten Wissenschaften eindeutig verifiziert oder falsifiziert werden können. Diese Fragen erreichen dann für den einzelnen ein solches Gewicht, dass er sich auf jeden Fall zu einer Antwort durchringen wird, unabhängig davon, ob die Mitmenschen ebenfalls diese Antwort teilen.

 

Wichtig in diesem Zusammenhange ist natürlich die bereits oben dargestellte Feststellung, dass die Richtigkeit einer Antwort auf religiöse und metaphysische Fragen mit den Methoden der exakten Wissenschaft nicht falsifiziert werden kann. Es besteht zwar keine Möglichkeit, z. B. die Existenz Gottes oder die Frage eines Lebens nach dem Tode eindeutig wissenschaftlich zu verifizieren. Da aber auch keine Falsifikation möglich ist, eine Antwort aber in entscheidendem Maße Einfluss darauf nimmt, wie ein Mensch sein Leben einrichtet und welchen Grundzielen er folgen wird, scheint es für den einzelnen Menschen erwünscht zu sein, eine Antwort auf diese Frage nach dem Sinn des Lebens zu wagen, auch dann, wenn es keine Möglichkeit gibt, die Richtigkeit der gefundenen Antwort exakt zu überprüfen.

 

Gerade weil es aber nicht möglich ist, mit den Methoden der exakten Wissenschaft die gefundenen Antworten zu verifizieren oder zu falsifizieren, kommt es natürlich entscheidend darauf an, dass die Glaubwürdigkeit derjenigen, welche Antworten auf diese Fragen geben, unter Beweis gestellt wird. Ganz gleichgültig, ob sich jemand zu einer Religion oder zum Atheismus bekennt, er wird diesen Schritt nur tun, wenn er von den Antworten überzeugt ist, wenn sie ihm mindestens plausibel erscheinen.

 

So ist es zu verstehen, dass sowohl die Religionen als auch der Atheismus einen großen intellektuellen Aufwand betreiben, um ihre Antworten zu belegen. Sie sind zumindest bemüht aufzuzeigen, dass sich ihre Position nicht in offensichtliche Widersprüche verwickelt. Offensichtlich verhalten sich weder die Religionen noch überzeugte Atheisten im Sinne Wittgensteins, der die Meinung geäußert hatte, dass man über Fragen, die man nicht beantworten könne – gemeint war wohl mit Hilfe der Methoden der exakten Wissenschaften – einfach schweigen sollte.

 

 

5. Bibel und Tatsachenbehauptungen

 

Der Versuch früherer Atheisten, die christliche Religion unglaubwürdig zu machen, bestand oft darin, nachzuweisen, dass bestimmte Behauptungen, welche im Alten und im Neuen Testament gemacht werden, historisch falsch und widerlegt seien. Demgegenüber muss festgestellt werden, dass die Bibel von der christlichen Religion nicht als ein Dokument verstanden werden will, das über historische Tatsachen berichtet.

 

Vor allem die katholische Kirche betont zwar immer, dass die religiösen Aussagen der Bibel als wahr zu gelten haben, aber dieser Wahrheitsanspruch gilt allein für die in der Bibel enthaltenen Glaubenswahrheiten. Die Bibel versteht sich also nicht als eine Schrift, welche die Absicht verfolgt, historische Tatsachen wie eine Ton- und Kameraaufnahme minutiös festzuhalten.

 

Durch Hinweis darauf, dass bestimmte Sachauskünfte nicht der Wirklichkeit entsprechen, ist also nichts darüber ausgesagt, ob die in der Bibel stehenden religiösen Feststellungen unverbrüchlich sind, und ein Hinweis, dass solche sich auf Faktenauskünfte beziehenden Aussagen falsch sind, stellt somit auch keine überzeugende Widerlegung einer Religion dar.

 

Natürlich ist es richtig, dass der christliche Glaube steht und fällt mit der Aussage, dass zu der Zeit, über die das Neue Testament berichtet, ein Mensch namens Jesus gelebt hat und gekreuzigt wurde. Früher gab es auch in der Tat von Seiten der Atheisten Versuche, nachzuweisen, dass ein Mensch dieses Namens gar nicht gelebt habe. Und in dieser Frage geht es sicherlich um eine Tatsachenfrage. Wenn man glaubhaft nachweisen könnte, dass ein Jesus in dieser Zeit gar nicht gelebt habe, stünde der christliche Glaube in der Tat auf hölzernen Füßen.

 

In der Zwischenzeit geht man im Rahmen der Bibelforschung allerdings davon aus, dass die Existenz eines Jesus zu dieser Zeit als gesichert angesehen werden kann; ja man kann feststellen, dass im Rahmen vor allem der Archäologie gerade in den letzten Jahrzehnten wiederholt Funde gemacht wurden, welche auf eine Fülle von Ereignissen hinweisen, die in der Bibel erzählt werden.

 

Trotzdem gilt, dass der Wahrheitsanspruch der Bibel zwar sicherlich darin besteht, dass der Religionsstifter des christlichen Glaubens gelebt hat, aber eben nicht darüber hinaus, dass jede einzelne Schilderung in der Bibel ein Tatsachenbericht darstellt. Es geht vielmehr allein darum, den Kern der Aussagen über den Glauben und über die christliche Moral in der Bibel festzuhalten. Dass Jesus zur Zeitenwende in Palästina gelebt hat, ist zwar eine Tatsachenfeststellung, aber bereits der Hinweis, dass es sich hierbei nicht nur um einen jüdischen Propheten und nicht um einen ganz normalen Menschen wie die anderen Menschen handelte, sondern dass die Christen in Jesus den Sohn Gottes sehen, ist keine Aussage mehr über Fakten, die sich ereignet haben, sondern eine der zentralen Glaubenswahrheiten der christlichen Religionen.

 

Wenn man sich nun fragt, wie es denn zu erklären ist, dass bestimmte Behauptungen in der Bibel nicht immer mit der historischen Wirklichkeit übereinstimmen, gilt es auf mehrere Umstände hinzuweisen. Zunächst muss man davon ausgehen, dass gerade eine Verkündung, welche im Hinblick auf die religiösen Grundfragen glaubhaft sein will, natürlich im Hinblick auf Faktenzusammenhänge auf die damals vorherrschenden wissenschaftlichen Überzeugungen zurückgehen muss.

 

Eine Botschaft über den Glauben wäre gerade dann unglaubhaft, wenn sie über die irdische Wirklichkeit Aussagen machen würde, welche in Widerspruch zu dem damals als gesichert geltenden Wissen geraten würde. Die Aussagen der Wissenschaft haben sich jedoch geradezu dramatisch gewandelt, viele Aussagen, welche im biblischen Alter als selbstverständlich gegolten haben, wurden in der Zwischenzeit widerlegt und aufgegeben.

 

Wenn also im Alten Testament z. B. von einem Hasen als Wiederkäuer gesprochen wird, so soll damit nicht eine Feststellung darüber gemacht werden, dass ein Hase tatsächlich diese Eigenschaft aufweise, es wurde vielmehr lediglich das damalige biologische Wissen übernommen. Wie sollte ein Prophet, dessen Aufgabe allein in der Glaubensverkündung liegt, auch über den in der Zwischenzeit stattgefundenen Fortschritt in den Wissenschaften Bescheid wissen können. Nur dadurch, dass man das allgemeine Wissen über die Faktenzusammenhänge nicht in Frage stellte, sondern übernahm, wa-ren die Voraussetzungen gegeben, dass diese Glaubenswahrheiten als glaubwürdig angenommen wurden. 

 

Weiterhin muss man sich darüber im Klaren sein, dass die Bibel des Christentums im orientalischen Raum entstanden ist und dass die Art und Weise, wie im Orient – in der Vergangenheit, aber teilweise auch heute noch –  Lehren vorgetragen wurden und werden, sich entscheidend von der Vortragsweise in den europäischen Staaten unterscheiden. Während der Abendländer eher eine nüchterne, auf Tatsachen beruhende Vortragsweise bevorzugt, zeichnet sich ein Lehrer aus dem Orient vielmehr durch eine blumige Sprache aus, welche vor allem mit pointiert hervorhebenden Darstellungen, die in diesem Ausmaß sicherlich nicht unbedingt stattgefunden haben und für uns wie eine Übertreibung erscheinen mag, arbeitet.

 

Auch bevorzugt der Orientale – vor allem der damaligen Zeit  – die Darstellung von Weisheiten in Parabeln und Gleichnissen. Der Sinn eines Gleichnisses besteht jedoch nicht in der wörtlichen Übernahme jeder darin enthaltenen Äußerung. Ein Gleichnis ist wie eine Gleichung mit zwei Unbekannten.  Die Aussage ‚x’ verhält sich zu der Aussage ‚y’ wie ‚a’ zu ‚b’. Wer klären will, wie die Aussage ‚a’, welche im historischen (zeitlichen wie räumlichen) Umfeld ‚b’ gemacht wurde, im heutigen Umfeld ‚y’ als eine Aussage ‚x’ zu verstehen ist, hat zunächst einmal festzustellen, wie denn diese Aussage in der damaligen Zeit aufgenommen wurde und durch welche Änderungen aufgrund eines veränderten Umfeldes in der Aussage notwendig sind, damit die heutigen Gläubigen den Sinn erkennen können, der in der damaligen Zeit mit dieser Aussage verbunden war.

 

Wenn Jesus z. B. einmal davon spricht, dass eher ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher ins Himmelreich eingehe, so ist diese Aussage sicherlich damals nicht so aufgenommen worden, wie wir  sie heute mit nüchterner Ausdrucksweise verstehen könnten, dass es nämlich für einen Reichen vollkommen ausgeschlossen sei, dass er der ewigen Verdammnis entgeht und nach seinem Tode ins Himmelreich eingeht, da ja ein Kamel in keinem einzigen Fall durch ein Nadelöhr gehen kann.

 

Vielmehr will eben in zugespitzter und deshalb wirksamerer Weise darauf aufmerksam gemacht werden, dass Reiche es außerordentlich schwer haben, den christlichen Vorstellungen eines gläubigen Lebens zu entsprechen. Auch gilt hier als Reicher sicherlich nicht jeder, der über ein überdurchschnittlich hohes Einkommen und Vermögen verfügt, sondern in erster Linie ein Mensch, der sich allein von dem Begehren leiten lässt, sein Vermögen zu mehren, unabhängig davon, ob er damit dem Gebot der Nächstenliebe entspricht oder nicht. Dass keine wörtliche Übersetzung dieses Kernsatzes vom Kamel und dem Nadelöhr gemeint war, geht schon daraus hervor, dass Jesus sehr wohl freundschaftlichen Kontakt mit Reichen pflegte.

 

Schließlich gilt es bei der Beantwortung der Frage, wie denn die einzelnen Aussagen über faktische Verhältnisse aus der Bibel zu verstehen sind, zu berücksichtigen, dass vor allem die vier Evangelien des Neuen Testamentes zunächst einmal für eine Reihe von Jahrzehnten durch mündliche Überlieferung weitergeben wurden, bis sie dann etwa 30 Jahre nach Ableben von Jesus von den vier Evangelisten schriftlich niedergelegt wurden.

 

Wenn man nun berücksichtigt, dass es eben nicht das Anliegen der Jünger und Apostel war, einen Tatsachenbericht über die eingetretenen Ereignisse um Jesus vorzutragen, sondern dass es ihnen allein darum ging, ihre Zuhörer davon zu überzeugen, dass Jesus Gottessohn ist und es ihnen somit darum ging, seine Lehren so wirksam wie möglich den Zuhörern nahe zu bringen, so wie sie diese selbst aufgenommen und verstanden haben, dann wird deutlich, dass der Versuch, diese Evangelien darauf hin zu untersuchen, ob sich jede Einzelheit historisch genauso wie geschildert abgespielt hat, dem Anliegen der Evangelien sicherlich nicht gerecht wird. Was für die vier Evangelien gilt, gilt übrigens auch für viele Texte des Alten Testamentes, auch hier wurden die Verlautbarungen der Propheten und die Schilderungen über die historischen Abläufe zunächst mündlich weitergegeben und erst viele Jahre nach ihrem Auftreten niedergeschrieben.

 

 

7. Schlussbemerkungen

 

Unsere Überlegungen folgten weitgehend der methodischen Vorgehensweise des Neopositivismus. Es ist dies die Methodik, die von einem Großteil der Wissenschaftler in den empirischen Wissenschaften angewandt wird. Nun wird man einräumen müssen, dass natürlich die Lehren des Neopositivismus nicht von allen Wissenschaftlern akzeptiert werden. Es könnte also die Vermutung geäußert werden, dass die hier vorgetragenen Schlussfolgerungen auch nur dann schlüssig seien, wenn man von der Richtigkeit dieser philosophischen Lehren überzeugt ist.

 

Nun kommt man nicht umhin, sich einer philosophischen Richtung – eben der Richtung, von deren Richtigkeit man selbst überzeugt ist, anzuschließen. Immerhin gilt es festzustellen, dass in der Vergangenheit ein Großteil atheistischer Argumentationen, welche gegen die Gültigkeit der Religionen vorgetragen wurde, eben von positivistischen und neopositivistischen Positionen ausging.

 

Vor allem Philosophen, welche von hermeneutischen Lehren geleitet werden und solche, welche sich mit metaphysischen Fragen befasst haben, bestreiten ohnehin mit gewissen Ausnahmen nicht den Anspruch der Religionen und die Berechtigung dieser Frage-stellungen und Antworten. Wer also nicht den neopositivistischen Positionen folgen kann, wird in aller Regel auch gar nicht bestreiten, dass es Glaubenswahrheiten gibt, er wird auch die Beweise und Positionen der meisten atheistischen Widerlegungen gar nicht für richtig und überzeugend halten.