Startseite

 

Marktwirtschaft und Moral

 

 

Gliederung:

 

  1. Das Problem

  2. Arbeitsteilung zwischen den Subsystemen der Gesellschaft

  3. Alleinige Aufgabe des wirtschaftlichen Subsystems

  4. Die Aufgabe der kulturellen Systeme

  5. Freiheit und Ordnung in der Marktwirtschaft

  6. Götz Briefs und die These von der Grenzmoral

  7. Begrenzungen der Marktwirtschaft

  8. Falsche Interpretation der Konfliktsituation

  9. Der komplementäre Charakter der gesellschaftlichen Ziele

10. Ursachen für den Zerfall der Moral

11. Die Haltung der Kirchen

12. Grundwerte und Anpassung an konkrete Situationen

13. Die wirtschaftlichen Grundwerte der Bibel

14. Fehler der traditionellen Erziehungsmethoden

15. Die Reformbedürftigkeit der Erziehung

16. Schlussfolgerungen

 

 

10. Ursachen für den Zerfall der Moral

 

Wenn also die eigentliche Ursache für einen rapiden Rückgang in der Moral der Individuen im kulturellen System zu suchen ist, muss die Frage beantwortet werden, wie es denn zu einem solchen Zerfall der Moral kommen konnte und die Kenntnis dieser Ursachen ist Voraussetzung dafür, diesen Sittenverfall wirksam zu bekämpfen und aufzuhalten.

 

Fragen wir uns also, worin denn die Ursachen für den allgemein beklagten Sittenverfall in den letzten Jahrhunderten liegen. Als erstes muss hierbei festgestellt werden, dass es sicherlich nicht möglich ist, diesen Verfall der Sitten auf eine einzige Ursache zurückzuführen. Es ist stets das Zusammenwirken mehrerer Faktoren, welche dieses unerwünschte Ergebnis herbeigeführt haben.

 

Als erstes muss auf die Rolle der Aufklärung hingewiesen werden, welche zu Beginn der Neuzeit vor nun mehreren Jahrhunderten zu einem radikalen Wandel in den Auffassungen über die menschlichen Werte geführt hat. Auch hier gilt wiederum, dass von der Aufklärung recht unterschiedliche Wirkungen ausgegangen sind. Positiv gilt zu bemerken, dass die Aufklärung in erster Linie die Voraussetzungen für die rasante Entwicklung in der Erforschung fast aller irdischen Faktenzusammenhänge gebracht hat, in dem sie jeden Versuch seitens der Kirchen und des Staates, die Erforschung aller irdischen Probleme zu behindern und zu reglementieren, abgeschüttelt hat.

 

Auf lange Sicht ist es der Aufklärung sogar auch zu verdanken, dass eindeutige Fehlentwicklungen in der Interpretation der Heiligen Schriften und der Bedeutung des Glaubens korrigiert wurden und heute auch von den Kirchen – stärker von den christlichen und augenblicklich noch geringer von den islamischen Religionen – als Fehler anerkannt werden.

 

Sowohl von den Vertretern der christlichen Glaubenswahrheiten wie auch von deren Kritikern wird heutzutage anerkannt, dass die Heiligen Schriften nicht das Ziel verfolgen, historische Wahrheiten zu eruieren, ihre Aufgabe besteht allein darin, die Glaubenswahrheiten und die Werteordnung zu verkünden. Und diese Aufgabe kann gar nicht – richtig verstanden – in Konflikt mit den Bemühungen der Wissenschaft treten, da die anerkannten Methoden der Wissensfindung gar nicht in der Lage sind, über den Wahrheitsgehalt der Glaubenswahrheiten eine eindeutige Aussage zu treffen, genauso wenig wie die Bibel den Anspruch erhebt und auch nicht erheben kann, endgültige Antworten über irdische Zusammenhänge oder historische Geschehnisse zu geben.

 

Unser empirisches Wissen setzt stets zweierlei voraus. Wir machen als erstes mit unseren Sinnen Beobachtungen über die Zusammenhänge der irdischen Dinge, wir stellen z. B. fest, dass ein bestimmtes Ereignis X stets von einem anderen Ereignis Y begleitet wird. Aus diesen Beobachtungen ziehen wir dann mit Hilfe unseres Verstandes Schlussfolgerungen. Wir halten bestimmte Zusammenhänge als historisch bestätigt, wenn es nicht gelungen ist, in wiederholten empirischen Untersuchungen diese zu widerlegen.

 

Es gibt aber auch Dinge, welche wir nicht mit unseren Sinnen wahrnehmen können, so z. B. die Antwort auf die Frage, ob die Entstehung des Kosmos, also nach heutigem Verständnis der Urknall, rein zufällig oder durch das Wirken eines Wesens erfolgt ist, dem wir den Namen Gott geben. Oder auf die weitere Frage, ob nach dem Tod eines Menschen ein irgendwie geartetes Weiterleben des Geistes (der Seele) eines Menschen besteht. Auch gibt es – wie bereits Jeremy Bentham festgestellt hat – keine Möglichkeit, die Berechtigung letztlicher Grundwerte mit wissenschaftlichen Methoden einwandfrei allein aus den empirischen Tatbeständen abzuleiten.

 

Für anerkanntes Wissen entscheidend ist stets, dass die Wissen begründenden Beobachtungen stets von anderen Personen überprüfbar sein müssen, um als Wahrheit anerkannt zu werden. Es reicht also z. B. nicht aus, dass ein bestimmtes Individuum fest daran glaubt, dass ihm ein Verstorbener erschienen ist, wenn diese Beobachtung nicht auch von jedem Anderen gemacht werden kann, der bereit ist, entsprechend der wissenschaftlichen Regeln diese Aussage zu überprüfen.

 

Im Rahmen der Aufklärung wurde richtig erkannt, dass die Existenz Gottes nicht mit den Mitteln der empirischen Wissenschaften eindeutig nachgewiesen werden kann. Wir können mit unseren Sinnen Gott nicht unmittelbar in dem gleichen Sinne erkennen, wie wir unsere Mitmenschen erkennen. Deshalb muss auch der Versuch einiger Kirchenväter, die Existenz Gottes mit wissenschaftlichen Mitteln zu beweisen, als gescheitert angesehen werden. Jeder wissenschaftliche Beweis über empirische Tatbestände setzt nun einmal die Wahrnehmung des Untersuchungsobjektes mit Hilfe unserer Sinne voraus.

 

Aber daraus folgt keineswegs zwingend, dass deshalb auch wissenschaftlich eindeutig bereits die Nichtexistenz Gottes nachgewiesen ist. Ganz im Gegenteil folgt gerade aus dem Umstand, dass die Menschen gar nicht über Wahrnehmungsorgane verfügen, mit deren Hilfe sie ein göttliches Wesen unmittelbar erkennen können, die weitere Schlussfolgerung, dass auch die Nichtexistenz Gottes gar nicht mit wissenschaftlichen Mitteln bewiesen werden kann. Gerade aus diesen Gründen bedarf es ja des Glaubens.

 

Wenn uns aber ein Sinnesorgan fehlt, mit deren Hilfe wir Gottes Existenz wissenschaftlich einwandfrei wahrnehmen können, dann sind wir auch nicht in der Lage, die Nichtexistenz Gottes einwandfrei zu beweisen. Aus wissenschaftlicher Sicht ist es möglich, dass es einen Gott gibt, genauso wie es möglich ist, dass es keinen Gott gibt. Mit den einer empirischen Wissenschaft zur Verfügung stehenden Methoden kann die Frage der Existenz Gottes weder im bejahenden noch im verneinenden Sinne gar nicht entschieden werden.

 

Die Existenz Gottes genauso wie die Existenz irgend eines anderen Wesens oder sogar anderen Objektes ist unabhängig davon, ob dieser Gegenstand von einem Menschen wahrgenommen wird. Wenn z. B. ein Mensch erblindet und er deshalb die Menschen um in herum gar nicht mehr sehen kann, hören die Menschen, welche sich bisher im Blickfeld des Erblindeten befanden, nicht auf zu existieren. Ob ein Lebewesen existiert bezw. ein Gegenstand vorhanden ist, hängt in keinster Weise davon ab, ob diese Wesen oder Gegenstände von Anderen wahrgenommen werden.

 

Neben diesen durchaus positiven Auswirkungen (einer Erweiterung unseres Wissens) hat die Aufklärung aber auch zu negativen Folgen geführt. Man wird unterstellen können, dass die Bereitschaft der Menschen, sittliche Gebote einzuhalten unter anderem entscheidend davon abhängt, ob sie bei Übertretung der Normen bestraft werden und dies setzt wiederum voraus, ob Einzelne davon ausgehen können, dass sie ihre Straftaten vor der Öffentlichkeit geheim halten können.

 

Die Beantwortung dieser Frage hängt selbst wiederum entscheidend davon ab, ob ein Individuum an die Existenz eines Gottes glaubt, von dem im Gegensatz zu irdischen Strafbehörden unterstellt wird, dass vor Gott nichts verborgen bleibt und dass Jeder am Ende der Zeiten für seine Taten gerecht gerichtet wird. Für die irdischen, menschlichen Strafbehörden muss stets unterstellt werden, dass sie gar nicht in der Lage sind, die Schuld eines Menschen in jedem Falle restlos aufzuklären und aus diesem Umstand folgt dann die Tatsache, dass es stets Menschen gibt, die davon überzeugt sind, dass ihnen das perfekte Verbrechen gelingt und dass sie in der Lage sind, ihr Vergehen vor der Öffentlichkeit geheim zu halten.

 

Wenn jedoch diese Zusammenhänge bestehen, folgt hieraus notwendiger Weise die These, dass die Bereitschaft, die sittlichen Normen zu akzeptieren und verbotene Handlungen zu unterlassen, in dem Maße zurückgehen wird, in dem der Glaube an die Existenz eines Gottes schwindet. Dies bedeutet natürlich nicht, dass es nicht auch Menschen gibt, welche ohne einen Glauben an Gott bereit sind, ethische Normen zu beachten, genauso wie auch unterstellt werden muss, dass auch an und für sich gläubige Menschen durchaus Straftaten begehen.

 

Die Bibel ist voll von Berichten über sündiges Verhalten, selbst von sonst gläubigen Menschen. Einer der ersten Menschen: Kain erschlug seinen Bruder Abel, nur deshalb, weil er der irrigen Meinung war, Gott bevorzuge seinen Bruder. David, der gekrönte König Israels, beging Ehebruch mit der Frau des Hethiters, eines Offiziers der jüdischen Armee. Als nicht mehr verborgen werden konnte, dass die Frau von David schwanger wurde, ließ der König den Hethiter umbringen. Salomon, der hoch gepriesene König, ließ für seine zahlreichen Nebenfrauen heidnische Tempel errichten und verletzte damit das wohl wichtigste Verbot der Juden, neben dem einzigen Gott weitere Götzen anzubeten. Auch Moses hatte, bevor er von Gott berufen wurde, einen ägyptischen Aufseher getötet und ihn in der Erde verscharrt, um seine Untat zu verbergen.

 

Es soll hier lediglich festgestellt werden, dass der Umfang der Straftaten im Allgemeinen um so größer sein wird, je mehr Menschen die Existenz Gottes leugnen. Diese These steht auch in Übereinstimmung der früher weitverbreiteten Auffassung, dass die Aussagen und Bekenntnisse eines Sterbenden als wahr zu gelten haben, da dieser angesichts des Umstandes, dass er demnächst bei seinem Tod Gott gegenüberstehen wird und sich vor ihm rechtfertigen muss, auf jeden Fall die volle Wahrheit sprechen wird.

 

Wenn nun auch die Aufklärung schließlich dazu geführt hat, dass ein sehr großer Teil der Wissenschaftler zu Atheisten wurden, welche die Existenz eines Gottes entschieden leugnen, hielten die ersten Aufklärer an dem Glauben an ein göttliches Wesen im Allgemeinen fest, sie wandten sich nur gegen eine Bevormundung der Kirchen und waren der Überzeugung, dass der wahre Glaube nicht der Vermittlung durch Kirchenbehörden bedürfe.

 

Auch vertrat ein großer Teil der Aufklärer zu Beginn dieser Phase eine deistische Sicht, wonach zwar die Welt durch einen Gott erschaffen wurde, der sich jedoch nach der Erschaffung der Welt zurückgezogen habe und deshalb auch keinerlei Einfluss auf das irdische Geschehen mehr nehme.

 

Die hier dargelegte These, dass gläubige Menschen im Allgemeinen in geringerem Maße zu unsittlichem Verhalten bereit sind als Individuen, die keine religiöse Bindung kennen, steht in Einklang mit der Aussage Voltaires, eines der ersten Aufklärer, dass dann, wenn es keinen Gott gäbe, man ihn erfinden müsse. Auch hier wird von der Vorstellung ausgegangen, dass der Glaube an einen allwissenden und gerechten Gott die Menschen dazu führt, in geringerem Maße als sonst gegen die sittlichen Normen zu verstoßen, weil sie eben davon ausgehen müssen, dass alle ihre Straften von Gott erkannt werden und dass in einem Endgericht Jeder ausnahmslos entsprechend seiner Taten bestraft wird.

 

 

11. Die Haltung der Kirchen

 

Von den Gegnern der christlichen Religionen wird oftmals der Anstieg des amoralischen Verhaltens darauf zurückgeführt, dass die christlichen Kirchen es  nicht verstanden hätten, ihre Werte und Grundeinstellungen an die Zeichen der Zeit anzupassen und dass sie die von ihnen gepredigten moralischen Regeln selbst wiederholt verletzt hätten. Gerade aufgrund dieses Festhaltens an überkommenen, nicht mehr zeitgemäßen Wertvorstellungen seien die Menschen scharenweise aus den Kirchen ausgetreten.

 

Wenn diese Aussage auch sicherlich einen gewissen Kern Wahrheit enthält, stellt sie die Zusammenhänge zwischen Verhalten der Kirchenbehörden und der moralischen Einstellung der Individuen doch meines Erachtens zu einfach dar.

 

Wir haben davon auszugehen, dass in der Bewahrung der Grundwerte eine der wichtigsten Aufgaben jedes kulturellen Systems liegt. In diesem Zusammenhang gilt es jedoch zu berücksichtigen, dass diese Aufgabe aus zwei verschiedenen Regeln besteht. Wir haben nämlich zwischen der Erhaltung der letztlichen moralischen Grundwerte und der Anpassung dieser Grundwerte an die Veränderung in der Gesellschaft strikt zu unterscheiden.

 

Sicherlich ist es richtig, dass die Kirchenbehörden in der Vergangenheit es wiederholt unterlassen haben, die Wertvorstellungen an die veränderten gesellschaftlichen Verhältnisse in ausreichendem Maße anzupassen. Dieser Vorwurf gilt sicherlich zu Recht. Auch ist es richtig, dass gerade diese Unbeweglichkeit in der Anpassung der Wertvorstellungen an die veränderte gesellschaftliche Situation selbst wiederum unter anderem einer der Gründe dafür darstellt, dass Gläubige scharenweise aus der Kirche ausgetreten sind und ein anderer großer Teil derjenigen, welche noch formal der Kirche angehören, es längst aufgegeben hat, sich entsprechend den christlichen moralischen Werten zu verhalten.

 

In Wirklichkeit sind jedoch die hier zu beachtenden Zusammenhänge sehr viel komplexer. Dass die kirchlichen Führer an der Bewahrung der Grundwerte festhalten, ist nicht zu tadeln, sie hätten auf jeden Fall ihre grundlegende Aufgabe der Bewahrung der Grundwerte entscheidend verletzt, hätten sie einige der christlichen Grundwerte aufgegeben mit der Begründung, dass diese von den Menschen zu einem großen Teil als nicht mehr zeitgemäß angesehen werden.

 

Die christliche Religion definiert sich wie jede andere Religion gerade dadurch, dass sie die Bewahrung bestimmter letztlicher Grundwerte sicherstellt. Wenn auch nur einer dieser Grundwerte aufgegeben würde, würde es sich eben nicht mehr um den christlichen Glauben handeln.

 

In dieser Aufgabenstellung unterscheidet sich ein religiöses Bekenntnis wesentlich von den Zielsetzungen einer freiheitlichen, parlamentarischen Demokratie. Einer Demokratie ist immer aufgegeben, dass der Staat den Willen der Bevölkerung zu vollziehen hat. Und dieser Wille der Bevölkerung kann sich im Zeitablauf verändern. Die Demokratie wäre nicht aufgegeben, wenn der Staat wegen des Wandels in den Auffassungen der Bevölkerung diesen Wandel mit vollzieht, er würde sogar seine primäre Aufgabe, den Willen der Bevölkerung zu verwirklichen, verletzen, wollte er sich gegen diesen Wandel wenden.

 

Natürlich ist es richtig, dass jede freiheitlich-demokratische Verfassung auch gewisse Grundwerte anerkennt, die gar nicht oder allenfalls nur erschwert, mit einer qualifizierten Mehrheit, verändert werden dürfen. Aber trotzdem bleibt bestehen, dass der Bevölkerung und damit auch den Politikern, welche den Willen der Bevölkerung zu vollziehen haben, ein weites Feld für Änderungen auch in den letztlichen Zielsetzungen verbleibt. Nur einige wenige Grundrechte müssen allen Bürgern gewährt werden und zwar unabhängig davon, welche Vorstellungen die Bevölkerung (gemessen am Willen der Mehrheit) in dieser Frage hat.

 

Ganz Anderes gilt für die Religionen, insbesondere für die christliche Religion. Jesus hat nach Matthäus 5,16-19 hierzu klargestellt:

 

‚17  Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben. Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen.

18  Amen, das sage ich euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird auch nicht der kleinste Buchstabe des Gesetzes vergehen, bevor nicht alles geschehen ist.

19  Wer auch nur eines von den kleinsten Geboten aufhebt und die Menschen entsprechend lehrt, der wird im Himmelreich der Kleinste sein. Wer sie aber hält und halten lehrt, der wird groß sein im Himmelreich.‘

 

Dies bedeutet also, dass jeder, welcher einzelne christliche Grundwerte aufgeben würde, damit den Boden des christlichen Glaubens verlassen würde. Und wenn Jesus in diesem Zusammenhang vom Gesetz und von den Propheten spricht, denkt er in erster Linie an die Zehn Gebote, so wie sie Moses vom Berge Sinai einst den Israeliten verkündet hatte.

 

 

12. Grundwerte und Anpassung an konkrete Situationen

 

Versuchen wir nun zu klären, worin denn in concreto der Unterschied zwischen der durchaus erwünschten, ja sogar notwendigen Anpassung der Werte an die jeweils veränderte Situation und die keinesfalls erlaubte völlige Aufgabe einiger Grundwerte besteht.

 

Gott hatte nach den Auskünften im Alten Testament zweimal die Menschheit aufgefordert, ‚wachset und mehret euch und machet euch die Erde untertan‘. Er tat dies zum ersten Mal unmittelbar nach der Erschaffung der Welt sowie zum zweiten Mal nach dem Ende der Sündflut.

 

Beide Situationen zeichnen sich dadurch aus, dass damals nur ganz wenige Menschen auf Erden lebten, das erste Mal deshalb, weil ja erst in der Entwicklung der Erde der Mensch als letztes Geschöpf entstanden war, das zweite Mal deshalb, weil die Sündflut nahezu die gesamte damals lebende Menschheit vernichtet hatte.

 

Im Vergleich zu dem enormen Ressourcenarsenal der Erde lebten zu dieser Zeit somit viel weniger Menschen als diese Ressourcen Menschen ernähren konnten. Wenn man also davon ausgeht, dass diese materiellen Ressourcen zunächst in viel zu großem Vorrat zur Verfügung standen, war es also ausgesprochen erwünscht, dass sich die wenigen vorhandenen Menschen vermehrten. Es galt also die Aufforderung, ‚wachset und mehret euch‚ zu Recht.

 

Man hat sich hierbei darüber klar zu werden, dass es auch ein zu wenig an Bevölkerungswachstum geben kann, so ist z. B. die Ernährung der alten Bevölkerung, die nicht mehr in der Lage ist, durch eigene produktive Tätigkeit ihren Lebensunterhalt zu erwirtschaften, nur sichergestellt, wenn genügend junge Menschen die Ernährung der älteren Menschen übernehmen können. Geht das Bevölkerungswachstum zurück, so wird es immer schwerer, diese Aufgabe sicherzustellen.

 

Natürlich war in den ersten Jahrtausenden der Menschheitsgeschichte die Erde wüst und musste zuerst einmal kultiviert werden, gerade deshalb wurde die Aufforderung sich zu vermehren in beiden Fällen mit der anderen Aufforderung verbunden: ‚machet euch die Erde untertan‘, studiert also mit Hilfe des Verstandes die Gesetze der Natur und wendet sie an, um auf diese Weise der zunächst wüsten Erde ihre Erträge abzuringen.

 

Aus dieser Sicht betrachtet besteht also in diesem Zusammenhang die Aufforderung Gottes darin, ein vernünftiges Verhältnis zwischen den vorhandenen materiellen Ressourcen und der Zahl der Menschen anzustreben. Soweit die Ressourcen im Überfluss vorhanden sind, wäre es durchaus erwünscht, dass auch mehr Kinder geboren werden, sofern aber die vorhandenen Ressourcen nicht mehr ausreichen, die bestehende Menschheit zu ernähren, besagt die gleiche Aufforderung ganz im Gegenteil, dass die Menschen – im Rahmen der sonst geltenden moralischen Vorstellungen – bestrebt sein sollten, das Wachstum der Bevölkerung auf den knappen Bestand der materiellen Ressourcen zu begrenzen.

 

Auf keinen Fall ist diese göttliche Aufforderung so zu verstehen, dass sich die Menschen wie die Karnickel vermehren sollten, dass unabhängig von den Lebensbedingungen jeder bestrebt sein sollte, soviel Kinder wie nur möglich zu zeugen, je mehr um so besser.

 

Wir sehen hier also, dass fast immer, wenn Glaubenswahrheiten zur Diskussion stehen und Gott den Menschen Gebote auferlegt, diese bereits in der Form der Anwendung zu der Zeit, in der sie verkündet wurden, formuliert werden. Es ist dann notwendig, in concreto diese Weisungen jeweils auf die veränderten Situationen anzuwenden und es ist nicht möglich und würde dem Gebot Gottes auch widersprechen, wollte man die Weisungen Gottes jeweils wortwörtlich auslegen.

 

Jesus selbst hat diesem Grundsatz wiederholt entsprochen, so z. B. im Zusammenhang mit dem Gebot der Heiligung des Sabbats, als er es für erwünscht und durchaus geboten ansah, am Sabbat zu heilen. Oder um ein zweites Beispiel zu nennen, nehmen wir die Geschichte, wonach die Schriftgelehrten Jesu eine Ehebrecherin vorführten, welche auf frischer Tat ertappt worden war. Das mosaische Gesetz verlangte für diesen Fall eine Steinigung der Ehebrecherin.

 

Die Bibel berichtet hingegen, dass Jesus diese Ehebrecherin nicht verurteilte, er forderte sie lediglich auf, fortan nicht mehr zu sündigen und er tat dies nicht etwa deshalb, weil er selbst Ehebruch für keine schwere Sünde hielt. Ganz im Gegenteil hatte er in seiner Bergpredigt dieses Gebot sogar noch verschärft. Bei Matthäus, in Kapitel 5, 27-28 sagt Jesus: ‚Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst nicht die Ehe brechen. Ich aber sage euch: Wer eine Frau auch nur lüstern ansieht, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen.‘

 

In der Öffentlichkeit wird das Versagen der Kirchen zusätzlich zu der mangelnden Bereitschaft, die stets gleichbleibenden Grundwerte jeweils an die veränderte Situation anzupassen, auch darin gesehen, dass sich die Führer der Kirchen selbst nicht an die Verhaltensregeln halten, welche sie für die Gläubigen einfordern. So wird beklagt, dass die offizielle Kirche keinesfalls dem Armutsgebot entspricht, sondern in Luxus lebt oder es wird darauf hingewiesen, dass der Vatikan mit der Mafia zusammengearbeitet hat und sich in ihren Bankgeschäften kaum von den sonst angeprangerten Methoden der Großbanken unterscheidet. Auch wird in diesem Zusammenhang auf die zahlreichen Verfehlungen hingewiesen, welche die geistlichen Erzieher in den katholischen Internaten in hohem Umfang in der Vergangenheit begangen haben.

 

Dass diese Verfehlungen in der Vergangenheit wiederholt eingetreten sind, wird heutzutage von der offiziellen Kirche eingeräumt, höchst bedauert und nach Auswegen gesucht, solche Verfehlungen in Zukunft zu verhindern. Der vom Papst Franziskus eingeleitete Reformkurs weist auf diesen Reformwillen hin.

 

Bei Anerkennung all dieser Mängel muss allerdings auch gesehen werden, dass realistischer Weise kaum erwartet werden kann, dass in den Kirchen im Gegensatz zu allen weltlichen Einrichtungen deutlich weniger oder sogar überhaupt keine Verfehlungen erwartet werden können.

 

Auch die Kirchen sind komplexe und globale Organisationen und für diese gilt genauso wie auch für die politischen und wirtschaftlichen Subsysteme, dass Entscheidungen Sachwissen und Kompetenz voraussetzen, das nur in einem Studium erworben werden kann. Jeder Geistliche muss zur Anstellung ein Examen vorweisen und dies bedeutet, dass auch in den kirchlichen Einrichtungen die Auswahl der Führungskräfte vorwiegend nach Kompetenz und nicht allein nach moralischer Integrität erfolgt.

 

In diesem Falle gilt jedoch auch für die kirchlichen Einrichtungen, dass in der Gesamtheit der Führungskräfte damit gerechnet werden muss, dass sich auch hier in moralischer Hinsicht schwarze Schafe befinden. Und es gibt – so bedauerlich dies auch schein mag – wenig Gründe dafür, dass der Prozentsatz derjenigen Kirchendiener, welche die moralischen Regeln nicht einhalten, in kirchlichen Einrichtungen extrem gering ist. Der an Kompetenz ausgerichtete Auswahlprozess erfolgt in allen großen Subsystemen unserer modernen Gesellschaft nach Sachkriterien und weniger nach der moralischen Integrität der Führungskräfte.

 

Dies mag – wie – gesagt bedauerlich sein, dieser Sachverhalt allein weist dennoch nicht auf das notwendige Versagen der kulturellen Systeme hin, da eben auch für diese Systeme das Ergebnis aufgrund eines Anreizsystems so angelegt ist, dass im Allgemeinen bei Beachtung gewisser Voraussetzungen die erwünschten Ergebnisse auch dann erwartet werden können, wenn sich auch hier die Führungskräfte oftmals ebenfalls an individuellen Zielsetzungen (wie z. B. Machtstreben und sozialer Anerkennung) ausrichten.

 

Nochmals sei auch an dieser Stelle daran erinnert, dass die Bibel voll ist von Beispielen, dass gerade auch deren Führungskräfte immer wieder Verfehlungen aufweisen. Petrus, den Jesus zu seinem Nachfolger hier auf Erden bestimmt hatte, war nach der Verhaftung Jesu aus Angst nicht bereit, sich offen vor der Magd des Hohepriesters zu Jesus zu bekennen und die Bibel berichtet davon, dass Jesus in voller Kenntnis, dass ihn Petrus dreimal hintereinander verleugnen werde, diesen zu seinem Nachfolger bestimmt hat. Petrus verleugnete Jesus wohlbemerkt nicht etwa vor einer Strafbehörde, welche vermutlich ein Bekenntnis zu Jesus mit dem Tode bestraft hätte, nein vielmehr bei einem Gespräch mit einer für die politischen Folgen unbedeutenden Magd, wobei ein Bekenntnis zu Jesus keinerlei negative Folgen für das Überleben von Petrus zur Folge gehabt hätte.

 

 

13. Die wirtschaftlichen Grundwerte der Bibel

 

Was sagt aber die Bibel über das moralisch notwendige Verhalten im wirtschaftlichen Bereich, also über die Regeln für das Verhalten im wirtschaftlichen Leben, sowohl für die Volksgemeinschaft als auch für jeden einzelnen Bürger aus? Bezogen auf die für jeden Einzelnen geltenden Verhaltensregeln sind hier vor allem drei Verbote angesprochen.

 

Im Dekalog ist erstens der Schutz des selbst erwirtschafteten Eigentums (das Verbot des Diebstahls im 7. Gebot, sowie das Verbot des Nächsten Eigentum zu begehren im 10. Gebot) angesprochen. Während Diebstahl und Raub auch in der weltlichen Ordnung als Verbrechen geahndet wird, sprechen die Zehn Gebote Gottes (im 10. Gebot) bereits dann von einer Sünde, wenn der Einzelne das Eigentum des Anderen nur begehrt.

 

Natürlich wird auch in der laizistischen Gerechtigkeitslehre davon ausgegangen, dass am Anfang eines Raubes oder Diebstahls der Verbrecher das Eigentum des andern begehrt und sich deshalb gewaltsam aneignen möchte. Da aber der Schaden erst dann eintritt, wenn dies Begehren und  diese Absicht in die Tat umgesetzt wird, wird erst der Versuch, sich das Eigentum des Anderen anzueignen, strafrechtlich verfolgt.

 

Hier macht sich ein deutlicher Unterschied zwischen der religiösen und weltanschaulichen Gerechtigkeitsidee bemerkbar. Für einen gläubigen Menschen ist Neid vielleicht eine zwar häufige Neigung, nichts desto trotz eine der häufigsten Todsünden, während für weltliche Lehren oftmals der Neid die eigentliche Triebkraft für Umverteilungsziele darstellt. Man sieht in der materiellen Ungleichheit das Übel schlechthin und findet es als ungerecht, wenn der eine über mehr Eigentum als der andere verfügt und man ist bestrebt, diese Ungleichheiten im materiellen Besitz soweit wie immer nur möglich zu beseitigen.

 

Wenn sich auch die Gleichnisse der Bibel nie als unmittelbare Direktiven für das menschliche Leben hier auf Erden verstehen, so ist doch bemerkenswert, dass im Gleichnis vom anvertrauten Geld (Matthäusevangelium, Kapitel 25) der Gutbesitzer (der für Gott selbst steht) den Diener, welcher lediglich ein Talent erhalten hatte, dieses jedoch nicht gewinnbringend eingesetzt hatte tadelt und anordnet: ‚Darum nehmt ihm das Talent weg und gebt es dem, der die zehn Talente hat! Denn wer hat, dem wird gegeben, und er wird im Überfluss haben; wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat. Werft den nichtsnutzigen Diener hinaus in die äußerste Finsternis! Dort wird er heulen und mit den Zähnen knirschen.‘

 

Wäre Jesus der Überzeugung gewesen, dass das Vermögen möglichst gleichmäßig aufgeteilt werden sollte, hätte er sicherlich über diesen Diener ganz anders geurteilt. Obwohl also das Gleichnis zunächst nur etwas über das Verhalten im Hinblick auf das jenseitige Leben aussagen will, fällt doch immerhin auf, dass Jesus an keiner Stelle egalitäre Ideen verbreitet, sondern es offensichtlich als selbstverständlich und keinesfalls skandalös empfindet, wenn die Startchancen der einzelnen Menschen (seine natürlichen Begabungen sowie sein Vermögen) unterschiedlich sind.

 

Die Menschen kommen mit sehr unterschiedlichen Begabungen auf die Welt und ihr Entwicklungsprozess trägt sehr oft zu einer Verschärfung dieser Ungleichheiten bei. Es wird an keiner Stelle die Forderung erhoben, dass demjenigen, der aufgrund seiner überdurchschnittlichen Anlagen viel erreicht hat, zum Ausgleich dieser Startchancenungleichheit ein Teil genommen wird.

 

Gerechtigkeit kommt vielmehr nach christlichem Verständnis dadurch ins Spiel, dass besonders hohe Startchancen primär dazu dienen, auch größere Aufgaben (Verpflichtungen) zu übernehmen und dies erfordert eben auch die Ausstattung mit einem größeren Ressourcenbestand. Die eigentliche Rechtfertigung eines höheren Ressourcenbestandes liegt eben gerade nicht darin, dass der Vermögende dieses größere Vermögen in erster Linie für seine eigenen Belange einsetzt. Ganz im Gegenteil ergeht die Forderung, mit seinem Vermögen – und zwar auf freiwilliger Grundlage – unter anderem den Armen und Bedürftigen zu helfen und Diener der Gemeinschaft zu sein.

 

Zweitens bezieht sich der Schutz des Leben (das fünfte Gebot) im Weiteren Sinne auch auf jede Art physischer, aber auch psychischer Gewalt gegen Menschen. Es geht deshalb im weiteren Sinne im Zusammenhang mit dem fünften Gebot nicht nur darum, dass wir unsere Mitmenschen nicht töten oder ermorden dürfen, sondern auch darum, dass wir angehalten sind, den anderen Individuen in keiner Form zu schaden.

 

Bezogen auf das wirtschaftliche System bedeutet dies unter anderem, dass Arbeitgeber angehalten sind, ihre Arbeitnehmer nicht als Ware oder Sklaven zu halten, sie nicht zu übervorteilen und sie nicht unter – Menschen unwürdigen – Verhältnissen arbeiten zu lassen.

 

Bereits Papst Leo XIII hatte in seiner Sozialenzyklika Rerum Novarum in diesem Zusammenhang in $ 17 festgestellt: ‚Im allgemeinen ist in Bezug auf den Lohn wohl zu beachten, daß es wider göttliches und menschliches Gesetz geht, Notleidende zu drücken und auszubeuten um des eigenen Vorteils willen. Dem Arbeiter den ihm gebührenden Verdienst vorenthalten, ist eine Sünde, die zum Himmel schreit‘.

 

Die Zehn Gebote sind natürlich im Rahmen des wirtschaftlichen Geschehens nicht nur von den Arbeitgebern, sondern auch von den Arbeitnehmern einzuhalten. Dies bedeutet einmal, dass auch die Arbeitnehmer gegenüber den Arbeitgebern Pflichten haben, aber weniger deshalb, weil sie dies den Arbeitgebern persönlich schulden, sondern in erster Linie deshalb, weil ein Betrieb eine soziale Einrichtung darstellt, welche Aufgaben der Gemeinschaft erfüllt, an der nicht nur die Arbeitgeber, sondern auch die Arbeitnehmer mitzuwirken haben.

 

Das menschliche Leben kann jedoch von Seiten der Arbeitnehmer auch dadurch beeinträchtigt werden, dass Arbeitnehmer ihren Arbeitskollegen gegenüber die erforderliche Achtung missen lassen. Hierzu zählt z. B. das  Mobbing der Arbeitnehmer unter einander.

 

Des Weiteren sind im Zusammenhang mit dem 5. Gebot auch die Konsumenten angesprochen. Wir erwähnten bereits im ersten Teil dieses Artikels, dass die Individuen in ihrer Eigenschaft als Konsumenten ihre Kaufentscheidungen nicht nur am persönlichen Interesse ausrichten dürfen, auch für sie gilt die allgemeine Werteordnung, welche dann verletzt wird, wenn der Konsument bei seinen Entscheidungen nicht auch berücksichtigt, ob die zu kaufende Ware unter Menschen würdigen Verhältnissen hergestellt wurde und hierbei auch keine Tierquälerei stattgefunden hat.

 

Schließlich tragen die einzelnen Individuen auch Verantwortung in ihrer Eigenschaft als Kapitalgeber und Kapitalnehmer. Auch hier wiederum leitet sich das Recht, über Eigentum zu verfügen und dieses im Wirtschaftsprozess einzusetzen, weniger daraus ab, dass hier der einzelne sein Eigentum beliebig einsetzen darf, auch hier ist zu berücksichtigen, dass nach christlicher Auffassung das Eigentum dadurch gerechtfertigt ist, dass mit dem Eigentum gemeinschaftliche Aufgaben erfüllt werden. Eigentum verpflichtet und dies bedeutet, dass sowohl eine Beschränkung des Eigentums auf höchst persönlichen Nutzen als auch allzu riskante und die Gemeinschaft schädigende Investitionen Verletzungen dieser Verpflichtungen darstellen. Das siebte und zehnte Gebot bezieht sich auf die Rechte des Eigentümers und der Verpflichtungen der jeweils Anderen, während das fünfte Gebot auf die Pflichten der Eigentümer hinweist.

 

Drittens schließlich lässt sich ein funktionierendes Zusammenleben nur realisieren, wenn jeder Versuch, die Anderen zu täuschen und anzulügen (das 8. Gebot), vermieden wird. Dieses Gebot gilt ganz allgemein für jede zwischenmenschliche Beziehung, ist aber wiederum gerade auch für die wirtschaftlichen Beziehungen von Bedeutung.

 

So kann ein Käufer einer Ware nur dann seine Entscheidung verantwortungsvoll fällen, wenn er über die Eigenschaften der einzelnen in Konkurrenz zu einander stehenden Waren unterrichtet wird und wenn er auch korrekt über die Art und Weise, wie diese Waren produziert werden, informiert wird. Während die Kenntnis über die Eigenschaften einer Ware vor allem deshalb notwendig ist, weil der einzelne Konsument nur bei Kenntnis dieser Eigenschaften den höchstmöglichen Nutzen seines Einkommens erzielen kann, ist die Kenntnis über den Produktionsprozess vor allem notwendig, damit der Käufer auch seinen Verpflichtungen gegenüber der Gesellschaft nachkommen kann.

 

Zur Unterrichtung der Konsumenten dient vor allem die Werbung. Mit der Werbung versuchen die Anbieter von Waren auf die Vorzüge ihrer Angebote hinzuweisen. Werbung erfolgt von Seiten der Anbieter von Waren in erster Linie dazu, um die Konsumenten zum Kauf dieser Ware zu bewegen.

 

Die Reklame ist aus der Sicht des Anbieters nur insoweit nutzensteigernd, als durch die Reklame die Nachfrage nach seinem Produkt bei gleichen Preisen erhöht wird. Und dies setzt voraus, dass entweder die Nachfrage nach diesem Produkt insgesamt ansteigt oder aber die Nachfrage der Konsumenten von den Produkten der Konkurrenten zu den eigenen Produkten umgelenkt wird.

 

Aber gerade in diesem Zusammenhang bestehen große Gefahren. Eine Zunahme der Nachfrage insgesamt ist nämlich nur insoweit gerechtfertigt, als die Konsumenten bisher nur deshalb diese Produkte gar nicht oder in geringerem Maße nachgefragt haben, weil sie über die positiven Eigenschaften dieser Ware gar nicht Bescheid wussten. Weiterhin ist Reklame auch nur insoweit gerechtfertigt, als sie dem Konsumenten die Möglichkeit eröffnet, die Eigenschaften der einzelnen Angebote der konkurrierenden Unternehmer miteinander zu vergleichen.

 

Es kann kein Zweifel darüber bestehen, dass ein Großteil der tatsächlich ausgeübten Werbung diesen Anforderungen nicht entspricht. So wird bisweilen behauptet, dass in keinem anderen Zweig des gesellschaftlichen Lebens so stark gelogen und die Wahrheit entstellt wird wie gerade in der Werbung.

 

Das Wahrheitsgebot spielt darüber hinaus eine entscheidende Rolle im Zusammenhang mit den Rechten und Pflichten der einzelnen Bürger. Der Rechtsstaat gewährt jenen Bürgern, welche erwerbswirtschaftliche Einkünfte unterhalb des Existenzminimums erlangen, im Rahmen der Sozialhilfe materielle Unterstützung. Um jedoch festzustellen, ob ein einzelner Bürger und in welchem Umfang er Unterstützung benötigt, bedarf der Staat gewisser Auskünfte über die Einkommens- und Vermögenslage der zu Begünstigten und der Staat kann seine Aufgaben in diesem Zusammenhang nur dann gerecht werden, wenn die Angaben der Bürger der Wahrheit entsprechen.

 

Ein ähnliches Problem entsteht überall dort, wo der Staat die Absicht verfolgt, einzelne Bürger (z. B. Unternehmern) finanzielle Anreize für ganz bestimmte Handlungen zu gewähren. Auch hier besteht die Gefahr, dass einzelne Bürger sich solche materiellen Hilfen durch unwahre Angabe zu erschleichen versuchen.

 

Diese Gefahr ist auch innerhalb der Einrichtungen zur Sozialversicherung besonders hoch, in der Literatur wird in diesem Zusammenhang von moral hazard gesprochen. Es muss immer damit gerechnet werden, dass Mitglieder dieser Einrichtungen durch unwahre Angaben den Versuch unternehmen, entweder geringere Beiträge zu zahlen oder Leistungen zu erhalten, auf die sie gar keine Ansprüche haben.

 

Besonders groß sind schließlich die Bemühungen einiger Bürger, durch falsche Angaben Steuern zu entziehen. Es ist klar, dass der Staat seine Aufgaben nicht befriedigend erfüllen könnte, wenn er durch Verstöße gegen das achte Gebot (Du sollst nicht lügen) Steuereinnahmen verlieren würde.

 

 

14. Fehler der traditionellen Erziehungsmethoden

 

Aber nicht nur diejenigen kulturellen Systeme, welche primär für die Bewahrung der Werte wie vor allem die Kirchen und andere Weltanschauungen verantwortlich sind, tragen für den heute weit verbreiteten moralischen Verfall bei. Auch die bestehenden Institutionen der Erziehung im weitesten Sinne des Wortes versagen in zu großem Umfang dort, wo es darum geht, die einzelnen Individuen so zu erziehen, dass sie in der Mehrheit die im Zusammenleben notwendigen Verhaltensregeln einhalten.

 

Die traditionelle Erziehung gründet vor allem darauf, die Jugendlichen auf die zahlreich zu befürchtenden Frustrationen, die ein normales Leben mit sich bringt, vorzubereiten. Dass Frustrationsbewältigung in der Tat ein zentrales Problem jeder Erziehung sein muss, ist hierbei unbestritten. Fraglich ist nur, ob die weitverbreitete Methode, dieses Ziel dadurch zu erreichen, dass die Eltern ihren Kindern möglichst viele Entbehrungen auferlegen, um sie auf diese Weise schon sehr früh mit den späteren Alltagsproblemen zu konfrontieren, richtig ist.

 

Als erstes kann man davon ausgehen, dass wohl nahezu jede Familie und jedes Individuum in ihrem Leben jede Menge an Frustrationen erlebt, sodass es nicht notwendig ist, aus Erziehungszwecken noch zusätzliche Frustrationen künstlich zu erzeugen. Die Menschheit vor allem in den wirtschaftlich hochentwickelten Staaten ist zwar gegenüber früher bedeutend reicher geworden, aber wir haben zu berücksichtigen, dass der Bedarf nahezu in gleichem Umfang angestiegen ist, sodass also für den Durchschnittsbürger das Spannungsverhältnis zwischen Bedarf und Güterumfang nicht entscheidend gegenüber früher vermindert werden konnte.

 

Die Zufriedenheit der Menschen wird eben nicht primär davon bestimmt, was sich der Einzelne im absoluten Sinne leisten kann, sondern inwieweit die Erwartungen erfüllt werden konnten. Die Erwartungen haben jedoch in der Vergangenheit aus zweierlei Gründen zugenommen. Wir haben uns daran gewöhnt, dass fast jedes Jahr das Inlandsprodukt angestiegen ist und erwarten gerade deshalb, dass dies auch für die Zukunft möglich sein wird, wir erwarten also ein stetiges Wachstum und in dem Maße, in dem diese Erwartung nicht erfüllt werden kann, sinkt die Zufriedenheit, obwohl der durchschnittliche Reichtum gegenüber früher keinesfalls gesunken, im Allgemeinen sogar angestiegen ist, nur eben nicht in demselben Umfang, wie er erwartet wurde.

 

Auch unser Sozialstaat trägt zu diesem Prozess der permanenten Wachstumserwartung bei. Armut wird schon lange nicht mehr dadurch definiert, dass es dem Einzelnen an den Gütern mangelt, welche er für das Überleben unbedingt benötigt. Als Arm gilt heute bereits derjenige, dessen Einkommen zwar gestiegen, aber eben nicht 40 Prozent des durchschnittlichen Einkommensanstieges erreicht hat. Als armutsgefährdet gilt sogar jemand, dem es nicht gelang, aus eigener Kraft 60% des Durchschnittseinkommens zu erreichen.

 

Aber diese Erwartungen können in Wirklichkeit gar nicht erfüllt werden. Steigerungen der materiellen Wohlfahrt können nämlich stets nur durch Erfindungen, erhöhte Leistungs- sowie vor allem Risikobereitschaft erzielt werden und diese Eigenschaften wird immer nur ein relativ kleiner Teil der Bevölkerung aufweisen. Je geringer die Einkommensunterschiede zwischen den Ärmsten und den Reichsten einer Bevölkerung tatsächlich sind, um so geringer sind deshalb die Wachstumschancen einer Gesellschaft. Eine Bevölkerung muss sich also entscheiden, ob sie weitgehende Gleichheit in Einkommen und Vermögen oder einen möglichst hohen und andauernden Anstieg im Lebensstandard auch für die Ärmeren wünscht, beides zusammen ist kaum möglich.

 

In diesem Zusammenhang wird verkannt, dass die Ärmeren auch dann auf lange Sicht eine spürbare Zunahme ihres absoluten realen Einkommens erfahren können, wenn ihr Anteil am Gesamteinkommen nicht steigt. Gerade der Verzicht an Einkommenszuwächsen der Gegenwart kann über einen von den reicheren Bürgern finanzierten Investitionszuwachs zu Produktivitätssteigerungen und damit zu absoluten Einkommenssteigerungen auf lange Sicht auch bei den Ärmeren führen.

 

Lässt man jedoch gerade die Ärmeren in dem Glauben, dass eben beides möglich sei, das absolute Einkommen aller Bürger Jahr für Jahr anzuheben und gleichzeitig die Differenzierung in den Einkommen in starkem Maße zu verringern, entsteht eben wegen der Unmöglichkeit, beides zu realisieren, eine zusätzliche Frustration, die automatisch zu weiterer Unzufriedenheit führt. 

 

Wir wollen also festhalten, dass der größte Teil der Bevölkerung nach wie vor trotz beachtlichem wirtschaftlichen Wachstum mit permanenten Frustrationen rechnen muss, sodass die Eltern nicht etwa Frustrationen künstlich erzeugen müssen, um ihre Kindern im Umgang mit Frustrationen zu konfrontieren.

 

Natürlich gibt es in unserer Gesellschaft eine kleine Gruppe von Reichen, welche keinerlei materielle Not erleiden müssen. Und von wenigen Ausnahmen abgesehen, kann auch davon ausgegangen werden, dass die Kinder dieser Reichen auch niemals materielle Not erleiden müssen.

 

Aber selbst für diese äußerst geringe Bevölkerungsgruppe der Superreichen gilt, dass ihre Familien zahlreichen Frustrationen ausgesetzt sind. Erstens gilt natürlich auch für die Reichen, dass die Erwartungen mit dem vergangenen Reichtum ansteigen und dass deshalb auch bei den Reichen Erwartungen nicht erfüllt werden und deshalb automatisch Frustrationen eintreten.

 

Zweitens ist diese Bevölkerungsgruppe bestimmten Frustrationen genauso ausgesetzt wie die anderen Bevölkerungsgruppen. Krankheit macht bekanntlich nicht vor dem Reichtum halt. Die Superreichen haben zwar vielleicht bessere Möglichkeiten, Krankheiten zu bekämpfen, aber Krankheiten wie z. B. der Krebs, welche nach heutigem Wissensstand nicht wirksam bekämpft werden können, sind natürlich auch für die Superreichen unüberwindbar. Weiterhin gibt es auch Frustrationen, welche nur die Reichen, und zwar wegen ihres Reichtums erfahren. Kidnapping, Entführungen müssen eben fast nur diejenigen befürchten, welche reich sind und diese Gefahren steigen automatisch mit dem Reichtum an.

 

Somit können wir sogar für die kleine Schicht der Reichen davon ausgehen, dass auch diese Familien zahlreiche Frustrationen erfahren, die sich automatisch einstellen, sodass auch hier davon ausgegangen werden kann, dass es nicht notwendig ist, Frustrationen künstlich zu erzeugen, um auf diese Weise die Jugendlichen für das kommende Leben vorzubereiten.

 

Aber das Erzeugen künstlicher Frustrationen ist nicht nur nicht notwendig, sondern auch höchst gefährlich. Die Heranwachsenden erkennen nämlich sehr schnell, ob ihre Eltern diese Frustrationen willkürlich setzen oder ob auch die Eltern von außen von diesen Entbehrungen betroffen werden.

 

Frustrationen, führen jedoch zunächst einmal, wenn nichts unternommen wird, um diese zu bewältigen, zu aggressivem Verhalten, auch bei den Jugendlichen. Diese lernen dann nicht primär, wie Frustrationen bewältigt werden, sondern in  erster Linie, dass man Frustrationen zur Gewinnung von Macht willkürlich hervorrufen kann, dass man dadurch, dass man bei den jeweils Anderen und zwar bei den jeweils Schwächeren Frustrationen hervorruft, Macht über diese gewinnen kann.

 

Es besteht dann die Gefahr, dass diese Frustrationen dadurch abgebaut werden, dass man den Frust an anderen, an jeweils den Schwächeren weiterleitet und dass die Jugendlichen vorwiegend diese höchst unerwünschte Verhaltensweise lernen, anstatt dass sie erfahren, wie man vorgegebene Frustrationen so bewältigt, dass sowohl das eigene Wohl, aber auch das Wohl der anderen, der Gemeinschaft möglichst wenig beeinträchtigt wird.

 

Diese Gefahren werden nun dadurch noch verschärft, dass häufig ein Widerspruch zwischen den Erziehungsidealen und der Erziehungspraxis entsteht. Es zählt zu den wichtigsten Grundsätzen unserer freiheitlichen Ordnung: Kinder und Jugendliche sollen zu freien Bürgern in einer freiheitlichen demokratischen Ordnung erzogen werden, welche ihre Geschicke in allererster Linie selbst in ihre Hand nehmen und die anstehenden Probleme – soweit wie immer nur möglich – selbst verantworten können.

 

Die Erziehungsmethoden dienen jedoch in erster Linie dazu, um bestimmte unerwünschte Ergebnisse zu verhindern. Wer diesem Anspruch nicht entspricht, wird in erster Linie bestraft. Diese Praxis setzt sich dann bei den Erwachsenen insofern fort, als die staatliche Bürokratie selbst wiederum den Einzelnen bei den unterschiedlichsten Gelegenheiten mehr oder weniger anhält, bestimmte Dinge zu tun oder andere zu unterlassen und dieses Verhalten durch negative Anreize zu erzwingen sucht. Treten in praxi Schwierigkeiten auf, so ist es de facto in erster Linie der Staat, der sich aufgerufen fühlt, die Probleme zu lösen, als statt entsprechend dem Prinzip der Subsidiarität zunächst einmal der Einzelne selbst aufgefordert sein sollte, diese Schwierigkeiten mit eigener Kraft zu überwinden.

 

Eine solche Haltung des Staates schwächt jedoch in Wirklichkeit gerade das Vertrauen und die Bereitschaft des Einzelnen, die persönlichen Angelegenheiten selbst in die Hand zu nehmen. Ein bekanntes Sprichwort besagt: Wer rastet, der rostet, diese Weisheit gilt auch für die Bewältigung von Frustrationen. Der Einzelne verlernt immer mehr, sich so zu verhalten, dass Frustrationen überwunden werden können, er überlässt es dem Staat, dafür Sorge zu tragen. Dem zu Erziehenden beizubringen, dass Spielregeln auf jeden Fall beachtet werden müssen, ist nur der eine Teil der Erziehung. Viel wichtiger ist es, im Rahmen der Erziehung die Jugendlichen schon sehr früh dazu zu erziehen, Selbstverantwortung zu übernehmen und zu zeigen, wie man diese Aufgaben zu seinem eigenen Wohl, aber eben auch zum Wohl der jeweils Anderen erfüllen kann.

 

Da aber eine solche Verhaltensweise (das ausschließliche Setzen künstlicher Frustrationen)  automatisch dazu führt, dass der Freiheitsraum des Individuums um ein weiteres verringert wird, werden auf diese Weise zusätzliche Frustrationen hervorgerufen mit der notwendigen Folge, dass sich der Einzelne gegen die Anweisungen des Staates sogar wehrt, obwohl doch diese Maßnahmen angeblich zum Wohle des Einzelnen vom Staat ergriffen werden. Diese Gegenwehr erfolgt dann primär deshalb, weil sich der Einzelne gegängelt fühlt und darin einen Widerspruch zu dem Anspruch sieht, dass doch in unserer Gesellschaft der Einzelne möglichst frei sein sollte.

 

 

15. Die Reformbedürftigkeit der Erziehung

 

Fassen wir zusammen: Richtig an der überlieferten Erziehung ist also – wie bereits erwähnt –, dass die Bewältigung von Frustrationen in der Tat zu den Kernaufgaben jeder Erziehung gehört. Zu kritisieren ist nur die Art, wie diese Aufgabe traditionell angegangen wird. Das Hauptaugenmerk der Erziehung sollte nicht auf das künstliche Erzeugen von Frustrationen gelegt werden, Frustrationen entstehen nahezu in jeder Familie, selbst in der relativ kleinen Gruppe besonders reicher Bürger, die keine materielle Not erleiden müssen. Die Erziehung hat sich vielmehr darauf zu konzentrieren, aufzuzeigen, wie der Einzelne Frustrationen bewältigen kann und zwar so, dass er selbst sowie die Anderen möglichst wenig Schaden nehmen.

 

Hierbei arbeitet Erziehung stets damit, dass sich die Erzieher auf der einen Seite   vorbildlich verhalten, also dem zu Erziehenden vorleben, wie Frustrationen bewältigt werden können und dass auf der anderen Seite schon sehr früh dem zu Erziehenden verständlich gemacht wird, worin die Ursachen dieser Frustrationen liegen, wie diese Ursachen vermieden werden können und auf welchem Wege der geringste Schaden für den Einzelnen wie für die Gemeinschaft entsteht.

 

Hierbei gilt es zu bedenken, dass die Fähigkeit der Kinder, Frustrationen verstandesmäßig zu verarbeiten, erst nach ein bis zwei Jahren entsteht, sodass in den ersten Jahren eines Kindes eigentlich noch keine Erziehung im echten Sinne des Wortes möglich ist.

 

Natürlich besteht auch in diesen Anfangsjahren die Notwendigkeit, das Kind von bestimmten gefährlichen Handlungen abzuhalten. Wenn z. B. ein Kind seine Finger auf eine heiße Herdplatte legen möchte, so muss dies selbstverständlich unterbunden werden, weil nur auf diese Weise großer Schaden für das Kind verhindert werden kann. Aber auch hier gilt, dass das Vorbild der Erwachsenen in dieser Frage wiederum wichtiger ist als das physische Verwehren bestimmter schädlicher Handlungen.

 

Ein Zweites ist von Bedeutung. Das notwendige Urvertrauen kann ein Heranwachsender nur dann gewinnen, wenn in den ersten Jahren nicht nur Frustrationen, sondern auch  freudige Ereignisse erlebt werden, welche im Umfang zumindest genauso groß sind wie die Entbehrungen. Überwiegen die Frustrationen und hat der Jugendliche nicht gelernt, wie man mit diesen Entbehrungen umzugehen hat, besteht die Gefahr, dass sich die Heranwachsenden später gegenüber ihren Mitmenschen aggressiv verhalten. Umgekehrt wird ein Mensch, welcher in seiner Jugend weit mehr Zuneigung als Frustrationen erhalten hat, diese in seinem späteren Leben zumeist auch gegenüber seinen Mitmenschen weitergeben.

 

Oftmals wird in der Öffentlichkeit die Verwunderung darüber ausgesprochen, dass sonst wohlerzogene Jugendliche aus sogenanntem guten Hause plötzlich zu Amokläufern werden oder sich scharenweise radikalen Gruppen (rechtsradikalen wie religiösen Fanatikern) zuwenden. Bei dieser Art von Erziehung ist jedoch ein solches Verhalten durchaus möglich, es wundert eigentlich mehr, dass sich nicht noch mehr Jugendliche in diesem Sinne verhalten.

 

 

16. Schlussfolgerungen

 

Fassen wir unsere Ergebnisse zusammen. Als erstes können wir feststellen, dass in der Tat im Rahmen wirtschaftlicher Handlungen in starkem Maße amoralisches Verhalten beobachtet werden kann, das nicht nur damit erklärt werden kann, dass unsere gesamte Welt unvollkommen ist, sodass man bei keinem irdischen Problem eine hundertprozentige Lösung erwarten kann. Das Ausmaß an amoralischem Verhalten ist in den letzten Jahrzehnten so stark angestiegen, dass befriedigende Problemlösungen in Frage stehen.

 

Allerdings haben wir zweitens festgestellt, dass dieses amoralische Verhalten zwar zu einem großen Teil im wirtschaftlichen Bereich stattfindet, dass aber trotzdem die Hauptverantwortung für ein solches Verhalten viel stärker aufgrund des Versagens der kulturellen Gesellschaftssysteme als aufgrund der Eigenart des marktwirtschaftlichen Systems zu erklären ist. Es besteht nämlich eine Arbeitsteilung zwischen den Subsystemen unserer Gesellschaft.

 

Es ist somit primäre Aufgabe der kulturellen Systeme dafür Sorge zu tragen, dass die Grundwerte menschlichen Zusammenlebens erhalten werden, dass sie jeweils an veränderte Situationen angepasst werden und dass die Jugendlichen so erzogen werden, dass die Erwachsenen im Allgemeinen sich so verhalten, dass die Grundwerte von fast jedem Bürger beachtet werden.

 

Das marktwirtschaftliche System hat gerade nicht die Aufgabe, die Menschen zu erziehen und über die Einhaltung der Grundwerte zu wachen. Einzige Aufgabe eines wirtschaftlichen Systems besteht in der Bewältigung der Knappheit der materiellen Ressourcen. Der Markt ist in moralischer Hinsicht immer so gut oder so schlecht, wie die Menschen sind, welche im wirtschaftlichen System agieren.

 

Wir haben drittens darauf hingewiesen, dass nicht alle wirtschaftlichen Probleme vom Markt selbst gelöst werden können. Anhand des Problems des Familienlastenausgleichs haben wir gesehen, dass der Markt überfordert wäre, wollte man die Durchsetzung des Ziels einer familiengerechten Entlohnung vollkommen dem Markt überlassen. Das Bedarfsprinzip ist nicht nur eine Zielsetzung, welche außerhalb des Wirtschaftssystems formuliert wird, dieses Prinzip kann immer nur aufgrund von staatlichen Maßnahmen realisiert werden.

 

Es wäre weiterhin viertens falsch davon auszugehen, dass wirtschaftliche Entscheidungen lediglich daraufhin überprüft werden müssen, ob sie die Grundbedürfnisse der einzelnen Menschen erfüllen. Jedes Handeln innerhalb der Gemeinschaft setzt die Beachtung moralischer Werte voraus. Auch für das wirtschaftliche System gilt wie für jedes andere Agieren innerhalb der Gesellschaft, dass dem menschlichen Handeln eine Werteordnung vorgegeben ist, die zu beachten ist. So hat der Neoliberalismus Walter Euckens ex pressis verbis vom Ordo-Liberalismus gesprochen und Ordo heißt Ordnung und Ordnung besteht immer darin, dass bestimmte Verhaltensweisen nicht erlaubt sind.

 

Wenn es also fünftens durchaus im Sinne des marktwirtschaftlichen Systems ist, dass der Staat für das Handeln innerhalb des Wirtschaftssystems einschränkende Ziele vorgibt, so ist trotzdem zu beachten, dass diese Ziele stets auf indirekte Weise zu verfolgen sind, indem der Staat nicht die Befolgung seiner Ziele einfach per Gesetz den wirtschaftenden Personen vorschreibt, sondern dass er stets seine Ziele indirekt dadurch zu erreichen sucht, dass er die Daten ändert, welche wirtschaftlichem Handeln zugrunde liegen. Man spricht hierbei von marktkonformen Maßnahmen.

 

Die Forderung nach Beschränkung auf marktkonforme Maßnahmen des Staates ergibt sich einmal daraus, dass das Recht und die Freiheit jedes Einzelnen, seine Belange selbst zu verantworten, zu den kulturellen Werten der demokratischen Ordnungen zählt und dass auf der anderen Seite die Aufgabe jedes marktwirtschaftlichen Systems: die bestmögliche Anpassung der Produktion am Bedarf und an den Zielsetzungen der einzelnen Bürger nur dann gewährleistet wird, wenn sich Angebot und Nachfrage frei entfalten können.

 

Aus diesen Überlegungen ergibt sich sechstens die Feststellung, dass die Freiheit der Bürger weniger durch Gebote als durch Verbote eingeschränkt werden sollte. Auch dann, wenn der Staat immer gewisse Handlungsweisen wie Mord, Raub und Täuschung zu verbieten hat und auf diese Weise den erlaubten Spielraum einengt, verbleibt dem Einzelnen in aller Regel eine Vielzahl von Alternativen.

 

Selbst dann, wenn der Staat alle bekannten Alternativen außer einer einzigen verbieten würde, bliebe dem Einzelnen dennoch die Freiheit, nach bisher nicht bekannten Alternativen Ausschau zu halten, welche gerade deshalb, weil sie bisher nicht bekannt waren, auch nicht verboten werden konnten. Es sind vielmehr stets die vom Staat an geordneten Gebote, welche in Wirklichkeit den Freiheitsanspruch der Individuen in Frage stellen.

 

Siebtens kann die aus allgemeinen politischen Zielsetzungen erwachsende Forderung nach einer notwendigen Ergänzung und Korrektur des marktwirtschaftlichen Systems nicht einfach dadurch verwirklicht werden, dass die Ziele des wirtschaftlichen Systems zugunsten anderer Ziele im Sinne eines fairen Kompromisses eingeschränkt werden. Zwischen dem wirtschaftlichen Ziel einer Bewältigung der Knappheit und den übergeordneten allgemeinen politischen Zielen besteht nämlich weniger eine substitutive als eine komplementäre Beziehung.

 

Die wirtschaftlichen Ziele sind keine Ziele sui generis, zwischen denen ein Kompromiss in dem Sinne geschlossen werden muss, dass von jedem Ziel (den wirtschaftlichen wie den sozialen Zielen) Abstriche vorgenommen werden müssen. Die sogenannten wirtschaftlichen Ziele sind in Wirklichkeit stets Unterziele, sie stellen ein Mittel dar, um die nichtwirtschaftlichen, übergeordneten Ziele zu realisieren.

 

Wollte man deshalb zugunsten der sozialen Ziele die Verwirklichung der wirtschaftlichen Ziele (Unterziele) einschränken, so würde dies achtens gerade die Realisierung der übergeordneten sozialen Ziele gefährden. Auch für die Verwirklichung sozialer Ziele bedarf es materieller Ressourcen, die moralische Qualität eines Zieles hängt nicht davon ab, ob und in welchem Umfang materielle Ressourcen zur Zielbefriedigung eingesetzt werde müssen. Die Hilfe gegenüber Menschen, welche von Naturkatastrophen heimgesucht wurden (ein moralisch sehr hoch stehendes Ziel) bedarf eines sehr großen materiellen Einsatzes, das Mobben (moralisch höchst verwerflich) kann auch ohne Einsatz materieller Mittel stattfinden. Der sicherlich stets notwendige Kompromiss zwischen den einzelnen Zielen muss stets auf der Ebene der übergeordneten Ziele selbst verwirklicht werden.

 

Wenn deshalb die eigentliche Ursache für das häufig zu beobachtende amoralische Verhalten im Zusammenhang mit wirtschaftlichen Entscheidungen bei Mängeln der kulturellen Subsysteme unserer Gesellschaft liegt, ist achtens eine Reform vorrangig im kulturellen System selbst anzusetzen. Hierbei spielt die Unterscheidung zwischen Bewahrung der letztlichen Grundwerte und ihrer Anwendung auf konkrete Situationen eine entscheidende Bedeutung.

 

In der Vergangenheit sind hierbei sowohl den Führungskräften wie den Bürgern entscheidende Fehler unterlaufen. Während vor allem im Mittelalter bis zur Neuzeit die kirchlichen Behörden oftmals nicht bereit waren, die notwendige Anpassung in der Anwendung der immer gültigen Grundwerte an die Veränderungen in den gesellschaftlichen Verhältnissen vorzunehmen, begegnet man bei den Laien sehr oft der Bereitschaft, die kulturellen Grundwerte als solche als unzeitmäßig zu bezeichnen und sie über Bord zu werfen.

 

Die Grundwerte, so wie sie z. B. in den Zehn Geboten Gottes oder auch in der Menschenrechtskonvention der UNO zum Ausdruck kommen, gelten immer, es ist nicht Sache der einzelnen Individuen, auch nicht der Mehrheit einer Bevölkerung, diese Grundwerte abzuschaffen. Die letztlichen Grundwerte ergeben sich aus der stets gleichbleibenden Natur des Menschen und können und dürfen deshalb nicht aufgegeben werden mit dem Vorwand, sie seien nicht mehr zeitgemäß.

 

Die Frage der Zeitmäßigkeit stellt sich lediglich im Hinblick auf die Anwendung dieser immer gültigen Grundsätze auf die konkreten Situationen im Augenblick. Da sich die äußeren gesellschaftlichen Umstände immer wieder grundlegend verändern, ist es unerlässlich, dass diese Anwendung immer wieder neu vorgenommen werden muss. Diese Forderung ergibt sich vor allem auch deshalb, weil in der Vergangenheit die Grundwerte zumeist nicht als reine abstrakte Maximen, sondern in Anwendung dieser Grundmaximen auf die damals vorliegende Ausgangssituation formuliert wurden.

 

Die Aufforderung Gottes an die Menschen nach Erschaffung der Welt und nach Beendigung der Sintflut: ‚wachset und mehret euch‘, ist sicherlich in dieser Form nicht als eine immer gültige Grundmaxime zu verstehen, sondern als Anwendung eines Grundprinzips auf eine Situation, in welcher es nur ganz wenige Menschen gab. Die dieser Aufforderung zugrunde liegende Maxime besteht vielmehr in dem Gebot, stets ein vernünftiges Verhältnis zwischen den vorhandenen materiellen Ressourcen und der Anzahl der lebenden Menschen zu beachten.

 

Natürlich bestehen zwischen diesen beiden Fehlhaltungen auch Wechselwirkungen. Gerade der Umstand, dass die Anpassung der Grundwerte an die veränderte Situation oftmals unterlassen wurde, hat selbst wiederum dazu beigetragen, dass in der Bevölkerung immer wieder Grundwerte als solche und nicht nur – wie eigentlich notwendig – deren mangelnde Anwendung über Bord geworfen wurden.

 

Schließlich dürfte neuntens auch die Art und Weise, wie oftmals im Rahmen der Erziehung eine Internalisierung dieser Grundwerte versucht wird, zum Verfall der Sitten beigetragen haben. Es ist zwar richtig, dass eines der wichtigsten Aufgaben der Erziehung darin besteht, mit Frustrationen fertig zu werden. Es ist aber nicht erwünscht, Frustrationen künstlich zu erzeugen. Auf der einen Seite erfahren nahezu alle Familien Frustrationen, die vollkommen ausreichen, um die Heranwachsenden mit dem Phänomen der Frustration vertraut zu machen.  Auf der anderen Seite entwickeln Jugendliche schon sehr früh ein sicheres Gespür dafür, ob Frustrationen für die Eltern vorgegeben sind oder von ihnen künstlich erzeugt werden.

 

Wie eine Frustration von den Jugendlichen verarbeitet wird, hängt hierbei in erster Linie davon ab, wie der Jugendliche selbst diese Frustration erfährt, ob er begreift, dass die erfahrenen Begrenzungen den Eltern selbst vorgegeben sind, sie also z. B. bestimmte Wünsche einfach deshalb nicht erfüllen können, weil es ihnen an materiellen Ressourcen mangelt. Oft erfahren Jugendliche jedoch Entbehrungen als reine Schikane, die entweder als Bequemlichkeit oder als Strafe verstanden werden, die sie selbst als nicht gerechtfertigt halten.

 

Frustrationen, die von den Jugendlichen als künstlich erfahren werden, haben in der Regel unerwünschte negative Auswirkungen. Das Kind lernt hier, dass im Umgang mit den Mitmenschen das Setzen von Entbehrungen ein Machtmittel zur Durchsetzung der eigenen Interessen darstellt, es lernt, dass es herrschende und beherrschte Individuen gibt und dass die Herrschenden den Beherrschten  Entbehrungen auferlegen können und dass es darauf ankommt, möglichst zu der herrschenden Schicht zu zählen. Es lernt – bestimmte eigene Grundstimmungen vorausgesetzt und wenn die Frustrationen einen bestimmten kritischen Umfang überschreiten – unter Umständen auch, in Melancholie zu versinken.

 

Eine natürliche Reaktion auf Frustrationen – insbesondere dann, wenn diese als künstlich gesetzt empfunden werden – besteht darin, mit Aggressionen gegenüber Mitmenschen zu reagieren. Von einer ‚natürlichen’ Reaktion kann man hier deshalb sprechen, weil diese Reaktionen wohl von unseren Vorfahren vor langer Zeit ererbt wurden, als nur durch Aggression ein Überleben überhaupt möglich war.

 

Zwei Aspekte sind hierbei zu unterscheiden: Auf der einen Seite stellt die Aggression eine unmittelbare Reaktion auf die Frustration dar; sie ist sehr häufig, auch bei sonst weniger aggressiven Menschen, kann aber – wenn die Wut verraucht ist – durch eine Entschuldigung oder durch eine bewusst freundliche Haltung gegenüber den betroffenen Mitmenschen – auch wieder weitgehend zurückgenommen und kompensiert werden.

 

Der zweite, langfristige Aspekt ist von größerer Bedeutung. Der Jugendliche kann, wenn ihn eine künstlich wahrgenommene Frustration häufig trifft, lernen, dass man auf Frustrationen aggressiv reagiert und auch reagieren darf. 

 

Aufgabe des Erziehenden bei der Frustrationsbewältigung besteht dann vor allem darin, aufzuzeigen, wie man auf Frustrationen anders als durch Aggression reagieren kann. Hierbei ist an die Vorbildfunktion der Erwachsenen zu erinnern.

 

Ein Jugendlicher lernt am ehesten sinnvoll mit Frustrationen umzugehen, wenn die Erwachsenen konsequent vorleben, wie man Frustrationen sinnvoll begegnen kann und wie man in Zukunft das Auftreten von Frustrationen vermindern kann. Er wird auch dann eher bereit sein, Frustrationen zu verarbeiten, wenn ihm die eigentlichen Ursachen dieser Frustrationen aufgezeigt und Wege gelehrt werden, wie man diese Frustrationen vermeiden bzw. verringern kann.