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Sozialismus Teil II

 

 

 

Gliederung

 

 1.  Einführung

 2.  Gewaltlosigkeit und terroristische Gewalt

 3.  Der deterministische Ansatz

 4.  Die Arbeitswertlehre

 5.  Die Verelendungsthese

 6.  Die Diktatur des Proletariats

 7.  Das Egalitätsprinzip

 8.  Freiheit und Gerechtigkeit

 9.  Motiv und Wirkung

      10.  Das Vertrauen in den allmächtigen Staat

      11.  Die Abhängigkeit des Staates von materiellen Interessen

      12.  Die Neigung zur Ideologisierung

     

 

6.  Die Diktatur des Proletariats

 

Der Begriff einer ‚Diktatur des Proletariats‘ entstand bereits Mitte des 19. Jahrhunderts. Er bezeichnete die politische Herrschaft der bis dahin noch nicht im Staat repräsentierten Gesellschaftsgruppen, vor allem der Arbeiterklasse. Er wurde dann vor allem von Karl Marx und Friedrich Engels auf der einen und Lenin auf der anderen Seite präzisiert.

 

Nach dem Verständnis von Karl Marx und Friedrich Engels gelten alle bisherigen Staatsformen seit der Auflösung einer urkommunistischen Gemeinschaft in frühen Zeiten als Klassenherrschaft einer Minderheit. In deren Verfügungsgewalt befänden sich die gesellschaftlichen Produktionsmittel, mit deren Hilfe sie über eine ökonomisch abhängige und unterdrückte Mehrheit herrschten und damit eine Diktatur ausübten.

 

Der Staatsapparat wird also als ein Machtinstrument der wirtschaftlich herrschenden Klasse verstanden, wobei ein ausbeuterisches Herrschaftsverhältnis zwischen den Klassen eben durch diese staatlichen Einrichtungen im Sinne eines Überbaues entstehe. Im Kommunistischen Manifest von 1848 wird „die politische Gewalt im eigentlichen Sinn“ als die „organisierte Gewalt einer Klasse zur Unterdrückung einer anderen“ verstanden. Der Staat, wird bei Friedrich Engels 1891 als nichts anderes „als eine Maschine zur Unterdrückung einer Klasse durch eine andere“ verstanden.

 

Die bürgerliche Gesellschaft wird weiterhin von Karl Marx in seiner Schrift über die „Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848-1850“ als „Diktatur der Bourgeoisie“ gedeutet. Die „Diktatur des Proletariats“ oder die „Herrschaft der Arbeiterklasse“ bilde dann die Aufhebung dieser Form der Herrschaft und den Übergang zur klassenlosen Gesellschaft, in der keine Herrschaftsverhältnisse mehr existierten.

 

Weiterhin heißt es in dieser Schrift unter anderem: „Dieser Sozialismus ist die Permanenzerklärung der Revolution, die Klassendiktatur des Proletariats als notwendiger Durchgangspunkt zur Abschaffung der Klassenunterschiede überhaupt, zur Abschaffung sämtlicher Produktionsverhältnisse, worauf sie beruhen, zur Abschaffung sämtlicher gesellschaftlicher Beziehungen, die diesen Produktionsverhältnissen entsprechen, zur Umwälzung sämtlicher Ideen, die aus diesen gesellschaftlichen Beziehungen hervorgehen.“

 

Friedrich Engels äußerte sich dann 1891 zur Diktatur des Proletariats wie folgt: „Der deutsche Philister ist neuerdings wieder in heilsamen Schrecken geraten bei dem Wort: Diktatur des Proletariats. Nun gut, ihr Herren, wollt ihr wissen, wie diese Diktatur aussieht? Seht euch die Pariser Kommune an. Das war die Diktatur des Proletariats“. Somit wird durch die kommunistische Revolution die Staatsmacht nicht auf die Klasse des Proletariats übertragen, sondern der Staat als Instrument der Klassenherrschaft an sich aufgehoben.

 

Wladimir Iljitsch Lenin, der den Begriff der Diktatur des Proletariats weiterentwickelt hat, bezeichnet die Diktatur des Proletariats als direkte Machtausübung der Massen, welche „millionenfach demokratischer als die demokratischste bürgerliche Demokratie“ sei. Sie würde in einer Revolution durch das Proletariat errungen werden und als ‚Stützpfeiler‘ für die Errichtung einer sozialistischen Gesellschaft dienen.

 

Im Jahre 1917 – also unmittelbar vor der russischen Revolution – definierte Lenin in Staat und Revolution die Diktatur des Proletariats als eine kurze Übergangsphase bis zum „Absterben des Staates“ nach der Weltrevolution. In der Tat entsprachen die Räte (Sowjets) der Arbeiter, Bauern und Soldaten auch für kurze Zeit in etwa und rein äußerlich dieser Definition. Allerdings wurde im Zusammenhang mit dem Bürgerkrieg und vor allem den Missernten eine zunehmende Zentralisierung eingeleitet, welche schließlich ab 1923 zu einer erstarkenden Bürokratie unter Josef Stalin führte.

 

Wesentlich für den vom Kommunismus angewandten Begriff der Diktatur des Proletariats sind also vor allem zwei Merkmale. Auf der einen Seite werden vor allem durch den Vergleich mit der Pariser Urkommune Vorstellungen einer direkten Demokratie heraufbeschworen, welche sich von einer repräsentativen Demokratie unterscheide. Auf der anderen Seite wird die Diktatur des Proletariats als eine kurze Übergangsphase von der kapitalistischen Gesellschaft zur kommunistischen Gesellschaft verstanden.

 

Gerade in diesen beiden Merkmalen liegt jedoch der eigentliche Fehler dieser Betrachtungsweise. Es ist weder möglich, dass die gesamte Bevölkerung eines großen und hochentwickelten Staates tatsächlich die Herrschaft ausübt und über die wichtigsten politischen Problemlösungen selbst entscheidet, noch kann damit gerechnet werden, dass eine Diktatur eine vorübergehende Erscheinung darstellt, welche sehr schnell zugunsten einer gewaltfreien Gesellschaft ohne staatlichen Machtapparat wiederum aufgegeben wird.

 

Befassen wir uns mit dem ersten Merkmal einer Diktatur des Proletariats etwas ausführlicher. Es ist ein Irrtum zu meinen, dass in der Pariser Kommune wirklich das Volk in dem Sinne die Macht ausgeübt hat, dass jeder Bürger frei und mit gleichen Rechten ausgestattet über die politischen Probleme entschieden hätte. In Wirklichkeit wurden die politischen Gremien zu Beginn der französischen Revolution ähnlich wie auch in den sogenannten späteren repräsentativen Demokratien von einzelnen Persönlichkeiten gelenkt, welche sich zumeist selbst zu Führern ernannt hatten.

 

Es war auch nicht die gesamte Bevölkerung, welche an den wichtigsten anstehenden politischen Entscheidungen teilgenommen hat, sondern immer nur eine kleine Minderheit all derjenigen, welche ihre Zeit damit verbringen konnten, dass sie an den politischen Diskussionen teilnahmen und nicht dadurch an dieser Teilnahme verhindert waren, dass sie dem Broterwerb nachgehen mussten. Auch beschränkte sich diese Teilnahme zumeist darauf, dass sie bestimmten Vorschlägen applaudierten, andere nicht genehme Anträge niederschrien, zu einer sachlichen Auseinandersetzung fehlten den meisten Teilnehmern dieser Versammlungen ohnehin die intellektuellen Voraussetzungen.

 

Oftmals muss auch das Modell der Athenischen Demokratie im klassischen Altertum herhalten, um die Praktikabilität einer direkten Demokratie zu beweisen. Es ist festzustellen, dass in dieser Staatsform weder die gesamte Bevölkerung Athens an der politischen Willensbildung beteiligt war, noch dass zu der damaligen Zeit Bedingungen vorlagen, welche der Situation in den heutigen modernen Industriegesellschaften auch nur annähernd glichen.

 

In Wirklichkeit konnte sich im klassischen Athen nur eine kleine Minderheit an der politischen Willensbildung beteiligen. Zwei größere Bevölkerungsgruppen, sowohl die Sklaven, welche die eigentliche Arbeit in den bürgerlichen Haushalten sowie in den ländlichen Betrieben zu leisten hatten, besaßen kein Recht, an den politischen Abstimmungen auf der Agora teilzunehmen. Auch die Periöken, also Fremde, welche den Handel durchführten, waren vom politischen Willensbildungsprozess ausgeschlossen. Es ist also falsch zu meinen, dass die im klassischen Athen praktizierte Form einer direkten Demokratie bereits unter Beweis gestellt habe, dass eine direkte Demokratie in größeren Staatengebilden praktizierbar sei. Immerhin waren es sicherlich einige Tausend Bürger, welche am politischen Willensbildungsprozess teilgenommen haben.

 

Auch hier gilt natürlich, dass Führung und Leitung dieser demokratischen Urform wiederum von einigen wenigen Eliten ausgeübt wurden und diese mussten bereits über Macht und Einfluss verfügen, damit sie sich als Führungskräfte betätigen konnten.

 

Viel wichtiger ist jedoch die zweite Besonderheit dieser klassischen Form einer direkten Demokratie. Es handelte sich um einen kleinen Stadtstaat mit einigen wenigen Tausenden Bürgern und nicht um ein viele Millionen Bürger und viele Tausende Quadratkilometer umfassendes Staatsgebiet, wie die heute zur Diskussion stehenden modernen Staatsgebilde. Darüber hinaus handelte es sich im Vergleich zu den heute bestehenden Staaten um Volkswirtschaften, welche auf landwirtschaftlicher Produktion und auf Handel mit einigen Grundstoffen beruhten, welche weder die heutige hoch komplexe wirtschaftliche Arbeitsteilung noch die heute übliche Spezialisierung einer industrialisierten Produktion und eines spezialisierten Handels kannten.

 

Die anstehenden politischen Probleme waren also sehr viel einfacher als die heutigen Fragen zu bewältigen. Es kam noch hinzu, dass die eigentlichen freien Bürger nicht unter dem Zwang standen, einer erwerbswirtschaftlichen Tätigkeit nachzugehen, die eigentlichen wirtschaftlichen Aufgaben oblagen – wie bereits erwähnt – den Sklaven und den Periöken, die selbst über kein Stimmrecht verfügten. Die abstimmungsberechtigten Bürger hatten also Zeit und Muße, sich mit den anstehenden politischen Fragen zu befassen. Sie wiesen darüber hinaus auch in der Regel den Bildungsstand auf, um die anstehenden Fragen sachgerecht zu diskutieren.

 

Die Tatsache, dass die direkte Demokratie des klassischen Athens einigermaßen funktioniert hat, sagt nichts darüber aus, ob auch in einem modernen Staat mit einer hochkomplexen Volkswirtschaft die politischen Geschicke im Rahmen einer direkten Demokratie befriedigend gelöst werden könnten. Das Problem beginnt bereits mit der Anzahl der Bürger, welche das Recht besitzen, an den Abstimmungen teilzunehmen. Auf der einen Seite gibt es keine öffentlichen Räume vergleichbar mit der Agora Athens, in denen Millionen von Bürgern abstimmen könnten, auf der anderen Seite macht es aber auch die Ausdehnung eines heutigen Staates ganz unmöglich, dass alle Bürger an allen Abstimmungen teilnehmen können.

 

Die Schwierigkeiten gehen dadurch weiter, dass auch die Masse der Bürger im alltäglichen Leben dem Einkommenserwerb nachgehen muss, sodass sie auch gar nicht die Zeit aufbringen kann, um an allen anstehenden Fragen teilzunehmen. Schließlich sind die anstehenden Fragen so komplex, dass nur Sachverständige in der Lage sind, alle wichtigen Seiten eines Problems darzulegen und schließlich zu beurteilen. De facto gibt es gar keine andere Möglichkeit, dass die in einem hochkomplexen modernen Staat anstehenden politischen Fragen immer nur von einer kleinen Minderheit angegangen werden können. Es bedarf dann in der Tat der Einrichtungen der repräsentativen Demokratie, in der sich die Beteiligung aller Bürger im Wesentlichen auf die Wahl von Repräsentanten beschränkt.

 

Ein zweiter Irrtum, welcher der Theorie von der Diktatur des Proletariats unterläuft, ist die These, dass die Diktatur nur eine vorübergehende Phase darstelle, um von einer kapitalistischen in eine kommunistische Gesellschaft zu gelangen. Im Kommunismus, der Endphase des Sozialismus, bedürfe es – so wird behauptet – überhaupt keiner staatlichen Gewalt mehr, die kommunistische Gesellschaft sei gewaltfrei, der staatliche Machtapparat könne in dieser Phase entbehrt werden.

 

Richtig ist an diesen Lehren so viel, dass die Überwindung und Zerschlagung der kapitalistischen Gesellschaft sicherlich nicht ohne Gewalt erreicht werden kann. Es gibt in der bestehenden Ordnung  – wie in jeder Ordnung – eine Führungselite, die über Macht verfügt und welche nicht bereit sein wird, diese Macht freiwillig aufzugeben. Sie werden um den Machterhalt kämpfen und da sie über sehr viel Macht verfügen, muss sehr viel Gegengewalt ausgeübt werden, um diese Machtzentren zu zerschlagen.

 

Man wird auch Karl Marx zustimmen können, dass die angekündigte sozialistische Revolution nicht einfach darin bestehen kann, dass lediglich an der Spitze des Staates die obersten Führungskräfte abgelöst und durch andere ersetzt werden und dass deshalb der Übergang zur sozialistischen Gesellschaft lediglich durch einen, nur sehr kurze Zeit dauernden gewalttätigen Akt besteht. Eine bestehende Ordnung verfügt immer und auf allen Ebenen über Führungskräfte und Anhänger, die sich gegen den Umsturz wehren werden und es bedarf deshalb sicherlich sehr langer Zeit, um diesen Machtapparat zu zerstören.

 

Soweit kann man also durchaus den marxistischen Lehren zustimmen. Die kommunistischen Überzeugungen werden jedoch falsch, wenn gelehrt wird, dass nach einer gewissen Übergangszeit – beim Übergang zum Kommunismus – auf jegliche staatliche Gewalt verzichtet werden könne, dass dann in der Endphase der Entwicklung eine gewaltlose Gesellschaft entstehe.

 

Es entspricht nämlich nicht nur der geschichtlichen Erfahrung, dass derjenige, welcher über Macht verfügt, an dieser Macht festhält und gegebenenfalls darum kämpfen wird, um diese Macht mit allen Mitteln zu erhalten. Es ist vielmehr auch damit zu rechnen, dass jede Monopolisierung in der Wirtschaft wie im Staat nicht unbestritten bleibt, dass Monopole vielmehr Konkurrenz hervorrufen werden und dass diejenigen, welche in einem ersten Schritt von den Machtbasen abgeschnitten wurden, stets bestrebt sein werden, die herrschenden Eliten zu stürzen und selbst die Macht zu übernehmen.

 

Gerade weil immer mit solchen umstürzlerischen Bestrebungen zu rechnen ist, sieht sich derjenige, welcher gerade an der Macht ist, gezwungen, seine Machtpositionen zu verteidigen und auch auszubauen. Dass sich z. B. im Altertum im Mittelalter sowie im realen Kommunismus des 20. Jahrhunderts die jeweiligen Machthaber solange halten konnten, lag eben gerade daran, dass sie einen enormen Machtapparat aufgebaut hatten, der keinerlei freiheitlichen Regungen zulassen konnte. Es ist nicht nur so, dass derjenige, welcher über Macht verfügt, eine Machtgier entfaltet, seine Macht mit allen Mitteln verteidigt, sie auszubauen versucht und auch zum Machtmissbrauch neigt, es muss leider auch festgestellt werden, dass sich eine Führungselite eben nur dann längere Zeit an der Macht halten kann, wenn sie rigoros ihre Machtpositionen verteidigt.

 

Wir haben schon eingangs gesehen, dass sich die Bader-Meinhold-Bande, welche in einem ersten Schritt die Gewaltfreiheit propagierte, sehr schnell zu einer Clique entwickelt hatte, die nicht vor terroristischer Gewalt mit brutalen Morden, Entführungen zurückgeschreckt hat. Der Unterschied zu der klassischen Lehre des Marxismus bestand dann nur darin, dass die Entwicklung von Gewalt und Gewaltlosigkeit auf den Kopf gestellt wurde. Karl Marx und Friedrich Engels sowie Lenin hatten noch gelehrt , dass am Anfang der Revolution die Gewalt stehe, dass erst am Ende dieser Entwicklung in der Endphase des Sozialismus auf Gewalt verzichtet werden könnte, während die Bader-Meinhold-Bande in ihrer erste Phase, die Vorstellung unterbreitete, dass man auf jede Gewalt verzichten müsse und erst dann in ihrer letzten Phase vor keiner noch so brutalen Gewalt zurückschreckte.

 

Hierbei spielt es eine geringere Rolle, ob die revolutionären Studentenführer zunächst tatsächlich davon überzeugt waren, dass man ohne Gewalt einen Umsturz der bestehenden Verhältnisse erreichen könne oder ob sie von vornherein die Macht und Gewalt anstrebten und nur aus einem taktischen Kalkül heraus, um Anhänger zu finden, die Lehre von der Gewaltlosigkeit predigten.

 

In ähnlicher Weise kann man natürlich auch bei einer Reihe von Kommunistenführern bezweifeln, ob sie tatsächlich eine Gewaltlosigkeit in der Endphase des Sozialismus angestrebt haben oder ob sie diese Thesen nur aufrechterhielten, um den Versuch oppositioneller Gruppen, Macht zu erlangen, besser bekämpfen zu können. Karl Marx mag zwar durchaus davon überzeugt gewesen sein, dass die historische Entwicklung auf eine gewaltfreie staatenlose Gesellschaft zusteuere, es ist aber kaum die These aufrechtzuerhalten, dass diese gewaltlosen Zustände auch von Stalin oder Mao Zedong ernsthaft angestrebt wurden.

 

Karl Marx selbst ging allerdings von der Überzeugung aus, dass in der Endphase des Sozialismus eine gewaltfreie Gesellschaft möglich sei, weil die zunächst durch die Industrialisierung und dann durch die Sozialisierung des erwerbswirtschaftlichen Kapitals freigesetzten Produktivkräfte so enorm seien, dass alle denkbaren Bedürfnisse befriedigt werden könnten, dass also die Knappheit der materiellen Güter im Sozialismus endgültig überwunden werden könnte und dass aus diesen Gründen niemand mehr nach Macht und Gewalt strebe, da staatliche Gewalt bei Marx ja nur dazu diene, bestimmte Bevölkerungsgruppen auszubeuten. Der Versuch einer Ausbeutung setze jedoch notwendigerweise die Knappheit der materiellen Güter voraus.

 

Karl Marx war übrigens nicht der erste und auch nicht letzte Denker der Neuzeit, der sich von der Vorstellung leiten ließ, dass es in Zukunft einmal möglich sein werde, die Knappheit der Güter zu überwinden. Ähnliche Gedankengänge wurden bereits zur Zeit Adam Smiths unter dem Stichwort der Unterkonsumtionstheorien entwickelt, man sprach davon, dass eine Sättigung eingetreten sei und dass damit die Nachfrage nach Gütern den Produktionsmöglichkeiten hinterherhinke. Aufgrund eben dieser Sättigung würden auch immer weniger Arbeitnehmer benötigt, sodass die Arbeitslosigkeit aufgrund fehlenden Konsums rapide ansteigen müsse.

 

      

        7.  Das Egalitätsprinzip

 

Mit dem sozialistischen Gedankengut ist auch das Egalitätsprinzip eng verknüpft. Da alle Menschen gleich seien, müsste auch das Pro-Kopf-Einkommen für jede einzelne Person gleich hoch sein. Der Staat habe die Aufgabe, dafür Sorge zu tragen, dass die Einkommensverdienste für jeden gleich hoch ausfallen, und zwar gleichgültig, welche Leistung der einzelne zur Gesamtwohlfahrt beige­tragen habe; der Staat habe notfalls – falls dieses Prinzip nicht auf unmittelbare Weise durch entsprechende Lohnverträge verwirklicht werden könne – durch eine stark progressive Besteuerung zumindest die Nettoeinkommen einander anzunähern.

 

In dieser extremen Form wird das Egalitätsprinzip allerdings keinesfalls von allen Spielarten des Sozialismus, auch nicht des Kommunismus vertreten. Ex pressis verbis haben im Verlaufe der Geschichte nur einige Frühsozialisten während der Zeit der Französischen Revolution dieses Prinzip verteidigt und auch weitgehend in urkommunistischen Gemeinschaften gelebt, darüber hinaus wurden vor allem in utopischen Schriften egalitäre Ideen verbreitet.

 

Der reale Sozialismus, so wie er im 20. Jahrhundert in der Sowjetunion und in seinen Satellitenstaaten realisiert worden war, hatte durchaus gewisse Formen der Einkommensdifferenzierung – vor allem eine leistungsabhängige Gestaltung der Einkommen – verteidigt und auch in seinen Machtbereichen zugelassen. Vor allem aber die Vertreter des freiheitlichen Sozialismus haben stets eine gewisse Differenzierung der Einkommen nach Leistung und Bedarf anerkannt.

 

Dass das Egalitätsprinzip trotzdem in der Literatur durchaus eine größere Bedeutung erlangt hat, liegt einerseits daran, dass in der älteren Wohlfahrtstheorie der Versuch unternommen wurde nachzuweisen, dass gerade bei einer totalen Nivellierung der Einkommen ein Maximum an Gesamtwohlfahrt einer Bevölkerung erreicht werde. Wir werden uns weiter unten noch ausführlich mit diesen wohlfahrtstheoretischen Überlegungen befassen. Andererseits spielt das Egalitätsprinzip in den Reihen sozialistischer Parteien – vor allem ihrer linken Flügel – insofern eine gewisse Rolle, als dieses Prinzip in abgeschwächter Form als Ziel einer zwar nicht vollständigen, aber doch weitgehenden Nivellierung der Einkommen wieder auftaucht.

 

Zwar werden gewisse leistungsbezogene Differenzierungen in den Einkommen als gerechtfertigt angesehen. Leistung wird aber in sehr engem Sinne als Arbeitsleistung verstanden und es wird die Meinung vertreten, dass mit Leistung nur geringfügige Differenzierungen gerechtfertigt seien, dass vor allem die Einkommen der Führungseliten in Wirtschaft und Sport in Millionenhöhe durch keine noch so hohe Leistung vertretbar seien und deshalb auch vom Staat verboten werden sollten. Danach sollte der Staat die Höchstsumme eines Einkommens vorgeben oder zumindest vorsehen, dass Managergehälter nur bis zu einer bestimmten Höhe steuerlich als Kosten abgesetzt werden könnten. Wir werden uns mit den Konsequenzen dieser Ideen noch ausführlich befassen.

 

Wenn also das Egalitätsprinzip zumindest in seiner extremen Form keinesfalls – noch nicht einmal bei den Kommunisten – eine allgemeine Anerkennung gefunden hat, so spielt selbstverständlich das Gleichheitsprinzip für die Beurteilung einer gerechten Verteilung stets eine bedeutende Rolle. Alle Philosophen, Religionsführer und Wissenschaftler, welche sich mit Gerechtigkeitsfragen befasst haben, gehen von einem Gleichheitsgrundsatz aus und Gerechtigkeit gilt immer nur in dem Maße verwirklicht, als diesem Gleichheitsgrundsatz entsprochen wird.

 

Dieser Gleichheitsgrundsatz ist jedoch keinesfalls gleichbedeutend mit der Forderung nach vollständiger Egalität in den Einkommen. Er besagt vielmehr zunächst allein, dass gleiches gleich und damit auch ungleiches sehr wohl ungleich zu behandeln sei. Der eigentliche Streit beginnt dann erst bei der Frage, in welchen Punkten denn jeder Mensch gleich und in welchen anderen Punkten er ungleich sei und aus diesen Gründen auch sehr wohl ungleich zu behandeln sei.

 

Es besteht in der Tradition der abendländischen Weltanschauung weitgehende Einigkeit darüber, dass es so etwas wie Menschenrechte gibt, die allen Menschen – gleichgültig welchen Geschlechts und welcher Rasse – zustehen. Zu diesen Menschenrechten wird in der Regel auch das Recht gezählt, dass jeder Mensch ein Recht auf ein Einkommen in Höhe des Existenzminimums habe. Darüber hinaus wird zumindest in den demokratischen und rechtsstaatlichen Verfassungen allen Bürgern eine Gleichheit vor dem Gesetz in dem Sinne garantiert, dass alle Gesetze und Vorschriften eines Staates für alle Bürger in gleicher Weise angewandt werden müssen. Ungleiche Behandlung entspricht danach nur dann diesem Grundsatz, wenn sie sich aus allgemeinen und objektiven Kriterien ergibt, so z. B. wenn ein höherer Prozentsatz an Einkommenssteuer an der Einkommenshöhe festgemacht wird.

 

Andererseits wird im Allgemeinen akzeptiert, dass unterschiedliche Leistung (Leistungsprinzip) und auch unterschiedlicher Bedarf (Bedarfsprinzip) sehr wohl ungleiche Einkommen rechtfertigen. Unterschiede bestehen dann vor allem darin, was im Einzelnen unter Leistung bzw. unter anerkanntem Bedarf zu verstehen ist. Der Sozialismus fasst Leistung lediglich als Arbeitsleistung auf, nur wer mit eigenen Händen Arbeit verrichtet, hat eine Leistung erbracht, welche einen unterschiedlichen Einkommensbezug rechtfertigt.

 

Nach liberaler Vorstellung hingegen wird unter Leistung der Beitrag verstanden, den der einzelne aufgrund seiner wirtschaftlichen Aktivitäten zum Inlandsprodukt und damit zur gesamtwirtschaftlichen Wohlfahrt beiträgt. Hierbei geht die paretianische Wohlfahrtstheorie davon aus, dass die Wohlfahrt der gesamten Bevölkerung von der Wohlfahrt der einzelnen Bürger und nur von dieser abhängt, entsprechend dem Pareto-Kriterium kann nur dann von einer Steigerung der Gesamtwohlfahrt gesprochen werden, wenn zumindest ein Individuum dieser Gemeinschaft aufgrund einer bestimmten Maßnahme eine Wohlfahrtssteigerung erfahren und wenn darüber hinaus kein anderes Individuum einen Wohlfahrtsverlust erlitten hat.

 

Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass der Beitrag, den der einzelne zum Inlandsprodukt leistet, nicht daran gemessen wird, wie groß die mit der Erstellung der Leistung verbundenen Anstrengungen und damit das Arbeitsleid ist. Es interessiert somit nicht in erster Linie, welche Nutzenminderungen der einzelne durch seine Leistung erbracht hat, sondern inwieweit er den Nutzen der anderen Bürger erhöht hat.

 

Natürlich bestehen Zusammenhänge zwischen einem Beitrag zum Inlandsprodukt und dem individuellen Arbeitsleid. Im Allgemeinen wird man davon ausgehen können, dass nur derjenige bereit ist, ein Arbeitsleid (Nutzenminderungen im Zusammenhang mit der Leistungserbringung) auf sich zu nehmen, wenn diese Aktivitäten auch mit Einkommen honoriert werden. Wird das Arbeitsleid als höhere Nutzenminderung eingestuft als bei dieser Arbeit Nutzen in Form von Einkommenssteigerungen entsteht, wird der einzelne von selbst ein Interesse haben, sein Leistungsangebot zu vermindern, genauso wie der Umstand, dass die Nutzensteigerungen einer wirtschaftlichen Aktivität weit über dem eingegangenen Arbeitsleid liegt, im Allgemeinen den einzelnen veranlasst, sein Leistungsangebot zu erhöhen. Auf funktionierenden Märkten ist somit durchaus davon auszugehen, dass sich die mit einer Leistungserstellung verbundenen Nutzenminderungen und Nutzensteigerungen mit der Zeit von selbst angleichen.

 

Trotzdem liegt die Rechtfertigung für eine bestimmte Einkommenshöhe in dem Beitrag zur Wohlfahrtssteigerung der jeweils anderen begründet. Arbeitsleid allein rechtfertigt keinen Einkommensbezug, genauso wie ein Beitrag zum Inlandsprodukt und seine Höhe nicht primär davon abhängt, ob und in welchem Umfang ein Arbeitsleid mit der Erstellung der Leistung verbunden war. Vor allem kann der einzelne, der eine Leistung erbringt, auch ohne Einsatz von Arbeit Nutzenminderungen erfahren. Jedes Angebot einer materiellen Ressource bedeutet im Allgemeinen, dass diese Ressource nicht mehr unmittelbar für den eigenen Konsum eingesetzt werden kann und somit mit Nutzenminderungen verbunden ist.

 

Auch gilt es zu bedenken, dass es im Hinblick auf den Arbeitseinsatz sehr unterschiedliche Arbeitsqualitäten gibt und dass diese unterschiedlichen Qualifikationen bei der Entlohnung der Arbeit zumeist berücksichtigt werden und eine unterschiedliche Entlohnung für unterschiedliche Arbeitsqualitäten zumeist auch von sozialistischer Seite akzeptiert wird. Man kann aber sicherlich nicht davon ausgehen, dass die Unterschiede in der Arbeitsqualität der einzelnen Arbeitnehmer allein aufgrund individueller Anstrengungen entstanden sind. Wollte man nur auf das Arbeitsleid bei der Frage nach der gerechten Entlohnung abheben, müsste man zunächst die Frage stellen, inwieweit denn der einzelne in der Vergangenheit selbst dazu beigetragen hat, seine Arbeitsqualität zu verbessern und inwieweit er aufgrund von Umständen, die er selbst nicht zu vertreten hat, eine bessere oder aber auch eine schlechtere Arbeitsqualifikation aufweist als eine Bezugsperson.

 

Es ist sehr schwierig und kaum möglich, im einzelnen festzustellen, inwieweit ein einzelner selbst zu der heute erreichten Qualifikation beigetragen hat und ob er darüber hinaus durch eigene Anstrengungen und nicht durch zufällige Faktoren einen Arbeitsplatz gefunden hat, der seiner Qualifikation voll entspricht. Ganz davon abgesehen ist mit der Erbringung einer Arbeit nicht nur Arbeitsleid, sondern auch sehr oft Arbeitsfreude verbunden. Man wird wohl kaum die Forderung erheben, dass derjenige, welcher bei seinem erwerbswirtschaftlichen Arbeitseinsatz Freude empfindet, deshalb, weil er bereits durch seine Arbeitsfreude Nutzensteigerungen erfährt, weniger Lohn verdiene. Jeder Versuch, die Gerechtigkeit einer Entlohnung vorwiegend am erforderlichen oder aber auch am tatsächlich erbrachten Arbeitsleid zu messen, ist von vornherein zum Scheitern verurteilt.

 

Auch bei dem Versuch, bei der Frage nach einem gerechten Lohn den individuellen Bedarf zu berücksichtigen, entstehen schwerwiegende Probleme. Das Bedarfsprinzip darf sicherlich nicht in dem Sinne verstanden werden, dass jeder ein Einkommen in Höhe des von ihm selbst bestimmten Bedarfes zu beanspruchen habe. Dies würde ja bedeuten, dass je lauter und energischer jemand seinen Bedarf reklamiert, ein umso höheres Einkommen er zu beanspruchen habe.

 

Man geht vielmehr bei der Begründung des Bedarfsprinzips davon aus, dass unterschiedlicher Bedarf oftmals aus objektiven Gründen, welche der einzelne nicht zu vertreten hat, entsteht und dass insoweit auch ein unterschiedlicher Bedarf bei der Entlohnung zu berücksichtigen sei. Es sind insbesondere zwei Umstände, welche solche Bedarfselemente entstehen lassen. Auf der einen Seite werden die einzelnen Individuen in unterschiedlichem Maße von den sozialen Risiken der Krankheit, des Unfalls und der Arbeitslosigkeit betroffen, auf der anderen Seite erwachsen den einzelnen Erwerbspersonen im Zusammenhang mit der Kindererziehung unterschiedliche Lasten.

 

Im Hinblick auf die Absicherung der sozialen Risiken wird im Allgemeinen das Ziel verfolgt, dass jeder Bürger unabhängig von seiner Einkommenshöhe das Recht besitzt, eine minimale für die Existenz des einzelnen notwendige Absicherung zu erfahren. Gleichzeitig kann man davon ausgehen, dass der einzelne zumeist das Auftreten dieser Risiken gar nicht selbst durch sein Verhalten verschuldet hat und dass es deshalb erwünscht sei, dass die mit den sozialen Risiken verbundenen materiellen Kosten von der Allgemeinheit getragen werden sollten.

 

Im Hinblick auf den Familienlastenausgleich ist davon auszugehen, dass die mit der Kindererziehung verbundenen materiellen Belastungen von einem immer geringeren Anteil der Bevölkerung getragen werden. Ein immer größerer Teil der Erwachsenen bleibt entweder ledig oder ist zwar verheiratet, bleibt jedoch ohne Kinder bzw. beschränkt sich auf ein Kind pro Familie. Da aber nun einmal die Bevölkerungsstärke nur dann erhalten werden kann, wenn jede Familie im Durchschnitt etwas mehr als zwei Kinder zur Welt bringt – etwas mehr als zwei Kinder deshalb, weil es immer Personen geben wird, die aus den unterschiedlichsten Gründen gar nicht in der Lage sind, Kinder zu bekommen – , kann eine Bevölkerungsstagnation nur verhindert werden, wenn die mit der Kindererziehung verbundenen materiellen Kosten gleichmäßiger auf alle Bürger aufgeteilt werden. Wer also Kinder erzieht, hat einen größeren materiellen Bedarf und es ist erwünscht, dass dieser größere Bedarf bei der Einkommensverteilung Berücksichtigung findet.

 

Nun ist der Familienlastenausgleich zunächst einmal eher ein Problem der intertemporären als der interpersonalen Einkommensverteilung. Wir haben davon auszugehen, dass jeder Bürger erst ab einem bestimmten Alter erwerbstätig wird und dass es deshalb notwendig ist, das Lebenseinkommen so umzuschichten, dass der einzelne auch während der Lebensphasen, in denen er altersbedingt noch keiner Erwerbstätigkeit nachgehen kann, über materielle Mittel verfügt. Solche zeitlichen Einkommenstransfers erfolgen normalerweise durch Kredite.

 

Allerdings stößt der Versuch, dieses Problem des Familienlastenausgleichs allein auf dem Wege von Krediten zu lösen, auf Schwierigkeiten, da die privatwirtschaftlich orientierten Banken Kredite nur dann gewähren, wenn ausreichende Sicherheiten geboten werden, die aber gerade für die Kinder und Jugendlichen nicht gegeben werden können. Also bedarf es einer politischen Lösung dieses Problems um sicherzustellen, dass für alle Kinder und Jugendlichen solche Einkommenstransfers möglich werden, unabhängig vom Vermögensstatus der jeweiligen Eltern.

 

Eigentlich wäre es erwünscht, dass die den Kindern und Jugendlichen zufließenden Geldmittel in Abhängigkeit des zu erwartenden Lebenseinkommens der Betroffenen gewährt werden. Da es aber nicht bekannt sein kann, wie hoch das Einkommen der einzelnen in Zukunft sein wird, müssen notwendiger Weise die Geldzuwendungen an anderen Kriterien (Einkommenshöhe der Eltern oder gleiche Einkünfte für alle) bemessen werden. Hier kommt nun – allerdings erst in sekundärer Hinsicht – ein Element auch der interpersonellen Einkommensverteilung ins Spiel.

 

Da immer damit gerechnet werden muss, dass der eine oder andere im Erwerbsalter wegen Arbeitsbehinderung oder auch Arbeitslosigkeit gar nicht in der Lage ist, die in der Jugendzeit erhaltenen Zuwendungen zurückzuzahlen, kann de facto in geringem Umfang im Zusammenhang mit dem Familienlastenausgleich eine interpersonelle Umverteilung verbunden sein.

 

Wir hatten bereits darauf hingewiesen, dass das Egalitätsprinzip in seiner reinsten Form (Forderung nach gleichem Einkommen für alle) nur von extremen Vertretern des Sozialismus propagiert wird. Das Egalitätsprinzip hätte deshalb in der Literatur sicherlich keine große Beachtung gefunden, wenn nicht im Rahmen der älteren (vorparetianischen) Wohlfahrtstheorie der Versuch unternommen wurde, nachzuweisen, dass gerade bei vollständiger Einkommensgleichheit die höchstmögliche Wohlfahrt einer Bevölkerung erzielt würde. *

 

Der Beweis dieser These ist denkbar einfach. Es wird erstens davon ausgegangen, dass jedes Individuum eine gleiche Bedarfsstruktur aufweise, dass also die Grenznutzenfunktionen aller Individuen identisch verlaufen und zweitens wird das erste Gossen‘sche Gesetz vom abnehmenden Grenznutzen des Einkommens unterstellt, wonach der Grenznutzen (der Nutzenzuwachs der zuletzt ausgegebenen Einkommenseinheit) mit wachsendem Einkommen sinkt.

 

Diese beiden Annahmen scheinen auszureichen, um nachzuweisen, dass eine Umverteilung der Einkommen von den Reichen zu den Armen mit einer Wohlfahrtssteigerung der gesamten Bevölkerung verbunden ist. Wird dem Reichen eine Einkommenseinheit (also z. B. ein Euro) genommen und diese (dieser) dem Ärmeren gegeben, so ist der Nutzenentgang des Reichen geringer als der Nutzenzuwachs des Ärmeren, da ja der Grenznutzen bei einem höheren Einkommen geringer ausfällt als bei einem niederen Einkommen.

 

Fährt man nun mit der Umverteilung von Reich nach Arm fort, so gilt diese Aussage solange, als der Besteuerte über ein größeres Einkommen als der Begünstigte verfügt. Dies bedeutet, dass ein Maximum an Wohlfahrt genau dann erreicht ist, wenn alle Individuen über ein gleichhohes Einkommen verfügen.

 

Diese Argumentation mag auf den ersten Blick überzeugen, eine nähere Beschäftigung mit dieser Argumentation zeigt jedoch, dass eine Vielzahl weiterer, fragwürdiger Annahmen getroffen werden muss, um schließlich zu diesem Ergebnis zu kommen.

 

Als erstes muss kritisch festgestellt werden, dass diese Überlegungen keinesfalls aus einer allgemeinen Prämisse über eine gerechte Einkommensverteilung abgeleitet wurden, dass vielmehr lediglich die Tatsache, dass der Nutzen des Einkommens mit wachsendem Einkommen in immer geringerem Maße ansteigt, diese Schlussfolgerungen ergeben haben. Es sind also Aussagen über die Psyche des Menschen und nicht über ein Leitbild der Gerechtigkeit, welche diese Schlussfolgerungen nahelegen.

 

Betrachten wir die beiden Grundannahmen dieser Beweisführung etwas ausführlicher. Es mag überzeugend erscheinen, dass der Nutzenzuwachs, den eine Person bei wachsendem Einkommen erfährt, bei einem Armen mit bisher geringen Einkommen deutlich höher ist als der Nutzenzuwachs eines Milliardärs. Schenken wir einem Armen 500 €, so wird er sicherlich eine spürbare Nutzensteigerung erfahren, während der Milliardär höchstwahrscheinlich diese Einkommenssteigerung gar nicht zur Kenntnis nimmt.

 

Trotzdem muss festgestellt werden, dass ein Großteil der Wirtschaftswissenschaftler von der Annahme ausgeht, dass das erste Gossen’sche Gesetz zwar für einzelne Güter gelte, dass also z. B. bei einem Mehrverbrauch an Butter der hierdurch erreichte Nutzenzuwachs immer geringer wird, dass aber bei Einkommenssteigerungen, bei denen von allen bisher konsumierten Gütern mehr verbraucht werden kann, der Grenznutzen des Einkommens bei wachsendem Einkommen konstant bleibt. Gibt man jedoch die Annahme eines abnehmenden Grenznutzens des Einkommens auf, so fällt damit auch die Beweisführung der Wohlfahrtssteigerung in sich zusammen.

 

Noch in viel stärkerem Maße wird im Allgemeinen die Annahme angezweifelt, dass die Bedarfsstruktur aller Individuen identisch sei, in dem Sinne, dass alle Individuen über identische Grenznutzenfunktionen verfügen. Auch hier wird im Allgemeinen unterstellt, dass der Nutzen, welchen ein Individuum bei dem Konsum der einzelnen Güter erfährt, von verschiedenen Faktoren, vor allem vom Bildungsstand abhängt. Der Analphabet, der nicht zu lesen gelernt hat, erfährt keinen Nutzenzuwachs, wenn ihm zusätzliche Bücher angeboten werden. Unterstellen wir jedoch Unterschiede in der Bedarfsäußerung, dann wird auch der Gesamtnutzen der Bevölkerung nicht mehr gerade bei Einkommensgleichheit, sondern bei einer Differenzierung der Einkommen erreicht, welche der Differenzierung in der Bedarfsstruktur entspricht. Hier ist es nämlich keinesfalls sicher, dass ein Einkommensentzug beim Reicheren eine geringere Nutzenminderung erfährt als derjenige an Nutzensteigerung erhält, welchem diese Güter gespendet werden.

 

Vilfredo Pareto ging sogar noch einen Schritt weiter. Er bezweifelte, ob man Nutzenvorstellungen der einzelnen Individuen in dem Sinne miteinander vergleichen kann, dass wir angeben können, ob ein bestimmtes Güterbündel (oder Einkommen) dem einen Individuum X einen größeren oder geringeren Nutzen erbringt als einem anderen Individuum Y. Ohne einen interpersonellen Vergleich lässt sich aber auch nichts über die Wohlfahrtswirkung sagen, welche die gesamte Bevölkerung bei einer Umverteilung erfährt.

 

Wir hatten weiterhin bisher stillschweigend unterstellt, dass die Umverteilung der Einkommen von reich zu arm das gesamte Einkommen der Bevölkerung unberührt lässt, dass also die Einkommenszuwächse bei den Ärmeren genauso groß sind wie die Einkommensminderungen bei den Reichen. Genau diese Annahme kann jedoch aus vielen Gründen nicht gemacht werden. Als erstes muss eine Umverteilungsbehörde eingerichtet werden, welche Kosten verursacht und somit zur Folge hat, dass nur ein Teil der Steuereinnahmen dazu verwandt werden kann, den Ärmeren Subventionen zu gewähren.

 

Die Umverteilungsbehörde muss zunächst die Einkommen der Reichen wie auch der Armen feststellen, denn sowohl die Höhe der Steuern als auch der Subventionen hängt von deren bisherigem Einkommen ab. Auch die Besteuerung und Subventionierung als solche erfordert Personal und damit zusätzliche Kosten. Es ist auch damit zu rechnen, dass sowohl die Belasteten wie auch die Begünstigten Missbrauch betreiben, die Belasteten werden versuchen, den Eindruck zu erwecken, dass sie über ein geringeres Einkommen verfügen, um auf diese Weise Steuern zu sparen.

 

Gleichzeitig werden die Ärmeren ebenfalls bestrebt sein, der Umverteilungsbehörde gegenüber ein geringeres Einkommen vorzutäuschen, um in den Genuss einer höheren (nichtberechtigten) Subvention zu gelangen. Gerade um diesen Missbrauch so gering wie möglich zu halten, muss die Umverteilungsbehörde Kontrollen durchführen, was wiederum dazu führt, dass ein noch geringerer Teil der Steuereinnahmen für die Subventionierung im engeren Sinne verwendet werden kann.

 

Weiterhin haben wir zu berücksichtigen, dass gerade die Umverteilungsbemühungen des Staates sowohl bei den Reichen wie bei den Armen zu einer Änderung in ihrem Erwerbsverhalten führen werden. Wenn ein immer größer werdender Teil des Bruttoeinkommens wegbesteuert wird, verringert sich das Bestreben, weiteres Einkommen zu erwerben. Es lohnt sich dann immer mehr, die bisherigen erwerbswirtschaftlichen Aktivitäten aufzugeben und dafür die gewonnene Zeit für unmittelbare Freizeitaktivitäten einzusetzen.

 

Ähnliches gilt für die Ärmeren. Stehen sie vor der Alternative, Einkünfte entweder aufgrund eigener Anstrengungen oder aufgrund von Subventionen zu erhalten, werden sie sich immer weniger darum bemühen, selbst zu arbeiten. Sie erhalten auf diese Weise zwar weniger Einkünfte, weil die Subventionen sich am Existenzminimum orientieren, sie erhalten jedoch mehr Freizeit und müssen weniger Arbeitsleid ertragen.

 

Schließlich gilt es zu berücksichtigen, dass jeder Eingriff des Staates in das Marktgeschehen nicht nur zu einer Änderung der Einkommensverteilung, sondern gleichzeitig zu einer Änderung der Preisverhältnisse und damit zu einer Veränderung der Allokation führt. Der Markt zeichnet sich mit wenigen Ausnahmen dadurch aus, dass Allokation und Verteilung uno actu erfolgen. Wenn jedoch die Preisverhältnisse nicht mehr die Knappheitsrelationen wiederspiegeln, treten Fehlallokationen auf, die sich schließlich wohlfahrtsmindernd auswirken, da die Güterproduktion nun nicht mehr am Bedarf der Konsumenten – so optimal wie möglich – ausgerichtet wird.

 

Alle die aufgezählten Bestimmungsgründe tragen dazu bei, dass die Umverteilung zu einer Reduzierung des Inlandsproduktes und damit auch der Gesamtwohlfahrt führt, mit dem Ergebnis, dass ein immer geringerer Teil der zusätzlichen Steuersumme für Subventionen zur Verfügung steht und dies wiederum bedeutet, dass jeder Nivellierungsversuch nur bis zu einer bestimmten Einkommensdifferenzierung – wenn überhaupt –Wohlfahrtszuwächse ermöglicht.

 

Generell wird man davon ausgehen müssen, dass die aufgezeigten Faktoren zur Minderung der Wohlfahrt solange vernachlässigbar gering ausfallen, als noch eine große Einkommensdifferenzierung besteht. Je mehr wir uns jedoch dem Zustand einer vollkommenen Nivellierung nähern, umso größer werden die mit einer weiteren Umverteilung verbundenen Wohlfahrtsverluste. Am Ende dieses Prozesses bewirkt die Umverteilungspolitik allein eine Verringerung in den Einkommen der Reichen und damit eine Nivellierung, ohne dass das Einkommen der Ärmeren real und netto spürbar ansteigt.

 

Wo liegen nun die eigentlichen Wurzeln dafür, dass immer wieder entweder eine totale Einkommensgleichheit oder zumindest eine starke Nivellierung der Einkommen gefordert wird? Die eigentliche Triebkraft dieser Forderung ist oftmals der Neid und die Frustration darüber, dass man es selbst nicht so weit gebracht hat wie die erfolgreichen Anderen. Wenn man schon selbst keinen Erfolg hatte, gönnt man diesen Erfolg auch nicht den andern. Man will den andern gewissermaßen dafür bestrafen, dass man selbst nicht so erfolgreich war wie die anderen.

 

Eine solche Betrachtungsweise wäre jedoch nur dann in einem gewissen Maße gerechtfertigt, wenn diejenigen, die einen Erfolg aufweisen, gerade auf diesem Wege den Nichterfolgreichen ihre Erfolgschancen verbaut hätten. Aber davon kann natürlich nicht generell ausgegangen werden. Vielmehr wird man davon ausgehen können, dass die meisten Erfolgreichen einen größeren Erfolg hatten, weil sie entweder über bessere Chancen verfügten oder aber bei gleichen Chancen diese zielgerechter ausgenutzt haben. Umgekehrt lässt sich die Erfolglosigkeit der anderen entweder darauf zurückführen, dass ihnen nicht in gleichem Umfang Chancen gegeben wurden oder aber, dass zwar gleiche Chancen gewährt wurden, diese aber aus mangelndem Einsatz der Betroffenen nicht ausgenutzt wurden.

 

Im ersteren Falle liegen zwar Versäumnisse von Seiten der Gesellschaft vor und es lassen sich auch glaubwürdig Forderungen an den Staat richten, dafür Sorge zu tragen, dass allen Bürgern möglichst gleiche Startchancen eingeräumt werden. Die Schuld an der Erfolglosigkeit liegt jedoch zumeist eben nicht bei den Erfolgreichen und es ist deshalb auch nicht gerechtfertigt, diese dadurch zu bestrafen, dass man ihnen trotz größerer Leistung nur ein egalitäres Einkommen zubilligt.

 

Eine solche extreme Umverteilung ist nicht nur nicht gerechtfertigt, sie bleibt auch auf lange Sicht erfolglos, da bei Ausbleiben einer leistungsgerechten Entlohnung – wie gezeigt – mit einem generellen Rückgang der Leistung gerechnet werden muss. Die Folge ist dann eine allgemeine Armut, auch die Einkünfte der bisher Ärmeren gehen dann zurück, weil mit der Einkommenshöhe auch die Steuereinnahmen, welche diese Transfers finanzieren sollen, zurückgehen.

 

Damit kommen wir zu einem Gegenentwurf, der auf John Rawls zurückgeht. Er hat das Maximin-Prinzip entwickelt. Danach ist eine wirtschaftspolitische Maßnahme unter Gerechtigkeitsgesichtspunkten immer dann zu empfehlen, wenn sie dazu beiträgt, das Einkommen der untersten Einkommensklassen zu erhöhen, auch dann, wenn durch diese Maßnahmen das Einkommen der Reichen und somit die Einkommensdifferenzierung sogar ansteigt.

 

Die Gerechtigkeit hängt hier nicht so sehr davon ab, welche Unterschiede zwischen den einzelnen Einkommenshöhen bestehen. Die Gerechtigkeit steigt hier keinesfalls einfach dann an, wenn die Einkommensdifferenzierungen abgebaut werden, bzw. die Einkommensverteilung wird auch nicht nur deshalb ungerechter, weil die Einkommensdifferenzierung zugenommen hat. Es interessiert allein, ob das Einkommen der Ärmeren real und netto angestiegen ist. Vor allem eine Politik, welche dafür sorgt, dass jeder Bürger möglichst gleiche Chancen erhält, trägt auch dazu bei, dass das Einkommen der unteren Einkommensschichten ansteigen kann, sofern diese auch die Chancen ausnutzen, welche ihnen gegeben werden. Unterschiede in der Einkommenshöhe haben es dann immer mehr mit den eigenen – eventuell fehlenden – Anstrengungen der einzelnen zu tun.

 

 

Fortsetzung folgt!