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Die schönsten Erzählungen der Bibel

 

 

 

Gliederung:

 

 

 

 

  1. Einführung

  2. Schöpfungsbericht

  3. Sündenfall

  4. Kain und Abel

  5. Die Arche Noah

  6. Abraham hadert mit Gott

  7. Isaaks Opferung

  8. Verkauf des Erstgeburtsrechts an Jakob

  9. Josef und seine Brüder

10. David gegen Goliath

11. David und die Frau des Hethiters

12. Esthers Rettung der Juden

13. Josef in Ägypten

14. Moses vor dem Pharao

15. Hiobs Leid und Gottvertrauen

16. Die Verleugnung Petrus

17. Der Verrat Judas

18. Der barmherzige Samariter

19. Die Hochzeit zu Kanaan

20. Die Tempelreinigung

21. Das Gleichnis vom verlorenen Sohn

22. Jesus und die Ehebrecherin

23. Jesus am Ölberg

24. Der ungläubige Thomas

 

 

19. Die Hochzeit zu Kanaan Forts.

 

 

Gliederung:

 

1. Das Problem

2. Der Text

3. Interpretation

4. Die Bedeutung der Wunder im Allgemeinen

5. Die Bedeutung der Wunder in der Bibel

6. Jesu Haltung zu irdischen Freuden

7. Meine Stunde ist noch nicht gekommen.

 

 

5. Die Bedeutung der Wunder in der Bibel

 

Befassen wir uns nun mit der Bedeutung von Wundern im Neuen Testament etwas ausführlicher. Die Evangelien von Markus, Matthäus, Lukas und Johannes weisen den Wundern eine zentrale Rolle zu. Sicherlich steht hier im Mittelpunkt dieser Wunder die Heilung Kranker und Behinderter, welche Jesus im Auftrag seines Vaters bewirkt hat und die vor allem den Zweck verfolgen, Jesus als den von den Propheten angekündigten Messias auszuweisen. Allerdings finden wir auch Hinweise darauf, dass nicht nur Gott und seine beauftragten Propheten Wunder bewirken können. So heißt es etwa bei Matthäus Kapitel in Kapitel 7:

 

15  ‚Hütet euch vor den falschen Propheten; sie kommen zu euch wie (harmlose) Schafe, in Wirklichkeit aber sind sie reißende Wölfe....

 

21  Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr! Herr!, wird in das Himmelreich kommen, sondern nur, wer den Willen meines Vaters im Himmel erfüllt.

22  Viele werden an jenem Tag zu mir sagen: Herr, Herr, sind wir nicht in deinem Namen als Propheten aufgetreten und haben wir nicht mit deinem Namen Dämonen ausgetrieben und mit deinem Namen viele Wunder vollbracht?

 

Und in Kapitel 24 des Matthäusevangeliums lässt der Evangelist Jesus sagen:

 

24 ‚Denn es wird mancher falsche Messias und mancher falsche Prophet auftreten und sie werden große Zeichen und Wunder tun, um, wenn möglich, auch die Auserwählten irrezuführen.‘

 

An anderen Stellen wird im Neuen Testament darauf hingewiesen, dass Wunder nicht nur die Aufgabe haben, Leid zu mindern und den Leid Geprüften zu helfen, sondern dass Gott durch Wunder in erster Linie erreichen will, dass sich die Menschen Gott zuwenden und dass er diejenigen bestraft, die trotz Wunder von Gott abfallen: Bei Matthäus Kapitel 11 steht beispielsweise:

 

20 ‚Dann begann er den Städten, in denen er die meisten Wunder getan hatte, Vorwürfe zu machen, weil sie sich nicht bekehrt hatten:

21 Weh dir, Chorazin! Weh dir, Betsaida! Wenn einst in Tyrus und Sidon die Wunder geschehen wären, die bei euch geschehen sind – man hätte dort in Sack und Asche Buße getan.

23 Und du, Kafarnaum, meinst du etwa, du wirst bis zum Himmel erhoben? Nein, in die Unterwelt wirst du hinabgeworfen. Wenn in Sodom die Wunder geschehen wären, die bei dir geschehen sind, dann stünde es noch heute.‚

 

In der Apostelgeschichte in Kapitel 2 wird wiederum wie im Alten Testament gezeigt, dass Wunder von Gott nicht nur bewirkt werden, um den Gläubigen zu helfen, sondern dass Wunder auch dazu dienen, Ungehorsame zu bestrafen:

 

19 ‚Ich werde Wunder erscheinen lassen droben am Himmel und Zeichen unten auf der Erde: Blut und Feuer und qualmenden Rauch.‚

 

Wiederum auf einen anderen Aspekt wird in dem Gleichnis von den bösen Winzern bei Matthäus Kapitel 21 aufmerksam gemacht:

 

42 ‚Und Jesus sagte zu ihnen: Habt ihr nie in der Schrift gelesen: Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, er ist zum Eckstein geworden; das hat der Herr vollbracht, vor unseren Augen geschah dieses Wunder.‘

 

Hier wird darauf abgehoben, dass Jesus von Gott in die Welt gesandt wurde, um die Botschaft Gottes zu verkünden, dass aber die Menschen diese Absicht zu vereitlen suchten, in dem sie Jesus kreuzigen ließen und dass nun Gott wiederum durch ein Wunder bewirkt hat, dass Jesus gerade durch den Tod am Kreuze und die hierauf erfolgte Auferstehung am dritten Tage letztendlich doch den Sieg davon getragen hat.

 

Der wohl größte Teil der bei Matthäus geschilderten Wunder hat die Heilung Kranker und Gebrechlicher, in wenigen Fällen sogar die Auferweckung von den Toten (der Tochter eines Synagogenvorstehers sowie des Lazarus, des Jünglings von Nain und des Bruders der Maria und der Martha) zum Thema. Trotzdem enthält das Neue Testament wiederholt Hinweise, dass nicht die Heilung der Kranken der eigentliche Grund dafür war, dass Jesus diese Wunder vollbracht hatte. In Kapitel 8 des Matthäusevangeliums lesen wir vielmehr:

 

16  ‚Am Abend brachte man viele Besessene zu ihm. Er trieb mit seinem Wort die Geister aus und heilte alle Kranken.

17  Dadurch sollte sich erfüllen, was durch den Propheten Jesaja gesagt worden ist: Er hat unsere Leiden auf sich genommen und unsere Krankheiten getragen.

 

Die Evangelisten verfolgten mit ihren Berichten in allererster Linie das Ziel, nachzuweisen, dass Jesus tatsächlich der von den Propheten angekündigte Messias und Sohn Gottes ist. Da im Alten Testament davon gesprochen wurde, dass dieser Messias durch Wunder auftrete, galt es also auch in den Evangelien eigens darauf hinzuweisen, dass Jesus tatsächlich wiederholt Wunder vollbracht und sich so als Messias ausgewiesen hatte.

 

Die christliche Urgemeinde hatte sich nach dem Tod und nach der Himmelfahrt Jesu einmal gegen die traditionellen Juden zu verteidigen, welche es ablehnten, in Jesus den in der Thora prophezeiten Messias zu sehen. Für viele Juden war Jesus einfach deshalb nicht der verheißene Messias, weil zur Zeit Jesu der Glaube verbreitet war, der Messias werde die Juden in erster Linie von der römischen Besatzungsmacht befreien. Jesus war zwar von sich selbst überzeugt, der angekündigte Messias zu sein, sah jedoch seine Aufgabe gerade nicht darin, die weltliche Macht der Römer anzugreifen.

 

Zum andern sollten die Evangelien, welche ja erst 40 bis 70 Jahre nach Jesu Tod niedergeschrieben wurden, also zu einer Zeit, in der bereits Jerusalem und der Tempel von den Römern zerstört worden war, vor allem den Heiden, welche außerhalb Judäa lebten, den christlichen Glauben lehren. Hier ging es also darum, die Vorzüge des christlichen Glaubens gegenüber dem bisherigen Götterglauben der Heiden zu unterstreichen. Sicherlich ist die Bereitschaft, sich einer Religion zuzuwenden, dann besonders groß, wenn gezeigt werden kann, dass dieser Gott Wunder bewirken kann, also sozusagen Herr über die Naturgesetze ist.

 

Weiterhin heißt es im Kapitel 9 des Evangeliums von Matthäus:

 

1 ‚Jesus stieg in das Boot, fuhr über den See und kam in seine Stadt.

2  Da brachte man auf einer Tragbahre einen Gelähmten zu ihm. Als Jesus ihren Glauben sah, sagte er zu dem Gelähmten: Hab Vertrauen, mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben! 

3  Da dachten einige Schriftgelehrte: Er lästert Gott.

4  Jesus wusste, was sie dachten, und sagte: Warum habt ihr so böse Gedanken im Herzen?

5  Was ist leichter, zu sagen: Deine Sünden sind dir vergeben!, oder zu sagen: Steh auf und geh umher?

6  Ihr sollt aber erkennen, dass der Menschensohn die Vollmacht hat, hier auf der Erde Sünden zu vergeben. Darauf sagte er zu dem Gelähmten: Steh auf, nimm deine Tragbahre, und geh nach Hause!

7  Und der Mann stand auf und ging heim.‘

 

Das Heilungswunder eines Gelähmten: in Kapitel 9,1–8 ist von besonderer Bedeutung, da der Heilungsvorgang mit der Vergebung der Sünden verbunden wird. Es soll hier unterstrichen werden, dass Jesus tatsächlich der von Gott gesandte Messias und Sohn Gottes ist, denn nur Gott und sein gesandter Sohn haben die Vollmacht, Sünden zu vergeben. Wäre Jesus hier fälschlicher Weise als Messias aufgetreten, so hätte nach Überzeugung der gläubigen Juden Gott sicherlich nicht zugelassen, dass er in Gottes Namen Heilungen vollbracht hätte.

 

Erwähnung bedarf auch die Heilung eines Mannes am Sabbat in Kapitel 12,9–14. Hier wird betont, dass man dann, wenn man auch das Heilen von Krankheiten als eine Art Arbeit verstehen würde, welche am Sabbath nicht verrichtet werden dürfte, das Verbot des Arbeitens am Sabbath vollkommen missverstehen würde, denn: ‚der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat.‘ (Markus Kapitel 2,27)

 

Die Heilung eines mondsüchtigen Jungen in Kapitel 17,14–21 macht deutlich, welche Haltung für die Jünger notwendig ist, um im Namen Jesu Wunder zu vollbringen. Die Jünger frugen nämlich Jesu, warum es ihnen nicht gelinge, genauso wie Jesu Kranke zu heilen. Jesus antwortete: ‚Weil euer Glaube so klein ist. Amen, das sage ich euch: Wenn euer Glaube auch nur so groß ist wie ein Senfkorn, dann werdet ihr zu diesem Berg sagen: Rück von hier nach dort!, und er wird wegrücken. Nichts wird euch unmöglich sein.‚

 

Die Auferweckung des Lazarus (Johannesevangelium Kapitel 11,1-44) dient schließlich dazu, darauf hinzuweisen, dass nicht nur Jesus, sondern am Ende der Tage alle Menschen auferstehen werden und dass also mit dem irdischen Tod das Leben der Menschen nicht zu Ende ist. Auch bei dieser Heilung wird nochmals darauf aufmerksam gemacht, dass Wunder in allererster Linie deshalb erfolgen‚ um aufzuzeigen, dass Jesus der von den Propheten angekündigte Messias ist: ‚aber wegen der Menge, die um mich herum steht, habe ich es gesagt; denn sie sollen glauben, dass du mich gesandt hast.‘

 

Einige Berichte und zwar die Verwandlung von Wasser in Wein bei der Hochzeit in Kana, die Brotvermehrung bei der Speisung der Fünftausend bzw. der Viertausend verweisen auf Wunder, in denen Nahrungsmittel wie Brot, Fische und Wein vermehrt werden. Bei der Verwandlung von Wasser in Wein bei der Hochzeit in Kana hat es den Anschein, dass Jesus eigentlich hier noch kein Wunder vollbringen wollte. Auf den Hinweis seiner Mutter, Sie haben keinen Wein mehr‘ antwortet Jesus: ‚Was willst du von mir,… meine Stunde ist noch nicht gekommen.‘

 

Vielleicht wird hier zum Ausdruck gebracht, dass die Wunder Jesu in engem Zusammenhang mit seiner zu verkündenden Botschaft stehen, also die Gültigkeit der göttlichen Botschaft unterstreichen sollen und deshalb eigentlich auch erst dann ihre Funktion erfüllen, nachdem Jesus mit seiner Lehre begonnen hat. Vor diesem Bericht über das Geschehen bei der Hochzeit zu Kana  erfahren wir lediglich, dass sich Jesus von Johannes taufen ließ und dass er seine ersten Jünger berufen hatte. Trotzdem dürfte Jesus mit diesem erstgenannten Wunder zu Beginn seiner Lehrtätigkeit ein Zeichen gesetzt haben, das Stattfinden einer Hochzeit steht nämlich in den Gleichnissen Jesu zumeist für den Anbruch des Reiches Gottes hier auf Erden (der Vermählung Jesu mit seinem Volk) und Wein gehört zu den beliebtesten Hochzeitsgeschenken.

 

Unsere vorhergehenden Ausführungen haben gezeigt, dass in der Bibel wiederholt von Wundern erzählt wurde, welche von Gott bzw. seinen Propheten, vor allem aber von Jesus bewirkt wurden. Da die Bibel sozusagen die Magna Charta des christlichen (wie auch jüdischen) Glaubens darstellt, muss im Rahmen des christlichen Glaubens davon ausgegangen werden, dass Wunder von Gott möglich sind und dass Gott auch in der Tat von dieser Möglichkeit wiederholt Gerbrauch gemacht hat.

 

Grundsätzlich ergibt sich aus der Frage, ob Wunder überhaupt möglich sind, keine logischen Schwierigkeiten: Wenn die Christen daran glauben, dass es Gott war, welcher die Welt und mit ihr die in ihr wirkenden Naturgesetze erschaffen hat, dann wird man auch daran glauben können, dass derselbe Gott aufgrund seiner Machtfülle in der Lage ist, auch einmal diese Naturgesetze im Einzelfall außer Kraft zu setzen.

 

Es ist wie auch bei irdischen Problemen: Auch hier können wir ja davon ausgehen, dass Menschen zur Vereinfachung und Qualifizierung Maschinen erfinden, welche bestimmte Arbeitsvorgänge automatisch verrichten, dann aber bisweilen doch diese Arbeitsgänge von Hand erledigen, da in Einzelfällen die Handarbeit einer maschinellen Verrichtung dieser Arbeitsgänge bessere Ergebnisse zeigt. Ich kann mir z. B. einen Computer anschaffen und mit Hilfe eines Computer eigenen Textprogrammes Texte schreiben und trotzdem bisweilen einen Brief an einen besonders geschätzten Bekannten mit Hand schreiben, vielleicht einfach deshalb, weil es auf diese Weise möglich ist, dem Brief eine persönliche Note zu verleihen.

 

Nicht die Tatsache, dass Gott im Einzelnen Wunder bewirken kann und auch – wie die Zeugnisse der Bibel zeigen – tatsächlich bewirkt, bedarf einer besonderen Erklärung. Es ist vielmehr die Frage, aus welchen Gründen denn Gott sich trotz Schaffung der Naturgesetze auch der Wunder bedient und in den Verlauf der Geschichte unmittelbar unter Umständen sogar entgegen der Naturgesetze, die er selbst geschaffen hat, eingreift.

 

Diese Frage wird dann zum Problem, wenn man von der Vorstellung ausgeht, dass Gott nicht nur in Einzelfällen, sondern sehr häufig, vielleicht sogar die gesamten Geschicke der Menschen im Rahmen der göttlichen Vorsehung unmittelbar lenkt. Hier entsteht die Frage, warum denn Gott überhaupt bei der Erschaffung der Welt automatisch wirkende Naturgesetze vorgesehen hat, wenn er sich zur Erreichung seiner Ziele dennoch in jedem Einzelfall des unmittelbaren Eingriffs bedient. Während wir uns nämlich durchaus vorstellen können, dass automatisch wirkende Mechanismen (die Naturgesetze bzw. in unserem Beispiel der Computer) bisweilen ihr Ziel verfehlen und dass gerade daraus die Notwendigkeit und Erwünschtheit erwächst, in wenigen Einzelfällen unmittelbar in die Geschehnisse auch gegen die Naturgesetze einzugreifen, gibt es keinen erkennbaren Sinn, zunächst die Naturgesetze zu schaffen, sie aber dann in jedem Einzelfall durch persönlichen Eingriff außer Kraft zu setzen.

 

Dieser Schicksalglaube begegnet uns vor allem auch in der altertümlichen klassischen Mythologie, in welcher Schicksalsgöttinnen wie Fortuna oder die Nornen das individuelle Leben als auch den Weltlauf vollständig bestimmen. Dieser Glaube führt dann schnell zu dem Versuch, auf mythischem Wege durch Beschwörung der Götter die Geschehnisse in einem Orakel vorherzusagen. In der antiken Sagenwelt wird uns dann von den tragischen Helden wie Ödipus oder Odysseus berichtet, welche mit enormen Anstrengungen bemüht sind, dem durch die Orakel vorhergesagten Schicksal zu entgehen und die dann zu allerletzt trotzdem zum Teil gerade durch ihr Agieren von dem vorherbestimmten und nicht durch Menschenhand korrigierbaren Schicksal eingeholt werden.

 

Aus diesen Gründen ist die bei vielen Christen und noch stärker im Islam anzutreffende Lehre, dass das Schicksal jedes einzelnen Menschen und aller Geschehnisse hier auf Erden eindeutig von Gott vorherbestimmt sei, kaum mit den anderen Überzeugungen des christlichen Glaubens zu vereinbaren. Folgerichtig bejahen die offiziellen katholischen Kirchenbehörden zwar die Möglichkeit, dass von einzelnen Menschen durch Gott ein Wunder bewirkt wird, es wird hier jedoch von einer Ausnahmesituation ausgegangen, welche nur sehr selten von heiligmäßig lebenden Menschen bewirkt werden kann und die gerade deshalb genau daraufhin überprüft werden müssen, ob diese Geschehnisse nicht doch auf natürlichem Wege durch das Wirken der Naturgesetze erklärt werden können.

 

Nun könnte man unter Umständen davon ausgehen, dass eine Vorherbestimmtheit aller Schicksale und irdischen Ereignisse durchaus auch dann unterstellt werden kann, wenn man unterstellt, dass alles Irdische durch die Naturgesetze bestimmt wird. Stellen wir uns hierzu einen extrem einfachen Kosmos vor, welcher ein geschlossenes System wie z. B. die einfachen Gesetze der Mechanik darstellt und indem mit einfachen Gleichungen der Verlauf aller Ereignisse in Raum und Zeit exakt berechnet werden kann. In diesem Falle wäre in der Tat das Schicksal jedes einzelnen Menschen vorherbestimmt. Und wenn wir nun von dem Glauben ausgehen, dass Gott allwissend ist, so kommen wir in der Tat zu dem Ergebnis, dass das Schicksal jedes einzelnen Menschen von Gott über die Einsetzung der Naturgesetze vorherbestimmt ist und auch von Gott erkannt werden kann.

 

Die Schwierigkeit besteht bei dieser Deutung nur darin, dass unser Kosmos eben kein geschlossenes System mit einfachen Gesetzmäßigkeiten darstellt, er ist vielmehr äußerst komplex, er ist auch nicht stationär, sondern entwickelt sich und im Rahmen dieses Evolutionsprozesses kommt es immer wiederum zu Gabelungen in dem Sinne, dass mehrere abweichende Entwicklungsstränge möglich werden und dass es von Zufälligkeiten, aber auch vom Willen der Menschen abhängt, welcher dieser Entwicklungsstränge beschritten wird. Der durch die Naturgesetze geschaffene Kosmos ist deshalb auch auf keinen Fall deterministisch. Trotz oder gerade wegen der Wirkung der Naturgesetze sind unterschiedliche Entwicklungen möglich und deshalb kann auch nicht davon gesprochen werden, dass der einzelne Mensch seinem Schicksal vollständig unterworfen ist und ihm überhaupt nicht ausweichen kann.

 

Die Vorstellung einer vom Einzelnen nicht beeinflussbaren Vorherbestimmung steht nämlich in krassem Widerspruch zu der christlichen Überzeugung, dass Gott den Menschen als sein Ebenbild erschaffen hat und dies gilt insbesondere in der Hinsicht, dass auch dem Menschen eine Freiheit gegeben wurde, er kann sich für oder gegen Gott aussprechen, er kann die Gebote Gottes achten oder auch übertreten. Gott wünscht sich nicht einen Menschen, der zum Glauben mit Waffengewalt gezwungen wird, sondern der sich aus freiem Entschluss für Gott entscheidet. Wäre allerdings im Sinne der Lehre vom persönlichen Schicksal das Schicksal des Einzelnen in allen Einzelheiten vorherbestimmt, wären die Menschen auch keine freien Lebewesen, sie würden sich darauf beschränken, als Marionetten Gottes zu agieren.

 

 

5. Jesu Haltung zu irdischen Freuden

 

Wir hatten bereits oben erwähnt, dass die Erzählung von der Hochzeit in Kana in einem weiteren Punkt von dem Thema abweicht, das im Mittelpunkt der Evangelien steht. Diese zeigen Jesu als einen Menschen, der sich in erster Linie die Aufgabe gesetzt hat, die Lehre Gottes zu verbreiten und sich insbesondere dem Schicksal der ärmeren Bevölkerungsschichten gewidmet hat.

 

Sein Leben spielt sich außerhalb der sonst üblichen familiären und beruflichen Welt ab, er verlässt die Familie ohne eine neue Familie zu gründen und seine Tätigkeit erschöpft sich auch nicht wie bei fast allen übrigen Menschen mit der beruflichen Tätigkeit, in deren Mittelpunkt der Erwerb des für das Leben notwendige Einkommen und der berufliche Erfolg steht. Er nimmt deshalb auch nicht im Allgemeinen an den gesellschaftlichen Ereignissen wie z. B. der Feier einer Hochzeit teil.

 

Nur in ganz wenigen Fällen erzählen uns die Evangelisten über Ereignisse, in denen Jesus mit der reichen und gesellschaftlich maßgeblichen Schicht verkehrt hat. Zu diesen Ausnahmen zählt z. B. Kapitel 7 des Lukasevangeliums, in welchem davon berichtet wird, dass Jesus bei einem königlichen Beamten, einem Hauptmann von Kafarnaum eingekehrt war. Wir erfahren dort:

 

1 ‚Als Jesus diese Rede vor dem Volk beendet hatte, ging er nach Kafarnaum hinein.

2 Ein Hauptmann hatte einen Diener, der todkrank war und den er sehr schätzte.

3 Als der Hauptmann von Jesus hörte, schickte er einige von den jüdischen Ältesten zu ihm mit der Bitte, zu kommen und seinen Diener zu retten.

4 Sie gingen zu Jesus und baten ihn inständig. Sie sagten: Er verdient es, dass du seine Bitte erfüllst;

5 denn er liebt unser Volk und hat uns die Synagoge gebaut.

6 Da ging Jesus mit ihnen. Als er nicht mehr weit von dem Haus entfernt war, schickte der Hauptmann Freunde und ließ ihm sagen: Herr, bemüh dich nicht! Denn ich bin es nicht wert, dass du mein Haus betrittst.

7 Deshalb habe ich mich auch nicht für würdig gehalten, selbst zu dir zu kommen. Sprich nur ein Wort, dann muss mein Diener gesund werden.

8 Auch ich muss Befehlen gehorchen und ich habe selber Soldaten unter mir; sage ich nun zu einem: Geh!, so geht er, und zu einem andern: Komm!, so kommt er, und zu meinem Diener: Tu das!, so tut er es.

9 Jesus war erstaunt über ihn, als er das hörte. Und er wandte sich um und sagte zu den Leuten, die ihm folgten: Ich sage euch: Nicht einmal in Israel habe ich einen solchen Glauben gefunden.

10 Und als die Männer, die der Hauptmann geschickt hatte, in das Haus zurückkehrten, stellten sie fest, dass der Diener gesund war.‘

 

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang nicht nur, dass sich Jesus hier mit der Oberschicht (einem Beamten des Königs Herodes) befasst, sondern dass er sich wiederum nicht darauf beschränkt zu heilen, sondern dass er eigens feststellt, er habe einen solchen Glauben in ganz Israel nicht gefunden. Und Matthäus lässt Jesus in Kapitel 8 hinzufügen:

 

11 ‚Ich sage euch: Viele werden von Osten und Westen kommen und mit Abraham, Isaak und Jakob im Himmelreich zu Tisch sitzen;

12 die aber, für die das Reich bestimmt war, werden hinausgeworfen in die äußerste Finsternis; dort werden sie heulen und mit den Zähnen knirschen.‘ 

 

Dass Jesus sich bisweilen eigens mit Personen der reicheren Bevölkerung abgegeben hatte, erfahren wir auch im 19. Kapitel des Lukasevangeliums. Während im Beispiel des Hauptmann von Kafarnaum es immerhin noch der königliche Beamte war, der Jesus aufsuchte, ergreift Jesus in dem Beispiel des Lukasevangeliums selbst die Initiative und sagt zu Zachäus, dem obersten und sehr reichen Zollpächter, er müsse ihn beherbergen:

 

1 ‚Dann kam er nach Jericho und ging durch die Stadt.

2 Dort wohnte ein Mann namens Zachäus; er war der oberste Zollpächter und war sehr reich.

3 Er wollte gern sehen, wer dieser Jesus sei, doch die Menschenmenge versperrte ihm die Sicht; denn er war klein.

4 Darum lief er voraus und stieg auf einen Maulbeerfeigenbaum, um Jesus zu sehen, der dort vorbeikommen musste.

5 Als Jesus an die Stelle kam, schaute er hinauf und sagte zu ihm: Zachäus, komm schnell herunter! Denn ich muss heute in deinem Haus zu Gast sein.

6 Da stieg er schnell herunter und nahm Jesus freudig bei sich auf.

7 Als die Leute das sahen, empörten sie sich und sagten: Er ist bei einem Sünder eingekehrt.

8 Zachäus aber wandte sich an den Herrn und sagte: Herr, die Hälfte meines Vermögens will ich den Armen geben, und wenn ich von jemand zu viel gefordert habe, gebe ich ihm das Vierfache zurück.

9 Da sagte Jesus zu ihm: Heute ist diesem Haus das Heil geschenkt worden, weil auch dieser Mann ein Sohn Abrahams ist.

10 Denn der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist.‘  

 

Und nachdem Zachäus Jesus erläuterte, was er alles für die Armen dieser Stadt getan habe, antwortete ihm Jesus, heute ist diesem Haus das Heil geschenkt worden, weil auch er ein Sohn Abrahams sei.

 

In beiden Fällen (beim Hauptmann von Kafarnaum und bei dem Zollpächter Zachäus) macht Jesus also darauf aufmerksam, dass es auf den Glauben und die wahre Gesinnung und weniger auf die Abstammung ankomme, ob jemand nach seinem Tode in das Himmelreich eingeht. Jesus hat zwar davon gesprochen, dass er von seinem Vater vorwiegend zu den Israeliten gesandt wurde, um sie zum wahren Glauben zurückzuführen, trotzdem wird an wiederholten Stellen der Evangelien betont, dass das Himmelreich allen Menschen, auch den Heiden, offen stehe, sofern sie Gottes Gebote beachten.

 

Diese beiden Berichte bringen somit eine notwendige Korrektur zu den Berichten über die Hinwendung Jesu vorwiegend zu den Ärmeren der Bevölkerung und zu den gläubigen Juden. Natürlich ist Jesus in erster Linie zu den vom wahren Glauben abgefallenen Juden und zu den Notleidenden und Geknechteten gekommen, nicht etwa, weil diese Menschengruppe von Gott bevorzugt und allein beachtet wird. Gott hat alle Menschen als gleiche Personen erschaffen und ist somit auch allen wohl gewogen. Nur ist eine besondere Zuwendung gegenüber denjenigen notwendig, welche aus welchen Gründen auch immer in Schwierigkeiten geraten sind. Auch hier wiederum wird das im Gleichnis vom verlorenen Sohn angesprochene Thema aufgegriffen.

 

 

6. Meine Stunde ist noch nicht gekommen.

 

Wir wollen uns zum Abschluss dieses Kapitels mit der Entgegnung Jesu auf den Hinweis Marias, der Wein sei ausgegangen, befassen, dass seine Stunde noch nicht gekommen sei.

 

Diese recht unwirsche Reaktion von Jesus mag zunächst verwundern. Maria hat ihn ja noch nicht einmal eigens aufgefordert, ein Wunder zu tun, sondern lediglich darauf hingewiesen, dass der Wein ausgegangen sei und dass deshalb die Gastgeber in gewisse Verlegenheit geraten seien.

 

Vor allem könnte man doch meinen, dass die versteckte Aufforderung, sein erstes Wunder zu vollbringen, eine hervorragende Gelegenheit sei, sich als Messias einzuführen, von dem ja in mehreren Stellen der Heiligen Schrift eigens bemerkt wird, dass dieser Wunder vollbringe.

 

Bei dieser Hochzeit waren sicherlich viele Menschen anwesend, 600 Liter Wein können nicht von einer Handvoll Gästen getrunken worden sein und es waren sicherlich nicht nur reiche, sondern auch einflussreiche Personen, die hier anwesend waren und welche deshalb als eine Art Multiplikatoren hätten dafür sorgen können, dass Jesus Auftreten schnell unter die Leute gebracht wird. Immerhin hat Jesus trotz dieser zunächst abweisenden Reaktion schließlich das von Maria geforderte Wunder dann doch noch vollbracht.

 

Was spricht denn dafür, dass Jesus sich zu dieser Zeit noch nicht als Messias ausweisen möchte? Er war sicherlich erst am Anfang seines Wirkens, hat also mit dem eigentlichen Auftrag, Gottes Botschaft zu verkünden noch nicht richtig begonnen. Aber immerhin hatte er seine eigenen Lehrjahre beendet und hatte sich auch zuvor 40 Tage lang in die Wüste zur Vorbereitung  auf sein späteres Wirken zurückgezogen. Er hatte auch schon damit begonnen, einige Jünger (Petrus und Andreas sowie Jakobus und Johannes) um sich zu scharen.

 

Aber der Umstand, dass Jesus hier offensichtlich seine Familie noch nicht verlassen und sich auch noch nicht von den üblichen beruflichen und gesellschaftlichen Gepflogenheiten abgewandt hatte, spricht immerhin dafür, dass er zu diesem Zeitpunkt die eigentliche Tätigkeit als Wanderprediger noch nicht begonnen hatte.

 

Man gewinnt den Eindruck, als wolle Jesus sich nicht von Anderen, noch nicht einmal von seiner eigenen Mutter sagen lassen, wie er den göttlichen Auftrag zu erfüllen habe, diese Antwort, wie dieser Auftrag zu erfüllen sei, in welcher Reihenfolge Jesus vorzugehen habe,  könne nur von Gott selbst gegeben werden.

 

Wir erwähnten bereits weiter oben, dass auf der einen Seite das Szenarium anlässlich der Hochzeitsfeier auch nicht der eigentlichen Wirkungsstätte Jesu entspreche, seine Tätigkeit bestand vorwiegend darin, zu den Notleidenden und Armen zu sprechen oder sich mit den Schriftgelehrten und Pharisäern kritisch auseinanderzusetzen. Zu diesem Zweck gab sicherlich die rein weltliche Kulisse einer Hochzeitsfeier keine geeignete Gelegenheit ab.

 

Auch gilt es daran zu erinnern, dass die von Jesus vollbrachten Wunder in erster Linie der Heilung kranker Menschen galt, demgegenüber erscheint eine Umwandlung von Wasser zu Wein unpassend und viel zu trivial. Trotzdem hat Jesus ja auch vor vier- oder fünftausend Menschen dafür gesorgt, dass alle satt wurden, obwohl nur einige wenige Brote und Fische zunächst zur Verfügung standen.

 

Aber immerhin vollbringt Jesus – trotz dieser Bedenken – letzten Endes eben doch bei dieser Hochzeitsfeier sein erstes Wunder. Wir können uns fragen, warum sich denn ausgerechnet das erste von Jesus vollbrachte (oder zumindest in den Evangelien erwähnte) Wunder auf so etwas banales wie eine Verwandlung von Wasser zu Wein bezog, das in der Erzählung lediglich zur Erheiterung der Gäste diente und keinesfalls etwas Lebensnotwendiges wie die Gesundung Kranker darstellte?

 

Zur Deutung gerade dieses Geschehens haben wir uns daran zu erinnern, dass die Erzählungen und Berichte der gesamten Heiligen Schrift nicht eigentlich ein Tatsachenbericht sein wollen, sondern dass diese Erzählungen lediglich dazu benutzt werden, anhand dieser Darstellungen eine tiefere Wahrheit zu verkünden. Dies gilt ex pressis verbis für die zahlreichen von Jesus vorgetragenen Gleichnisse, aber letzten Endes auch für alle anderen erzählten Ereignisse der Bibel.

 

Es kommt dann gar nicht mehr darauf an, ob tatsächlich z. B. fünf oder nur vier Tausend Menschen mit ein paar Broten und Fischen ernährt wurden oder ob tatsächlich Wasser in Wein verwandelt wurde. Diese Erzählungen beziehen sich vielmehr auf eine ganz andere, nämlich auf die geistige Nahrung. Genauso wie Menschen nur überleben können, wenn sie Nahrung zu sich nehmen, genauso können die Menschen das ewige Leben (nach dem irdischen Tod) nur dann erlangen, wenn sie sich mit ihrem Glauben und den guten Taten ganz bestimmten Verhaltensweisen hingeben, und dieses Befolgen der Weisungen Gottes kann dann im übertragenen Sinne als Nahrung für das ewige Leben bezeichnet werden.

 

Und wenn wir von dieser Übertragung ausgehen, können wir feststellen, dass die Evangelien voll von Beispielen (wie z. B. dem letzten Abendmahl, das Jesus vor Beginn seiner Verhaftung mit seinen engsten Vertrauten abgehalten hatte) sind, in denen eben diese Bedeutung dem Essen von Brot und Wein zuerkannt wird. Und in diesem Sinne lässt sich das erste Wunder eben gerade nicht als banal einordnen, sondern verweist sogar in stärkerem Maße als die Vielzahl der Heilungswunder auf eine Grundwahrheit des christlichen Glaubens hin. Es wird nun sogar verständlich, dass Jesus gerade als erstes Wunder die Verwandlung von Wasser zu Wein vollbringt.

 

Die Aussage, dass Jesus seine Stunde noch nicht gekommen sieht, kehrt in etwas anderem Zusammenhang an mehreren Stellen der vier Evangelien wieder. So lässt Matthäus in Kapitel 8 Jesus den von ihm geheilten Aussätzigen sagen:

 

Die Heilung eines Aussätzigen: Mt 8,1–4

Kapitel 8

1  Als Jesus von dem Berg herabstieg, folgten ihm viele Menschen.

2  Da kam ein Aussätziger, fiel vor ihm nieder und sagte: Herr, wenn du willst, kannst du machen, dass ich rein werde.

3  Jesus streckte die Hand aus, berührte ihn und sagte: Ich will es werde rein! Im gleichen Augenblick wurde der Aussätzige rein.

4  Jesus aber sagte zu ihm: Nimm dich in Acht! Erzähl niemand davon, sondern geh, zeig dich dem Priester und bring das Opfer dar, das Mose angeordnet hat. Das soll für sie ein Beweis (deiner Heilung) sein.‘

 

Und etwas später heißt es im Kapitel 9 des Matthäusevangeliums:

 

27 ‚Als Jesus weiterging, folgten ihm zwei Blinde und schrien: Hab Erbarmen mit uns, Sohn Davids! 

28  Nachdem er ins Haus gegangen war, kamen die Blinden zu ihm. Er sagte zu ihnen: Glaubt ihr, dass ich euch helfen kann? Sie antworteten: Ja, Herr.

29  Darauf berührte er ihre Augen und sagte: Wie ihr geglaubt habt, so soll es geschehen.

30  Da wurden ihre Augen geöffnet. Jesus aber befahl ihnen: Nehmt euch in Acht! Niemand darf es erfahren.

31  Doch sie gingen weg und erzählten von ihm in der ganzen Gegend.‘

 

In Kapitel 16 frug Jesus seine Jünger, für wen ihn die Menschen halten. Als die Jünger antworteten, dass die einen ihn für Johannes, den Täufer, andere ihn hingegen für Elija oder Jeremia hielten, frug Jesus die Jünger weiter, für wen denn sie selbst ihn hielten und als dann Petrus bekannte, dass Jesus der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes sei, findet sich wiederum die Ermahnung Jesu nun an seine Jünger niemand zu verraten, dass er der Messias sei:

 

13 ‚Als Jesus in das Gebiet von Cäsarea Philippi kam, fragte er seine Jünger: Für wen halten die Leute den Menschensohn?

14 Sie sagten: Die einen für Johannes den Täufer, andere für Elija, wieder andere für Jeremia oder sonst einen Propheten.

15 Da sagte er zu ihnen: Ihr aber, für wen haltet ihr mich?

16 Simon Petrus antwortete: Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes!

17 Jesus sagte zu ihm: Selig bist du, Simon Barjona; denn nicht Fleisch und Blut haben dir das offenbart, sondern mein Vater im Himmel.

18 Ich aber sage dir: Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen.

19 Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben; was du auf Erden binden wirst, das wird auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird auch im Himmel gelöst sein.

20 Dann befahl er den Jüngern, niemand zu sagen, dass er der Messias sei.‘

 

Noch etwas später in Kapitel 17 des Matthäusevangeliums, als Jesus verklärt wurde und aus der Wolke eine Stimme rief, „das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe, auf ihn sollt ihr hören“, folgt nochmals die Warnung, von diesen Ereignissen nicht zu berichten, ja Matthäus lässt Jesus sogar hinzufügen, dass die Jünger bis zur Auferstehung Jesu von den Toten, nichts von diesen Vorkommnissen berichten sollten:

 

1 ‚Sechs Tage danach nahm Jesus Petrus, Jakobus und dessen Bruder Johannes beiseite und führte sie auf einen hohen Berg.

2 Und er wurde vor ihren Augen verwandelt; sein Gesicht leuchtete wie die Sonne und seine Kleider wurden blendend weiß wie das Licht.

3 Da erschienen plötzlich vor ihren Augen Mose und Elija und redeten mit Jesus.

4 Und Petrus sagte zu ihm: Herr, es ist gut, dass wir hier sind. Wenn du willst, werde ich hier drei Hütten bauen, eine für dich, eine für Mose und eine für Elija.

5 Noch während er redete, warf eine leuchtende Wolke ihren Schatten auf sie und aus der Wolke rief eine Stimme: Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe; auf ihn sollt ihr hören.

6 Als die Jünger das hörten, bekamen sie große Angst und warfen sich mit dem Gesicht zu Boden.

7 Da trat Jesus zu ihnen, fasste sie an und sagte: Steht auf, habt keine Angst!

8 Und als sie aufblickten, sahen sie nur noch Jesus.

9 Während sie den Berg hinabstiegen, gebot ihnen Jesus: Erzählt niemand von dem, was ihr gesehen habt, bis der Menschensohn von den Toten auferstanden ist.‘ 

 

Diese Warnungen überraschen noch mehr als der Hinweis auf dem Hochzeitsfest zu Kana, dass seine Stunde noch nicht gekommen sei. Schließlich hatte sich Jesus in diesen Beispielen bereits wiederholt als derjenige ausgewiesen, der Johannes, dem Täufer gefolgt war und nach den Worten des Täufers derjenige sei, auf den die Juden sehnlichst gewartet haben. Vor allem, warum sollten die Juden erst nach der Kreuzigung und Auferstehung Jesu, also nachdem er seinen göttlichen Auftrag beendet hatte, davon erfahren, dass Jesus der vielfach angekündigte Messias sei? Können wir nicht davon ausgehen, dass gerade das Wissen über die wahre Identität des Jesus die Bereitschaft der Juden, Jesus zu folgen, gesteigert hätte?

 

Vielleicht fürchtete Jesus, dass ein frühzeitiges Bekanntwerden seiner Berufung als Messias die Gefahr heraufbeschworen hätte, dass die Juden Jesus als Befreier der Juden von der römischen Besatzung gefeiert hätten und einen offenen Aufstand gegen die Römer begonnen hätten und dass deshalb die Römer Jesus schon zu einer Zeit als Aufrührer verhaftet hätten, in der er seine Lehre noch nicht zu Ende den Juden unterbreitet hatte.

 

Im übrigen wird uns Jesus als ein Menschen geschildert, der die leisen Töne bevorzugte. Bei Matthäus Kapitel 6 sagt Jesus:

 

3 ‚Wenn du Almosen gibst, soll deine linke Hand nicht wissen, was deine rechte tut.

4  Dein Almosen soll verborgen bleiben und dein Vater, der auch das Verborgene sieht, wird es dir vergelten.

5  Wenn ihr betet, macht es nicht wie die Heuchler. Sie stellen sich beim Gebet gern in die Synagogen und an die Straßenecken, damit sie von den Leuten gesehen werden. Amen, das sage ich euch: Sie haben ihren Lohn bereits erhalten.

6  Du aber geh in deine Kammer, wenn du betest, und schließ die Tür zu; dann bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist. Dein Vater, der auch das Verborgene sieht, wird es dir vergelten.‘

 

So versuchte auch Jesus zumeist seine Botschaft nicht marktschreierlich an den Mann zu bringen und seine Botschaften mit einfachen, niemand verletzenden Worten zu verkünden.