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Die schönsten Erzählungen der Bibel

 

 

 

Gliederung:

 

 

 

 

  1. Einführung

  2. Schöpfungsbericht

  3. Sündenfall

  4. Kain und Abel

  5. Die Arche Noah

  6. Abraham hadert mit Gott

  7. Isaaks Opferung

  8. Verkauf des Erstgeburtsrechts an Jakob

  9. Josef und seine Brüder

10. David gegen Goliath

11. David und die Frau des Hethiters

12. Esthers Rettung der Juden

13. Josef in Ägypten

14. Moses vor dem Pharao

15. Hiobs Leid und Gottvertrauen

16. Die Verleugnung Petrus

17. Der Verrat Judas

18. Der barmherzige Samariter

19. Die Hochzeit zu Kanaan

20. Die Tempelreinigung

21. Das Gleichnis vom verlorenen Sohn

22. Jesus und die Ehebrecherin

23. Jesus am Ölberg

24. Der ungläubige Thomas

 

 

19. Die Hochzeit zu Kanaan

 

 

Gliederung:

 

1. Das Problem

2. Der Text

3. Interpretation

4. Die Bedeutung der Wunder im Allgemeinen

5. Die Bedeutung der Wunder in der Bibel

6. Jesu Haltung zu irdischen Freuden

7. Meine Stunde ist noch nicht gekommen.

 

 

1. Das Problem

 

In diesem Kapitel wollen wir uns mit dem ersten öffentlichen Auftreten und Wirken Jesu befassen, Jesus nimmt an einer Hochzeitsfeier eines Bekannten seiner Familie teil und wir erfahren von dem ersten Wunder, das Jesus bewirkt hatte.

 

Es ist das erste Auftreten Jesu in der Öffentlichkeit, von der wir in den vier Evangelien von Markus, Matthäus, Lukas und Johannes erfahren. Zwar berichten die Evangelien zuvor von einem Kind Jesu, das mit seinen Eltern Joseph und Maria nach Jerusalem zum Paschafest wie jedes Jahr gepilgert war, dann von den Eltern plötzlich vermisst und schließlich im Tempel gefunden wurde, wo er sich angeregt mit den Schriftgelehrten unterhalten hatte, wobei eigens vermerkt wurde, dass er aufgrund seiner guten Kenntnisse in der Thora bereits besonders aufgefallen war. So lesen wir bei Lukas in Kapitel 2:

 

41 ‚Die Eltern Jesu gingen jedes Jahr zum Paschafest nach Jerusalem.

42 Als er zwölf Jahre alt geworden war, zogen sie wieder hinauf, wie es dem Festbrauch entsprach.

43 Nachdem die Festtage zu Ende waren, machten sie sich auf den Heimweg. Der junge Jesus aber blieb in Jerusalem, ohne dass seine Eltern es merkten.

44 Sie meinten, er sei irgendwo in der Pilgergruppe, und reisten eine Tagesstrecke weit; dann suchten sie ihn bei den Verwandten und Bekannten.

45 Als sie ihn nicht fanden, kehrten sie nach Jerusalem zurück und suchten ihn dort.

46 Nach drei Tagen fanden sie ihn im Tempel; er saß mitten unter den Lehrern, hörte ihnen zu und stellte Fragen.

47 Alle, die ihn hörten, waren erstaunt über sein Verständnis und über seine Antworten.‘

 

Trotzdem berichtet diese Erzählung noch nicht von dem Auftreten des erwachsen gewordenen Wanderpredigers, er ist hier noch Jugendlicher, welcher in den religiösen Grundlagen des Judentums unterrichtet wird und hier als Schüler eben nur wegen seiner Gelehrsamkeit und seines Wissens besonders aufgefallen war.

 

Weiterhin berichten uns die Evangelien von einem Jesus, der zum Jordan zog, wo Johannes der Täufer auftrat und die Juden – wie alle Propheten vor ihm – dazu zu bewegen versuchte, umzukehren und die Gebote Gottes zu befolgen. Auch hier ist Jesus noch nicht der Lehrer, welcher die Juden zu belehren versuchte, er gehört hier vielmehr zu der Schar von Gläubigen, welche Johannes zuhören wollten und sich als äußeres Zeichen der Umkehr taufen ließen.

 

Im Anschluss daran erfahren wir, dass Jesus wohl ähnlich wiederum wie viele jugendliche Gläubige in die Einsamkeit der Wüste zog, um hier sich innerlich auf seine späteren Aufgaben vorzubereiten. Auch hier wird also noch nicht von der eigentlichen Tätigkeit als Wandererprediger berichtet. Bei Markus in Kapitel 1 heißt es:

 

12 ‚Danach trieb der Geist Jesus in die Wüste.

13 Dort blieb Jesus vierzig Tage lang und wurde vom Satan in Versuchung geführt. Er lebte bei den wilden Tieren und die Engel dienten ihm.‘

 

Zeitlich vor dem Bericht über die Hochzeit in Kana erfahren wir allerdings von einer ersten Handlung des Wanderpredigers Jesu im Johannesevangelium, die bereits vor der in diesem Kapitel beschriebenen Hochzeit stattfand und zwar in Kapitel 1, er beruft hier seine ersten Jünger:

 

35 ‚Am Tag darauf stand Johannes [der Täufer] wieder dort und zwei seiner Jünger standen bei ihm.

36 Als Jesus vorüberging, richtete Johannes seinen Blick auf ihn und sagte: Seht, das Lamm Gottes!

37 Die beiden Jünger hörten, was er sagte, und folgten Jesus.

38 Jesus aber wandte sich um, und als er sah, dass sie ihm folgten, fragte er sie: Was wollt ihr? Sie sagten zu ihm: Rabbi – das heißt übersetzt: Meister –, wo wohnst du?

39 Er antwortete: Kommt und seht! Da gingen sie mit und sahen, wo er wohnte, und blieben jenen Tag bei ihm; es war um die zehnte Stunde.

40 Andreas, der Bruder des Simon Petrus, war einer der beiden, die das Wort des Johannes gehört hatten und Jesus gefolgt waren.

41 Dieser traf zuerst seinen Bruder Simon und sagte zu ihm: Wir haben den Messias gefunden. Messias heißt übersetzt: der Gesalbte (Christus).

42 Er führte ihn zu Jesus. Jesus blickte ihn an und sagte: Du bist Simon, der Sohn des Johannes, du sollst Kephas heißen. Kephas bedeutet: Fels (Petrus).

43 Am Tag darauf wollte Jesus nach Galiläa aufbrechen; da traf er Philippus. Und Jesus sagte zu ihm: Folge mir nach!

44 Philippus war aus Betsaida, dem Heimatort des Andreas und Petrus.

45 Philippus traf Natanaël und sagte zu ihm: Wir haben den gefunden, über den Mose im Gesetz und auch die Propheten geschrieben haben: Jesus aus Nazaret, den Sohn Josefs.‘

 

Nun mag es etwas verwundern, dass das Johannesevangelium – und nur dieses – seinen Bericht über das Wirken Jesu hier auf Erden ausgerechnet mit dem Auftreten Jesu bei einer Hochzeit beginnt. Alle Evangelien sind sich darin einig, dass sie über die Aufgabe Jesu hier auf Erden berichten wollen und zu den Aufgaben Jesu zählte vor allem, die sündigen Gläubigen zum wahren Glauben der Väter zurückzuführen. Und die Teilnahme an einem Hochzeitsfest besteht sicherlich in alles anderem als eben in der Wahrnehmung dieser Aufgaben.

 

Es besteht ein deutlicher Kontrast zwischen dem Leben, das Jesus als Wanderprediger fortan geführt hatte und dem Verhalten, das wir auf Hochzeiten vorfinden. Es entsprach dem Brauch nicht nur der Juden in Israel zur Zeit Jesu, die Heirat mit einem besonders reichhaltigen Hochzeitsfest zu feiern und hierzu alle Verwandten und Freunde einzuladen. Hier wird ein Leben in der Familie und in den allgemeinen gesellschaftlichen Beziehungen geschildert, während Jesus sein Leben in der Zeit als Wanderprediger fern von der Familie verbrachte, keine eigene Wohnung hatte, in der er sich ausruhen konnte und während dieser Zeit auch keinen normalen Beruf ausübte.

 

Im Mittelpunkt der Erzählung über das Hochzeitsfest in Kana steht der Bericht, dass Jesus ein Wunder und zwar sein erstes Wunder vollbrachte: Er wandelte Wasser in kostbaren Wein um. Nun steht das Vollbringen von Wundern im Mittelpunkt des Wirkens Jesu und wir haben uns die Frage zu stellen, wieweit die Verwandlung von Wasser zu Wein den späteren Wunderhandlungen Jesu entspricht und inwieweit sich dieses erste Wunder von den später erfolgten Wundern unterscheidet.

 

Ein weiterer Punkt in dieser Erzählung verdient unsere Aufmerksamkeit. Als der Wein ausging, sagte Maria zu Jesu: ‚Sie haben keinen Wein mehr und Jesus erwiderte ihr: Was willst du von mir, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen.‘ Da die zahlreichen Wunder, welche Jesus während seiner Wanderjahre vollbracht hatte, ein ganz wesentlicher Teil der Botschaft und der Handlungen Jesu war, hätte man eigentlich erwarten sollen, dass Jesus die Ansage seiner Mutter, dass der Wein ausgegangen sei, als willkommene Gelegenheit angesehen hätte, sich als Wunderheiler kund zu tun.

 

Nein, das Gegenteil ist der Fall. Nicht nur dass er diese Anregung seiner Mutter nur widerwillig aufgreift, er macht ihr sogar zum Vorwurf, dass sie ihn offensichtlich zu einem Wunder ermuntert hatte. Und vor allem: Warum ist seine Stunde noch nicht gekommen? Er hatte doch seine Lehrjahre in der Synagoge bereits beendet, war von Johannes als derjenige bezeichnet worden, dem sich die Gläubigen zuwenden sollen und er hatte sogar schon seine Wanderjahre begonnen und die ersten Apostel zu sich berufen. Warum also ist seine Stunde noch nicht gekommen, warum passt die Verwandlung von Wasser in Wein offensichtlich nicht in seinen allgemeinen Auftrag?

 

 

2. Der Text

 

Die Ereignisse bei der Hochzeit von Kana werden uns nur im Johannesevangelium in Kapitel 2 berichtet:

 

1 ‚Am dritten Tag fand in Kana in Galiläa eine Hochzeit statt und die Mutter Jesu war dabei.

2 Auch Jesus und seine Jünger waren zur Hochzeit eingeladen.

3 Als der Wein ausging, sagte die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein mehr.

4 Jesus erwiderte ihr: Was willst du von mir, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen.

5 Seine Mutter sagte zu den Dienern: Was er euch sagt, das tut!

6 Es standen dort sechs steinerne Wasserkrüge, wie es der Reinigungsvorschrift der Juden entsprach; jeder fasste ungefähr hundert Liter.

7 Jesus sagte zu den Dienern: Füllt die Krüge mit Wasser! Und sie füllten sie bis zum Rand.

8 Er sagte zu ihnen: Schöpft jetzt und bringt es dem, der für das Festmahl verantwortlich ist. Sie brachten es ihm.

9 Er kostete das Wasser, das zu Wein geworden war. Er wusste nicht, woher der Wein kam; die Diener aber, die das Wasser geschöpft hatten, wussten es. Da ließ er den Bräutigam rufen

10 und sagte zu ihm: Jeder setzt zuerst den guten Wein vor und erst, wenn die Gäste zu viel getrunken haben, den weniger guten. Du jedoch hast den guten Wein bis jetzt zurückgehalten.

11 So tat Jesus sein erstes Zeichen, in Kana in Galiläa, und offenbarte seine Herrlichkeit und seine Jünger glaubten an ihn.‘

 

 

3. Interpretation

 

An und für sich ist die Geschichte, welche in diesem Kapitel zur Diskussion steht, banal. Es findet ein Hochzeitsfest statt, ein Ereignis, das keinesfalls herausragt, sondern alltäglich ist, fast jede Familie, die es sich wirtschaftlich leisten kann, richtet dem eigenen Sohn oder der eigenen Tochter ein solches Fest aus. Warum also dann dieser ausführliche Bericht über eine Hochzeit in Kana?

 

Bemerkenswert ist weiterhin, dass hier von einem Ereignis berichtet wird, das eigentlich nur wenig mit dem Generalthema der vier Evangelien zu tun hat. Die Evangelisten wollen über Jesus Wanderjahre berichten, über die Ziele, welche Jesus verfolgt hat und über den Weg, den Jesus beschritten hat, um diesen göttlichen Auftrag zu erfüllen.

 

Das Hochzeitsfest zu Kana, über das in dieser Erzählung berichtet wird, hat jedoch mit dieser Aufgabe auf den ersten Blick sehr wenig zu tun. Es handelt sich ja hier nicht um eine Begebenheit, der Jesus während seiner Wanderjahre begegnet. Er hat zwar, wenn wir dem Evangelisten Johannes folgen, kurz vor diesem Ereignis seine ersten Jünger auserwählt und somit bereits seine Wanderjahre begonnen, diese Hochzeit ist jedoch keinesfalls Teil dieser Wanderung.

 

Es wird vielmehr berichtet, dass Jesus zusammen mit seiner Mutter an dieser Hochzeit teilnimmt, die Wanderjahre Jesu zeichnen sich hingegen dadurch aus, dass Jesus sowohl seine Familie verlässt und auch nicht dem Beruf nachgeht, den er vermutlich von seinem Vater Joseph erlernt hatte. Allerdings erwähnt Johannes, dass auch seine Jünger – es waren Simon und sein Bruder Andreas sowie sowie Jakobus, der Sohn des Zebedäus und sein Bruder Johannes – ebenfalls zu dieser Hochzeit eingeladen waren.

 

Offensichtlich ging es bei dieser Hochzeit hoch her. Der Wein war ausgegangen, obwohl die Familie, die dieses Fest ausgerichtet hatte, immerhin 6 Wasserkrüge voll Wein mit einem Gesamtinhalt von circa 600 Litern zur Verfügung gestellt hatte. Dieser Hinweis macht darauf aufmerksam, dass es sich offensichtlich um eine sehr reiche Familie gehandelt hat, was wiederum etwas aus dem Rahmen der Evangelien fällt, da sich Jesus im weiteren Verlauf bevorzugt der ärmeren Bevölkerungsschicht zugewandt hatte.

 

Und nun kommt Maria, die Mutter Jesu ins Spiel. Wie wenn es selbstverständlich wäre, dass Jesus dafür Sorge zu tragen habe, dass der Wein während der gesamten Feier nicht ausgeht, macht Maria ihren Sohn darauf aufmerksam, dass der Wein ausgegangen sei.

 

Aus der Sicht Marias mag ihr Verhalten ja durchaus verständlich sein. Aus ihren Worten spricht ganz deutlich der Stolz einer Mutter über ihren Sohn. Und dass sie auf ihren Sohn besonders stolz sein konnte, wird ja in den ersten Kapiteln der Evangelien ausführlich angedeutet.

 

So erfahren wir bei Lukas im ersten Kapitel seines Evangeliums, dass der Engel Gabriel Maria vor ihrer Geburt erschienen war und ihr verkündete, dass sie einen Sohn gebären werde, dass dieser der Sohn des Höchsten genannt werden wird und dass er über das Haus Jakob in Ewigkeit herrschen wird und dass seine Herrschaft kein Ende haben wird.

 

Und als etwas später Maria Elisabeth, die Mutter Johannes des Täufers aufsucht, begrüßt diese Maria mit den Worten: ‚Gesegnet bist du mehr als alle anderen Frauen und gesegnet ist die Frucht deines Leibes.‘

 

Im 2. Kapitel dieses Evangeliums erfahren wir dann von den Hirten, die den neugeborenen Jesus als Messias feierten und dass Maria ‚dieses Gesagte in ihrem Herzen bewahrte und darüber nachdachte‘.

 

Als dann das Kind Jesu beschnitten werden sollte, segnete sie der Priester Simon mit den Worten: ‚Dieser ist dazu bestimmt, dass in Israel viele durch ihn zu Fall kommen und viele aufgerichtet werden, und er wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird‘.

 

Und am Ende dieses 2. Kapitels erfahren wir schließlich, dass die Eltern Maria und Joseph nach dem Passahfest ihren Sohn verloren hatten und dass sie ihn nach langer Suche im Tempel gefunden haben, dass er aber seine Eltern mit den Worten empfing: ‚Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört? Doch sie verstanden nicht, was er damit sagen wollte. Dann kehrte er mit ihnen nach Nazaret zurück und war ihnen gehorsam. Aber: Seine Mutter bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen.

 

Die Antwort hingegen, welche Jesus seiner Mutter gibt, mag überraschen: ‚Was willst du von mir?‘ Er macht also seiner Mutter Vorwürfe, obwohl sie ihn ja nicht ausdrücklich dazu aufgefordert hatte, ein Wunder zu vollbringen. Weit bemerkenswerter ist jedoch die Aussage, dass seine Stunde noch nicht gekommen ist. Wir werden uns weiter unten noch mit der Bedeutung dieser Aussage befassen müssen.

 

Wie wenn Jesus Maria nicht zurecht gewiesen hätte, fährt Maria fort und weist die Diener des Hauses – als wäre sie die Hausfrau – an, das zu tun, was Jesus ihnen befehle.

 

Und obwohl gerade Jesus zuvor dieses Ansinnen, ein Wunder zu vollbringen, zurückgewiesen hatte, bereitet er trotzdem alles darauf vor, eben dieses von Maria offensichtlich geforderte Wunder zu vollbringen. Die Krüge werden mit Wasser gefüllt, von Jesus zu Wein verwandelt und demjenigen, welcher das Hochzeitsfest organisierte, gebracht. Dieser kostete den Wein und war über die Güte dieses Weines entzückt und gleichzeitig verwundert. Er lässt deshalb den Hausherrn, der für die Bereitstellung des Weines verantwortlich war, kommen und lobt ihn wegen der vermeintlichen Vorgehensweise des Hausherrn, entgegen dem üblichen Brauch den qualitativ besten Wein als letztes zu servieren.

 

Die Erzählung bricht hier ab und es folgt eine Art Quintessenz, dass nämlich Jesus auf diese Weise seinen Auftrag bereits begonnen und das erste Wunder vollbracht habe, dass er hiermit seine Herrlichkeit offenbart habe und dass gerade aufgrund dieses Verhaltens seine auf der Hochzeit anwesenden Jünger an ihn glaubten, ihn also offensichtlich für den im Alten Testament mehrfach vorhergesagten Messias hielten. Obwohl also der ganze Rahmen dieser Erzählung auf ein Ereignis aufmerksam macht, das nur sehr wenig mit dem eigentlichen Auftrag Jesu zu tun hat, wird diese Erzählung zum Abschluss doch wiederum in den Gesamtinhalt des Wirkens Jesu eingebunden.

 

 

4. Die Bedeutung der Wunder im Allgemeinen

 

Befassen wir uns nun etwas ausführlicher mit dem hier von Jesus vollbrachten ersten Wunder. Es gibt wohl kaum einen Themenbereich, der so kontrovers diskutiert wird wie gerade die Frage, ob es überhaupt Wunder gibt und welche Bedeutung ihnen zuerkannt wird. Für den Wissenschaftler fällt die Existenz von Wundern zumeist in den Bereich des Aberglaubens, der in der Vergangenheit einmal von Seiten der Religion genährt wurde, für einen Wissenschaftler werden die Vorkommnisse hier auf Erden und im Weltall allein durch Naturgesetze geregelt, hier ist kein Platz dafür, dass sich Wunder tatsächlich ereignen.

 

Dass in der Öffentlichkeit trotzdem immer wieder von Wundern gesprochen wird, kann nach Auffassung der Wissenschaft darauf zurückgeführt werden, dass unser Wissen unvollkommen ist und vermutlich trotz gewaltigen wissenschaftlichen Fortschritts auch in Zukunft niemals vollkommen sein wird. Im Hinblick auf Wunder kann nur davon gesprochen werden, dass bestimmte Ereignisse heutzutage mangels ausreichendem Wissen noch nicht erklärt werden können, es wird aber zumeist die sichere Erwartung damit verbunden, dass auch diese heute nicht erklärbaren Vorkommnisse eines Tages aufgrund verbesserten Wissens sehr wohl als Ergebnis des Wirkens der Naturgesetze erklärt werden können.

 

Drei Fragen sollen hierbei im Mittelpunkt unserer Analyse stehen: Wir haben erstens zu klären, was wir überhaupt unter Wundern zu verstehen haben. Wir werden dann zweitens die Frage untersuchen müssen, wie denn die Existenz oder auch Nichtexistenz eines Wunders erklärt wird, hier dürften die größten Unterschiede zwischen den einzelnen Betrachtungsweisen sichtbar werden. Drittens schließlich gilt es zu untersuchen, welche Bedeutung denn dem Wunder in der hier in diesem Kapitel zur Diskussion stehenden Erzählung zukommt.

 

Wenn man von Wunder spricht, denkt man in allererster Linie an freudige Ereignisse. Es ist ein Wunder, dass jemand, der von einer Krankheit befallen war, die ganz allgemein als tödlich eingestuft wurde, dann trotzdem geheilt wurde. Oder es ist ein Wunder, dass jemand aus einer Situation, die als auswegslos angesehen werden musste, dann doch noch zu allerletzt einen Ausweg aus der vermeintlichen Sackgasse gefunden hat.

 

Aber Wunder können natürlich auch Leid bringen. Wenn es nach der Erzählung des Alten Testamentes Josua in letzter Minute gelingt, seine Feinde mit Gottes Hilfe trotz drückender Übermacht des Gegners zu besiegen und zu vernichten, dann mag dieses Wunder, das Gott bewirkt hat, für die kämpfenden Juden ein erfreuliches Ereignis gewesen sein. Für die Kanaaniter, die vernichtend geschlagen wurden, war das gleiche Ereignis ein sehr leidvolles Geschehen.

 

Oder nehmen wir als zweites Beispiel die Wunder, welche Moses auf Anweisung Gottes vor dem Pharao bewirkte, auch sie waren ein zweischneidiges Schwert: Für Moses und die Juden bewirkten diese Wunder, dass der Pharao schließlich zähneknirschend die Juden ziehen ließ, für den Pharao selbst führten die verschiedenen Plagen fast zum Ruin des ägyptischen Staates.

 

Legen wir den Duden zugrunde, so kann mit dem Begriff ‚Wunder‘ im Grunde zweierlei Inhalt verbunden werden.

 

Erstens wird an einen ‚außerordentlichen, staunenerregenden, der Erfahrung oder den Naturgesetzen zuwiderlaufenden Vorgang gedacht: Es ist ein Wunder geschehen; es war ein Wunder, dass er befreit wurde; nur ein Wunder kann sie noch retten; die Geschichte klingt wie ein Wunder; sie hofften auf ein Wunder.‘

 

Zweitens wird mit diesem Begriff einfach etwas verbunden, ‚was in seiner Art, durch sein Maß an Vollkommenheit das Gewohnte, Übliche weit übertrifft und Staunen erregt und eine große Leistung darstellt: Diese Brücke ist ein Wunder der Technik; die Apparate sind wahre Wunder an Präzision oder er wird sein blaues Wunder, gemeint ist eine böse Überraschung, erleben.‘

 

Wenden wir uns nun als erstes der Bedeutung von Wundern im Rahmen der Wissenschaft zu. Wir hatten eingangs davon gesprochen, dass der Wissenschaftler im Allgemeinen an die Existenz von Wundern nicht glaubt. Für ihn liegt ein Wunder dann vor, wenn es nicht durch die Naturgesetze erklärt werden kann. Zwar kann natürlich auch die Wissenschaft nicht umhin, zuzugeben, dass nicht alle Phänomene ausreichend erklärt werden können. Das liegt jedoch nach Auffassung der meisten Wissenschaftler nicht daran, dass diese Ereignisse entgegen der Naturgesetze eingetreten sind, vielmehr müsse davon ausgegangen werden, dass restlos alle Ereignisse hier auf Erden und im Kosmos aufgrund des Wirkens der Naturgesetze erfolgt sind.

 

Nur deshalb, weil unser Wissen heute noch unvollkommen ist, sind wir heute noch nicht in der Lage, bestimmte Ereignisse zu erklären. Verbunden mit diesem Zugeständnis wird die Hoffnung verbunden, dass in naher oder auch entfernter Zukunft einmal auch diese heute unerklärlichen Ereignisse befriedigend auf das Wirken der Naturgesetze zurückgeführt werden können.

 

Im Rahmen der Wissenschaftstheorie wird die Entdeckung unseres gesamten Wissens im Grunde auf die Existenz zweier Organe zurückgeführt. Wir gelangen zu neuem Wissen einmal mit Hilfe unserer Sinnesorgane, zum andern dadurch, dass wir mit Hilfe unseres Verstandes aus diesen Beobachtungen Schlussfolgerungen ziehen, wir verallgemeinern und wir schließen Widersprüche aus.

 

Mit den Sinnesorganen machen wir Beobachtungen, wir sehen oder hören oder ertasten bestimmte Ereignisse und wenn wir feststellen, dass zwei oder mehrere Vorgänge immer wieder gleichzeitig oder kurz hintereinander in einer ganz bestimmten Gesetzmäßigkeit auftreten, bilden wir eine Hypothese über diese Zusammenhänge. Und wenn es uns dann gelingt, durch zahlreiche empirische Untersuchungen, diese Beobachtungen zu bestätigen, sprechen wir von einer Theorie, welche durch empirische Untersuchungen bestätigt wurde.

 

Allerdings unterliegen wir Menschen bei diesen Untersuchungen gewissen Begrenzungen. Erstens können wir nur Dinge mit unseren Sinnen beobachten, welche hier auf Erden oder im Kosmos stattfinden. Metaphysische Fragen, wie z. B. die Frage, ob die Welt von einem Gott erschaffen wurde oder rein zufällig entstanden ist oder ob es ein Leben nach dem Tode gibt, lassen sich mit Hilfe unserer Sinne nicht erforschen. Und zwar ist damit nicht in erster Linie gemeint, dass unsere Sinne nicht immer ein exaktes Abbild der Wirklichkeit darstellen, dass sehr wohl in Einzelfällen Sinnestäuschungen aufgrund der Unvollkommenheit der Sinnesorgane möglich sind.

 

Diese Schwächen mindern nicht die Tatsache, dass wir in aller Regel gerade diese Unvollkommenheiten erkennen können und dass wir deshalb auch in der Lage sind, diese Unvollkommenheiten zu beseitigen oder zumindest zu verringern. Bei metaphysischen Fragen scheitern unsere Sinnesorgane grundsätzlich, es sind nicht nur partielle Unvollkommenheiten, welche unsere Sicht trüben, vielmehr sprechen unsere Sinnesorgane diese Fragenkomplexe gar nicht an, so wie wenn ein Instrument, das Lichtwellen wahrnimmt, gar nicht die Fähigkeit aufweist, Gerüche oder Geschmacksempfindungen wahrzunehmen.

 

Eine zweite Begrenzung unserer Wahrnehmungsorgane besteht darin, dass wir Gesetzmäßigkeiten, welche für eine ganz bestimmte Gruppe von Objekten formuliert werden, zwar falsifizieren, aber niemals verifizieren können.

 

Wie steht es aber mit der möglichen Verifizierung dieser Hypothese? Es gibt keine Möglichkeit, eine allgemeine Gesetzmäßigkeit (wie z. B. die These, dass alle Unternehmer bestrebt sind, ihren Gewinn zu maximieren) eindeutig in dem Sinne zu verifizieren, dass sie restlos für alle Objekte, in unserem Falle also für alle Unternehmer gültig wäre.

 

Es dürfte schon sehr schwierig sein, diese These für alle heute lebenden Unternehmer zu überprüfen. Ein solcher Versuch würde bereits an den immensen Kosten einer solchen empirischen Überprüfung scheitern, ganz geschweige davon, dass wir auch über keine Mittel verfügen, alle Unternehmer zu zwingen, sich an einer solchen Überprüfung zu beteiligen, auch könnte ein Unternehmer oftmals ein bestimmtes Verhalten nur vortäuschen, ohne dass er in dieser Absicht eindeutig überführt werden könnte.

 

Aber nehmen wir einmal an, wir könnten diese Schwierigkeiten überwinden und wären also in der Lage, alle heute lebenden Unternehmer auf diese Frage hin zu überprüfen und korrekte Antworten zu erhalten. Aber wie steht es mit den Unternehmern, welche in der Vergangenheit gelebt haben? De facto wurden in der Vergangenheit nicht alle damals lebenden Unternehmer auf dieses Verhalten hin getestet.

 

Des Weiteren hat eine allgemeine Gesetzmäßigkeit unabhängig von Raum und Zeit zu gelten, es fehlt uns auf jeden Fall der Nachweis, ob sich auch die Unternehmer in Zukunft an diese Maxime halten. Dies bedeutet, dass wir gar nicht in der Lage sind, Gesetzmäßigkeiten, wie sie in den exakten Naturwissenschaften festgestellt werden, auch im wirtschaftlichen (menschlichen) Bereich aufzustellen.

 

Wir begnügen uns deshalb bei der Überprüfung allgemeiner Hypothesen darauf, in einigen wenigen Fällen das behauptete Verhalten zu überprüfen. Und wenn es uns zum wiederholten Male nicht gelungen ist, eine Hypothese auf diese Weise zu widerlegen, so sprechen wir davon, dass sie vorläufig bestätigt wurde, dass es nicht gelungen ist, sie zu widerlegen, wir fügen jedoch hinzu, dass diese Bestätigung nur vorläufig, also nicht endgültig gilt, da in Zukunft sehr wohl Fälle bekannt werden können, bei denen dieses Verhalten nicht festgestellt wird.

 

Wir gehen in diesem Falle davon aus, dass das Auftreten der in der Hypothese aufgestellten Beziehungen abhängt von einer oder mehrerer Voraussetzungen, von denen nie mit hundertprozentiger Gewissheit bekannt sein kann, ob wir bereits alle diese Voraussetzungen kennen. Es muss stets mit der Möglichkeit gerechnet werden, dass bestimmte Ereignisse von Voraussetzungen abhängen, welche heute tatsächlich vorliegen, aber als solche nicht erkannt werden.

 

Wenn nun in der Zukunft diese notwendige Voraussetzung entfällt, würde das hier getestete Ergebnis nicht mehr vorliegen und es würde offensichtlich, dass unsere Hypothese korrigiert werden muss, in unserem Falle vielleicht dadurch, dass wir die These vom gewinnmaximierenden Verhalten einschränken auf die Fälle, in denen die Unternehmer einem intensiven Wettbewerb ausgesetzt sind, während wir dann von Monopolisten diese These nicht mehr als gegeben annehmen können.

 

Versuchen wir nun dieses Wissenschaftsbild auf die Frage anzuwenden, ob wir – wie oben angedeutet  – wissenschaftlich einwandfrei feststellen können, dass es gar keine Wunder geben könne. Beginnen wir mit einem konkreten Einzelfall: Zur Diskussion stehe die Frage, ob die Heilung eines Kranken, der von einer angeblich tödlichen Krankheit befallen war, als Wunder eingestuft werden kann.

 

Der Wissenschaftler kann hier allenfalls feststellen, dass es entweder nach heutigem Wissensstand keine Möglichkeit gibt, diese Heilung zu erklären – man müsste aber einschränkend hinzufügen, dass es durchaus denkbar ist, dass in Zukunft wissenschaftliche Erkenntnisse gewonnen werden können, aufgrund derer eine Heilung dieser Krankheit durchaus aufgrund bestimmter Naturgesetzmäßigkeiten erklärt werden kann.

 

Oder aber es ist auch denkbar, dass man zu dem Ergebnis kommt, dass diese konkrete Heilung sehr wohl mit den heute gültigen Erkenntnissen erklärbar erscheint. Aber gerade deshalb, weil unser Wissen immer unvollkommen ist, müsste man auch in diesem Falle einräumen, dass es auch denkbar wäre, dass der hier angesprochene Zusammenhang in Wirklichkeit die Heilung nicht bewirkt habe, dass diese Heilung vielmehr aufgrund eines anderen, überhaupt nicht erklärbaren Zusammenhanges zustande kam.

 

Wir haben unser Beispiel zunächst auf einen Einzelfall bezogen, wollten also überprüfen, ob wir für einen konkreten Fall einer Heilung aus wissenschaftlicher Sicht von einem Wunder sprechen oder auch dieses ausschließen können.

 

Viel wichtiger ist jedoch die Frage, ob aus wissenschaftlicher Sicht die allgemeine These, es kann keine Wunder geben, bewiesen werden kann, ob also alle Fälle, bei denen ein bestimmtes Ereignis nicht erklärt werden kann, eindeutig damit begründet werden können, dass unser Wissen unvollkommen ist, dass wir aber dann, wenn wir über vollkommenes Wissen verfügen könnten, Wunder eindeutig ausschließen müssten.

 

Hier stehen wir nach oben Gesagtem vor dem eindeutigen Dilemma, dass gerade diese präzise Antwort mit den Mitteln der empirischen Wissenschaft gar nicht gegeben werden kann. Gerade weil wir davon ausgehen müssen, dass unser Wissen über die Naturgesetze immer unvollkommen bleiben wird, können wir auch niemals exakt ausschließen, dass bestimmte Ereignisse nicht aufgrund des Wirkens von Naturgesetzen auftreten können. Dieser Schluss wäre nur möglich, wenn wir eines Tages über ein vollkommenes Wissen über die Naturgesetze verfügen könnten.

 

Wir kommen also zu dem Ergebnis dass die häufig formulierte These, ‚aus wissenschaftlicher Sicht könne es gar keine Wunder geben, alle Ereignisse auf dieser Erde und im Kosmos könnten zumindest grundsätzlich auf das Wirken der Naturgesetze zurückgeführt werden‘ eine zwar hilfreiche, aber keinesfalls bewiesene, noch nicht einmal beweisbare Hilfshypothese darstellt.

 

 

Fortsetzung!