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Gottes Gebote Fortsetzung

 

 

 

Gliederung:

 

1.   Einleitung

      1a. Beschränkung auf Glaubenswahrheiten

      1b. Schwierigkeiten bei der Übermittlung von Glaubenswahrheiten

      1c. Schwierigkeiten bei der Übersetzung der Bibeltexte

 

2. Das Gebot ‚Wachset und vermehret euch‘

    2a. Ausgangspunkt: der Text der Bibel

    2b. Was bedeutet Erbsünde?

    2c.  Urknalltheorie und Schöpfungsbericht

    2d.  Mögliche Fehlinterpretationen

 

3. Die Aufforderung ‚Machet Euch die Erde untertan‘

    3a. Wie ist diese Weisung zu verstehen?

    3b. Das Problem der Effizienzanalyse

    3c. Das Problem möglicher negativer Sekundärwirkungen

 

 

 

 

 

2d.  Mögliche Fehlinterpretationen

 

Fahren wir in der Analyse der Weisung: ‚Wachset und vermehret euch‘ fort. Als zweites gilt es festzuhalten, dass die ersten Kapitel der Genesis nicht unbedingt die geschilderten Ereignisse in der Reihenfolge erzählen, in der sie sich ereignet haben. So wird wie bereits erwähnt im ersten Kapitel der Genesis (Kapitel 1, 27,28) im Bericht über die Erschaffung des Menschen, davon gesprochen, dass Gott die ersten Menschen nach ihrer Erschaffung auffordert, sich zu vermehren: ‚Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie. Gott segnete sie und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und vermehrt euch, bevölkert die Erde.‘

 

Ein glückliches Leben im Paradies setzt wohl voraus, dass sich dort nur ganz wenige Menschen aufhalten konnten, da die wenigen Früchte im Garten Eden wohl kaum eine große Weltbevölkerung hätten ernähren können. Die Aufforderung, sich zu vermehren und die Erde zu bevölkern, wird erst richtig verständlich, wenn man unterstellt, dass diese Aufforderung überhaupt erst nach dem Verlassen des Paradieses Gültigkeit besitzt.

 

Man wird davon ausgehen müssen, dass die Entwicklung der Menschheit zu Beginn des menschlichen Lebens irgendwann einmal an eine Scheidelinie kam, dass sich also das menschliche Leben in zwei unterschiedliche Richtungen hätte entwickeln können. Von der ersten Richtung berichtet die Bibel, dass zunächst nur wenige Menschen  (Adam und Eva) im Paradies lebten, aber auch nicht Gefahr liefen zu sterben, in Mitten des Paradieses stand ja der Baum des Lebens; sie lebten in Hülle und Fülle und mussten auch nicht im Schweiße des Angesichts arbeiten.

 

Der biblische Bericht über den Sündenfall und die Vertreibung der Menschen aus dem Paradies zeigt jedoch, dass die Menschheit offensichtlich durch eine eigene Entscheidung einem anderen Entwicklungsstrang folgte, geschlechtliche Beziehungen pflegte und sterblich wurde. Die Sterblichkeit des Menschen war insofern eine Folge dieser Entwicklungslinie, da sinngemäß der Nahrungsspielraum dieser Erde auch nicht für unendlich viele Menschen ausreicht. Deshalb ist die Sterblichkeit des Menschen nur die Kehrseite des Umstandes, dass die natürlichen Ressourcen auf dieser Erde begrenzt sind und deshalb nicht ausreichen könnten, wenn trotz der Vermehrung der Menschen diese unsterblich blieben. Eine Unsterblichkeit des Menschen war aber offensichtlich im Paradies durchaus angelegt. Bildlich gesprochen stand nur im Paradies der Baum des Lebens, dessen Früchte offensichtlich ein ewiges Leben garantierten und die ohne große Mühen geerntet werden konnten; das Wegschicken aus dem Paradies bedeutet, dass der Mensch nicht im Paradies, sondern nur außerhalb des Paradieses sterblich ist.

 

Der Umstand, dass die Menschheit den zweiten Entwicklungspfad (Vermehrung mit Sterblichkeit) beschritt, wird nun in der Bibel als Folge des Sündenfalls geschildert. Die Bibel folgt hiermit einer weitverbreiteten Vorstellung, welche vor allem in der Frühphase der Menschheit alle menschlichen Unglücksfälle und alle natürlichen Katastrophen als Folge eines sündhaften Tuns der Menschen zu interpretieren versucht hat. Hierbei gibt es wenig Sinn, wenn man den Bericht der Bibel wörtlich versteht und meint, dass die Geschlechtslust sowie die Pflege geschlechtlicher Beziehungen als solche als die Sünde schlechthin anzusehen sei. Vielmehr dürfte das Verbot, vom Baum der Erkenntnis zu essen, sinnbildlich dafür stehen, dass gemeinsames Leben immer das Einhalten gewisser Regeln notwendig macht, ohne das menschliches Leben nicht möglich ist.

 

Der erste Sündenfall besteht dann weniger darin, dass Adam und Eva Früchte von dem Baum der Erkenntnis aßen oder – was damit gleichbedeutend sein dürfte – geschlechtliche Lust empfanden und geschlechtlichen Verkehr pflegten, sondern einfach, dass sie die von Gott erlassenen Gebote übertreten haben, dass sie die für ein gedeihliches Miteinander notwendigen Regeln außer Acht ließen, um ihrem Streben nach Eigennutz zu entsprechen. Auch ging dem Sündenfall die Aussage der Schlange (des Teufels) voraus, dass die Menschen Gott gleich würden, wenn sie vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse äßen. Das Übertreten des Verbotes kann deshalb auch als eine Art Hybris angesehen werden, dass sie sich Gott gleich stellen wollten und deshalb bestraft wurden.

 

Es gibt also wenig Sinn, in der Geschlechtslust und im gemeinsamen Geschlechtsverkehr von Mann und Frau grundsätzlich das Sündhafte schlechthin zu sehen, wenn man gleichzeitig daran glaubt, es entspreche Gottes Wille, dass sich die Menschen - zumindest nach dem Verlassen des Paradieses – vermehren sollten. Die Funktion des Geschlechtstriebes liegt eben gerade darin, dieser Aufforderung zur Vermehrung der Menschen zu entsprechen und das Vorhandensein der Geschlechtslust kann als Anreiz, dieser Aufforderung nachzukommen, angesehen werden. Somit kann die Ausführung dieser Aufforderung als solche sicherlich nicht als Sünde bezeichnet werden.

 

Dies heißt natürlich nicht, dass im Zusammenhang mit dem Geschlechtsverkehr alles erlaubt ist. Geschlechtlicher Verkehr stellt eine soziale Beziehung dar und im Zusammenhang mit sozialen Beziehungen kann das Gebot, seinen Nächsten zu achten, sehr wohl verletzt werden. Auch für den Geschlechtsverkehr gilt das, was für jede Beziehung der Menschen untereinander gilt, dass man dem Partner kein Leid zufügen darf und dass man ihm in Not – und dazu zählt nicht nur materielle Not – beistehen soll. Es kann kein Zweifel bestehen, dass gerade im sexuellen Bereich diesem Gebot häufig nicht gefolgt wird. Die Möglichkeit der Vergewaltigung ist nur der Gipfel eines sündhaften vielfältigen Verhaltens im Zusammenhang mit dem Geschlechtstrieb.

 

Die Aufforderung: ‚Wachset und vermehret euch‘ ist nun drittens sicherlich nicht so zu verstehen, dass jeder aufgefordert sei, soviel Kinder wie möglich zu zeugen und dass derjenige, der keine oder nur wenige Kinder zeugt, dieses Gebot verletzt. Auch hier gilt, wie für alle menschlichen Handlungen, dass es ein Zuviel genauso wie ein Zuwenig geben kann. Bei der Realisierung dieser Aufforderung kommt es einmal auf das tatsächliche, zahlenmäßige Verhältnis zwischen Nahrungsspielraum und Bevölkerungsgröße an. Es entspricht sicherlich nicht dem Willen Gottes, dass mehr Menschen geboren werden als der vorhandene Nahrungsspielraum Menschen ernähren kann. Eine Überbevölkerung, die gar nicht ernährt werden kann, ist sicherlich nicht erwünscht. Es kann nicht dem Willen Gottes entsprechen, dass Menschen in die Welt gesetzt werden, welche dann wegen eines zu geringen Nahrungsspielraumes verhungern müssen.

 

Weiterhin gilt es immer zu bedenken, dass dieses Gebot am Anfang der Menschheitsgeschichte von Gott ausgesprochen wurde, also zu einer Zeit, in welcher die Zahl der Menschen noch gering war (auf Adam und Eva beschränkt war) und bei weitem nicht dem vorhandenen Nahrungsspielraum entsprochen hat. In Zeiten der Überbevölkerung entspricht eine geschlechtliche Enthaltung sicherlich eher diesem Gebot, als dass jeder einzelne bemüht ist, soviel Kinder wie möglich zu erzeugen. Damit ist natürlich noch in keiner Weise entschieden, auf welchem Wege eine solche Enthaltung zu erfolgen hat. Auch hier gilt, dass nur solche Möglichkeiten erwünscht sind, welche nicht mit anderen Grundsätzen und Geboten in Widerspruch geraten.

 

Schließlich gilt es bei der Beantwortung der Frage, inwieweit jeder einzelne der Aufforderung ‚Wachset und vermehret euch‘ entspricht, auch die jeweilige individuelle Situation jedes einzelnen zu berücksichtigen. Selbst in Zeiten, in denen eine Unterbevölkerung besteht, also die Bevölkerungszahl im Vergleich zum Nahrungsspielraum viel zu gering erscheint und vielleicht auch aus anderen Gründen ein Bevölkerungswachstum in hohem Maße erwünscht ist, muss immer damit gerechnet werden, dass es einzelne Menschen gibt, für welche dieses Gebot nicht gilt, entweder deshalb nicht, weil sie aufgrund ihrer Konstitution gar nicht in der Lage sind, Kinder zu zeugen oder eine Geburt für sie mit großen gesundheitlichen oder auch materiellen Gefahren verbunden ist oder schließlich auch deshalb, weil sich der einzelne (vielleicht sogar in Befolgung der Gebote Gottes wie z. B. der Dienst in einem Orden) Aufgaben gesetzt hat, welche eine Heirat und geschlechtlichen Verkehr innerhalb einer Familie schwierig machen, vielleicht sogar ausschließen. Man kann eben Gott auch auf andere Weise dienen und seine Gebote befolgen als dadurch, dass man möglichst viele Kinder in die Welt setzt. Die Aufforderung: ‚Wachset und vermehret euch‘ ist eben nur eine unter mehreren Weisungen Gottes.

 

 

3. Die Aufforderung ‚Machet Euch die Erde untertan‘

 

Die Aufforderung Gottes an die Menschen, „Machet Euch die Erde untertan“, findet sich im Buch Moses Genesis 1,28. Dort heißt es: ‚Gott segnete sie und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und vermehrt euch, bevölkert die Erde, unterwerft sie euch und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf dem Land regen.‘

 

 

 3a. Wie ist diese Weisung zu verstehen?

 

Das Wort ‚untertan‘ bzw. ‚unterwerft sie euch‘ ist sicherlich missverständlich. Es ist nicht gemeint, dass wir Tiere oder sogar Menschen versklaven dürfen. Vielmehr sollen wir mit Hilfe unsere Sinne, welche uns Beobachtungen ermöglichen und mit Hilfe unseres Verstandes, welcher Zusammenhänge und logische Widersprüche erkennen lässt, die Welt verwalten,  ihre Gesetzmäßigkeiten studieren und entsprechend der Naturgesetze handeln. 

 

Was dies im Einzelnen bedeutet, soll anhand von Naturkatastrophen wie Erdbeben und Tsunami erläutert werden. Als erstes gilt es die Naturgesetze zu erforschen. Hierbei erkennen wir, dass sowohl Erdbeben wie auch Tsunami vor allem dadurch entstehen, dass sich die Erdplatten übereinander schieben. Erfolgt dies auf Land, sind Erdbeben zu erwarten, erfolgt dies jedoch im Meer, entsteht ein Tsunami. Zu dem Wissen über die Ursachen dieser Naturkatastrophen zählt auch die Erkenntnis, dass von Epizentren der Erdbeben und Tsunamis ein ganz bestimmtes Muster von Strahlen ausgeht, welche erkennen lassen, wann, mit welcher Stärke und in welchen räumlichen Landstrichen mit dem Ausbruch von Erdbeben bzw. Tsunami zu rechnen ist.

 

Aufgrund dieses Wissens können wir zweitens die Menschen vorübergehend und rechtzeitig aus den Gefahrenzonen bringen und auf diese Weise die Zahl der Opfer dieser Naturkatastrophen entscheidend verringern. Längerfristig könen wir drittens im Rahmen der Siedlungspolitik den Bau von Wohnungen und Betriebsstätten stärker auf die Landstriche konzentrieren, die in unterdurchschnittlichem Maße von diesen Naturkatastrophen heimgesucht werden. Viertens können wir auch die Technik der Bauweise dahin gehend verbessern, dass die Bauten kleinere Naturkatastrophen überstehen  können. So ist es heutzutage bereits möglich, Gebäude zu errichten, welche die Stöße von kleineren Erdbeben abfangen können und deshalb nicht zerstört werden. Sicherlich kann diese Entwicklung verbessert werden und auch die Zerstörungen, welche von Flutwellen ausgehen, vermindern. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt.

 

Fünftens schließlich können wir uns klar machen, dass die Zunahme dieser Naturkatastrophen in den letzten Jahrzehnten offensichtlich auch zum Teil durch unsere Produktionsweise ausgelöst wurde. Vor allem der enorme Ausstoß von Kohlendioxid hat zu einer weitgehenden Zerstörung der Ozonschicht geführt, hierdurch unter anderem zu einer Erderwärmung geführt, welche selbst wiederum das Abschmelzen der Eisblöcke an den Erdpolen verursacht hat, was selbst wiederum zur Folge hat, dass ganze Landstriche überflutet werden.

 

Diese Aufforderung, sich die Erde zu unterwerfen kann nun in einem zweifachen Sinne verstanden werden. Einmal in dem Sinne, dass die Menschen durchaus berechtigt sind, die Erde und die in ihr geltenden Naturgesetze anzuwenden, zum andern aber auch in dem Sinne, dass auch die natürlichen Prozesse keinesfalls als fertig und optimal angesehen werden können, dass alles in seiner Entstehungsphase unvollkommen war und deshalb weiterentwickelt werden wird und dass deshalb die Menschheit auch den Auftrag hat, auf eine Weiterentwicklung der irdischen Gesetzmäßigkeiten hinzuarbeiten. Also auch die natürlichen Vorgänge sind nicht vollkommen, in ihrer Folge entstehen z. B. verheerende Verwüstungen und sehr viel menschliches Leid und es ist sicherlich erwünscht, dass die Menschen sich darum bemühen, die natürlichen Prozesse so zu beeinflussen oder auch nur so zu beachten, dass die bisherigen Fehlentwicklungen vermieden werden oder zumindest abgemildert werden.

 

Hierbei ist zu berücksichtigen, dass die Entwicklung auch der natürlichen Prozesse dem von Charles Darwin entwickelten Prinzip folgt, dass also mit der Zeit Entwicklungslinien, die sich nicht bewährt haben, aufgegeben werden und dass sich die jeweils geeigneteren, weil lebensfähigeren Gesetzmäßigkeiten durchsetzen.

 

Allerdings muss festgestellt werden, dass diese Entwicklung zum Besseren sehr langsam voranschreitet und oftmals viele Millionen Jahre benötigt, um sich durchzusetzen und dass deshalb in dieser sehr lang andauernden Zwischenphase auch sehr viel menschliches Leid und Unvollkommenheiten ertragen werden müssen, wollte man das Wirken und die Gültigkeit der Naturgesetze als vorgegeben und durch den Menschen nicht beeinflussbar ansehen.

 

Hier setzt nun die Aufforderung „machet euch die Erde untertan“ ein. Der Mensch ist zwar auf der einen Seite im Vergleich zur Wirkungsweise der Naturgesetze schwach und unvollkommen. Er kann aber sehr wohl, dadurch dass er das Wissen um die Naturgesetze ausnutzt, die menschlichen Verhältnisse zu  einem besseren beeinflussen und Mängel, die sich aufgrund der natürlichen Ereignisse (des Wirkens der Naturgesetze) einstellen, beseitigen oder zumindest vermindern.

 

Hierbei gilt es allerdings zweierlei zu beachten. Diese Einflussnahme darf immer nur unter Beachtung und Ausnutzung der Naturgesetze erfolgen. Es wäre vermessen und auch ganz unmöglich, wenn sich die Menschheit darum bemühen würde, neben dem Wirken der Naturgesetze ganz neue Gesetzmäßigkeiten einzuführen. In den Naturgesetzen liegt eine viele Millionen Jahre liegende Erfahrung, die der Mensch in der kurzen Zeit, in der er Einfluss ausüben kann, niemals erreichen kann. So sind z. B. die Bemühungen um die Schaffung einer künstlichen Intelligenz bei allen ihren beachtenswerten Erfolgen immer noch klein und begrenzt gegenüber den natürlichen Gesetzmäßigkeiten, denen das menschliche Gehirn folgt.

 

Zum Zweiten kann man durchaus anerkennen, dass der Mensch in einem wesentlichen Punkt der Entwicklung der natürlichen Prozesse etwas voraus hat. Die natürlichen Gesetzmäßigkeiten verlaufen im gewissen Sinne blind, neue Formen werden vollkommen willkürlich entwickelt und die Zeit entscheidet dann darüber, welche dieser Versuche als geeignet angesehen werden können und welche sich deshalb auf sehr lange Sicht behaupten und durchsetzen werden und welche unbrauchbar sind und deshalb wieder verschwinden. Der Mensch hingegen ist vernunftbegabt, kann sich – bevor er eine Erfindung macht und neue Wege beschreitet – darüber Gedanken machen, welche neuen Wege denkmöglich und erwünscht erscheinen und in einer Art Gedankenexperiment bereits Wege, die in eine Sackgasse führen, von vornherein erkennen und bereits hier im Denkexperiment ausschließen. Durch gezielte Laboruntersuchungen kann nämlich im Vergleich zur Wirkungsweise der Naturgesetze relativ schnell festgestellt werden, ob bestimmte Erfindungen (neue Wege oder Produkte) zum Erfolg führen oder nicht.

 

Auf der anderen Seite ist auch der noch so sorgfältig vorgehende Mensch nicht in der Lage, nicht beabsichtigte Nebenwirkungen vollständig zu erkennen. Bei jeder neuen Erfindung muss davon ausgegangen werden, dass unerwünschte Nebenwirkungen auftreten, welche im Zeitpunkt der Einführung der Erfindung noch gar nicht bekannt sind. In viel stärkerem Maße als dies für die Effizienzanalyse gilt, müssen wir davon ausgehen, dass über die Wirkungen, welche als Sekundärwirkungen eingestuft werden, keine ausreichenden theoretischen Erkenntnisse vorliegen, dass also über mögliche Sekundärwirkungen nur spekuliert werden kann, ja dass oftmals das Vorhandensein bestimmter Sekundärwirkungen erst sehr viel später – Jahre, Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte später – bekannt wird.

 

 

3b. Das Problem der Effizienzanalyse

 

Betrachten wir hierzu zunächst das im Rahmen einer Effizienzanalyse angewandte Erforschungsverfahren. Es ist Anliegen einer Theorie, über möglichst alle Bestimmungsgründe einer Problemgröße zu unterrichten. So geht z. B. die keynesianische Inflationstheorie davon aus, dass allein der Anstieg in der effektiven Nachfrage für Güterpreissteigerungen verantwortlich ist. Da wir die Gesamtnachfrage in Konsum-, Investitions- Staats- und schließlich Exportausgaben untergliedern, haben wir mit dieser Aufzählung auch alle bekannten möglichen Bestimmungsgründe einer Inflation (allerdings nur nach Meinung der Keynesianer) berücksichtigt.

 

Diese angestrebte Vollständigkeit in der Anzahl der Bestimmungsgründe ist im Allgemeinen auch möglich, da wir davon ausgehen können, dass dieser Zusammenhang zwischen Bestimmungsgründen und Problemvariablen in relativ kurzer, überschaubarer Zeit stattfindet und deshalb bei einer genauen empirischen Beobachtung auch in der Regel festgestellt werden kann.

 

 

3c. Das Problem möglicher negativer Sekundärwirkungen

 

Anderes gilt im Allgemeinen für das Auftreten von Sekundärwirkungen. Hier geht man in der Regel davon aus, dass längere Zeiträume verstreichen, bis die unerwünschten Sekundärwirkungen einer Maßnahme eintreten. Bringen wir das Beispiel einer keynesianischen Beschäftigungspolitik. Die Theorie belehrt uns darüber, dass positive Beschäftigungseffekte schon sehr bald nach Erhöhung der Staatsausgaben festgestellt werden können. Schließlich stellen Staatsausgaben, welche für den Ankauf von Gütern und Dienstleistungen eingesetzt werden, bereits Einkommenssteigerungen dar und verursachen unmittelbar eine Steigerung der Produktion und damit auch der Beschäftigung.

 

Im Rahmen der Inflationstheorie wird allerdings darauf hingewiesen, dass diese Staatsausgabensteigerungen im Allgemeinen auch zu Preissteigerungen führen, dass jedoch der time lag, der zwischen Ausgabensteigerung und Preissteigerung liegt, wesentlich größer ist als der time lag zwischen Ausgabensteigerung und Beschäftigungszunahme. Die Notenbank senkt in Zeiten der Depression den Zinssatz, diese Verbilligung des Geldes führt zu einer drastischen Erhöhung der umlaufenden Geldmenge, die jedoch zum größten Teil wegen der schlechten Konjunkturaussichten vorwiegend in Kasse gehalten wird und deshalb zunächst auch keinen negativen Einfluss auf das augenblickliche Preisniveau ausüben kann. Erst bei erneutem Anstieg der Konjunktur werden die Gelder für Käufe verwandt, sodass es dann erst verzögert – lange nach Erhöhung der Geldmenge – zu starken Preissteigerungen kommt.

 

Dies ist auch der Grund für die Beliebtheit einer expansiven Beschäftigungspolitik unter den Politikern. Wenn sie mit diesen Maßnahmen kurz vor der Wahl beginnen, können sie hoffen, dass sich die Beschäftigungssteigerungen noch positiv auf die Wahl auswirken werden, dass aber die unerwünschten Preissteigerungen erst nach der Wahl auftreten und deshalb keinen Einfluss auf das Wählerverhalten nehmen werden. Da mit William Nordhaus davon ausgegangen werden kann, dass die Wähler relativ schnell vergessen und ihr Wahlverhalten allein von den Ereignissen kurz vor der Wahl abhängt, werden die Inflationswirkungen den Politikern auch langfristig nicht angerechnet.

 

Gerade dieser längere Zeitraum des Auftretens von Sekundärwirkungen bringt es nun mit sich, dass wir zwar im Rahmen der Effizienzanalyse über Theorien verfügen, welche möglichst alle bekannten Bestimmungsgründe auflisten, dass es aber keine Theorie gibt, welche alle möglichen Sekundärwirkungen zusammenfasst. Fragen wir nach den Sekundärwirkungen einer expansiven Beschäftigungspolitik, so erfahren wir – wenn überhaupt – über die zu erwartenden Preissteigerungen im Rahmen der Inflationstheorie, über die Wachstumsauswirkungen im Rahmen der Wachstumstheorie, über die unerwünschten Verteilungseffekte im Rahmen der Verteilungstheorie und über die möglichen Fehlallokationen im Rahmen der Allokationstheorie. Mit dieser Aufzählung habe ich aber keineswegs alle denkbaren und unerwünschten Nebenwirkungen einer keynesianischen Beschäftigungspolitik aufgezählt.

 

Dieses unterschiedliche Verfahren im Rahmen der Effizienz- und Sekundärwirkungsanalyse bringt es nun mit sich, dass der Fortschritt in der Entwicklung von Theorien im Zusammenhang mit den Sekundärwirkungen sehr viel geringer ist als im Zusammenhang mit Effizienzproblemen. Treten nämlich im Zusammenhang mit der Effizienzanalyse die prognostizierten Wirkungen einer Theorie nicht auf oder sind offensichtlich andere Bestimmungsgründe für das Auftreten einer Problemgröße verantwortlich, so besteht auch ein starker Anreiz, die Theorie zu modifizieren. Im Rahmen der Forschung ergibt sich die Notwendigkeit, eine Theorie solange zu modifizieren, bis schließlich (fast) alle bisher feststellbaren Bestimmungsgründe einer Problemgröße in die Theorie aufgenommen sind.

 

Ganz anders erfolgt der Prozess der Wissensfindung im Zusammenhang mit Sekundärwirkungen. Es gibt kein Verfahren der Falsifikation, wenn wir bisher von der falschen Hypothese ausgegangen sind, dass sich eine expansive Beschäftigungspolitik nur auf die Inflationsrate, nicht aber auf die Allokation negativ auswirkt. Es steht nicht eine Theorie, sondern nur Teile recht unterschiedlicher Theorien auf dem Prüfstand, die auch noch zumeist von unterschiedlichen Wissenschaftlern bearbeitet werden. Es fehlt also hier der Anreiz zu überprüfen, ob nicht auch Sekundärwirkungen auf andere Problemgrößen zu befürchten sind. Es ist mehr eine Frage des Zufalls, dass man auf Sekundärwirkungen stößt und dies gilt umso mehr, je weniger solche Zusammenhänge vermutet werden. Aus diesen Gründen dürfte also eine Analyse der Sekundärwirkungen in stärkerem Maße als die Effizienzanalyse spekulativer Natur sein.

 

Gerade aus diesen Gründen werden oftmals bei Einführung neuer Maßnahmen negative Sekundärwirkungen prognostiziert, die dann gar nicht eintreten und andererseits werden negative Sekundärwirkungen größeren Ausmaßes übersehen, welche erst im Nachhinein – vielleicht sogar erst Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte nach der Einführung einer Maßnahme – festgestellt werden. Bringen wir einige Beispiele aus der Geschichte der angewandten Technik.

 

Beispiel Nr. 1: Contergan.

Erwähnt sei als erstes die Entwicklung des Medikamentes Contergan. Das Medikament Contergan wurde zunächst in der Werbung als der Durchbruch in der Forschung von Schmerz- und Schlafmitteln schlechthin gefeiert: Mit diesem Medikament sei es schließlich gelungen, eine wirksame Bekämpfung der Schmerzen anzubieten, ein Medikament sei gefunden worden, das im Gegensatz zu den bisherigen Schmerzmitteln ohne gravierende Nebenwirkungen – auch und gerade bei Schwangeren – eingenommen werden könne. Man sprach von einer Schmerzbekämpfung ohne Reue.

 

Thalidomid wurde hierbei im Jahre 1957 eingeführt. In Deutschland kam es unter dem Markennamen Contergan auf den Markt. Es handelte sich dabei um ein Hypnotikum beziehungsweise um ein Beruhigungsmittel, das nicht der Klasse der Barbiturate angehört. Man hielt Thalidomid damals selbst im Falle einer Überdosierung für weitgehend harmlos und deshalb besonders sicher. Es wurde für die Einnahme während der Schwangerschaft nicht nur als geeignet vermarktet, sondern für diese Anwendung sogar empfohlen.

 

Später musste man Missbildungen von Kindern, deren Mütter während der Schwangerschaft Contergan eingenommen haben, auf die Einnahme dieses Medikamentes zurückführen. Thalidomid galt nun als ein Arzneimittel, das bei Einnahme während der Schwangerschaft schwere Missbildungen am Ungeborenen verursachen kann. (Thalidomid-Embryopathie). Diese verheerenden Nebenwirkungen traten zwar relativ schnell nach Einführung dieses Medikamentes ein, jedoch kamen sie - auch für die Wissenschaft - vollkommen überraschend.

 

Beispiel Nr. 2: Begradigung des Rheins

Fahren wir fort mit einem Beispiel aus der Technik-Geschichte. Die Begradigung von Flussläufen, z. B. des Rheins, wurde in der Geschichte Deutschlands als der große Erfolg gefeiert, da Flüsse auf diese Weise befahren werden konnten. Es entstanden auf diese Weise Wasserwege, die Fahrtkosten wurden drastisch reduziert und damit konnte letzten Endes die Produktivität der Volkswirtschaft entscheidend erhöht werden.

 

Erst sehr viel später - und zwar erst etwa hundert Jahre später - wurden die negativen Folgen dieser Begradigung sichtbar, die sich in vermehrten und stärkeren Überflutungen und hohen wirtschaftlichen Schäden in Milliardenhöhe niederschlugen. Vor allem bei der Schneeschmelze aber auch bei starken Regenfällen steigt der Wasserpegel an bestimmten kritischen Stellen des Rheins und anderer begradeter Flüsse schnell an. Aufgrund der Begradigung des Rheins erhöhte sich die Geschwindigkeit des Wasserflusses mit der Folge, dass es immer wieder zu Überflutungen kam und weiterhin kommt. Vor der Begradigung des Rheins blieb ein Großteil des zusätzlichen Wassers in zahlreichen Auen und Nebenflussläufen stehen, sodass es auch nirgends oder zumindest in viel geringerem Maße zu ernsthaften Überflutungen kam.

 

Beispiel Nr. 3: Verkehr

Im Straßenverkehr werden jedes Jahr schätzungsweise 1,2 Millionen Menschen getötet und 20 bis 50 Millionen schwer verletzt - die meisten davon in Entwicklungsländern. Rund alle 30 Sekunden stirbt somit irgendwo auf der Welt ein Mensch im Straßenverkehr. Jährlich 1,2 Millionen Verkehrstote und 20 bis 50 Millionen Schwerverletzte lautet also die erschreckende Bilanz der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Diese verheerenden Auswirkungen treten kontinuierlich auf und sind auch in Zukunft zu erwarten, obwohl im Bereich der Verkehrswege in den letzten Jahrzehnten durchaus entscheidende Verbesserungen erzielt werden konnten. Das Risiko, im Verkehr einen Unfall zu erleiden, ist somit sehr hoch und auch relativ sicher. Zwar ist weitgehend unbekannt, welchen Verkehrsteilnehmer dieses Risiko befällt, aber dass permanent und in diesem hohen Ausmaß Unfälle mit Schwerstverletzungen und Todesfällen stattfinden, ist in hohem Maße gewiss.

 

Der einzelne Teilnehmer nimmt diese Gefahren nicht so ernst, da er im Autoverkehr immer damit rechnet, dass er selbst durch vorsichtiges Steuern diese Gefahren vermeiden kann, dass er es also selbst in der Hand habe, diese Gefahren abzuwenden. Aber gerade dieser Glaube ist falsch und trügerisch. Bei einem Unfall sind zumeist mehrere Personen betroffen, auch diejenigen, welche sich korrekt verhalten, können aufgrund der Fehler der anderen von den Unfällen betroffen werden.  Diese optimistische Meinung ist auch deshalb trügerisch, da ein Verkehrsteilnehmer durchaus in 99% der Augenblicke, in denen er sich im Verkehr befindet, korrekt und umsichtig sein Auto steuern kann; es kann aber trotzdem zu einem von ihm selbst verursachten Unfall kommen, da ein einzelner nur einige Sekunden andauernder Augenblick der Unaufmerksamkeit ausreichen kann, einen Unfall zu verursachen.

 

Man sollte nun allerdings aus diesen Zusammenhängen nicht den Schluss ziehen, dass jede technische Erfindung per se unerwünscht ist. Es kann kein Zweifel darüber bestehen, dass insgesamt bei Betrachtung aller in der Vergangenheit eingeleiteten technischen Verfahren die Wohlfahrt der Menschheit entscheidend vergrößert werden konnte. Auch oder gerade ein Nichtstun würde ja gerade eine Vielzahl von natürlichen Katastrophen auslösen, da – wie bereits vermerkt – die natürlichen Entwicklungsgesetze dem Darwin‘schen Prinzip folgen, das heißt, dass Zufallsmutationen zu neuen Wegen führen. Diese sind vollkommen blind, sie werden also von der Natur nicht danach ausgewählt, ob sie Erfolg versprechen, sondern erfolgen rein zufällig. Der Entwicklungsprozess entscheidet dann darüber, ob diese Erneuerungen erfolgreich sind, sich also bewähren. Was sich nicht bewährt, stirbt aus, kann sich nicht weiter vermehren, während der Erfolgreiche sich gerade dadurch durchsetzt, dass er sich vermehrt vermehren kann.

 

Es kann also bei der Durchsetzung neuer technischer Verfahren nicht darum gehen, die Naturgesetze zu ersetzen, sondern sie zu vervollständigen, Fehlentwicklungen zu korrigieren, was auch ohne menschliches Eingreifen vermutlich eintreten würde, nur eben erst nach sehr, sehr langer Zeit, innerhalb derer die Menschen sehr viel Leid erfahren müssen. Dieses Leid gilt es abzukürzen, nicht die Naturgesetze außer Kraft zu setzen.

 

Hierbei muss man sich darüber klar sein, dass es wohl kaum eine Technologie gibt, welche ohne unerwünschte Sekundärwirkungen bleibt, stets bedarf es einer sehr genauen Analyse möglicher Sekundärwirkungen und deren Ausschaltung oder zumindest Reduzierung.

 

Vielleicht macht die Aufforderung ‚macht euch die Erde untertan‘ noch auf einen weiteren Zusammenhang aufmerksam. In meinem Artikel „Gottes Barmherzigkeit und die Not der Menschen“ beschäftigte ich mich unter anderem mit der Frage, wie all das Leid, das die Menschen erdulden müssen, mit dem Glauben der Christen in Einklang steht, dass Gott gerecht und gütig und allmächtig ist. Müsste man nicht eigentlich damit rechnen, dass ein gerechter und gütiger und auch allmächtiger Gott dieses Leid verhindern müsste?

 

Wir hatten dort gesehen, dass zumindest ein Teil des den Menschen widerfahrenen Leides einfach damit erklärt werden muss, dass Gott den Menschen die Freiheit gegeben hat, die Gebote Gottes zu befolgen oder auch nicht. Sein Wille ist es, dass sich der Mensch aus freien Stücken für ihn und für die geschuldete Nächstenliebe entscheidet. Dadurch, dass der Mensch nach dem Glauben aller Christen als Ebenbild Gottes erschaffen wurde, verfügt er auch über die Freiheit, sich gegen den Willen Gottes aufzulehnen und die Gebotes Gottes, die Mitmenschen zu achten und ihnen kein Leid zuzufügen, zu missachten. Es ist nun logisch nicht möglich, dass Gott auf der einen Seite durchaus dem Menschen die Freiheit lässt, sich auch gegen ihn zu wenden und den anderen Mitmenschen Leid zuzufügen und dass trotzdem den Menschen kein Leid zugefügt wird.

 

Nun erklärt dieser Zusammenhang (die Freiheit des Menschen, die Gebote der Nächstenliebe zu missachten) allerdings nur einen Teil des auf Erden offenkundigen Leides der Menschen. Man muss zugeben, dass es auch Leid gibt, das in keiner Weise durch menschliche Bosheit ausgelöst wurde. Denken wir an die Vielzahl von Verwüstungen und Todesfällen im Zusammenhang mit den Naturkatastrophen wie Erdbeben, Wirbelstürmen und Tsunamis.

 

Nun hatte ich in dem oben genannten Artikel bereits davon gesprochen, dass zur Zeit des Alten Testamentes ganz allgemein, aber auch heute noch nach Auffassung einiger christlicher Sekten Naturkatastrophen als Strafe Gottes aufgrund zahlreicher menschlicher Vergehen anzusehen sei. Gegen eine solche Deutung der Ursachen für diese Naturkatastrophen ergeben sich jedoch zweierlei Einwendungen. Auf der einen Seite gehen wir im Allgemeinen heute davon aus, dass Gott nur in ganz wenigen Fällen Vergehen dadurch bestraft, dass er in das Geschehen der Welt unmittelbar eingreift. Die Gerechtigkeit Gottes kommt nach christlicher Überzeugung erst am Ende der Welt beim Jüngsten Gericht zum Zuge.

 

Zum andern lässt sich wohl diese Auffassung mit der Vorstellung eines gerechten Gottes kaum vereinbaren. Ein gerechter Gott würde ja wohl nur diejenigen bestrafen, welche sich gegen ihn vergangen haben, nicht auch die Gerechten, welche sich an die Gebote Gottes gehalten haben und den Mitmenschen in vielfältiger Weise Gutes getan haben. Offensichtlich trifft eine Naturkatastrophe sowohl Gerechte wie Ungerechte gleichermaßen, Naturgewalten wirken eben in diesem Sinne blind, sie können nicht unterscheiden, wer eine solcher Strafe verdient hat und wer nicht.

 

In der Bibel – vor allem im Alten Testament – versuchte man dieses Problem dadurch zu lösen, dass Gott vor einem irdischen Strafgericht die wenigen Guten durch Propheten warnen lässt und sie wie etwa Lot oder Noah aus der Gefahrenzone bringt. Und wie bereits erwähnt gehen einige christliche Sekten auch heute noch von der Auffassung aus, dass der Umstand, dass offensichtlich auch Gerechte von diesen  Strafen betroffen werden, nur bedeute, dass es nur den Anschein gehabt habe, dass diese Menschen als gerecht angesehen werden, dass aber gerade der Umstand, dass ihnen Leid widerfuhr, Beweis genug sei, dass sie eben doch – nur eben im Verborgenen – gesündigt haben und nun bestraft wurden.

 

Nach allem was wir wissen, ist eine solche Überzeugung falsch und widerspricht allem Augenschein. Es gibt aber – im Zusammenhang mit dem Gebot „machet euch die Erde untertan“  ­– auch eine andere Erklärung des Widerspruches zwischen dem Glauben an die Gerechtigkeit und Güte Gottes und dem Umstand, dass auch gerechten Menschen durch Naturkatastrophen Leid zugefügt wird. Wenn sich der Mensch die Erde untertan machen kann und wenn er den Auftrag hat, die zunächst noch sehr unvollkommenen natürlichen Prozesse so zu beeinflussen und weiter zu entwickeln, dass unerwünschte Nebenwirkungen des Naturgeschehens abgemildert werden, dann ist auch das Leid, das Menschen aufgrund von Naturkatastrophen erfahren, durchaus auch durch das bisherige Nichtstun oder falsches Tun des Menschen mit verursacht.

 

Nehmen wir nochmals das Beispiel eines Tsunami. Natürlich kann der Mensch wohl kaum den Ausbruch eines Tsunami verhindern oder auch nur abschwächen. Er ist jedoch sehr wohl dafür verantwortlich, dass bei der Ansiedlung der Menschen solche Bauweisen entwickelt werden, welche den natürlichen Katastrophen standhalten. Dass eine solche Bauweise sehr wohl möglich ist, zeigt das Beispiel, dass in Japan und auch in den USA einzelne Bauten entwickelt wurden, die durchaus den auch stärkeren Erdbeben bisher standgehalten haben. Auch liegt es in der Verantwortung der Staaten nach den Erfahrungen, die man mit dem Ausbruch von Tsunamis gemacht hat, Ansiedlungen möglichst nicht in Küstennähen durchzuführen. Schließlich können die Bewohner von Küstenregionen durch Einrichtung von Frühwarnsystemen zumeist rechtzeitig gewarnt werden und rechtzeitig aus der Gefahrenzone gebracht werden.

 

Auch wenn wir diese Überlegung mitberücksichtigen, kann kein Zweifel bestehen, dass nicht alles auf Erden erfahrene Leid ausschließlich durch das Verschulden der Menschen erklärt werden kann. Auch bei noch so verantwortungsvoller Tätigkeit der Menschen, bleiben immer noch sehr viele Unglücksfälle, die Menschen ohne jegliches Zutun zugefügt werden, auch dann, wenn diese Unglücksfälle auf keinen Fall damit erklärt und gerechtfertigt werden können, dass Gott auf diese Weise sündhaftes Verhalten bestrafe. Wie dieses erfahrene Leid mit der Güte und Gerechtigkeit Gottes in Einklang zu bringen ist, bleibt eines der wichtigsten nicht gelüfteten und auch gar nicht mit irdischen Zusammenhängen erklärbaren Geheimnisse des Glaubens.