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Gleichgewichtstheorie und Cobweb-Theorem

Teil II

 

 

Gliederung:

 

1. Die Gleichgewichtstendenz freier Märkte

2. Das Cobwebtheorem

3. Der Schweinezyklus

4. Schwankungen auf dem Bildungsmarkt

5. Kursschwankungen an der Börse

 

 

 

 

 

 2. Das Cobwebtheorem

 

Auch dann, wenn die klassische Gleichgewichtstheorie durchaus Elemente enthält, welche etwas über die Dynamik des Gleichgewichtsprozesses aussagen, ist sie im Ansatz eine statische Theorie, die nicht in der Lage ist, den genauen Verlauf dieses Gleichgewichtsprozesses aufzuzeigen. Ansätze zu einer dynami­schen Theorie finden sich für die Theorie der Einzelmärkte im Cobwebtheorem, für die gesamtwirt­schaftliche Theorie bei den von P. A. Samuelson entwickelten Modellen.

 

Beiden Theorieansätzen ist gemeinsam, dass aufgezeigt wird: Wir können nicht erwarten, dass der Gleichgewichtsprozess geradlinig verläuft, vielmehr ist davon auszugehen, dass das Gleichgewicht – wenn überhaupt – in rhythmischen Bewegungen erreicht wird. Dies bedeutet, dass die Preisbewegungen über ihr Ziel hinausschießen, dass deshalb die Preisrichtung wieder verlassen wird, aber auch hier wiederum der Preis über den Gleichgewichtspreis hinausgeht. Dies bedeutet nicht unbedingt, dass es in der Realität gar keine Gleichgewichtstendenzen gibt, vielmehr ist zu erwarten, dass der aktuelle Preis nach einer Datenänderung um den neuen Gleichgewichtspunkt pendelt, wobei die Ausschläge im Normalfall durchaus kleiner werden und deshalb das neue Gleichgewicht nach wie vor angesteuert wird.

 

Allerdings machen diese Theorien auch darauf aufmerksam, dass bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein müssen, damit dieser Prozess gedämpft erfolgt und ein neues Gleichgewicht tatsächlich angesteuert wird. Wir müssen auch mit der Möglichkeit rechnen, dass unter bestimmten Bedingungen die Preisschwankungen wie bei einem perpetuum mobile mit gleichbleibender Amplitude erfolgen und somit ihr Gleichgewicht gar nicht erreichen, ja es ist sogar denkbar, dass die Amplitude der Preisschwankungen  mit der Zeit sogar größer werden und eine Höhe erreichen, bei der der freie Markt zusammenbricht.

 

Zunächst seien ganz kurz einige wenige Bemerkungen zu dem gesamtwirtschaftlichen Konjunktur­modell von P. A. Samuelson gemacht. Samuelson hat aufgezeigt, dass die Verbindung der Multiplika­tortheorie mit dem von Albert Aftalion entwickelten Akzelerationsprinzip zu einem Ansatz führt, mit dessen Hilfe konjunkturelle Schwankungen im Einkommensverlauf erklärt werden können.

 

Die vor allem von John  Maynard Keynes entwickelte Multiplikatortheorie besagt bekanntlich, dass von autonomen Nachfragesteigerungen weitere induzierte Nachfragesteigerungen ausgehen, mit der Folge, dass eine einmalige Nachfragesteigerung seitens des Staates zu einer vielfachen (multiplikativen) Nachfragesteigerung insgesamt führt. Erhöht z. B. der Staat seine Ausgaben um 1 Mrd. €, so schafft er in der ersten Periode eine Einkommenssteigerung um diesen Betrag.  Da in der nächsten Periode entsprechend der Konsumneigung diese Einkommen zum Teil für konsumtive Zwecke verausgabt werden, steigen die Einkommen um diesen Betrag, was wiederum in der dritten Periode dazuführt, dass die Konsumausgaben und mit ihnen auch die Einkommen um ein weiteres steigen. Im Endergebnis ist die durch eine einmalige Ausgabensteigerung des Staates induzierte Einkommenssteigerung um etwa 4 Mrd. angestiegen, wobei der multiplikative Effekt unter vereinfachten Bedingungen dem Kehrwert der Sparquote entspricht.

 

Das von Aftalion entwickelte Akzelerationsprinzip besagt demgegenüber, dass eine Zunahme der Konsumausgaben eine Zunahme der Investition auslöst, da die Unternehmungen diese Mehrnachfrage nur dadurch befriedigen können, dass sie ihre Produktionskapazität durch Erweiterungsinvestitionen steigern. Wenn man nun beide Wirkungszusammenhänge berücksichtigt, kann man nachweisen, dass eine einmalige Nachfragesteigerung z. B. in Form einer Staatsausgabensteigerung zu konjunktur­ähnlichen Schwankungen im Einkommensverlauf führt, das Einkommen steigt eine gewisse Zeit, erreicht einen Höhepunkt, um dann für mehrere Perioden wiederum zu fallen. Wir wollen uns auf diesen Hinweis beschränken, da im Mittelpunkt dieses Artikels das Cobwebtheorem steht.

 


Der Anpassungsprozess eines einzelnen Marktes auf Datenänderungen lässt sich anhand des Cobweb-Systems veranschaulichen. Hierbei werden drei dynamische Verläufe unter­schieden: den explodierenden Verlauf, den gedämpften Verlauf und das perpetuum mobile. 

 

Wir gehen hierbei von einer Nachfragsteigerung aus, die durch eine Verschiebung der Nachfragekurve nach rechts oben zum Ausdruck gebracht wird. Weiterhin gehen wir davon aus, dass das Angebot kurzfristig auf Preisänderungen nicht reagiert, dass also die Angebotskurve kurzfristig eine Parallele zur Ordinate darstellt. Erst nach Ablauf einer Periode reagiert das Angebot auf Preisänderungen der Vorperiode.

 

Kurzfristig gesehen steigt der Preis aufgrund der Nachfragesteigerung bis zum Schnittpunkt der neuen Nachfragekurve mit der kurzfristig vollkommen starren Angebotskurve. Langfristig hingegen reagiert das Angebot auf die Preissteigerung entsprechend der langfristig gültigen elastischen Angebotskurve.

 

Diese Angebotsausweitung schießt jedoch über die Nachfrage hinaus, weil ja auch der Preis kurzfristig stärker als erwünscht angestiegen ist und führt deshalb in der nächsten Periode zu entsprechenden Preissenkungen und Angebotsanpassungen und so weiter.

 

Dieses Spiel von Preisveränderung und langfristiger Angebotsanpassung erfolgt nun über eine Vielzahl von Perioden, wobei es nun von dem Verhältnis der Elastizitäten von Angebot und Nachfrage abhängt, ob der Preis tendenziell vom Gleichgewicht wegführt oder zum Gleichgewicht hinführt oder schließlich sogar im Sinne eines perpetuum mobile unbegrenzt um den Gleichgewichtspreis pendelt.

 

Wenn die Elastizität der Nachfrage geringer ist als die des Angebots, führt dies zu einem explodie­rendem Fall, falls jedoch die Elastizität der Nachfrage größer als die des Angebots ist, liegt ein gedämpftes System vor, gleich hohe Elastizitäten führen schließlich zum perpetuum mobile.

 

Betrachten wir zunächst das explodierende System. Eine Verschiebung der blauen Nachfragekurve nach rechts führt vom ehemaligen Schnittpunkt beider Kurven dazu, dass der Preis weit über den neuen Gleichgewichtspunkt hinausschießt, dies hat in der nächsten Periode zur Folge, dass auch die Ausweitung des Angebotes weit größer ist als die neue Gleichgewichtsmenge. Also muss in der folgenden Periode der Preis wieder sinken, wiederum über sein Ziel hinaus, u. s. w. Die Preisausschläge werden sogar mit jeder Periode größer, Preise und Mengen rücken immer weiter vom neuen Gleichgewichts­­punkt ab. Dies ist der Fall, weil die Angebotsmenge elastischer auf die Preisänderung reagiert, als der Preis aufgrund der anfänglichen Angebotsausweitung gefallen war.

 

 

 

 

Betrachten wir als zweiten Fall ein gedämpftes System. Aufgrund einer anfänglichen Verschiebung der Nachfragekurve nach rechts erreicht der Preis eine Höhe, welche den neuen Gleichgewichtspreis übersteigt. Dies führt in der nächsten Periode zu einer Ausweitung des Angebotes. Weil jedoch die Elastizität des Angebotes geringer ausfällt als die der Nachfrage, ist die Mengenausweitung in jeder folgenden Periode geringer als die Preissteigerung und dies bedeutet, dass sich das System mit der Zeit immer näher an den neuen Gleichgewichtspunkt heran arbeitet.

 

 

 

 

Betrachten wir schließlich den Fall eines perpetuum mobile. Weil hier beide Elastizitäten gleich groß sind, fallen auch die Preisreaktionen prozentual genau so groß aus wie die Mengenreaktionen mit der Folge, dass das System  überhaupt nicht mehr den neuen Gleichgewichtspunkt erreicht.

 

 

 

 

 


Soweit ein gedämpftes Cobweb-System vorliegt, bleibt die These der klassischen Gleichgewichts­theorie unverändert: Der Markt ist in der Lage, das durch eine Datenänderung und damit  einer Verschiebung einer der Reaktionskurven hervorgerufene Ungleichgewicht von selbst abzubauen, ohne dass ein Eingreifen des Staates notwendig ist. Der Anpassungsprozess ist zwar nun etwas komplizierter als anfänglich unterstellt, er verläuft nicht mehr geradlinig auf den neuen Gleichgewichtspunkt zu, sondern nähert sich in Schwingungen dem neuen Gleichgewicht an. Die Preisbewegungen erhalten die Form eines Spinngewebes, daher auch der Name Cobweb-System.

 

Wir haben den Verlauf des Gleichgewichtsprozesses damit erklärt, dass das Angebot erst verzögert auf Preisänderungen reagiert, da der Erweiterungs- oder Schrumpfungsprozess der Produktionskapazität Zeit benötigt. Es wurde jedoch nachwievor davon ausgegangen, dass sowohl die Nachfrage unmittelbar auf Preisänderungen reagiert als auch Ungleichwichte stets zu einer solchen Änderung des Preises führen, dass der Markt noch in dieser Periode, in der das Ungleichgewicht entstanden ist, vollständig geräumt wird.

 

Diese beiden Annahmen entsprechen sicherlich nicht der Wirklichkeit. Wir haben davon auszugehen, dass auch die Nachfrage aus den verschiedensten Gründen verzögert reagiert. Und wir haben weiterhin damit zu rechnen, dass auch Preisreaktionen zumeist verzögert erfolgen, da Preisänderungen oftmals aufgrund von Verträgen erst nach Ablauf einer Kündigungsfrist möglich werden.

 

Diese Korrektur der Annahmen macht den Anpassungsprozess um ein Weiteres komplizierter. Er wird in die Länge gezogen. Es hängt nun wiederum von den Elastizitäten sowie den Preisflexibilitäten und ihrem Verhältnis zueinander ab, wie oft die Wahrscheinlichkeit explosiver Systeme oder des perpetuum mobile gegeben ist.

 

Ganz generell müssen wir davon ausgehen, dass es die Eigenheiten unterschiedlicher Märkte ist, ob in der Regel mit gedämpften Gleichgewichtsprozessen gerechnet werden kann oder ob tatsächlich die Gefahr explodierender Cobweb-Systeme besteht. Wir wollen uns deshalb im weiteren Verlauf dieses Artikels einzelnen Märkten zuwenden, in denen diese Cobweb-Prozesse besonders auffallen. Im ersten Schritt befassen wir uns mit einem Agrarmarkt und zwar mit der Aufzucht von Schweinen. Wir gehen dann zweitens zum Bildungsmarkt über und beschließen diesen Artikel mit Ereignissen an der Börse.

 

 

 

3. Der Schweinezyklus

 

Die im Cobweb-Theorem beschriebenen Preisschwankungen um den Gleichgewichtspreis wurden wohl erstmals 1927 von Arthur Hanau in seiner Dissertation über Schweinepreise beschrieben, wobei sich Hanau hierbei an Arbeiten von Mordecai Ezekiel und G.C. Haas  über die Entwicklung der Schweinepreise in den USA orientierte. Auf Mordecai Ezekiel geht auch der Versuch zurück, diese Zusammenhänge mit dem Cobweb-Theorem zu erklären.


Man sollte sich allerdings darüber klar sein, dass diese Preis- Mengenbewegungen weder mit Besonder­heiten der Schweineaufzucht noch der agrarwirtschaftlichen Produktion im Allgemeinen zu tun haben. Diese Entwicklung ergibt sich allein daraus, dass bei der Reaktion der Angebotsmengen auf Preisänderungen Verzögerungen auftreten, sodass zwischen einer kurzfristigen und einer langfristigen Angebotskurve unterschieden werden muss. Diese Zusammenhänge lassen sich jedoch auf wohl allen Märkten feststellen, da nahezu bei der Produktion aller Güter gewisse Verzögerungen (time lags) auftreten.

 

Entscheidend ist nun die Frage, ob bei der Aufzucht von Schweinen das Verhältnis von Angebots- und Nachfrageelastizität derart ist, dass die im Cobweb-Theorem beschriebenen explodierenden Schwan­kungen oder sogar das sogenannte perpetuum mobile zu erwarten ist oder ob es sich bei den ab 1925 von Ezekiel beobachteten Preisbewegungen in den USA um einmalige, keinesfalls typische Preis­schwankungen handelt. Wie schon angedeutet, ist es nicht sehr aufregend, wenn man feststellen muss, dass sich die in der klassischen Gleichgewichtstheorie behauptete Gleichgewichtstendenz nicht wie ursprünglich angenommen linear kontinuierlich, sondern in periodischen Schwankungen vollzieht. Für das Ergebnis, für die Frage nach den Selbstheilungskräften des Marktes ist der genaue Verlauf der Gleichgewichtsbewegungen unerheblich. Solange es sich um ein gedämpftes Cobweb-System handelt, bleibt die Grundaussage der klassischen Markttheorie: das Bestehen eines automatischen Abbaus von Angebots- und Nachfrageüberhängen durch Marktkräfte bestehen.

 

Es spricht nun vieles dafür, dass explodierende Cobweb-Systeme oder ein perpetuum mobile nicht typisch für die Produktion von Agrarprodukten im Allgemeinen und der Aufzucht von Schweinen im Besonderen sind. Zwei Tatbestände sind für diese Schlussfolgerung maßgebend: das Problem der Lernfähigkeit und das Problem der Lagerhaltung.

 

Damit bei der Aufzucht von Schweinen regelmäßig explodierende Cobweb-Schwankungen auftreten, ist es notwendig, dass die Schweinezüchter immer nach dem gleichen Schema verfahren. Sie stellen fest, dass die Preise für Schweinefleisch fallen oder steigen und sie weiten ihre Aufzucht so stark aus, wie es in der längerfristigen Angebotskurve beschrieben wird. Das neue Angebot entspricht also dann einem Zustand, bei dem der in der ersten Periode festgestellte Preis auf Dauer anhält. Genau dies ist jedoch nicht der Fall, wenn Cobweb-Prozesse stattfinden. Das Cobweb-Theorem zeigt ja auf, dass die Preise in der ersten Periode weit über ihr Ziel (über den neuen Gleichgewichtspreis) hinausschießen.

 

Ein solches Verhalten bei den Schweinezüchtern ist nun vollkommen unrealistisch. Die Bauern stellen immer wieder fest, dass die anfänglichen Preisreduzierungen in den nächsten Perioden korrigiert werden, dass der langfristige Preis in bedeutend geringerem Maße fallen wird als der kurzfristige Preisverfall in der ersten Periode. Trotz dieser Beobachtung sollen jedoch die Schweinezüchter trotzdem ihr Angebot soweit reduzieren oder ausdehnen, wie es optimal wäre, wenn die Preisänderung auf Dauer wäre. Es wird hier also eine vollkommene Lernunfähigkeit unterstellt, was ganz unwahrscheinlich ist.

 

Es mag ja sein, dass ein Schweinezüchter, der eine Schweinezucht neu aufbaut, zunächst einmal von der falschen Annahme ausgeht, dass sich die Preisänderung in der ersten Periode in den folgenden Perioden fortsetzt, aber er wird diese Annahme sehr bald korrigieren, da sie ja eindeutig durch die Fakten widerlegt wird. Es würde sich also hier um eine einmalige Reaktion handeln, die nur bei denjenigen zu erwarten ist, welche mit der Schweineaufzucht gerade begonnen haben.

 

Aber selbst in diesen Fällen ist zu erwarten, dass sich die meisten Neulinge bei der Aufzucht von Schweinen zunächst über die Entwicklung von Preisen und Mengen auf dem Schweinemarkt kundig machen und sich die allgemeinen Erfahrungen der Branche zu eigen machen.

 

Entscheidend ist also der Hinweis, dass es sich bei der Aufzucht von Schweinen nicht um einmalige Aktionen handelt, sondern dass in jeder Periode diese Produktionen durchgeführt werden und dass die Anbieter in diesem Falle aus den Erfahrungen der Vergangenheit lernen. Ein solches im Cobweb-System unterstelltes Verhalten könnte also als typisches Phänomen bei der Aufzucht von Schweinen oder ganz allgemein bei der Produktion von Agrarprodukten allenfalls dann erwartet werden, wenn in einem Land in der Vergangenheit die Schweineproduktion vom Staat gelenkt wurde und wenn nun aufgrund einer wirtschaftlichen Änderung der Wirtschaftsordnung die Märkte für Agrarprodukte frei gegeben würden. In diesem Falle könnte vermutet werden, dass die Produzenten dieser Güter noch nicht auf Erfahrungen zurückgreifen können und sich dann in den ersten Perioden, also auch hier nur in einer Übergangsphase so verhalten wie im Schweinezyklus behauptet wird.

 

Aber immer dann, wenn wir die Lernfähigkeit der Marktpartner mit berücksichtigen, wird die Elastizität der langfristigen Angebotskurve in Bezug auf den aktuellen Preis reduziert. Der langfristig erwartete Preissturz oder Preisanstieg ist ja dann annahmegemäß geringer als die in der ersten Periode auftretende Preisänderung. Wenn jedoch die Elastizität des langfristigen Angebotes geringer als zunächst unterstellt ausfällt, bedeutet dies: Die Wahrscheinlichkeit steigt, dass ein gedämpftes Cobweb­System vorliegt. Für das Entstehen eines explodierenden Systems reicht es nun nicht mehr aus, dass die Angebotselastizität größer ist als die Elastizität der Nachfrage. Die Angebotselastizität muss nun sehr viel größer sein als die Elastizität der Nachfrage, um explodierende Preisschwingungen auszulösen.

 

Auch dann, wenn wir die Möglichkeit der Lagerhaltung mitberücksichtigen, ergeben sich Korrekturen an unseren bisherigen Schlussfolgerungen. Können nämlich Produkte auf Lager genommen werden und deshalb vorübergehende Engpässe aus dem Lagerbestand ausgeglichen werden, verändern sich wiederum die relevanten Reaktionskurven des Angebotes. Nun entspricht die kurzfristige Angebotskurve nicht mehr einer Parallelen zur Preisachse, da Preisänderungen nun die Anbieter veranlassen, bei Preisredu­zierungen einen Teil der Produktion auf Lager zu nehmen und bei Preisanstiegen einen Teil des Angebotes aus dem Lager zu speisen. Verläuft jedoch die kurzfristige Angebotskurve weniger steil, so fallen die anfänglichen Preisveränderungen auch geringer aus als bei kurzfristig vollkommen starrem Angebot.

 

Nun wird man natürlich einwenden können, dass es sich bei dem Angebot von Schweinefleisch oder auch anderen Agrarprodukten um frisches Fleisch oder frische Obst- und Gemüsesorten handelt und dass diese ex definitione nicht gelagert werden können. Züchtet man ein Schwein ein Jahr länger, so ist das Schwein eben auch ein Jahr älter und entspricht nicht mehr den Anforderungen seitens der Nachfrage. Gemüse und Obst als Frischgut gelagert wird ungenießbar und kann nicht mehr verkauft werden.

 

Dieser Einwand ist zwar richtig, trotzdem geht er an dem eigentlichen Problem vorbei. Die freien Märkte zeichnen sich dadurch aus, dass für ein elementares Grundbedürfnis zumeist unterschiedliche Waren zur Verfügung stehen. Zwischen diesen Waren bestehen Substitutionsbeziehungen und diese wiederum hängen entscheidend von der Höhe der Preise ab. Steigt der Preis eines Gutes, so lohnt es sich für den Konsumenten, zumindest einen Teil der bisherigen Nachfrage durch ein Substitut zu befrie­digen. Und dies bedeutet für Agrarprodukte, dass bei einem Preisanstieg die Nachfrage nach Fleisch, Gemüse und Obst nicht mehr in Gänze durch frische Waren, sondern zum Teil durch konservierte Waren befriedigt wird. Sowohl Fleisch wie auch fast alle Agrarprodukte lassen sich in Konserven verarbeiten und erlauben auf diese Weise eine Lagerhaltung.

 

Fällt deshalb der Preis für frisches Schweinefleisch, so werden die Anbieter die fehlende Nachfrage dadurch ausgleichen, dass sie Fleisch konservieren und auf Lager nehmen. Auch für die Nachfrager gilt, dass bei einem Preisanstieg es vorteilhafter wird, einen Teil des Fleischbedarfes durch Konserven zu befriedigen. Diese Substitutions­möglicheiten bringen es nun mit sich, dass die Elastizität der Nachfrage ansteigt mit dem Ergebnis, dass nun aufgrund aller drei relevanten Reaktionskurven die Nachfragekurve, die kurzfristige und schließlich die langfristige Angebotskurve so verändert werden, dass einerseits die anfänglichen Preisänderungen geringer ausfallen und dass andererseits die Unterschiede zwischen Angebots- und Nachfrageelastizität geringer werden. Es wir immer unwahrscheinlicher, dass aufgrund der unterschiedlichen Elastizitäten von Angebot und Nachfrage der Pfad der Preisschwan­kungen explodierend verläuft.

 

Gerade aufgrund dieser Unwahrscheinlichkeit bedarf es aber auch im Allgemeinen keines politischen Eingriffes. Man wird erwarten können, dass nur in sehr seltenen Ausnahmefällen mit explodierenden Cobweb-Systemen zu rechnen ist. Der Markt ist in der Regel selbst in der Lage, vorübergehende Ungleichgewichte selbst ohne politischen Eingriff abzubauen.

 

 

Fortsetzung folgt!